THOMAS UND MEDITATION IM WAT PA THAM WUA KLOSTER

Im Februar 2016 besuchte Sarah einen Vipassana Meditationskurs im Kloster Wat Pa Tham Wua. Eingebettet in eine absolut atemberaubende Karstbergkulisse liegt es, sehr abgeschieden von der Außenwelt, zwischen Mae Hong Son und Pai in Nordthailand. Hier kommt wirklich nur her, wer Meditieren oder in Stille Buddhas Lehren rezitieren möchte.

Mit Sarah und Mr. Bushi fuhr ich hier das erste Mal im Januar 2016, für eine Besichtigung, auf das Gelände und war auf Anhieb sehr beeindruckt. Mein erster Gedanke: dass dies der perfekte Campingplatz wäre. Die Leute würden uns hier die Bude einrennen. Naja, aber wie gesagt, nun steht hier eben ein Kloster.

150 Meditierende … und keiner sagt was

Zugegebenermaßen hatten wir vor und nach ihrem Aufenthalt unterschiedliche Meinungen zum Thema Meditation. Es klang für mich wie ein Esoterikgeschwätz, eine Trenderscheinung ohne greifbare Ergebnisse. Doch irgendwie verspürte ich das Verlangen, im Wat Pa Tham Wua ebenfalls ein paar Tage zu verbringen und heraus zu finden, ob ich richtig lag. Niemals hätte ich vor wenigen Jahren nur den Versuch in Erwägung gezogen, mich mit weißen Klamotten in ein Kloster zu setzen. Doch man wird älter und weiser. So plante und durchdachte ich die letzten Monate unentwegt, ob ich tatsächlich einen 10-Tages Kurs überleben würde. Irgendwann wurde ich Entscheidungsmüde. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt.

Wer jetzt etwas über Inhalte oder den konkreten Ablauf wissen möchte, liest sich am besten Sarah´s Bericht durch. Ich werde hier nur ergänzend über meine persönlichen Eindrücke berichten.

Ich flog also mit Sack und Pack von Kuala Lumpur nach Chiang Mai in den Norden Thailands. In meinem 8-Bett-Zimmer angekommen, fragten mich, wie immer, viele Backpacker nach meinen Reiseplänen. Ich erwähnte den Vipassana Kurs und erwartete eigentlich großes Gelächter oder zweifelnde Blicke. So wie ich es getan hätte. Stattdessen waren alle hellauf begeistert, sogar die Hostelbesitzer wollten von mir einen anschließenden Erfahrungsbericht haben. Verrückte Welt.

Ich hörte in unseren Gesprächen heraus, dass Vipassana-Kurse in Thailand derzeit absolut angesagt zu sein schienen und viele diese Erfahrung ebenfalls machen möchten. Die Meditation an sich war dabei nebensächlich aber ein paar Tage preisgünstig in einem Kloster leben, ohne Zigaretten sowie Alkohol zu überstehen und jeden Tag den Mönchen das Essen zu reichen, so wie die Einheimischen, würde der Höhepunkt ihrer Reise werden. Jedem das Seine.

Mein Ziel war es ernsthaft, irgendwie die 10 Tage Meditation durchzustehen, etwas für mein Leben mitzunehmen und vielleicht eine andere Sichtweise auf weltliche Dinge zu erlangen. Die für den Kurs notwendigen, tollen weißen Krankenhaus-Flair-Klamotten besorgte ich mir noch am selben Tag im Warorot Markt und buchte einen Minivan für den nächsten Morgen. Nichts wie raus aus der Stadt!

Am folgenden späten Nachmittag betrat ich dann das erste Mal in meinem Leben ein Meditationskloster, mit dem Ziel zu meditieren. Die ersten weiß bekleideten Kursteilnehmer huschten ohne ein Wort und starren Blick an mir vorbei, einige fegten wie auf Drogen die Blätter auf dem Rasen. Herzlich Willkommen. Das kann ja heiter weiter.

Liegemeditation, neben mir, der dicke Schnarchsack aus meinem Zimmer. Natürlich wieder schnarchend!

Ich bekam meine dünne Matte und Kissen, bezog meinen Schlafsaal und durfte sofort am allabendlichen Chanting und damit letzten Meditationskurs teilnehmen. Hierfür bekommt jeder ein Buch in die Hand gedrückt und singt jeden Tag für eine Stunde die gleichen Refrains, zum Dank an Buddha für seine Lehren. Immer und immer wieder. Anschließend wird ohne Licht meditiert, hervorragend für Moskitos auf der Suche nach frischem Ausländerblut und umherirrende dicke Brummer. Dann kommt der Höhepunkt des Abends. Der Abt erklärt, täglich mit den gleichen Scherzen begleitet, die Regeln der Nachtruhe: keine unterschiedlichen Geschlechter in einem Zimmer, keine Drogen und keine Gitarrenmusik. Ich dachte das wäre selbstverständlich aber offensichtlich hatte ein Pärchen sogar Sex in einer der heiligen Höhlen und ein paar Tage vor meiner Anreise wurde vor dem Klostergebäude öffentlich Heroin konsumiert. Ganz zu schweigen von den 20jährigen Gitarren-Hippies. Tagsüber nicht ansprechbar, werden abends Nirvana Songs gespielt. Man wird tatsächlich immer wieder von der Ignoranz westlicher Kulturen überrascht.

Erstaunlicherweise gewöhnte ich mich, seit dem ersten Morgen, sehr schnell an die Meditationsübungen, das dabei elendig, lange starre Sitzen oder einschläfernde, zeitlupenmäßige meditative Gehen am frühen Morgen. Bis zum Tag 4 hatte ich eine super erfolgreiche Zeit, verstand und folgte den wenigen Weisungen der Mönche, was beobachtet oder worauf konzentriert werden muss, und genoss den nicht-vorhandenen Kontakt zu anderen Kursteilnehmern. Meine Meditationsübungen erreichten ein sehr gutes Level, ich war schlichtweg beeindruckt von den Möglichkeiten meines Geistes und der Fokussierung meiner Gedanken auf das Wesentliche.

Leider waren meine Nächte sehr kurz. Trotz der Bettruhe von 22 Uhr! Denn wie so oft hatte ich das Glück jeden Abend einem kleinen dicken Schnarchsack in unserem Schlafsaal lauschen zu dürfen. Unterstützung bekam er in der Nacht Nr. 4 von 3 weiteren neuen grunzenden Gästen. Gefrustet und übermüdet packte ich meine sieben Sachen und wechselte in einen anderen Schlafsaal. Mein Schlaf wurde besser doch meine Zweifel an dem zukünftigen Aufenthalt stiegen. 6 weitere Tage wollten überstanden werden.

Am Nachmittag des Tages 5 plante ich erstmals meine Abreise. Es war zu erwarten, dass ich keine weiteren Fortschritte machen oder sich Änderungen im Tagesablauf ergeben werden. Ich kam zu dem Kloster, in dem Glauben einem strikten Plan zu folgen und unterrichtet zu werden, wie ich richtig meditieren kann. Doch bis auf wenige sich wiederholende Hinweise, die Konzentration und Achtsamkeit auf das Bewusstsein zu lenken, würde vermutlich auch zukünftig nichts Neues gelehert werden. Ich vergleiche dies gerne mit einer Fahrschule. Der Lehrer erklärt wie man den Gang einlegt und sagt: Fahren sie bitte! Doch wo geht es hin? Worauf muss ich achten? Wie erkenne ich das Ziel unserer Reise?

Mein Eindruck war, dass jeder Tag wie eine Schallplatte in der Endlosschleife ablief. So wie im Film: Täglich grüßt das Murmeltier. Jeden Tag machte der Abt dieselben platten Witze, sei es vor dem Frühstück oder während den Abendregeln. Anfangs war das ganz lustig, spätestens am 5. Tag wurde es einfach nur noch nervig. Ich konnte seine Sätze sogar schon im Voraus denken. Wer neu in unserer Runde war lachte noch am ersten Tag, dann nicht mehr. Auch wenn ich nicht wegen dem beliebten Entertainment hier war, konnte ich es einfach nicht ignorieren.

Eines Tages nahm der Abt sich etwas Zeit für mich und ich fragte ihn, ob es etwas gibt, worum es sich zu kämpfen lohnen würde? Zum Beispiel eine/n Freund/in. Kämpfen heißt etwas nicht Loslassen zu können, weil wir Verlangen verspüren. Laut der Lehre Buddhas keine gute Sache. Der Abt sah dies ähnlich. Er meinte, ich sollte mich nicht verleiten lassen. Dinge kommen, Dinge gehen. Happiness is everything. Und Liebe sei keine gute Sache, da wir dadurch Verlangen entstehen lassen. Ich fand seine Ansicht schon sehr merkwürdig, wenn wir beispielsweise eine/n liebe/n Freund/in in der Trennungsphase einfach so gehen lassen, als wäre nichts gewesen. Verkommt dann unser Leben nicht zur Gleichgültigkeit? Gibt es noch etwas anderes als Happiness? Geht es nur um uns?

Ich schrieb einer sehr guten Freundin, wie es mir gehen würde und sie ermunterte mich schließlich durchzuhalten. In meinen vorhergehenden Recherchen las ich, dass viele Teilnehmer um den 5. Tag aufgeben, weil ihnen zu viele Dinge durch den Kopf gehen, negative Emotionen die Oberhand gewinnen oder sie schlichtweg keine Ruhe finden. In meinem Fall traf dies absolut nicht zu. Ich war soweit zufrieden mit meinen Ergebnissen, Erfahrungen und mit mir selbst. Der Ort war phänomenal, nur das Gefühl der Stagnation blieb bestehen.

Zusätzlich zu meiner Sinnkrise machte mir, nicht verwunderlich, die fehlende Mahlzeit nach 12 Uhr echt zu schaffen. Grundsätzlich war das vegetarische Essen okay, jedoch konnte ich gar nicht so viel in mich hineinstopfen, wie mein Körper es wieder verbrannte. Am Eingang des Klosters gab es für Notfälle wie mich, glücklicherweise, einen kleinen Laden, der Fertigsuppen und Eiscreme verkaufte. Wie kann man nur so fies sein! Ein Stammgast war ihm also sicher. Doch es war nicht nur das Essen, welches mir zu schaffen machte, es war etwas, was ich dachte im Griff zu haben: Zigaretten. Man, ich kann gar nicht sagen wie sehr ich gerne eine Rauchen wollte. In der normalen Welt gab es Tage, an denen ich die Zigarettenschachtel einfach ignorieren konnte. Hier im Kloster war die Sucht größer als je zuvor. Unglaublich hart!

Die schönste Zeit des Tages war der frühe Morgen. Aufstehen, heißes Wasser für meinen mitgebrachten Kaffee holen und an den Fischteich setzen. Herrlich. Es gibt nichts Schöneres als die Sonne ganz langsam hinter den Karstbergen aufgehen zu sehen und die kühle frische Luft zu genießen. Ich sagte es ja, der perfekte Campingplatz!

Es war eigentlich mehr der Ort an sich, statt die Meditation die mich hier festhielt. Das Kloster war ruhig, von vielen Bäumen umgeben, ländlich und ohne Verkehrslärm. Der perfekte Kontrast zu meinen vorherigen 2 Monaten in Kuala Lumpur.

Zur allgemeinen Ruhe innerhalb des Klosters, trug unter anderem die Option bei einen „Silent Button“ (Anstecker) an seine Klamotten zu heften. Dies nutzten einige Insassen intensiv. Wahrscheinlich ganz gut so. Die Intention war zu zeigen, dass Du Stille bevorzugst und nicht verbal interagieren möchtest. Das war wirklich absoluter Schwachsinn. Die meisten der jungen „Nutzer“ liefen apathisch über das Gelände, in ewiger meditativer Trance oder gestikulierten wie wild mit anderen Gleichgesinnten. Übrigens ist dies eine Erfindung der Westler und unterstützt, gemäß den Mönchen, nicht die Entwicklung der Meditationsfertigkeiten. Jeder wie er mag, in jedem Fall trug es ungemein zu meiner Belustigung bei. Wie Fernsehen.

Jeden Morgen: Darbietung von Reis für die Mönche

Vom sechsten bis zum achten Tag überdachte und verwarf ich mehrfach meine Abreisepläne.

Um etwas Abwechslung in mein Leben zu bringen, lies ich manchmal die Mittagsmeditation oder Abendmeditation ausfallen und las stattdessen im Kloster-Guide (welcher von Sarah mit übersetzt wurde und sehr hilfreich war!). Am letzten Abend, das Chanting war gerade in vollem Gange, wollte ich meine Eltern anrufen und stand dazu direkt vor meinem Schlafsaal. Das Kloster hat so etwas wie einen Sheriff, der ständig vom Abt erwähnt wurde, weil er ja ach so toll in Harvard studiert hat. Schön für ihn. Merkwürdig nur, dass wir gelehrt werden Weltlichem zu entsagen und dann letztlich Personen permanent hervorgehoben werden, die offensichtlich dem Kloster viel Geld spenden oder einen besseren Stand in der Gesellschaft genießen.

Morgendliche Gehmeditation

Der Sheriff jedenfalls fand es absolut nicht witzig, dass ich da nun telefonierte. Er erinnerte mich eindringlich, dass das Chanting gerade jetzt stattfand. Nun, das war unbestritten unüberhörbar und ich sagte ihm, er könne ja schon mal vorgehen. Er zog ab.

Das Telefonat dauerte etwas länger und irgendwann sah ich den Abt und den Sheriff, während der Abendmeditation, mit Taschenlampen über das Gelände laufen. Auf der Suche nach mir. Da hatte wohl jemand gepetzt! Das ist garantiert nicht im Interesse Buddha´s und seinen Lehren wird wohl offensichtlich gerne eine Auszeit gegönnt. So verkroch ich mich in meine Behausung und entschied meine Abreise für den nächsten Tag! Am Tag 9.

Die wenigen Gespräche, die ich mit anderen Teilnehmern führte oder ihnen neugierig lauschte, war zu entnehmen, dass die meisten maximal 3 Tage in dem Kloster verbrachten. Speziell Leute, die mir extrem Hippie-mäßig erschienen, tagtäglich schwebend an mir vorbeigingen und den Silent Button trugen, waren am 4. Tag bereits am Busstand. Dort hätte ich auch stehen können, habe aber die Zähne zusammen gebissen und durchgehalten. Doch ist es das? 9 statt 4 Tage auf dem Zettel zu haben? Ich hatte seit dem 4. Tag keine Fortschritte mehr gemacht. Stattdessen verlies mich meine Konzentration und die Lust an der Meditation. Die Zeit hier war prägend, hat mir persönlich viel gegeben und ich bin froh, diese Chance genutzt zu haben. Was ich mit der Meditation erreichen kann, hätte ich niemals für möglich erachtet. Dennoch hat sich das Gefühl von Zufriedenheit, in Anbetracht der Aufenthaltsdauer und des Erlernten, nicht eingestellt. Vielleicht waren meine Erwartungen zu hoch. Oder sollte man gar keine Erwartungen haben? Vielleicht hätte ich einfach ganz stumpf alles ausblenden und weitermachen sollen. Eins ist jedenfalls klar: Meditation ist wirklich harte Arbeit!

Mein Lieblingsort

Am Tag meiner Abreise lernte ich 2 wirklich verrückt-nette Polinnen kennen. Nach ihren pauschalen 3 Tagen im Kloster wollten wir gemeinsam in den Backpacker-ort Pai fahren. Dort angekommen, trafen wir auf all die verabschiedeten Leute aus dem Kloster. Hier trugen sie wieder ihre Muskelshirts, Boxershorts oder kurzen Kleider, rauchten um die Wette und versackten abends in den Bars.

Ich buchte mich in die Unterkunft meiner Begleiterinnen, kaufte mir ein Bier, Zigaretten und setzte mich in Ruhe an den Fluss. Normal, ohne Muskelshirt. 12 Uhr Mittags. Ein herrlicher Tag!

Am Abend verabredeten wir uns zu dritt lediglich zum Essen gehen. Schließlich holten wir alles nach, was uns im Kloster verwehrt wurde. Wir zogen von einer in die nächste Bar, spielten besoffen und bekifft Bier-Ping-Pong, gingen in eine Reggae-Bar und fielen morgens 3 Uhr ins Bett. So muss das!

Nach 4 Stunden Schlaf schnappte ich meine Klamotten und nahm den lokalen Bus um 8 Uhr nach Chiang Mai. Pai hat mich zum letzten Mal gesehen und ich freute mich auf Familie Gattringer.

2 Kommentare

  1. Anonymous

    Das hat mir Spass gemacht beim Lesen 🙂 – da mausert sich ja ein Schreiberling der fahrenden Zunft.
    Huebsch ist’s da aber mir taeten vermutlich die anderen Leute zu viel auf den Geist gehen. Ich freu mich nun schon wieder sehr auf eine schoene Wueste oder eine Steppe, nach dem quirligen Suedostasien.

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    1. Thomas (Beitrag Autor)

      Danke Klaus, dass freut mich immer! Trotz der 150 Teilnehmer fand ich´s eigentlich nie überfüllt. Allerdings gab es durch den kurzen Aufenthalt Vieler auch Tage, an denen nur 80 dann sprunghaft wieder 130 Leute am Kurs teilnahmen.
      PS: Ich freu mich auch schon wieder auf etwas mehr „Freiraum“!

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