17.6. ARBEITEN IN KANADA

266 Tage Kanada, davon fast 6 Monate an einem Fleck, unglaublich.

Den Sommer verbrachte ich noch fahrend durch die atemberaubenden Landschaften Alaskas und Nordwestkanada, zum Überwintern entschied ich mich jedoch für den warmen Süden des Landes. Jetzt fragt ihr Euch sicher was hier Warm bedeutet oder warum ich nicht stattdessen meinen Hintern in der Sonne Mexikos schmoren lasse?

Ich wählte den großen Nachbarn der USA auf meiner Reise nicht ohne Grund. Dabei sind Sehenswürdigkeiten sicher die eine Seite der Medaille, die Andere ist weniger glitzernd und heißt Arbeit. Meine Ausgabenbilanz sieht haarsträubend aus, entpuppte sich doch das Singlereisen, da bislang mein Beifahrersitz nicht besetzt werden wollte, deutlich teurer als gedacht und so bot sich mir in Kanada das Work & Travel Visum für eine Kontoaufbesserung geradewegs an. Was dies genau beinhaltet findet ihr weiter unten.

Kanada ist kalt. Im 6 Monate andauernden Winter sind Durschnittstemperaturen von konstanten Minus 10 Grad landesweit keine Seltenheit. Davon verschont bleibt nur die Region Vancouver, teilweise Vancouver Island und die 150 km lange Sunshine Coast. Letzteres beinhaltet meinen derzeitigen Lebensmittelpunkt. Seit Oktober 2017 arbeite ich dort in Gibsons als Woodjoiner, in Deutschland besser bekannt als Schreiner, bei dem größten Luxus-Yacht-Hersteller Weit und Breit.

Viel zu lange wollte ich diesen faszinierenden Beruf schon ausüben, ein richtiges Handwerk erlernen statt den ganzen Tag auf einen blöden Bildschirm zu glotzen und zog sogar eine Ausbildung in Betracht. Was für mich in deutschen Landen, ohne in Papierform belegbare Kenntnisse, unerreichbar wäre, wurde hier zur Wirklichkeit.

Mein jetziger Arbeitgeber hatte glücklicherweise zur richtigen Zeit einen großen Bedarf an Personal. Und ich war offensichtlich am richtigen Ort. Das Vorstellungsgespräch beinhaltete, aus heutiger Sicht, sehr allgemeine Fragen, ob ich mit einer Tischkreissäge umgehen kann, Erfahrung mit Hartholz und schon mal mit einer Hobelmaschine gearbeitet habe. Ich bejahte natürlich alles. Einfach und pragmatisch: Was Du kannst, wird sich später sowieso herausstellen. Und so mutierte ich von Heute auf Morgen vom gelernten Kaufmann zum Schreiner. Zumindest auf dem Papier.

In Realität war das natürlich totaler Blödsinn. Ich hatte keinen blassen Schimmer von all den Geräten. Aber ich verkaufte mich wohl gut genug. Und durfte bleiben.

6 Monate später bin ich mir sicher, dass ich am Anfang meiner Scheiner-Karriere wirklich gar nichts vom Holzhandwerk wußte. Null, nix, nada. Umso schöner ist heute das Gefühl etwas immaterielles aus Kanada mitnehmen zu dürfen, etwas für mein Leben, die Zukunft, vielleicht ein eigenes Business (im nächsten Bericht dazu eventuell schon mehr) oder einfach die Gewissheit es versucht zu haben, statt nur darüber nachzudenken.

In den letzten Monaten habe ich unendlich viele Möbel gebaut, vom Walnuss Schränkchen bis zur Küchenzeile, vom Grundkonstrukt einer abgehängten Decke bis hin zum handgeschliffenen Teak-Fußboden. Am Ende werden die Boote für 1.5 Millionen Dollar gehandelt und sind wirklich, sofern ich das beurteilen kann, ihr Geld wert. Jeder Mangel wird überarbeitet, auch wenn er noch so klein erscheint. Präzision und ein perfektes Produkt haben die Firma in nur 20 Jahren erfolgreich gemacht und ich bin froh davon ein Teil gewesen zu sein. Das gesamte Team ist voll in Ordnung und meine 3 Kollegen im Speziellen waren ein Glücksgriff . Trotz meiner unzähligen Fragen wurden sie nie müde mir zu antworten und taten dies mit großer Überzeugungskraft für ihren Beruf. Sie zeigten mir Unmengen an Tricks und Handgriffen, welche mir bis jetzt alle Finger retteten.

Main Cabin - erste Lage Fußboden wurde bereits verbaut

Main Cabin - wenn wir fertig sind

Vorderer Schlafbereich - vorher

Vorderer Schlafbereich - nachher

Mein Vorgesetzter ist zwar auch ein netter Typ aber eine absolute Null in Mitarbeiter- und Produktionsführung. Er hat wirklich keine Ahnung davon und geht vermutlich zum Lachen in den Keller. Es gibt nichts Anderes als Arbeiten für ihn. Traurig. Ich bin wirklich verwundert, dass Leute in meinem Alter so altbacken und verbohrt sein können. Vielleicht hat er ja deutsche Wurzeln. Unser oberster Chef dagegen ist ein angenehmer Zeitgenosse und lässt sogar ab und an morgens eine Runde Donuts springen, mit 2 oder 3 Stückchen handelte es sich dann bereits um mein zweites gesundes amerikanisches Frühstück.

Es war eine wirklich sehr lehrreiche Zeit in einem tollen Team aber mein Resümee lautet: Der Beruf ist in dieser Form leider doch nichts für mich ist. Vieles ist einfach Klischee. Man steht den ganzen Tag an einer Werkbank oder quetscht sich auf engstem Raum in ein Boot mit 6 anderen Kollegen. Sonnenlicht sieht man nur beim Mülleimer rausbringen. Jeder Tag ist mordsgefährlich, denn einen Finger zu verlieren, so wie mein Chef, kann unglaublich schnell passieren. Wer schon mal einen Kickback, also einen Rückstoß beim Zusägen eines Holzstückes, erlebt hat, weiß um die Geschwindigkeit und Kraft eines Sägeblatts. Das Holz wird bei einem falschen Schnitt zur Pistolenkugel, kein Spaß Freunde! Der Lärm von CNC und Absauganlage ist zudem allgegenwärtig. Ich trage daher immer einen Hörschutz, welcher leider zu meinem Nachteil, jegliche Kommunikation mit Anderen unmöglich macht. Ohnehin duldet mein Vorgesetzter Unterhaltungen sowieso nicht. Außer er macht einen schlechten Witz.

Mein Arbeitsplatz - entschuldigt das schlechte Bild

Trotz meiner Entscheidung hier nicht länger zu verweilen, war und bin ich immer noch beeindruckt was Schreiner aus einem simplen Stück Holz zaubern können, hege großen Respekt davor und liebe nach wie vor den Geruch von frischem Holz über alles.

Resumee:

Aus eigener Erfahrung und Hörensagen zu anderen Arbeitgebern darf ich ernüchternd feststellen, dass das Arbeiten in Kanada sich nicht besonders vom Deutschen unterscheidet. Deutlich weniger Urlaub, dafür mehr Nettolohn, 40 Stunden Woche, wobei Überstunden extra vergütet werden, zudem eine nur 14 tägige Kündigungsfrist. Es wiegt sich immer irgendwie gegeneinander auf. Was mir jedoch besonders positiv auffällt und auch von vielen anderen Arbeitnehmern berichtet wurde ist, dass der gewohnte Termin- und Stressdruck aus deutschen Landen in Kanada deutlich lockerer gesehen wird. Man nimmt sich Zeit für Floskeln und etwas Smalltalk, legt besonders hohen Wert auf Sicherheit, Schulungen und ein gutes Arbeitsklima (Ausnahmen bestäigen die Regel). Im Büro wird generell eher ein bequemes statt deutsch-spießiges Outfit bevorzugt, was an der Ostküste Kanadas widerum anders gesehen wird. Kanadier sind im Arbeitsleben generell sehr locker aber eben keine Australier.

Wissenswertes:

Als Schreiner kann man mit einem Lohn von 30.000 bis 40.000 CAD jährlich rechnen. Vergütung auf Stundenbasis. Der Steuersatz darauf beträgt nur 15% !!! Die Krankenversicherung wird allerdings nicht immer vom Arbeitgeber getragen, ist aber mit rund 150$ im Monat finanzierbar. Wochenarbeitszeit 40 Stunden. Urlaub: jetzt kommt´s … 10 Tage sind die Regel. Ja für das ganze Jahr. Da sollte man schon in einer wirklich tollen Firma arbeiten, um das zu verdauen. Dazu gibt es 12 bezahlte Feiertage, inklusive Weihnachten.

In Kanada beträgt die reale Arbeitslosenquote 5.5%. Wer arbeiten will, findet einen Job. Immer. Es herrscht ein genereller Mangel an Arbeitskräften, da die Wirtschaft boomt und die Visa, meines Erachtens, im Verhältnis dazu, nur schwierig und aufwändig zu bekommen sind. Viele Asiaten, besonders reiche Chinesen, tummeln sich in den teuren Großstädten und lassen Wohnraum zur Mangelware verkommen. Phillipinos trifft man fast immer in den Fast Food Ketten oder Tankstellen, Inder im Gastronomiebereich, Chinesen im Handel von Immobilien und die Deutschen im Handwerk. Eine Arbeitsstunde kostet den Kunden mindestens 100$. Egal wo man hingeht. Somit wird auch das einfachste Produkt zu einem teuren Erlebnis. Doch bitte nicht zuviel erwarten, von deutscher Wertarbeit ist man hier noch weit entfernt.


Visum (Angaben ohne Gewähr)

Work & Travel

Laufzeit 1 Jahr

Alter 18 bis 35 Jahre (d.h. bis einen Tag vor dem 36. Geburtstag)

Kosten: 170€.

Man muss nur ein Profil auf der Regierungs-Internetseite anlegen. Dann landet man in einem ersten Pool und wird angeschrieben. Erforderliche Unterlagen einreichen und wieder warten. Dann wird gelost und man erhält ggf. die Zusage. 1 Jahr Zeit bleibt für die Einreise.

Gearbeitet werden kann mit diesem Visum in vielen Berufszweigen, wobei teilweise bestimmte Zertifikate erbracht werden müssen. Farmarbeit ist im Sommer sehr beliebt, im Winter hingegen zieht es viele W&H´er in Skiresorts, um als Liftboy auf unzähligen Pisten oder Reinigungskraft in den Hotels zu ackern. Generell denke ich, dass viele besonders junge Leute nur Hilfsarbeiter Jobs bekommen und das Land eh wieder verlassen. Ausgebildete Fachkräfte haben da oft mehr Glück und mit dem richtigen Arbeitgeber können sie sogar auf ein weiteres Jahr hoffen.

Stundenlohn: 12 – 20$

Young Professional Visum (YP)

Laufzeit 1 Jahr

Alter 18 bis 35 Jahre (d.h. bis einen Tag vor dem 36. Geburtstag)

Kosten: 170€ + 230 CAD für den Arbeitgeber

Das YP Visum ist im Anschluß, da das Work & Travel Visum nicht verlängerbar, die weitere Alternative für einen längerfristigen Aufenthalt mit Arbeitserlaubnis. Es ist jedoch an den gewählten Arbeitgeber geknüpft und auch nur ein Jahr gültig. Die besondere Voraussetzung ist, dass man bereits professionelle Erfahrung für den ausführenden Beruf mitbringt. Die Berufsbeschreibung muss in einer Tabelle zu finden sein! Anschließend besteht die Möglichkeit einer Bewerbung auf eine PR - eine temporäre und später permanente Einwanderung.


Kanada bietet, neben den beliebten Ländern Australien und Neueseeland, somit eine hervorragende Möglichkeit Langzeitreisenden wieder ein finanzielles Polster für die weitere Reise zu verschaffen.

Alle weiteren Visa sind wesentlich aufwändiger und lohnen sich nur bei der Planung eines langfristigen Aufenthaltes bzw. Einwanderung. Einen Überblick dazu gibt es hier.


Wer Fragen, Anregungen oder andere Meinungen bzw. Erfahrungen hat, der behält sie natürlich nicht für sich, sondern hinterlässt mir einen Kommentar. Ich freue mich über wirklich jede Nachricht. Ansonsten könnt ihr mir immer eine Email schreiben an tomplz30@yahoo.de oder mich per skype erreichen unter el_fuerte1.

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