17.1. EIN NEUER KONTINENT

Ankunft in Vancouver/ Kanada

Ein normaler Tag hat 24 Stunden, theoretisch. Am 05.06.2017 schien das anders zu sein.

An diesem Datum ging es für mich per Flugzeug von Kuala Lumpur in Malaysia über Guangzhou in China nach Vancouver in Kanada. Veranschlagte Flugzeit 17 Stunden. Nach tagelangem Durchforsten des Internets, dem Vergleichen von Preisen und etlichen Flugzeiten endete ich letztlich bei Southern China Airlines. Ob hier nur mit Stäbchen gegessen wird? Egal, dies war der einzige Flug ohne mehrere Umsteigestopps und mit einem nur 1-stündigen Aufenthalt in China. Perfekt also.

Denkste. Am Flughafen angekommen teilte man mir mit, dass mein erster Flug bereits Verspätung hatte und ich dadurch den Anschlussflug verpassen werde. Die Koffertante war deshalb sehr bemüht mich bei Laune zu halten und versicherte mir, dass ein Hotelzimmer in China bis zum nächstmöglichen Weiterflug bereitgestellt wird. Klang erstmal nicht schlecht. Ich war gespannt was davon Realität wird.

Tatsächlich erhielt ich später problemlos ein Transitvisum, für 3 Tage in Guanghzou, und ein 5 Sterne Zimmer für unglaubliche 5 Stunden. Eine heiße Dusche, Internet und jede Menge kostenloser Kaffee – besser gings nicht.

Leider fand ich in der kurzen Zeit im Hotel keinen Schlaf und auch später im Flugzeug nicht. Das konnte ich noch nie. So vertrieb ich mir die Flugzeit von 14 Stunden mit jeder Menge Wein und unzähligen Filmen. Das Resultat war eine totale Übermüdung und damit eine ziemlich stressige Ankunft in Vancouver. Auch wenn ich Scheiße aussah, war ich heilfroh endlich in Kanada zu sein! Am 05.06.2017 um 8:00 Uhr betrat ich den Flughafen in Malaysia und am selben Tag den 05.06.2017 um 22 Uhr bezog ich mein Airbnb Zimmer. Während die Sonne entlang der Zeitzonen ihre Bahnen zog, nahm ich die Abkürzung Richtung Osten und landete bei ihrem letzten Untergang. Da könnte man fast sagen, die insgesamt 31 Stunden Reisezeit vergingen quasi wie im Flug.

In meiner ersten Nacht in Vancouver zeigte der lange Flug gen Osten seine Nachwirkung: in Form eines feinen Jetlag. Nach nur 2,5 Stunden Schlaf war ich wieder wach und machte mir Bratnudeln um 5 Uhr morgens. Was anderes konnte ich nicht finden. Nach dem gesunden Frühstück fing ich sofort an meine ersten Emails zu schreiben, um zu erfahren, wie es um Mr. Bushi steht.

Die Verschiffungsarie

Rückblende Malaysia: mein ursprünglicher Wunsch war es im April das Auto zu verschiffen. Dazu  kontaktierte ich mehrere Agenten in bzw. um Kuala Lumpur und verglich diverse Preise bereits Wochen im Voraus. Die Auswahl war überschaubar. So blieb ich letzten Endes bei dem günstigsten, bekanntesten und auf die Verschiffung von Fahrzeugen spezialisierten Unternehmen für Überlandreisende hängen: Mister 1 Dollar, kurz 1$. Selbsternannter Helfer für Fahrzeugreisende.

Wie sich später herausstellte war es ihm jedoch nicht möglich zeitnah auf meine Emails zu antworten oder einen exakten Verschiffungstermin anzubieten. 8 Wochen gingen ins Land, sporadische Emails folgten … ja bis … bis er den vor Wochen offerierten Preis um 1000$ einfach anhob, nix 1$, und binnen einer Woche verschiffen wollte. Ich war stinkesauer und dennoch kurz davor zu akzeptieren. Es war mittlerweile Ende April. Ich hatte keine Wahl. Dann kam, auch wenn hier angeblich keine Verwandtschaft besteht, mein malaysischer Kumpel 10 Cent um die Ecke und erzählte mir von einer neuen Agentur. Ich schrieb sie an, erhielt nach 2 Tagen ein vernünftiges Angebot und verschiffte 2 Wochen später problemlos mit einem guten Gefühl. Am Tag der Fahrzeugübergabe wirkte die gesamte Dokumentation sehr professionell, der Warenhallen-Besitzer lud mich zum Abschluss zu einem delikaten Mittagessen ein und der Agentur-Mitarbeiter fuhr mich anschließend bis nach Hause. Ein schönes Ende von meinem geliebten Malaysia. Master Movers kann ich bedenkenlos empfehlen.

In Kanada. Die geplante Ankunft des Containers aus Malaysia war der 07.06.2017. Ich war also zur perfekten Zeit hier, es konnte losgehen. Leider sah das die Reederei anders, die, mit Übergabe des Fahrzeugs durch meinen Agenten in Malaysia, nun eigenmächtig agierte und entschied den Termin um 5 Tage zu verschieben. Meine Agentin in Kuala Lumpur warnte mich bereits davor, dass so etwas üblich sei. Ich nahm es also hin, musste mir jedoch für die weitere Zeit eine andere Unterkunft suchen. Dorms in den Hostels von Vancouver gehen für gut 25€ pro Nacht über den Tisch, mein Airbnb war mit 22€ günstiger allerdings am Arsch der Heide und bis November voll ausgebucht. 

Das perfekte Wetter unterstrich meine Laune, es regnete seit meiner Ankunft, an die 15 Grad wollte ich mich als Tropen-Langzeit-Reisender einfach nicht gewöhnen und so schrieb ich diverse Couchsurfing Anbieter an, um eine kostenlose Übernachtung zu organisieren. Wie gedacht: Ausnahmslos ergebnislos.

Dann meldete sich Taki – der Retter in der Not. Ein liebenswerter 60iger mit einem bombastischen Apartment. Im 22. Stock in Downtown, mitten in der City, durfte ich kostenlos ein kleines Zimmer in seiner Wohnung beziehen und hatte endlich die Möglichkeit mir zu Fuß Vancouver anzuschauen. Als Dankeschön half ich seine Küche mit neuen Fronttüren zu versehen.

Was fiel mir in Vancouver besonders auf:

  • Die Innenstadt hat den typischen Reißbrett-Charakter, den Chinesen gehört hier fast alles
  • Es gibt unglaublich viele schöne Grünanlagen, kleine Häfen und Strände, den weltbekannten Stadtpark Stanley Park
  • Alle treiben Sport, von Volleyball über Joggen bis hin zum Surfen, Hauptsache draußen
  • Kanadier lieben Schilder, diese gibt es für alles was man darf oder nicht, manchmal ertappte ich mich, ob ich etwas durfte, wenn dort kein Schild stand
  • Rauchen ist verpönt, Kiffen tun hier aber alle, man kann Gras in tausend Variationen legal im Laden erwerben, grandios
  • Jeglicher Alkohol darf nur, wenn öffentlich konsumiert, aus einem Plastikbecher oder mit einer Tüte abgedeckten Flasche getrunken werden, Alkohol am Strand generell verboten, Kiffen geduldet
  • Man hört ständig den Krankenwagen oder die Feuerwehr, Gewalt habe ich nie gesehen, ist wohl dem Kiffen zuzuschreiben
  • Alle sagen ständig „Sorry“ in den merkwürdigsten Situationen, beim Aussteigen aus dem Bus „Thank you“ fand ich dann doch etwas übertrieben
  • An der East Hastings/Ecke Main Street sowie Granville Street sieht man unzählige Drogenabhängige und Obdachlose, hatte ich in Asien nie erlebt!

Verschiffungsarie Teil 2

Jeden Tag mit Sightseeing kombinierte ich mit einem pauschalen Besuch beim Zollbüro. Idealerweise war Taki´s Wohnung nur 20 min. Fußweg davon entfernt. Die Beamtinnen waren sehr nett, so nett, dass ich später dies sogar dem Chef mitteilte, man kann ja auch mal ein Lob geben. Nach einigen Tagen wurde ich sogar, obwohl ständig hunderte Kunden dort vorstellig werden, mit Namen begrüßt. Irgendwie schön aber leider auch sehr traurig. Das gab sogar das Personal zu. Nach 10 Tagen in Vancouver füllte ich endlich die Zolldeklaration und die Verschmutzungs-Prüfung aus, es passierte aber nichts. Denn der Container wurde angeblich nicht vom Schiff abgeladen. Warum – wusste niemand. Nachdem mir das alles zu bunt wurde schrieb ich unzählige Emails, sprach mehrfach mit meinem kanadischen Agenten und rief alle verfügbaren Telefonnummern an, die ich irgendwie finden konnte. 2 Gespräche führte ich davon mit der Reederei APL, welche sich als das arroganteste Unternehmen, das ich jemals kennenlernen durfte, entpuppte. Mit Sitz in Amerika scherrte man sich offensichtlich einen Dreck um irgend so einen Europäer, der nicht einmal das amerikanische Genuschel am Telefon verstand. Letztlich war es der zuständige Abteilungsleiter für den Zoll in Vancouver, welcher sich mir anbot. Er brachte Licht ins Dunkel dieser endlos erscheinenden Arie.  

Ich kann nur Vermutungen anstellen, denn bis heute ist nicht klar wer für die Verzögerung der Freigabe verantwortlich war.  Bekannt wurde, dass der Status bei der Reederei nicht auf „Entladen“ geändert wurde. Der Zoll führte seine Prüfungen durch, klebte jedoch den falschen Zetteln an meinen Container. Das führte dazu, dass nach Prüfung meines Agenten der Container weder abgeladen noch geprüft wurde. Der Hafen wiederum berechnete mir jedoch schon Liegegebühren, da ja alles korrekt ausgeführt wurde, die täglich 100€ kosteten. Physisch war der Container erledigt, dokumentarisch noch auf dem Schiff. Irgendwie so. Oder auch nicht.

Wie auch immer, ich stänkerte nochmal richtig rum, beschloss die Liegegebühren zu bezahlen und schwupps wurde Mr. Bushi am Freitag den 23.06.2017 aus seiner Haft entlassen. 18 Tage nach meiner Ankunft.

1,5 Wochen auf den Straßen Kanadas

Dies war einer der schönsten Momente seit sehr langer Zeit. Die Sonne strahlte, ich war endlich auf dem Highway zu einem lange geplanten Overlander Treffen und ein paar Biere im Kühlschrank warteten darauf genossen zu werden.

Ray, der Organisator des Festivals, war damals zur gleichen Zeit in Südostasien unterwegs wie ich, nur konnten wir nie ein Treffen realisieren. Hier war es nun soweit und er bot mir für einen kostenlosen Aufenthalt an, eine kleine Präsentation zu meiner Reise zu geben. Leider ohne Fotos. Das fand ich sehr Schade. Dennoch lauschten rund 40 Teilnehmer am Samstagabend meinen Ausführungen und ich stand Rede und Antwort. Leute, mir ging ganz schön die Muffe!

Zugegeben, für mich, als mittlerweile alten Hasen im Overlandgeschäft, gab es an diesem Wochenende nicht allzu viel Neues zu entdecken, trotzdem war ich unglaublich glücklich endlich aus Vancouver raus gekommen zu sein. Außerdem wollte ich das Wochenende hier nutzen, um Gleichgesinnte kennen zu lernen und mich natürlich nach Jobs umzuhören. Ich traf zufällig ein französisch-kanadisches Ehepaar, mit dem ich ursprünglich aus Malaysia verschiffen wollte, lernte einen Fotografen kennen, der seit 5 Jahren kontinuierlich im Auto lebt und bekam endlich Kontakt zu anderen Delica (Mitsubishi L300) Besitzern.

Nur 2 Tage später stellte sich das als Glücksfall heraus. Cameron bot mir auf dem Festival an bei ihm zu Hause vorbeizuschauen, da ich eine kleine Reparatur am Vorderreifen erledigen wollte. Gesagt, getan. Das sollte schnell gehen. Jedoch genau am Tag meiner Ankunft vor seinem Haus stellten wir beide fest, dass die Wasserpumpen-Dichtung sich verabschiedet hatte. Ein Weiterfahren damit unmöglich. Komischerweise war er derjenige der mich auf dem Festival fragte, ob ich jemals liegen geblieben war. Naja, heute war dieser Tag. Genau hier!

Da mit dem Canada Day ein langes National-Feiertags-Wochenende bevorstand und absolut niemand Zeit für mich hätte, räumten wir schnurrstracks seine Garage leer und ich durfte 3 Tage lang an meinem Auto herumschrauben. Wer hätte das gedacht – wer hätte das gemacht? Ich war den Beiden sehr dankbar, nicht nur für Pizza und Burger, dass ich endlich selber Hand an Mr. Bushi legen durfte und auch dafür, dass Cameron mir mit einer Fahrzeuginspektion helfen wollte.

Mr. Bushi hatte bis dato nämlich keine Autoversicherung! Diese ist in Kanada Pflicht und es kann hier bei einem Unfall sehr teuer werden. Somit entschied ich mich, mit seiner Hilfe, für einen lokalen TÜV, welchen mein Auto natürlich bis auf kleinere Mängel bestand. 50.000km um die Welt und der Prüfer bemängelt einen Kratzer im Rücklicht. Das fand ich akzeptabel.

In den nächsten Tagen holte ich mir, mit zwingender Vorlage der Inspektion, eine Autoversicherung, arbeitete bei einem Fahrzeugausrüster für Overland Fahrzeuge der High-End Klasse und hatte ein Vorstellungsgespräch bei einem Bootsbauer. Dann war es soweit, ich verlies die Vancouver-Region und machte mich auf den Weg Richtung Norden.

 

7 Kommentare

  1. Kathi

    Moin, moin 🙂

    ENDLICH GEHT ES WEITER! Viel Spaß und wunderbare Momente!
    liebe Grüße aus Hamburg
    Kathi

    Antworten
    1. Thomas (Beitrag Autor)

      Ja Danke, ich freue mich auch endlich wieder unterwegs zu sein. Sonne, Sommer … jetzt fehlt nur noch die Angel und meine reparierte Kamera.
      Liebe Grüße aus Squamish, das ist 50km von Vancouver 🙂

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  2. Elli´s

    Du probiert aber auch alles aus…:-)
    Letzlich hat es dann ein glückliches Ende gefunden.
    Vom Geld reden wir lieber nicht. Toll gemacht und gekämpft.

    aber so kennen wir dich ja! Von wem er das wohl hat.
    Nun viel Spaß , Gesundheit und immer nette hilfsbereite
    Leute, das wünschne wir dir von Herzen.
    LG Ellis

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  3. Gernot

    Hallo Thomas!

    Schön, dass du nun doch noch den Sprung über den großen Teich geschafft hast!
    Ich wünsche dir auch auf diesem Kontinent so schöne, eindrucksvolle Erlebnisse und Begegnungen wie bisher auf deinen Reisen.
    Da wird es wohl nun auch etwas länger dauern bis wir uns wieder mal, gemeinsam mit Freunden von 4x4travel.org, am Lagerfeuer treffen.

    Die Welt erfahren – allzeit Gute Fahrt!

    Grüße Gernot

    Antworten
  4. Thomas

    Hey gernot. Vielen Dank und schön das du mir noch folgst. Nun habe ich auch endlich meine Kamera wieder und kann mit ordentlichen schönen Fotos durch starten. Ich habe mich auch etwas rar im Forum gemacht werde das aber in einigen Wochen wieder korrigieren. Gibt ja immer etwas zu lernen. Viele grüße an alle und dir einen hoffentlich schönen Sommer.

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  5. Sarah

    Hallo Thomas, nun hab ich es auch geschafft, diesen letzten Bericht zu lesen! Und frage mich nun wie die Geschichte weiter geht … 🙂 au ja!

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    1. Thomas (Beitrag Autor)

      Du hast Glück, der nächste Bericht ist gerade online gegangen 🙂 . Also immer schön am Ball bleiben

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