14.1 AUF NACH MANDALAY

5. Januar 2016. Neues Jahr, neues Glück, neues Land … neues Ufer.

Ein letzter Blick auf die andere Flussseite verschafft uns Erleichterung. “Bye bye India!”rufen wir der gelben Stahlbrücke entgegen, die beide Länder miteinander verbindet, und wenden uns mit Begeisterung dem ersten burmesischen Meilenstein zu: “Welcome to Road Tamu Kalemyo Kalewa”, die erste 130 Kilometer Etappe in Myanmar, die wir beschreiten. Die nächste Herausforderung folgt auch schon gleich: “Caution: Right Hand Drive”. Fahren auf der rechten Fahrspur, also auf der richtigen Seite.

Fahren auf der richtigen Seite

Fahren auf der richtigen Seite

Bis in die alte Königsstadt Mandalay benötigen wir drei Tage für etwas mehr als 500 Kilometer mit Aufenthalten in Kalaymyo und Monywa. Auf dem Programm stehen die Besichtigung diverser Kulturobjekte wie Buddhastatuen, Tempel, Pagoden, Paläste und Handwerkskünste. In Myanmar werden nämlich noch viele Alltagsgegenstände wie Blattgold, Geschirr und Möbel per Hand und wenn man bereit ist, gut zu zahlen, in höchster Perfektion hergestellt. Ähnliches gilt auch für die hiesigen Straßen. Natürlich werden die Straßen in Pakistan, Indien und Nepal nicht anders gebaut, doch nicht annähernd so perfekt wie in Myanmar.

Super Straße mit super Bäumen

Super Straße mit super Bäumen

Das surrende Dahingleiten und der Tachometer, der konstant die 80 kmh hält, lassen schnell vergessen, welch körperlich schwere Handarbeit der Straßenbau in diesen Breitengraden tatsächlich ist. Erstaunlich sind umso mehr die jungen Frauen, die für Schotter, Staub und Dreck ihre zarten Hände preisgeben. Hingerissen von vielen bezaubernden und lächelnden Gesichtern im Staub der Baustelle klappt uns regelmäßig die Kinnlade herunter. Mensch, Mädels, ihr seid stark! Wenn etwas ernsthaft beeindruckt in Myanmar sind es bei genauem Hinsehen gewiss nicht die Tempel, sondern die Menschen, die mit ihren Händen so hart arbeiten und trotzdem Lächeln.

Roadworks a lá Myanmar

Roadworks a lá Myanmar

So wie für die entspannten Straßen können wir uns auch für das burmesische Curry begeistern. Gleich am zweiten Tag verlieben wir uns in die Kultur des Curryschalenallerleis. Nach immer gleich schmeckenden Momos, Chowmein, Dal, Chapattis und Thalis ist das kein Wunder. In dem ersten Restaurant in irgendeinem Dorf an der Straße nach Monywa scheint die Anzahl der servierten Curryschalen kein Ende zu nehmen. Wann kommt denn endlich die letzte Schale? Wo soll das bloß enden? Wer soll das bloß alles essen??? Oh mein Gott!

Wer soll das bloß essen?!

Wer soll das bloß essen?!

Es riecht so herrlich, wie es schmeckt und satt sehen können wir uns überhaupt nicht, obwohl wir es schon längst sind. Angesichts der Mengen an Öl, in denen Gemüse und Fleisch nahezu ertrunken da liegen, fragen wir uns, ob Thomas es schafft endlich zuzunehmen und ich gleichzeitig mein Gewicht halten kann. Seit Kirgistan sind wir zum ersten Mal richtig pappensatt! Der Bauch schlägt nach Außen hin eine große, runde Beule, geradeso können wir der Versuchung widerstehen, den Hosenknopf darunter zu öffnen, um Platz zu schaffen für einen letzten Happen. So geht das ab jetzt jeden Tag. Mittags sind wir schon so voll, dass wir abends immer noch kein Abendbrot benötigen. Ein Bier reicht völlig, um den neu errungenen Platz im Bauch wieder aufzufüllen. Gott segne das burmesische Essen, denn es macht  den Nimmersatt endlich satt!

Typisches Bild in Myanmar

Typisches Bild in Myanmar

Kyaw entpuppt sich nach den ersten drei Tagen als ein sehr freundlicher und hilfsbereiter Guide. Er gehört wie die meisten Burmesen in seinem Alter zur ersten Generation, die studiert hat und nicht auf dem Land arbeiten muss. Er lebt in Yangon und teilt sich ein Apartment mit drei seiner Freunde. Sein Vater ist Ingenieur und hat für die staatliche Eisenbahn gearbeitet. Dadurch ist er bereits als Kind durch das Land gekommen, musste oft den Wohnort wechseln, doch es hat ihm Spaß gemacht, immer wieder woanders zu sein und Neues in seinem Land zu entdecken. Nach seinem Ingenieur Studium, das sein Vater ihm auferlegt hatte, und nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit, hat er begonnen, für Touristen als Trekking Guide zu arbeiten. Das hat ihm viel mehr Spaß gemacht … und seit einem Jahr arbeitet er für Burma Senses.

Unglaublich: Sonnenblumen und Palmen zusammen in einem Bild!

Unglaublich: Sonnenblumen und Palmen zusammen in einem Bild!

Man darf gespannt sein, was er und viele andere Burmesen aus ihrer touristischen Zukunft machen, seit sich das Land 2011/2012 sehr stark dem Ausland geöffnet hat. Hoffentlich wird es kein zweites Thailand, das hören wir öfter – ganz besonders von den Burmesen. In einem Artikel im Internet lese ich, dass sich der westliche Ausländer in Myanmar noch als Gast fühlen darf und nicht bloß als reicher Tourist. Das spüren auch wir, obwohl wir uns mit unserer Privattour ganz schön reich vorkommen. Der Tour-Bus von Burma Senses ist meist in Sichtweite. Neben unserem Guide haben wir einen Fahrer und einen Offizier von der Regierung  dabei. Diese drei umgeben uns fast jeden Tag wie unsere Bodyguards.

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Thanbuddyi Pagode

Unter allen anderen, jungen Backpackern sieht das manchmal ganz schön schnöselig aus, wenn wir zum Beispiel in Mandalay zum Sonnenuntergang an der alten Holzbrücke zu fünft sitzen, um ein Bier zu schlürfen. Als wenn wir da nicht alleine hinkommen könnten! Der Unterschied in der Art des Reisens könnte kaum größer sein. Gestern noch verzweifelt hinter den indischen Busch gesch***** und vier Tage lang ungeduscht wie ein Turnbeutel gerochen, heute ein Luxushotel mit reichhaltigem Frühstücksbuffet und reinweißer Toilette.  Auch der Gedanke, dass wir das einzige, ausländische Fahrzeug in ganz Myanmar sein könnten, fällt schwer, zu glauben. Wie einer gesprungenen Schallplatte gleich, wiederholt Thomas diesen Gedanken fassungslos.  Ja, es ist so. Wir sind die einzigen Ausländer auf den eigenen vier Rädern weit und breit. Es gab ja keine andere Tour im ganzen Januar.

Wohl der höchste, stehende Buddha der Welt

Wohl der höchste, stehende Buddha der Welt bei Monywa

Der Begriff "Höllenqualen" bekommt hier ganz andere Dimensionen

Der Begriff „Höllenqualen“ bekommt hier ganz andere Dimensionen

Da alle Teilnehmer, die vor uns diese Tour gebucht hatten, aufgrund ihrer kaputten Motoräder wieder abgesprungen sind, konnte ich die Tour nach unseren Wünschen etwas abändern. Kyaw haben wir ganz für uns allein, wir können ihn Löcher in den Bauch fragen und wir können überall anhalten, Fotos schießen und beobachten, wo es uns passt. Jeden Tag brechen wir zwischen 8 und 9 Uhr morgens auf, zwischen 12 und 13 Uhr gibt es Mittag in einem günstigen Lokal, dazwischen werden die Sinne und der touristische Durst nach Pagoden und Buddhas gestillt, so dass am späten Nachmittag das Tagesziel meist erreicht ist. Entgegen unserer Befürchtung verläuft die Tour sehr entspannt, wohl auch weil Fahrer, Guide und Offizier eine ziemlich lockere Truppe sind.

Die Pagode stand nicht auf dem Programm, sah aber toll aus

Die Pagode stand nicht auf dem Programm, sah aber toll aus

Der Buddhismus wird in Myanmar noch richtig gelebt. Es gibt keine Folklore, kaum Souvenirstände an den Pagoden – sieht man von den Hauptattraktionen wie Bagan einmal ab – und es ist wunderbar ruhig, sobald wir im Inneren eines Tempels oder einer Pagode stehen, als hätte das endlose Geschnatter der Außenwelt hier drinnen nicht die geringste Bedeutung.

Abendbier an der U Bein Brücke

Abendbier an der U Bein Brücke

Die Thanbuddyi Pagode außerhalb von Monywa mit ihren mehr als 500.000 Abbildern Buddhas bildet den Auftakt der Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke bis an die thailändische Grenze Myawaddy. Die Ruhe dieses Ortes lullt uns ein. Der Frieden ist köstlich. Mit Leichtigkeit tapsen wir barfuß durch die Pagode … ich liebe dieses Geräusch der nackten Füße auf kühlem Stein. Unweit entfernt steht die größte Buddha-Figur der Welt, in der wir durch die 27 Etagen buchstäblich von der Hölle in den Himmel wandern. Riesige Wandgemälde in jeder Etage geben dem unschuldigen Betrachter Gewissheit, dass die Hölle kein Zuckerschlecken ist und ganz bestimmt nicht jugendfrei. Kyaw schaut uns verdutzt an: “Das ist doch normal. Jedes Kind in Myanmar weiß, was in der Hölle passiert …” Ja aber so … ???

Thomas am Mahamuni Buddha Image

Thomas am Mahamuni Buddha Image

In Mandalay haben wir einen Tag lang volles Programm – vom Königspalast über die Kuthodaw Pagode, über das Mahagayone Kloster, über das Golden Palace Kloster bis zum heiligen Mandalay Hill für einen Hauch von tropischem Sonnenuntergang. Ein Tag voller Bequemlichkeiten. Wir werden chauffiert, es wird für uns erklärt, arrangiert und serviert. Wir müssen uns nicht einen Gedanken um irgendwas machen … ehrlich … wir sind verunsichert, ob wir das gut finden, oder nicht.

Kuthodaw Pagode - das größte Buch der Welt

Kuthodaw Pagode – das größte Buch der Welt

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Größter Nachteil: wir sehen viel zu viel. Und wir sehen Dinge, die wir nicht hätten sehen wollen. Stell’ sich einer vor, jeden Tag beim Mittagessen wird man beobachtet. Nicht von einer Person, sondern von hunderten. Von Hunderten Fremden, die ihre Kameras auf einen richten. Wie er sich zum Essen anstellt, wie er dabei aussieht, wie er sich sein Essen holt und wie er beim Essen sitzt. Und wie er schließlich isst und wieder aufsteht, um den Speisesaal zu verlassen. Jeden Tag, zur selben Uhrzeit. Für den Beobachter ein einzigartiger Moment seines Lebens.

Wie im Zoo ...

Wie im Zoo …

Für den Beobachteten ein Graus ein Leben lang. Es ist die schlimmste Touristenattraktion in Myanmar. Unser Herz blutet bei all den Erinnerungen, die wir von den Mönchen in Sikkim in uns tragen, und wie seit mehr als 10 Jahren normaler Klosteralltag zu einer touristischen Attraktion wie im Zoo verkommen kann. Es ist eine Schande. Das touristische Ego will es so. Für die Zukunft bleibt nur zu hoffen, dass es sich nicht so aufbläht wie in Thailand.

Gute Nacht Mandalay

Gute Nacht Mandalay

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