16.1 WIR UND 333 TAGE

Es ist soweit, unsere kleine Reise, die der Ein oder Andere von Euch sehr eifrig verfolgt, begann heute den 13.03.2016 vor exakt 333 Tagen am 16.04.2015 auf dem Parkplatz vom Globus in Rostock.

Normalerweise erwartet man einen Rückblick an dieser Stelle, wo was wann besonderes, herausragendes passiert ist oder was doch so unglaublich schön war. Viele Overlander, also Menschen wie wir mit eigenem Fahrzeug, schreiben dann nochmal ihre ganze Lebensgeschichte. Wozu? Ich, Thomas, las nur einen einzigen Bericht, in dem ein Motorradfahrer „ http://howfarcanwego.de “ tatsächlich mal über seine Gefühle schrieb. Das fand ich gut!

Wir haben viel erlebt, Gutes und Schlechtes. So einfach ist das. Geschichten haben wir viele zu erzählen, alle sind sie hier zu finden. 15 Länder, 37.000 km. Schaut einfach nach, ich tue es oft selbst! Denn was Sarah hier mit unserem Blog geschaffen hat ist bewundernswert für mich. Fragt bitte gar nicht erst nach dem schönsten Land – eine Antwort gibt es nicht, soviel ist klar! Obwohl, die Mongolei? Alles hat seinen Reiz, für jeden von uns ist es ein anderer. Eins ist klar, die Entscheidung für eine Asienreise mit dem Auto habe ich nie bereut, das ist wichtig für mich!

Es war damals ein komisches Gefühl einfach so von einem Supermarkt in Rostock in die Welt aufzubrechen. Ich persönlich hatte zu diesem Zeitpunkt auf mehr Emotionen von uns Beiden gehofft. Hallo, wir hatten doch große Pläne und viele abenteuerliche Reiseländer vor uns?! Doch irgendwie blieb eine überwältigende Freude oder Trauer über das Zurückgelassene aus. So schoben wir emotionslos unseren vorletzten richtigen Einkaufswagen zum Auto und fuhren einfach los. Einfach so! Dieser Moment ist mir bis heute sehr gut im Gedächtnis.

Gleich am ersten Fahrtag trafen wir eine liebe Omi, mit typisch mecklenburgischem Akzent, im Örtchen Klein Polzin, welche uns das erste mal über unser Vorhaben nachdenken lies. Sie war ganz begeistert von unserem großen Auto und meinte man müsste doch gar nicht so weit fahren: „Das Ende der Welt liegt in Klein Polzin“, und zeigte dabei auf eine kleine Holperpiste, die aufs Feld hinausführte. Vermutlich war es das für sie wirklich. Sie liebte diesen Ort. Ihren Garten und ihr Häuschen. In Mecklenburg ist das Ende der Welt! Ein wunderschönes Bundesland und meine Heimat.

Wir wollten trotzdem etwas einzigartiges erleben, hatten weitreichende Ziele, die weite Welt sehen und alles mit eigenen Händen berühren. Aus Träumen wurde Wirklichkeit. Das schöne dabei ist, dass Heimweh in dieser Zeit bei mir nie so wirklich aufkam. Es kann einen selbst ziemlich zermürben, hatten wir diese Erfahrung doch schon in Tasmanien auf unserer ersten Rucksackreise durch Australien machen müssen, und damit die gesamte Reise auf die Probe stellen. Vermutlich war es dieses mal nicht der Fall, da ich immer Sarah neben mir sitzen hatte und, bis auf wenige Ausnahmen, es immer etwas aufregendes Neues zu sehen und erleben gab. Wer denkt denn da an Rückkehr? Natürlich vermisse ich meine Familie, meine Freunde und ein gutes Bier, aber solange der Kontakt nicht abbricht, bin ich zufrieden und glücklich. Eine so lange Reise stellt Freundschaften und Beziehungen immer auf eine harte Probe. Das war uns bewußt, hätte aber anders ausgehen müssen.

Bis Litauen hatte ich oft daran gedacht, umzudrehen und nach Hause oder zum Kai zu fahren. Aber eben nur wegen dem Auto. Erstmal alles in Schuß bringen, dann wieder los. Die Autofedern machten, aufgrund unseres Gewichts und der fehlenden Luftbälge, von Anfang an Probleme – 4 Reparaturen in 4 verschiedenen Ländern und unendliche Wutanfälle hat es gebraucht dem ein Ende zu setzen. Der blöde Coleman Benzinkocher funktioniert seit dem ersten Tag der Reise mehr schlecht als recht. Wir nennen ihn oder sie die Diva. Sie macht immer was sie will! Der Kühlschrank ist kaputt und stellt meine Unabhängigkeit jetzt damit auf die Probe. Die Campingstühle zersetzen sich nun von selbst.

Jetzt sagt ihr euch: Man das sind ja Luxusprobleme. Da geb ich euch recht. Natürlich sind sie das. Aber mein Auto ist mein Zuhause. Alles was ich habe ist hier drin und es ist alles was ich brauche. Hier fühle ich mich wohl. Wir hatten für fast alles immer eine Lösung gefunden. Reparaturen, Neukauf etc. Doch wie wäre es alleine im Auto zu reisen, niemand der einem zuhört, der mir etwas erzählt, der mit mir jeden Moment teilt, dass stellt mich vor eine große Entscheidung.

Die Menschen auf unserer Reise, sei es der nicht-englischsprechende Autobastler, die liebe Guesthousebesitzerin oder das verrückte Offroadclub Mitglied, wurden zu sehr guten Freunden, wenn auch nur kurzweilig. Viele sind mir sehr ans Herz gewachsen und begrüßten uns mit unglaublicher Herzlichkeit und Hilfsbereitschaft. In Ländern, die für die meisten Leute ein rotes Tuch darstellen erlebt man teilweise mehr Verständnis als in Deutschland. Ich versuche mir davon etwas mitzunehmen! Das ist wichtig. Ich bin ja nunmal ein alter Grummelkopf. Sarah weiß das zu bestätigen! Ich weiß, wir alle müssen lernen Vorurteile abzulegen, aber es ist ein langer Weg und der wird täglich auf die Probe gestellt.

Apropro Offroad, anfangs vermisste ich das Offroad-fahren. Deshalb hatten wir uns ja schliesslich einen Allradbus gekauft. Wir fanden sie dennoch, die „Roads less travelled“. Abgelegene Pisten auf denen uns das Auto alles abverlangte und wir mit grandiosen Ausblicken und einsamen Orten belohnt wurden. Das war ein riesen Spaß. Wenn man diese Strecken sucht ist es etwas wirklich Spannendes. Doch nach Indien kann ich für mich sagen, dass es nun auch wieder reicht. Die Hauptstraßen dort waren der absolute Mist und wir freuten uns jeden Tag wenn wir endlich mal wieder für 2m einen ebenen Asphalt unter unseren Reifen spürten.

Indien war für mich und Sarah, aber auch für das australische Pärchen, welches uns fast 3 Monate begleitete, eine große Probe. Eine, die niemand von uns 4 bestanden hat! Zu viele Emotionen, zu wenig Zeit!

Zeit ist ein großer Faktor auf so einer Reise. Eigentlich hatten wir sehr viel davon. Doch wir waren trotzdem zu schnell unterwegs. Heute ist mir das bewusst. Wir besuchten zuviele Orte, hatten zuviel auf dem Zettel und vergaßen dabei auf unsere innere Stimme zu hören. Zur Ruhe zu kommen. Zeit für uns zu haben.

Nun habe ich nach 11 Monaten diese Zeit wiedergefunden. Es ist ein gutes Gefühl. Ich schreibe diese Zeilen in Malaysia bei 35 Grad und 90% Luftfeuchte, denn hier kann man nichts machen. Nichts außer sitzen, essen gehen und all die Dinge machen die man vernachlässigt hatte. Zum Beispiel 4 mal Duschen am Tag! Freunden schreiben, Nachdenken, Bier trinken, Pläne schmieden und einfach wieder so verwerfen. Leider ab jetzt auch alleine sein …

Thomas

4 Kommentare

  1. Sven

    Hi Thomas, du schreibst sehr schön. Ich kann es gut nachvollziehen. Unterwegs gibt es entweder viel zu sehen und zu tun oder der Ort ist nicht „schön“ genug, um länger zu verweilen oder das Visum läuft aus… Wir sind auch erst nach über 10 Monaten zur Ruhe gekommen (am Strand in Indien). Grüße nach Malaysia!

    Antworten
  2. Schlicki

    Moins Thomas

    Auch Dir ein paar persönliche Worte.
    Zuallererst mein tiefes Bedauern darüber, wie diese Reise für Euch beide geendet hat. Sowas ist extrem unschön und einer meiner Alpträume, allein daran zu denken vergällt mir die Reiselust.

    Du hast sehr recht wenn Du schreibst, dass das Reisen mit einem (lieben) Menschen an der Seite unendlich viel schöner ist als alleine durch die Welt zu gondeln.

    Aber – zum Leben auf so engem Raum gehört sehr viel Anpassung, von beiden Seiten. Ich bin selbst ein Hitzkopf und weiss das sehr genau.

    Aber gerade die andauernden und immer anderen Eindrücke auf einer solchen Reise können (und sollten) doch eigentlich genau das Entspannungsmoment bringen. Aber wer kann das schon von aussen beurteilen …

    In jedem Fall wünsche ich auch Dir viel Glück weiterhin und dass Deine Reise nun so weitergeht, wie Du es gerne hättest.

    Antworten
  3. Klaus Gattringer

    Nun hast du Dinge angesprochen die wir auch bestaetigen koennen. Man rast dahin, weil man es oft gar nicht anders kennt – raus auf dem Alltag, rein ins Reiseleben und man haut die tausenden Kilometer nur so durch, weil man reist ja und Reisen bedeutet Bewegung. Bei uns ist das langsamer werden erst nach 7 oder 8 Monaten gekommen, war zwangsbedingt und hat sich zuerst wie Untaetigkeit angefuehlt – wir mussten primaer vom Gas weil das Auto immer mehr Aerger gemacht hat und uns auch einfach das Geld ausgegangen ist. In den ersten 6 Monaten der Reise haben wir gut 20000 km abgespult und in den naechsten 5 vllt 5000, wovon 2500 auf das Konto von Elton in den letzten 1.5 Monaten gehen, der die Lust zum fahren wieder geweckt hat. Es war aber sehr heilsam, dass wir vom Gas mussten und ich wuerde heute den Start der Reise sicher ganz anders machen. Weniger vorab planen, damit man mehr Zeit hat wenn es sich spontan ergibt das man wo bleiben moechte. Aber bis China war alles durchgetaktet und alles hat sich auf den Termin der Chinadurchfahrt zugespitzt – so tickt man als Europaer eben, alles muss einen Plan haben.Dass man damit dem Zufall die Chance nimmt einen auf wunderbare Irrpfade zu schicken, wo man aber am meisten sieht und lernt, dass haben wir erst spaeter begriffen. Auf Koh Chang haben wir insgesamt zwei Monate verbracht, kennen aber bis auf den kleinen Strandabschnitt wo wir neben einer Beachbar gestanden haben, so gut wie nichts von der Insel und natuerlich gibt es dort viel Sehenswertes. Aber muss man als Reisender alles sehen, weil es eben vorhanden ist? Freunde und Verwandte haben sich gewundert und Fragen nach „Habt Ihr das schon gesehen oder dieses gemacht“ haben wir konstant mit „Noch nicht“ und „Vielleicht demnaechst“ beantworten muessen. Daheim haben wir so fuer einiges an Verwunderung gesorgt aber wir reisen ja auch nicht fuer die Daheimgebliebenen, sondern fuer uns. Der Witz an der Sache ist ja mitunter dass, wenn man so eine Reise anpackt, auch Erwartungshaltungen damit verbunden sind, bei einem Selber wie auch bei seinen Freunden und Verwandten. Und wir haben auch eine gewisse „Bringpflicht“ gespuert. Aber als wir nicht mehr konnten, tja da ging es eben nicht. Zuerst war es seltsam inne halten zu muessen aber dann war es schoen und immer schoener einfach nur diesen guten Kilometer im Umkreis zu entdecken. Das war eine wertvolle Erfahrung und nach Phasen des Entdeckens werden wir sicher immer wieder solche Phasen haben, wo sich alle wundern warum um alles in der Welt, wir uns dieses oder jenes nicht ansehen, wenn wir 50km davon einen Monat lang parken.Aber wir wissen schon warum 🙂

    Antworten
    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Hey danke Euch Beiden,
      ich freue mich sehr, dass mein Text etwas vermitteln konnte und den einen oder anderen Reisenden umdenken bzw. mehr auf sich achten lässt. Wir waren uns der Geschwindigkeit bewusst, auch wenn wir meist nur 180 km gefahren sind, und hätten viel mehr Standtage einlegen müssen. Aber wir blickten zu sehr nach vorne, statt das Jetzt zu genießen! Hinterher ist man immer schlauer, auch wenn ich einige Erfahrungen lieber nicht gemacht hätte.
      Lieben Gruß und danke für den tollen Text auch bei FB.
      Grüße
      Thomas

      Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.