17.2. VON VANCOUVER NACH STEWART

Im Whytecliff Park, 40km von Vancouver City entfernt, verbrachte ich meine letzte Nacht mit Mr. Bushi im südlichen Teil von Kanada. Dieser Park liegt auf einer Halbinsel umringt vom Meer am nordwestlichen Zipfel von Vancouver und bietet einen grandiosen Ausblick auf Bowen Island. Wie der Zufall es so will erfuhr ich durch die Radio – Nachrichten, dass einen Tag vor meiner Anreise an den umliegenden Steilklippen Killerwale gesichtet wurden. Das Interesse der Medien sowie der Einwohner von Vancouver war dementsprechend groß und alle waren heute hier auf den Beinen um die Wale selbst in Aktion zu erleben. Ich kochte also mein Abendbrot im Auto, ging entspannt 20m zu den Klippen und versuchte ebenfalls mein Glück. Das jedoch erfolglos, dennoch entschädigte der Blick zu den vorgelagerten Inseln und den schneebedeckten Bergen in der Ferne in jedem Fall. Kein Verkehrslärm, kein Gestank und vor allem kein Konsum. Endlich war ich raus aus der Stadt und es wurde mir hier so richtig bewusst.

Zu den Bergen, auf die ich blickte, wollte ich am nächsten Tag fahren. Der Sea to Sky Highway, so wird die bessere Landstraße genannt, verbindet in nur wenigen Stunden die Küste Südkanadas mit den größten Outdoor Centren Kanadas eingebettet in einer alpinen Landschaft. Kurz vor dem ersten großen Ort Squamish nahm ich noch eine spanische Anhalterin mit, welche seit 3 Wochen in ihrem Zelt im Wald lebte, da die Unterkünfte als auch Campingplätze zu teuer waren. Kein Wasser, keine Toilette. Sie liebte das Wandern aber hatte für das Drumherum offenbar nicht die finanziellen Mittel. Die meisten Leute denken immer ich sei etwas Besonderes, vor ihr musste ich den Hut ziehen! Allerdings musste ich lachen, als sie mir ihre Herkunft offenbarte, denn komischerweise treffe ich fast immer spanische Frauen auf meiner Reise. Ich brauch schon gar nicht mehr raten. Nicht lustig war, dass ich Blödmann vergas sie zu fragen, ob sie nicht mit mir Wandern wollen würde. Denn erstens hatte ich Bedenken wegen der Bären und zweitens macht das Ganze ja zu zweit bekannterweise doppelt Spaß. Egal, Chance verpasst.

So nahm ich meine erste Wanderung alleine ins Visier, den Watersprite Trail. Im Nachhinein muss ich mir eingestehen, dass es keine gute Idee war, in der Nacht zuvor noch den Film Revenant geschaut zu haben. In dieser wahren Begebenheit ging es unter anderem um einen Bären, der dem Schauspieler fast das Leben gekostet hätte und er nur mit schweren Verletzungen überlebte. Nun sah ich jeden Tag die unzähligen Bären – Warnschilder hier in Kanada, hatte die Filmszenen ständig im Kopf und fast schon etwas Bedenken diesen ersten Wandertag alleine zu beginnen. Deshalb packte ich alles ein, was sich als Waffe lohnen würde: Pfefferspray, Messer und … ein externer Bluetooth Lautsprecher. Lärm soll angeblich die Bären vor mir warnen, sodass sie nicht erschreckt werden, sollte ich spontan vor ihnen stehen. Da sie, gemäß den Erklärungstafeln in den Nationalparks, angeblich nur aus spontaner Notwehr direkt angreifen würden. Super, wie spontan muss man wohl sein. Ich drehte also die Musik auf volle Lautstärke und der ganze Wald wusste somit, dass gleich ein leckerer Happen um die Ecke biegt.

Nach 3.5 Stunden ohne eine andere Menschenseele, 8km und 800 anstrengenden Höhenmetern erreichte ich den See am Watersprite auf etwa 1400m. Es war ein wunderschöner Ort, komplett mit Schnee bedeckt, der See gefroren und ich der einzige Mensch weit und breit. Das perfekte Postkartenmotiv. Gerne hätte ich anständige Fotos gemacht, aber mir blieb vorerst nur das Handy. Der Ort war perfekt für eine Übernachtung im Zelt, alleine, so abgeschieden, für mich zu dem Zeitpunkt nicht vorstellbar. Ausserdem sah ich auf den letzten Metern zum Gipfel im Schnee eindeutige Bärenspuren. Ich versuchte den Ort dennoch zu genießen, aß mein Mittag und schaute permanent um mich. Meister Petz war vermutlich gar nicht weit. Und so ein leckeres Mittagessen ist sicher auch in seinem Interesse. Nach nur 40min machte ich mich wieder auf den Rückweg und werde irgendwann einen neuen Anlauf nehmen hier oben zu übernachten. Dies war für mich Rückblickend die härteste aber dafür schönste Wanderung in Kanada.

Auf den folgenden Wanderungen nahm ich das Thema Bären nicht mehr allzu ernst. Die Elfin Lakes waren sehr gut besucht. 11km fast kontinuierlich Bergauf, davon 6 km durch knöchelhohen Schnee, ohne Sonnencreme oder Basecap. Jeder kann sich meinen Sonnenbrand, inklusive Sonnenbrillenabdruck auf der Nase, sehr gut vorstellen. Eine wirklich schöne, sehr anstrengende Wanderung, mehrheitlich wegen dem Schnee, die auf dem Gipfel mit einem gefrorenen See und 360 Grad Bergpanorama belohnte. Einige Wanderer verbrachten hier die Nacht in ihren Zelten andere in den Hütten. Normalerweise wäre zu dieser Jahreszeit fast kein Schnee hier oben mehr zu sehen, jedoch war der diesjährige Winter in Kanada besonders lang und hart.

Den Chekamun Trail fand ich nicht sonderlich überragend aber mit insgesamt 11km Hin- und Rückweg doch recht entspannt. Eine der bekanntesten Wanderungen ist der dagegen der Lake Garibaldi. Diese Wanderung machte ich mit Ivo aus der Schweiz. Wir hatten uns beide, mehr oder weniger, dazu über Facebook verabredet, da er ebenfalls mit dem Auto Kanada bereist und anschließend nach Alaska weitfahren wollte. Langzeitreisende haben sich ja immer viel zu erzählen und so vergingen die 9km bergauf auch relativ schnell. Eigentlich wollte ich gerne noch weiter hinauf auf den Black Tusk Berggipfel aber leider war dieser zu stark verschneit. Auch nicht schlimm, so konnten wir noch nach Whistler, das ehemalige Winter-Olympia-Dorf, zum Einkaufen und später einen gemeinsamen Abend am Fluss verbringen.

Die Stelle am Fluss sollte für die nächsten 5 Tage mein Schlafplatz werden und ich muss sagen, die Wahl war perfekt. Ohne genügend Bodenfreiheit würde niemand den schlechten Pfad hierher befahren. Ich stand direkt an einem reißenden Fluss, konnte also mein Auto putzen, kochen, backen und Duschen so oft ich wollte.

Ach ja und nebenbei wartete ich natürlich auf ein Paket. Als ich noch in Malaysia war schickte ich meine neue und bereits defekte Kamera nach Deutschland zur Reparatur und konnte daher die letzten Wochen nur mit dem Handy fotografieren. Und das in Kanada!

Über den Fluss war ein Stahlseil gespannt, welches hin und wieder ein paar Bergsteiger nutzten um den Fluss zu überqueren, indem sie sich dort einhakten und rüberglitten, und Surfer sich dort festhielten um auf den Wellen des Flusses zu reiten. Zudem gab es noch vereinzelt Kanufahrer die vorbeischauten, es war also immer etwas los. Die Sonne schien, 25-30 Grad, es war eindeutig Sommer.

Am dritten Tag fuhr ich zu meiner letzten Wanderung, den Joffre Lakes. Ich war wirklich über die Menschenmassen überrascht, die sich den Berg hinaufquälten. War diese Wanderung doch etwas abseits der Touri-orte. Am Ziel angekommen wusste ich dann wieso. 3 intensiv türkisfarbene Seen werden auf 7km, teilweise steil bergauf, passiert und am Ende kann man einen herrlichen Ausblick vom Campingplatz aus genießen. Ein gelungener Abschluss meiner Wandertage, denn am 6. Tag am Fluss durfte ich endlich mein Paket bei der Post abholen. In Kanada kann jeder Ausländer einfach und kostenlos Pakete zu jedem beliebigen Postamt schicken lassen. Eine super Sache! Meine Bedenken bezüglich des Zolls waren groß aber wenn die Mutti ein Paket verschickt und es so aussieht, versucht sich bestimmt kein Beamter an ihm. Kleiner Hinweis: Es sollte „Personal Items – Goods to follow“ draufstehen, was bedeutet, dass dieser Inhalt bereits in Deutschland euer Eigentum war und nicht neu verzollt wird.

Ich hatte also endlich alles erledigt. Meine Reise gen Norden ging weiter.

4159 km bis INUVIK in Norddkanada

Ein rührender Moment

In Prince George, 800km von Whistler entfernt, wartete der seit 7 Jahren reisende Fabian, den ich durch Facebook kennengelernt hatte. Wir planten schon lange ein paar Tage zusammen die Straßen Kanadas unsicher zu machen, dazu musste ich nur ein „kleines“ Hindernis bewältigen. Die Waldbrände in Kanada zwangen mich zu einem Umweg … von 400km. Über Hunderte Kilometer waren Rauchschwaden, es sah aus als wäre ich im März in Nordthailand, manchmal erinnerte mich aber auch die Landschaft an Tajikistan, trocken, heiß, rau und ein wilder Fluss der eine Schneise in die schroffen Felsen zog. Ich mochte die Gegend um Lytton, während die darauffolgenden Nadelwälder eher eintönig wirkten.

Am Tag meiner Ankunft in Prince George musste ich morgens 8 Uhr noch eine fehlende Schraube meiner Lichtmaschinenhalterung ersetzen und bemerkte, dass der Kontaktstecker bereits etwas lose zu sein schien. Dies stellte sich am Tag unserer gemeinsamen Weiterfahrt als Problem heraus. Ich hatte nämlich keinen Strom mehr im Auto und der gesamte Motor spielte verrückt. Nun sind die Kanadier, wie alle erste Welt Länder, sehr vorsichtig was sie als Lösung vorschlagen, denn es könnt ja sein, dass die Werkstatt im Nachhinein verklagt wird, sollte etwas schief gehen. Ich dagegen war sehr nervös, was diese Reparatur wohl kosten würde. Bei einem Stundensatz von 140 $ wird einem hier schnell eine horrende Rechnung präsentiert. Nachdem Fabian und ich den Mechanikern nach 3 Stunden einen einfachen Lösungsvorschlag unterbreiteten und dieser umgesetzt wurde, erhielt ich Mr. Bushi nach 5 Stunden Aufenthalt zurück. Offensichtlich hatte die Werkstatt ein Nachsehen und berechnete nur 2 Stunden Arbeitszeit. Ich war glücklich, Fabian startklar und es ging weiter.

Nächster Ort Stewart!

Ich wollte in Stewart eigentlich nur den Bear Glacier sehen, Fabian wiederum erzählte mir von dem berühmten Salmon Glacier, übersetzt Gletscher. Am Tag unserer Anreise in Stewart war es kalt, nebelig, regnerisch, einfach wunderbar. Die Flüsse fingen an zu dampfen, die Wolken verschleierten die Berge und irgendwie erinnerte mich das Ganze doch sehr an den Milford Sound in Neuseeland. Etwas Mystisches lag in der Luft. Eben fuhren wir noch Hunderte Kilometer öden Highway durch schier unendliche Wälder und nur eine Stichstraße nach links und wir schienen in einer anderen Welt zu sein. Was mir auch gefiel war der kleine Farmers Market in Stewart, denn dort kaufte ich für uns beide einen leckeren Karottenkuchen zum Käffchen. Doch nicht so schnell.

Um diesen zu genießen mussten wir Kanada verlassen und für wenige Kilometer nach Alaska in die USA einreisen. Das geschieht hier sehr unkompliziert, da 99% des Grenzverkehrs entweder zum Bärenschauen oder eben zum Salmon Glacier fährt. Dieser Gletscher ist der fünftgrößte in Nordamerika und unglaublich beeindruckend … selbst bei Nieselregen. Ich überzeugte Fabian die Nacht in der Nähe des Gletschers zu verbringen, in der Hoffnung auf besseres Wetter morgen, und nach kurzem zögern, da er Temperaturen um die 8 Grad nicht sehr einladend empfand, blieben wir an der Piste stehen. Am nächsten Tag klarte der Himmel tatsächlich ein bisschen auf, wir bestiegen spontan einen Berggipfel und genossen eine herrliche Aussicht.

Das war das Finale unserer bisherigen British Columbia Tour, bald würden wir den Yukon bereisen und hoffentlich den einen oder anderen Gletscher noch dichter zu Gesicht bekommen. Viele Fahrtage lagen hinter und standen uns leider noch bevor. Alles was auf dieser Strecke interessant zu sein schien, schauten wir uns an, einfach um die Beine zu vetreten oder die Schläfrigkeit zu überwinden. Manchnmal schafften wir 500km, manchmal aber auch nur 150km pro Tag. So versuchte ich mein Glück mit Angeln, wie immer ohne Erfolg, wir sahen mehrere Bären am Straßenrand, einen Fuchs nach Essen bettelnd, jeeede Menge Eichhörnchen, Wiesel und Bieber. 

Einen Tag backte ich noch das beste Brot meines Lebens, wir aßen Forelle (nicht selbstgefangen) und genossen die kurzen warmen Sonnenstrahlen. Wer weiß wie es im Yukon wird. In 569 km werden wir es wissen!

Zwischen diesen Orten bzw. Tankstellen gibt es nur Wald, nichts weiter!

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