17.7. LEBEN IN KANADA

Berge, Wald und Meer – das ist die Sunshine Coast.

Dieser 177km lange Landstrich, unweit von Vancouver entfernt, beheimatet 50.000 Einwohner, plus meine Wenigkeit für die nächsten 6 Monate, und ist die klassische Urlaubsdestination für alle geplagten Großstädter.

Ein Bericht ohne Musik ist wie ein Mettbrötchen ohne Salz, deshalb serviere ich Euch "Desolate" mit "Pain" . Melodisch passend zu meiner regnerischen Winterzeit im Südwesten Kanadas könnt ihr hier den Song öffnen (Link erscheint in neuem Fenster), Euch zurücklehnen und in Ruhe lesen.

Das erste Eigenheim

Hier trifft der Baumfäller auf den Multimillionär. Optisch jedenfalls kaum zu unterscheiden. Einfacher ist es, das Vermögen, oder die Schulden, des Immobilienbesitzers an der Position des Hauses festzumachen. Denn so idyllisch die Eigenheimlage am Strand auch sein mag, für die meisten normalen Arbeitnehmer bleibt sie unerreichbar. Selbst einfache kleine Häuschen mit Meerblick werden mit mehreren Millionen Dollar gehandelt und garantieren, aufgrund der hohen Nachfrage, einen Wertzuwachs von 100% in nur 5 Jahren. Was diesen „Investoren“ einen gesicherten Geldsegen verschafft, können die Einheimischen und ich nur Kopfschüttelnd akzeptieren. Es ist wirklich traurig aber wie so oft in der Welt verkommt eine einzigartige Tier- und Pflanzenwelt zu einer reinen Spekulationsanlage der Besserverdiener. Unzählige private Inseln mit eigenem Steg und Hubschrauberlandeplatz liegen traumhaft in der See verstreut, mit Blick auf den Sonnenuntergang hinter Vancouver Island. Diese Landschaft sollte nicht in Zahlen gefasst werden, ist sie doch wie wir Europäer uns Kanada immer vorstellen: ganz einfach wild und schön.

Wer an der Sunshine Coast lebt und arbeitet, begnügt sich daher oft mit der zweiten oder so wie ich, diesen Text schreibend, der 10. Reihe auf einem Hügel. Viele Hippies bevorzugen hingegen die dunklen, tiefen Wälder oder betreiben Bio-Farmen weit entfernt vom Meer.

Meinen ersten Monat auf Maloche übernachtete ich noch an einem kleinen, feinen Plätzchen am Strand. Den Tip dazu gab mir ein Kollege und traf damit genau meinen Geschmack. Aufstehen bei Sonnenaufgang, Arbeiten, eine kostenlose Firmen-Dusche, dann ein leckeres Käffchen am Strand mit anschließendem Abendbrot zum Sonnenuntergang.

Die Berge in der Ferne gehören zu Vancouver Island

Das Wetter war gut, die Sonne schien und niemand störte sich an mir. Doch der Herbst nahte und bezahlbarer Wohnraum war nicht in Sicht. Was wohl auch daran lag, dass ich mich nicht wirklich kümmerte. Andererseits ist mein Leben ohne weitreichende Planungen wesentlich entspannter und so passieren Dinge eben heutzutage ganz von selbst …

Eines Tages bemerkte ein nettes Urlauberpärchen aus München bzw. Waren an der Müritz mein Rostocker Kennzeichen am Strand und wir kamen ins Gespräch. Ich erzählte ihnen von meiner bescheidenen Reise und das ich eine feste Unterkunft suchte. Das brachte sie auf die Idee ihre Tante, die bereits seit vielen Jahren eine kleine Hütte unweit vom Strand entfernt besaß, zu fragen, ob ich dort nicht einziehen könnte. Gesagt, getan.

Nur wenige Tage später zog ich in Roberts Creek, der Provinz British Columbia in Kanada, für die nächsten 2 Monate in mein erstes Eigenheim.

Die große Freude währte leider nicht lange, stellte sich doch heraus, dass die Isolation meiner Behausung eher für die Mittelmeerregion geeignet zu sein schien als für den kanadischen Winter. Ich konnte zwar über eine nicht ernst zu nehmende elektrische Heizung verfügen, richtig warm wurde es aber nur mit dem mickrigen Kamin. Diesen befeuerte ich daher mit Unmengen an Palettenholz aus der Firma, heizte was das Zeug hält bis ich keinen Bock mehr hatte. Alternativer Wohnraum auf dem freien Markt war praktisch nicht verfügbar und meine 800$ Miete für eine bessere deutsche Gartenlaube leider kein Schnäppchen. Daher bat ich meine Vermieter um eine Mietminderung, um mir richtiges Feuerholz kaufen zu können. Statt mir dann aber preislich entgegen zu kommen beharrte man, ganz deutsch eben, auf das Vereinbarte. Manche Eigenschaften ändern sich eben nie.

Deutsch-Polnische Freundschaft

Andererseits geschehen manche Dinge aus einem guten Grund und der hieß in diesem Falle Peter. Auch er entdeckte, wie das zuvor genannte Pärchen, mein Auto am Strand und erkundigte sich nach meiner Reise. Dabei stellte sich schnell heraus, dass wir auf einer Wellenlänge lagen. So folgte nach einem langen Palaver der Austausch von Telefonnummern mit den besten Absichten. Denn gerade als ich der kalten Hütte überdrüssig war, zogen seine Frau Amy und Tochter Emilia kurzfristig für 6 Monate nach Vancouver, was mir wiederum zu einer WG mit ihm verhelfen sollte.

Peter war ein richtiger Glücksgriff. Geboren in Polen zogen seine Eltern vor 30 Jahren nach Kanada. Aufgewachsen in Vancouver lebte er dort ein sehr „bewegtes“ Leben und wurde, wie viele andere „fast 40iger“, vor wenigen Jahren der Großstadt überdrüssig. Er kaufte sich kurzum ein Haus in Roberts Creek, unweit von meiner alten Gartenlaube entfernt, und gehört nun zum klassischen Sunshine Coast Flüchtling.

BBQ auf dem Segelboot

Weihnachten 2017 zog ich daher mit einem unglaublich guten Bauchgefühl bei ihm ein und wurde nicht enttäuscht. Nur 3 Monate später waren wir bereits richtig gute Freunde. Wir segelten mit und genossen den Grill auf seinem Boot, paddelten mit dem Kajak vorbei an den Robben zu den kleinen Inseln und tranken das ein oder andere Bierchen am Lagerfeuer. Ich bin ihm wirklich sehr dankbar, denn ohne Peter´s Gastfreundschaft und seine Hunde hätte ich die Gegend vermutlich schon verlassen.

Nanus und Ben sind zwei echt liebe, wenn auch ungleiche Hunde, welche ich so oft wie möglich auf kleinere Wanderungen mitnahm. Besuchte Peter am Wochenende seine Familie in Vancouver, durfte ich mehrfach mit den Jungs auch ein paar Tage alleine verbringen. Niemals hätte ich allerdings gedacht, dass die Beiden so viel Zeit und Aufmerksamkeit beanspruchen würden. Sie sind wie zwei eigene Kinder, nur mit unendlichem Hunger.

Das Leben an der Küste

Der Winter in Roberts Creek ist lang, feucht und zermürbend. Von Ende Oktober bis Mitte März gab es an 6 von 7 Tagen Regen, 24 Stunden ohne Unterbrechung. Kein Scherz. Das ist natürlich für den nur 20m neben dem Haus beginnenden Regenwald essentiell, für Mr. Bushi leider tödlich.

Die Natur ist demnach wirklich wundervoll intensiv frisch und grün: Moos bewachsene Bäume, Lagunen und Tiere überall.

Die Strände sind in der kalten Jahreszeit oft menschenleer und wirken urig, insbesondere durch das Treibgut vom Holzeinschlag auf Vancouver Island. Jedoch spiegeln genau diese angespülten Baumstämme auch die Gleichgültigkeit der Holzindustrie wieder, denn weltweit schrumpfende Wälder erlauben es Niemandem Holz in dieser Menge sinnlos am Strand herumliegen zu lassen. Manchmal kommt jemand mit einer Kettensäge und holt sich Baumaterial, manchmal mache ich daraus ein kleines Lagerfeuer.Gewalt oder Kriminalität sind an der Sunshine Coast ein Fremdwort. Jeder Zwischenfall, inklusive der damit verbundenen Namen, findet einen Platz in der Wochenendzeitung und nimmt dabei genau eine halbe Seite ein. Da will anscheinend niemand stehen. Mein Auto habe ich schon lange nicht mehr abgeschlossen, viele Häuser stehen ebenfalls offen, die einzige Gefahr sind die Bären, welche jetzt im Frühling wieder mobil werden.

Die Küste ist relaxt, man genießt die freie Zeit in der Natur, den kaum vorhandenen Verkehr, die Ruhe, den steinigen Strand und die dichten Wälder. Rehe spazieren hier durch die Dörfer, der Bär und Cougar machen sich regelmäßig an unserer Mülltonne zu schaffen, im Meer beobachten Seerobben die Menschen und wir die selten vorbeiziehenden Wale. Ist das nicht alles wunderbar?

Nö. Auch wenn ich hier Anfangs noch euphorisch einen längeren Aufenthalt, als die mir zugesagten 6 Monate, in Betracht zog, stellte sich schnell Ernüchterung ein.

Zum Einen war da die Tatsache, dass ich im Winter in einer reinen Sommer-Urlaubsdestination lebte, in der die meisten Immobilien ihre Besitzer erst wiedersehen, wenn ich abreise. Den Oktober 2017 verbrachte ich beispielsweise mit Mr. Bushi an meinem Lieblingsplatz am Strand, umringt von 8 großen Häusern, wobei nur 2 permanent bewohnt wurden. Eine unglaubliche Material- und Platzverschwendung.

Zum Anderen leidet dadurch der Zwischenmenschliche Kontakt. Denn wie für Kanada üblich fahren die Hausbesitzer von ihrem Grundstück direkt alle Orte mit dem Auto an – ein spontanes Kennenlernen bleibt damit gänzlich aus. Wenn überhaupt jemand zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs ist, dann sind es die wenigen jungen Leute, welche sich oftmals schon seit Kindheitstagen, wie in Deutschlands Dörfern, kennen oder besuchsweise am Wochenende, nach ihrem Umzug Richtung Vancouver, vorbeischauen. Alternativ dazu blieben nur die vielen Hippies, mit denen ich jedoch leider überhaupt nichts anfangen konnte. Vermutlich habe ich ein anderes Grundverständnis vom Hippie-Dasein als nur bunte Klamotten zu tragen und sich völlig durchgeknallt zu nerviger Musik zu bewegen. So war auch meine Silvesterfeier auf einer großen Null-Alkohol-Hippieparty genau 1. Minute nach Null Uhr entsprechend schnell zu Ende. Schade, zumindest hatte ich es versucht.

So blieb es bei vereinzelten Besuchen der wenigen neuen gesichtslosen Bars und des einzigen Dorfclubs, mit happigen 15€ Eintritt, welcher nicht unbedingt eine musikalische Bereicherung darstellte. Dennoch waren die Abende dort oft lustig und endeten meist feuchtfröhlich. Man gewöhnt sich eben an alles … nur nicht an den kanadischen Musikgeschmack.

Suchte ich das Gespräch, gewollt oder ungewollt, fand ich es überwiegend in Form eines kleinen Smalltalks, denn dieser gehört bei den Kanadiern zum guten Ton. Zugegebenermaßen dauerte es eine Weile mich darauf einzulassen, bin ich doch als norddeutscher Fischkopp kein Mann großer Worte. Wichtig dabei ist nur, dass es Niemanden wirklich interessiert was man sagt, sondern nur, dass ein oberflächliches, höfliches Gespräch stattfindet. In guter Erinnerung bleibt mir diesbezüglich eine junge Frau an der Supermarktkasse, welche mich fragte, was ich denn so am Wochenende machen würde, woraufhin ich ihr sehr ausführlich über meine Pläne berichtete. Ganz getreu dem Motto meiner Mutti immer ehrlich zu sein. Ich vermute die Verkäuferin wird mich nicht noch einmal fragen.

Das waren 6 Monate Sunshine Coast. Einen Tag nach meinem Geburtstag verlies ich die Gegend mit einem lachenden und weinenden Auge Richtung Abbotsford, in den Kessel von Greater Vancouver.


Wer Fragen, Anregungen oder andere Meinungen bzw. Erfahrungen hat, der behält sie natürlich nicht für sich, sondern hinterlässt mir einen Kommentar. Ich freue mich über wirklich jede Nachricht. Ansonsten könnt ihr mir immer eine Email schreiben an tomplz30@yahoo.de oder mich per skype erreichen unter el_fuerte1.

Hier findest Du weitere Links zu Mr. Bushi und mir.
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