SARAH UND MEDITATION IM WAT PA TAM WUA KLOSTER IN THAILAND

Am 1. Februar 2016 lege ich eine Pause von der Reise ein. Ich gehe für zehn Tage in ein Kloster, um Vipassana Meditation zu lernen. Das Waldkloster Wat Pa Tam Wua liegt in den Bergen im Norden Thailands und am Rande des Dörfchens Mae Suya. Da wir die vergangenen Tage mit unseren lieben Freunden Kathi und Sven in Pai verbracht haben, kann ich heute den roten Lokalbus um 11.00 Uhr nehmen. Der sieht noch genauso aus wie vor fünf Jahren und ist immer noch verdammt günstig, 60 Baht (also ein 1,50 Euro)  soll die Fahrt bis nach Mae Suya kosten. Er ist aber auch verdammt langsam. So dauert der holprige Ritt über ca. 80 Kilometer zweieinhalb Stunden. Ich gönne mir noch einen letzten gebratenen Reis mit Fleisch und einen reichhaltigen Avocado-Shake, denn für den Rest des Tages wird es keine Mahlzeit mehr geben. Im Kloster gibt es nur zwei Mahlzeiten am Tag, nach 12 Uhr ganz bestimmt nichts mehr. Na gut, für den Fall der Fälle sind vier Bananen und ein riesiger Nussriegel  in meinem  Rucksack versteckt. Ob ich denen widerstehen kann?

Der Abschied von Thomas war schmerzhaft, doch als ich in Mae Suya 14.30 Uhr aussteige und mit Michael, der in Istanbul mit seiner türkischen Frau lebt, zwei Argentinierinnen und einem spanisch sprechenden Russen die anderthalb Kilometer zu Fuß zum Kloster zurücklege, ist alle Traurigkeit verflogen. Allein das Gehen dorthin, mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken, der Beginn von etwas Neuem und etwas Neues zu lernen, macht mich wieder glücklich. In Thailand kann man in vielen Klöstern Vipassana Meditation erlernen. Vipassana ist eine der ältesten Meditationsformen Indiens und bedeutet die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Buddha lehrte sie vor über 2500 Jahren, um das universelle Leiden der Menschheit zu beenden. Die meisten Zentren und Klöster bieten dafür extra Kurse an, sowohl für Anfänger als auch für Fortgeschrittene. Viele davon sind hier zu finden:

Diese dauern oft zehn volle Tage, manchmal sogar länger, haben sehr strenge Regeln und sind kostenlos. Beispielsweise wird während eines Vipassana Retreats weder miteinander gesprochen noch gelesen oder Kontakt zur Außenwelt gehalten. Leider sind diese Kurse schon Wochen im Voraus ausgebucht. Für spontan Entschlossene oder Overlander, die nicht immer ganz genau wissen, wann sie wo sein werden, gibt es kaum eine Chance. So bin ich auf das Wat Pa Tam Wua Kloster gestoßen, wo jeder hinkommen kann, wann immer er möchte. Die Regeln sind nicht ganz so streng. Man darf reden, es gibt eine Bibliothek und man kann so lange bleiben, wie man mag. Das Kloster selbst betreibt keine eigene Website. Unter diesem Link http://www.althaiman.ru/thai%20htm/Province/wattamwua.htm sind einige Informationen zum Leben im Kloster und zur Meditation zu finden.

Vipassana Meditation in einem thailändischen Waldkloster zu lernen ist für mich etwas ganz Besonderes. Hätte mir jemand noch in Rostock geweissagt, dass ich jemals so etwas machen würde, hätte ich ihm einen Vogel gezeigt. Jetzt warte ich abends im Schneidersitz in der Meditationshalle auf die erste Abendmeditation. Mein Magen knurrt schon. Ich trage weiße Baumwollklamotten, die jeder Laie in einem Kloster tragen muss. Außer mir sitzen noch etwa 60 andere in der Halle, in warme Decken eingekuschelt. Die Mehrzahl sind Männer, was Thomas’ These, Meditation sei bloß was für Frauen, eindeutig widerlegt. Ich muss schmunzeln. Ganz vorne sitzen auf einem Podest der Abt und die Mönche. Ein großer, goldener Buddha links neben dem Abt fehlt natürlich auch nicht. Mit zunehmender Dunkelheit wird es sehr frisch und ich bin froh, dass ich alle meine dicken Woll- und Fleecepullover mitgenommen habe, als ich meinen Atem in der Luft sehe. Vor mir liegt ein Buch mit buddhistischen Gesangstexten. Jeden Abend wird vor der Meditation gesungen, gekniet und sich mehrfach gebeugt. Morgens und Nachmittags auch, immer im selben Rhythmus, immer mit den selben Texten, immer zur selben Zeit.

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Zuerst ist mir das Singen peinlich. Ich kann ja nicht gut singen. Was ist bloß, wenn einer meine schiefe Stimme hört? Es dauert eine Weile bis ich mein Ego, das sich gegen so etwas Seltsames wie gemeinschaftliches Singen wert, besiege. Dann bleibt die Zeit stehen und alles geht trotzdem wie von selbst. Nach einer halben Stunde spüre ich jetzt schon meinen Körper mäkeln: der Boden ist zu hart, die Knöchel tun weh, und ach! der Rücken … während der anschließenden Sitzmeditation fühlt sich der Rücken heiß an, mein rechtes Bein wird taub, das rechte Knie mag von alldem gar nichts. Das kann ja heiter werden! In meiner Hütte, die ich mit einer Uruguayanerin teile, erwartet mich ein harter Holzboden, auf dem eine dünne Matratze liegt. Ich habe ein kleines Kissen und zwei Wolldecken für die Nacht erhalten. Das ist alles. Es wird jede Nacht verdammt kalt. Der harte Boden ist nichts für die Kurven einer Frau, vor allem wenn frau am liebsten auf der Seite schläft. Aber auch daran gewöhne ich mich, schließlich bin ich zäh.

Tagesablauf oder … und täglich grüßt das Murmeltier

5:00 Uhr – Der Wecker klingelt. 10 Minuten später mühseliges Aufstehen. Der Versuch zu meditieren folgt. 30 Minuten lang, das muss reichen. Zähneputzen.

6:00 Uhr – Ich streichle den Klosterhund Pui, der vor unserer Hütte liegt und flüstere ihm Guten Morgen ins Schlappohr. Ich helfe, kleine Reisportionen in 60 Emaille-Teller zu füllen. Wenn es nichts zu tun gibt, hole ich mir den ersten warmen Tee des Tages.

6:30 Uhr – Mit Glockenschlag kündigen sich die meist sieben Mönche an. Sie segnen die Halle. Dann füllt jeder von seinem Teller ein Löffel in ihre Reisschalen. Der Abt begrüßt alle mit breitem Lächeln. Er freut sich, dass alle da sind, ermahnt die Schlafmützen, die zu spät gekommen sind, und weist alle daraufhin, dass es “Thaifood” zum Frühstück gibt und es scharf sein könnte.

7:00 Uhr – Alle stellen sich für das Frühstück an, Männer links, Frauen rechts. Es gibt vegetarisches Thailändisch, was sonst. Ein großer Löffel Reis und ein großer Löffel Gemüse. Manchmal auch Nachschlag. Jeder wäscht sein Geschirr ab. Ich hole mit meiner Mitbewohnerin das Geschirr der Mönche ab. Die Mönche freuen sich. Manchmal bekommen wir Obst zugesteckt. Was für ein Genuss am Morgen!

8:00 Uhr – Morgenmeditation. Alle sitzen in der Meditationshalle. Es ist kalt. Die Morgengesänge beginnen. Anschließend erklärt der Mönch, der lehrt, warum wir jene Meditation anwenden und was dabei passiert. Die Gehmeditation folgt. Eine wundervolle Runde durch den Garten des Klosters. Barfuß wenn man’s mag. Ich mag es! Vorneweg die Mönche, dann die Männer, schließlich die Frauen, alle in einer langen Schlange. Die karstigen Berge erheben sich aus dem Morgendunst. Zartes rosa am Himmel. Hund Pui begleitet die Meditierenden eine halbe Runde. Anschließend folgt das Meditieren im Sitzen. 30 Minuten lang. Dann wird ins Liegen gewechselt. Die meisten Schlafen dabei ein. Manchmal sagt der Lehrer mit breitem Grinsen: “Heute meditieren wir im Sitzen 50 Minuten. Meditieren im Liegen fällt aus. Ihr schlaft mir zu viel. Das geht so nicht.” Heute brennt der Rücken ganz besonders. Er pocht sogar. Ich stelle mir eine Thai Massage vor. Das ist besser. Jetzt spüre ich den rechten Fuß nicht mehr. Und das Knie … Nein, dieser Körper bin nicht Ich. Ich freue mich schon auf’s Mittagessen.

10:30 Uhr – Das Mittagessen für die Mönche wird vorbereitet und zu mehreren Töpfen und Schalen vor den Altar gestellt. Alle warten in der Meditationshalle. Mit Gong- und Glockenschlag kündigen sich die sieben Mönche an.  Die Frauen reichen das Essen dem Abt dar. Zu dritt in einer Reihe und auf den Knien mit gebeugten Köpfen. Die Männer nehmen es am Ende von den Mönchen entgegen. Ich finde keine geeignete Position für die Fußknöchel. Die Knie freuen sich auch. Autsch. Der Abt segnet alle und kündigt an, dass wir Essen dürfen. Es gibt leckeres Thaifood und es könnte scharf werden. Vegetarisch natürlich, denn wir wollen während der Meditation ja rein bleiben.

11:00 Uhr – Wir dürfen Mittagessen. Alle stellen sich in zwei Reihen auf. Männer links, Frauen rechts. Ein sehr großer Löffel Reis und ein sehr großer Löffel Gemüse. Manchmal gibt es rohes Grünzeug dazu. Dann garniere ich mein Mittagsmahl mit Farnblättern. Die schmecken am besten! Heute gibt es sogar einen Keks zum Nachtisch. Toll! Jeder wäscht sein Geschirr ab. Die großen Reistöpfe übernehme manchmal ich. Je nachdem, was zu Tun ist.

12:00 Uhr – Mittagsruhe kehrt ein. Ich dusche in der Mittagswärme, denn das Wasser ist kalt. Wenn noch Zeit ist, meditiere oder lese ich. Meistens lese ich im Handbuch des Lehrers Phra Anek Thanissarapot über Vipassana Meditation, das Stefanie ins Deutsche übertragen hat. Stefanie lebt und meditiert hier schon seit mehr als einem halben Jahr. Damit ist es das einzige Buch auf Deutsch in der Klosterbibliothek. Sie möchte es auch an bestimmte buddhistische Gemeinden in Deutschland verteilen. Michael und ich bieten ihr an, das Lektorat des Buchs zu übernehmen. Das wird meine Aufgabe für die Zeit nach dem Kloster sein.

13:00 Uhr – Nachmittagsmeditation. Alle sitzen in der Meditationshalle. Es ist warm. Die Nachmittagsgesänge beginnen. Anschließend erklärt der Mönch, der lehrt, warum wir jene Meditation anwenden und was dabei passiert. Die Gehmeditation folgt. Es ist eine wundervolle Runde durch den Wald, vorbei an mächtigen Felswänden, dunklen Höhlen und bunten Buddha-Statuen. Ich laufe wieder barfuß. Der Waldboden ist schön kühl und feucht, die Füße hinterher schön schmutzig. Das Auf und Ab und die Treppenstufen erschweren, die Konzentration beizubehalten. Anschließend folgt das Meditieren im Sitzen. 30 Minuten lang. Dann wird ins Liegen gewechselt. Die meisten Schlafen dabei wieder ein. Manchmal sagt der Lehrer mit breitem Grinsen: “Heute meditieren wir im Sitzen 50 Minuten. Meditieren im Liegen fällt aus. Ihr schlaft mir zu viel. Das geht so nicht.” Jetzt geht es mit dem Rücken, denn ich habe mehr Kissen unter dem Po. Auch das Knie macht weniger Probleme. So experimentiere ich mit meiner Position. Ich konzentriere mich auf den Atem. Heute ist es besonders schwer. Tausend Dinge fallen mir ein. Na, macht nichts, nächstes Mal wird es besser.

16:00 Uhr  – Es gibt viel zu Tun, ganz besonders zum Fegen. Sooo viele Blätter sind heute wieder auf den schönen Rasen gefallen. Das ist für die meisten die Hauptaufgabe, um sich in Aufmerksamkeit zu üben. Wenn ich von meinem Besen aufschaue, scheint es mir, als ob ich in einer Anstalt wäre und die Patienten in ihren weißen Kitteln sich mit beruhigender Arbeit therapieren. Ich muss wieder schmunzeln. Es hat was melancholisches.

17:00 Uhr – Freizeitstunde. Das ist herrlich. Ich mache mir gleich drei Tees hintereinander mit besonders viel Zucker. Das füllt den Magen und hält wach. Manchmal werden die Dosen im Speisesaal mit Ovaltine, Milchpulver und Zucker aufgefüllt. Dann freuen sich alle besonders. Es gibt eine Schokoladengetränkorgie. Wenn ich möchte, unterhalte ich mich mit jemandem. Meistens übe ich mich in Stillschweigen. Zwei kleine Welpen wurden im Kloster unter einem Holzpodest geboren. Viel zu spät und erst nach drei Wochen hat heute eine Tierärztin sie von dort herausgeholt. Kugelrund und in Speckfalten gelegt sind die ersten Schritte der Welpen das Highlight in der Freizeitstunde.

18:00 Uhr – Abendmeditation. Mit Glockenschlag kündigen sich die Mönche an. Alle sitzen in der Meditationshalle. Es wird dunkel und kühl. Abends wird immer viel gesungen. Es dauert gefühlt stundenlang. Anschließend folgen 50 Minuten Sitzmeditation. Es ist so herrlich friedlich. Der Rücken schmerzt mal mehr, mal weniger. Mittlerweile kann ich den Schmerz besser ertragen. Zum Abschluss wird noch einmal gesungen, gekniet und gebeugt.

20:00 Uhr – Zeit zum Entspannen in der Hütte. Die Uruguayanerin ist ein Schnatterinchen. Sie kann nicht still sein, ihr Mund geht immer auf und zu und ihre Stimme ist so laut. Sie stellt mir immerzu Fragen, auf die ich antworten muss. Dabei will ich doch nur meine Ruhe. Jetzt noch meditieren? Zwei Seelen kämpfen in meiner Brust. Ich lese … ach nein, pflichtbewusst meditiere ich dann doch noch mal eine halbe Stunde, als sich Schnatterinchen schlafen legt.

22:00 Uhr – Nachtruhe.

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Am 10. Februar verabschiede ich mich nachmittags vom Abt und Stefanie. Nicht nur innere Einsicht zu erfahren, sondern auch am klösterlichen Leben teilzunehmen, hat die Reise für mich unglaublich bereichert. Ich habe an etwas teilgehabt und nicht immer nur zugesehen. Michael ist bereits einen Tag früher abgereist. Ich bin glücklich, die symbolischen 10 Tage bewältigt zu haben. Ich könnte sogar noch länger bleiben. Ja, ich bin wirklich glücklich! Und der riesige Nussriegel ist auch noch in meinem Rucksack. Doch der Reiz, einen “richtigen” Vipassana-Kurs zu absolvieren, ist immer noch vorhanden. Der Aufenthalt im Kloster oder die Teilnahme an einem Vipassana-Kurs ist generell kostenlos. Die Kosten werden ausschließlich durch Spenden von den Menschen gedeckt, die diese Erfahrung auch anderen ermöglichen wollen. Also spende ich.

Dann gehe ich zu Fuß zur Hauptstraße. Es ist ein seltsames Gefühl zu wissen, dass ich jetzt wieder nach “draußen” gehe. Wie das wohl sein wird? Kein Bus oder Taxi wird mich nachmittags um Vier abholen, denn die sind alle schon vorbeigefahren. Ich muss die Hand raushalten. Irgendwie bin ich aufgeregt. Ein großer braun-lila Schmetterling begleitet mich ein Stück, als würde er mir den Weg zeigen. Ich habe ein großes Lächeln im Gesicht. Was soll mir schon passieren?

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1 Kommentar

  1. Schlicki

    Moins Sarah

    Ich antworte bewusst Dir zuerst, da Du diejenige bist, die diesen Blog am Leben erhalten hat.
    Und ich habe mich sehr gefreut, diesen Beitrag hier oben nach so langer Zeit ohne Aktivität zu lesen.

    Ich hoffe, dass dies nicht der letzte Text von Dir gewesen ist, denn ich habe alle sehr interessiert gelesen und sie genossen, weil sie erfrischend anders waren. Sehr persönlich, mit Eindrücken und Emotionen versehen, die einen die Reise miterleben -nein, die einen teilnehmen – lassen. Das ist selten bei Reiseblogs.

    Für Euch beide tut es mir leid, dass die Reise so endet. Aber dazu schreibe ich noch in einer Antwort zu Thomas.

    Viel Glück weiterhin und hoffentlich kommen auch weiterhin Beiträge von Dir.

    Antworten

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