14.0 GRENZGESCHICHTEN

MOREH – TAMU oder INDIEN – MYANMAR

Am 4. Januar erreichen wir nachmittags das Areal des Immigration Office in Moreh, dem letzten Außenposten Nordostindiens, wo das heimische Bier teurer ist, als das Burmesische. Auf dem Gelände mitten in der Stadt (N 24.246981 E 94.303477) dürfen wir uns als einzige auf der braungrünen Rasenfläche ausbreiten und die Waschräume der Polizeiherberge nutzen. In der Regel treffen sich hier alle Overlander, die in einer Gruppe zusammen durch Myanmar reisen werden. Wir hatten uns auch schon über neue Reisegefährten als uns selbst gefreut, endlich mal wieder frischer Wind in der Truppe, neue Gesprächsthemen, Erlebnisaustausch etc. pp., doch es kommt mal wieder alles anders als gedacht. Waren wir in der Vorbereitungsphase im Dezember noch zu fünft, also wir als Autofahrer und drei Motoradfahrer aus Belgien und Australien, hat sich die Gruppe erst auf drei und schließlich kurz vor Silvester, auf uns reduziert. Welch ein Drama, denn der Preis für die Fahrt schoss aufgrund der geringen Teilnehmerzahl kurzfristig in die Höhe. Uns blieben nur zwei Optionen: a) In Indien bis Februar ausharren und auf eine größere Gruppe warten, um die Kosten zu teilen oder b) den Preis der Reise neuzuverhandeln und in einen leicht säuerlichen Apfel beißen. Wir haben b) und den Apfel vorgezogen (Details in Arbeit). Deshalb vertreiben wir uns nun mutterseelenallein am Immigration Office die Zeit. Es ist sehr entspannt, die Waschräume sauber, die Angestellten hilfsbereit. Ein Bier und ein letztes Chapatti mit Dal und Chowmein gibt’s gleich um die schmuddelige Ecke. Was will man an so einem Ort noch mehr? Die Nachricht vom Erdbeben der vergangenen Nacht hat auch Ethan von Burma Senses (unsere Reiseagentur) erreicht. Besorgt fragt er nach unserem Befinden. Eine berechtigte Frage, wie wir finden, wo doch fast alle der Gruppe ausgestiegen sind. Da wäre eine Verschüttung der letzten Reiseteilnehmer auch nicht mehr verwunderlich. ABER wir können ihm versichern, dass die verbliebenen Gruppenmitglieder gesund und munter für die Privatrunde in den Startlöchern stehen.

Schön entspannt und schnell das Überleben nach dem Erdbeben der Familie mitteilen

Schön entspannt und schnell das Überleben nach dem Erdbeben der Familie mitteilen

Indien … was für ein Land. Zuhause und während der Reiseplanung haben meine Knie vor diesen Menschenmassen geschlottert. Thomas wusste nicht, wie er mit dem Chaos, dem Dreck, den Gerüchen und der Unverfrorenheit der Menschen umgehen wird. So richtige Herzenslust hatten wir nie auf dieses Land. Unser Auto haben wir daraufhin so ausgerichtet, dass wir viele Dinge auch drinnen erledigen können und die Massen dabei soweit auszuschließen, wie das bei dem kleinen Fahrzeug möglich ist. Insgesamt 65 Tage haben wir im indischen Himalaya und im Nordosten des Landes verbracht. Die meisten Menschen haben mongolisches Blut inne, Bhuddismus und Hinduismus ergeben hier einen interessanten Cocktail. Die extreme Überbevölkerung des Landes haben wir dort oben nicht erlebt, doch einsam wie in der Mongolei waren wir noch lange nicht. Rückblickend lagen die Nerven auf so mancher Straße blank, die Sinnesorgane im Dauerstress, von Takhis Hupe ganz zu schweigen. Die letzten Tag habe ich gezählt, an jedem neuen Tag den alten abgehakt und dabei immer wieder auf die Uhr geschaut. Wir sind zwar noch nicht fix und fertig, aber fertig mit Indien und das ist auch gut so. Wie machen das andere bloß, die ein Jahr in Indien verbringen? Oder mit dem Fahrrad quer durch Indien reisen? Das ist doch der Wahnsinn!

5. Januar, morgens um 8 Uhr, nach Frühstück, Wäsche und Zähneputzen erledigen wir die Ausreiseangelegenheiten in einem kleinen, blauen Häuschen auf dem Gelände. Es gibt keine Elektronik, keine Computer, keinen Passscanner, nicht mal ordentliche Listen in Büchern, sondern lose Papierstapel mit Eselsfalten. Was für ein Grenzposten! Der Beamte fragt uns, ob wir eine spezielle Genehmigung hätten, um nach Myanmar einreisen zu dürfen. Nö, haben wir nicht, antworten wir, macht uns aber neugierig, ob man die so einfach bekommen würde … Stattdessen muss er uns abkaufen, dass wir eine Reiseagentur beauftragt haben und auf der burmesischen Seite bereits unser Guide wartet. Skeptisch nickt er all das ab, denn offensichtlich fährt selten nur ein einzelnes Fahrzeug über die Grenze. Wir müssen Formulare für die Ausreise ausfüllen, er drückt die Stempel in die Pässe, alles erledigt nach einer halben Stunde.

Der Zoll befindet sich auf der anderen Seite der Straßenkreuzung, versteckt hinter einem hohen, blauen Tor mit rot verstaubten Efeuranken. Wir kullern die 50 Meter vom Immigration Office auf die gegenüberliegende der Straße und parken direkt vor dem Tor, damit der Beamte keinen allzu langen Weg aus seiner Festung unternehmen muss. Im Innenhof setzen wir uns unter eine kleine Laube, es ist herrlich grün und ruhig, da schlurft der junge Zollbeamte in Jogginghose und adidas T-Shirt zu uns. Sieht aus, als hätte wäre er gerade aus den Federn gestiegen, denken wir verdutzt, aber nein, er arbeitet wirklich. Aus seinem Sportrucksack kramt er einen dünnen Ordner hervor mit denen Formular der Zolldeklaration sowie seine Stempel, wir das Carnét de Passage, daraufhin geht es ans Ausfüllen und Abstempeln, ein effizienter Arbeitsprozess von 15 Minuten. Die Begutachtung des Fahrzeugs ist ebenfalls effizient. Einmal angesehen, aha, das ist euer Auto, jaaa, ok, gute Reise. Danke! Auf Wiedersehen!

Das blaue Tor des Zollabfertigung

Das blaue Tor der Zollabfertigung

Unser Guide Kyaw – wie Joh ausgesprochen – wartet bereits seit anderthalb Stunden auf der anderen Seite auf uns. Uups, die Zeitumstellung auf eine Stunde vor haben wir bei all dem doch wieder verpennt, dabei sind wir doch – zumindest auf indischer Seite – so pünktlich gewesen: 9 Uhr und alles fertig! Doch in Myanmar ist es schon 10, verflixt und zugenäht. Es wäre nicht Indien, wenn alles sooo einfach ginge. Das allerletzte Hindernis, um das Land zu verlassen, ist der allerletzte Militärposten vor der Flussüberquerung nach Myanmar. Obwohl wir beim Zoll alle Dokumente ausgefüllt und alle Stempel bekommen haben und quasi ja schon ausgereist sind, soll Thomas dem machohaften Militärfutzi bis ins letzte Detail auflisten, was wir so im Fahrzeug mit uns führen bzw. ausführen wollen. Nach einer 15-minütigen Diskussion antwortet Thomas frech, dass der nette Herr sich die Liste gefälligst in seine Haare schmieren kann, denn wir waren ja schon beim Zoll und wollen jetzt nur noch das Land verlassen, nicht mehr und nicht weniger. Ob die Präsenz unseres Guides, der nun herbei eilt und uns nun auf indischer Seite begrüßt, das schmierige Lächeln bewirkt, bleibt ungewiss. Die finale Nachricht jedoch folgt kurz darauf: wir dürfen passieren. Mutter Indien gibt uns endlich, endlich, nach sechs Wochen frei … zur Wiedergeburt in Myanmar!

Bye bye India!

Bye bye India!

Von jetzt an heißt es: abschalten, entspannen, runterkommen. Der Puls verlangsamt sich, denn Kyaw kümmert sich nun um unseren Papierkram bei der Immigration, dem Zollamt und schließlich bei der Fahrzeugbehörde, damit wir vorläufige burmesische Kennzeichen bekommen. Das ist zur Abwechslung mal ganz was Neues, an das wir uns glatt gewöhnen könnten. 14 Tage sorgenfrei … klingt nach Urlaub. Fast, denn die knapp 2400 Kilometer von Tamu bis nach Myawaddy müssen wir immerhin noch selbst fahren. Fast allen Auto- wie Motoradfahrern, die diese Strecke und Aufenthaltsdauer für diese Durchreise gewählt hatten, war es am Ende trotzdem zu stressig. Wir sind gespannt, was uns auf unserer unverhofften Privattour durch das Land erwartet. Anhand des Erlebten in Indien kann es ja nur besser und entspannter werden. Es geht gar nicht anders. Davon sind wir jetzt schon überzeugt!

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