13.5 NAGALAND und MANIPUR

Nach drei Tagen Ellora Guesthouse und einer dekadenten Übernachtung auf dem Parkplatz der Wild Grass Lodge, zehn Kilometer in östliche Richtung vom Dorf Kohora, brechen wir nach Nagaland auf. Kurz vor der Staatsgrenze und zwischen Bambus und Teeplantagen finden wir den ersten Campspot , an dem wir gar nicht gestört werden, absolut gaaaar nicht. Das ist das erste Mal seit … hmmm … Pakistan.

Abendbrotzeit und keiner da!

Abendbrotzeit und keiner da!

Nagaland … was mag uns da wohl erwarten? Die Faszination beginnt allein schon bei dem Namen, erweckt Träume aus Kiplings Dschungelbuch und Bilder irgendwelcher indigener Stammesvölker, die halbnackt, tätowiert, mit Pfeil und Bogen durch gesunden Urwald rennen und in traditionellen Bambushütten leben. Was für eine naive Vorstellung! Der Betonwahn der Moderne hat auch hier Einzug gehalten. Überall schießen die gesichtslosen Gebäude wie Pilze aus dem Boden. Die Nagas sind zu 100 % christianisiert – das haben mal wieder die missionierenden Amis im 19. Jahrhundert verbockt.

Größer ging's nicht

Größer ging’s nicht

Somit lebt heute weltweit der größte Anteil an Baptisten in Nagaland. Die großen weißen Betonkirchen leuchten bereits in weiter Ferne wie Mahnwächter von den bewaldeten Hügeln. Man gibt sich die Hand zur Begrüßung, es wird interessiert geschaut und nicht geglotzt, man kennt Privatsphäre, Alkohol ist verboten, dafür gibt’s umso mehr nasse Annas … ääh … Ananasse. Nagaland ist berühmt für seine Ananas … woraufhin es seit Monaten endlich frischen Obstsalat bei uns gibt! Traditionelle Bekleidung ist im Alltag auch passé und wird daher nur zu besonderen Anlässen getragen. Im Grunde sieht es aus wie überall im Himalaya – die Straßen, die Häuser, die Landschaft – wäre nicht die Weihnachtszeit gewesen, deren fantasievolle Dekoration immer noch die Landstraßen in den Dörfern ziert.

In Nagaland gibt es auch Schneemänner!

In Nagaland gibt es auch Schneemänner!

Wir landen eine Nacht im Dorf Izheto, nachdem uns junge Leute an unserem winzigen Lagerfeuer Schauergeschichten von Trunkenbolden erzählt haben, die in der Gegend ihr Unwesen treiben und neulich sogar den Dorfladen ausgeraubt haben. “Wir schlafen immer so im Auto und es ist noch nie etwas passiert.”, meint Thomas daraufhin stolz, aber mit leichter Verunsicherung in der Stimme. “Dann muss Gott mit euch sein.”, meint eines der Mädels anerkennend. Doch schließlich lassen wir uns überreden, im Dorf zu übernachten und sitzen wenig später an einem großen Lagerfeuer auf dem Gemeinschaftsplatz, bekommen Tee und Kekse gereicht, die wir unter den neugierigen Blicken fast aller Einwohner verspeisen dürfen.

Der Dorfvorsteher und wir in Izheto

Der Dorfvorsteher und wir in Izheto

Der Dorfvorsteher Huska Sema fragt uns über Herkunft, Reise und Auto aus. Er selbst ist stolzer Besitzer eines Mitsubishi Pajero und hasst die indische Regierung, weil sie nach seiner Sicht den Christen im Land zu wenig Beachtung schenke. Dabei waren doch die Nagas die besten Kämpfer bei der Verteidigung des Landes im Zweiten Weltkrieg … Deshalb ist es besser, wenn Nagaland unabhängig wäre! Oh je, wo soll das bloß wieder hinführen? Gott sei Dank hört das Gespräch hier auf, denn bevor wir ins Bett dürfen, sollen wir kleine Holzkirche des Dorfes ansehen. Immerhin müssen wir unsere christliche Glaubensrichtung dabei nicht unter Beweis stellen. Das hätte uns ganz schön ins Schwitzen gebracht. Die Gastfreundlichkeit hört auch am nächsten Morgen nicht auf. Tee, Kekse, Kuchen und am Ende ein handgewebter Schal als Gastgeschenk machen uns ziemlich sprachlos.

Reisterrassen in Nagaland

Reisterrassen in Nagaland

Für die knapp 150 Kilometer bis in die Hauptstadt Kohima benötigen wir einen ganzen Tag. Gemäß Huska Sema sollte die Straße zu 60 Prozent gut in Schuss sein, die restlichen 40 Prozent eher schlecht. Wir dagegen haben eher das Gefühl, eine Ewigkeit auf den schlechten 40 Prozent zu fahren, während die guten 60 Prozent den ganzen Tag auf sich warten lassen. Erwartungsgemäß erreichen wir Kohima erst am späten Nachmittag. Die Stadt ist auch erwartungsgemäß enttäuschend … na, obwohl, die Supermärkte dagegen können begeistern. Dort gibt es Tee aus Nagaland, spanische Oliven und richtigen Kakao! Wir campen im Heritage Village Kisama, ein paar Kilometer weiter südlich von Kohima. Viele Overlander haben hier bereits übernachtet, jeder empfiehlt diesen Platz weiter, so dass unsere Erwartungen seltsam hochliegen.

Tolle Aussicht in Kisama

Tolle Aussicht in Kisama

Dabei hatte niemand behauptet, es sei ein unglaublich schöner Ort. Das Dorf, das im Grunde bloß ein Freilichtmuseum darstellt, zeigt in einem kleinen Teil die traditionelle Bauweise der Häuser der unterschiedlichen Volksstämme. Der Rest besteht aus Beton, einem Kuddelmuddel aus Wohngebäuden, Essensständen, Spielplatz und viel Müll, der vom berühmten Hornbill Festival Anfang Dezember noch nicht verbrannt wurde. Die Toilettenhäuschen sind geschlossen, es bleiben nur Sträucher ringsum für die Erleichterung. Wo soll man auch sonst hin? Wir arrangieren uns damit und parken zwei Tage lang direkt neben dem Amphittheater mit sonnigem Ausblick am Morgen. Nachts wird es so frisch, dass ein Lagerfeuer bzw. die Standheizung notwendig werden. Tagsüber kommen ab und an Besucher vorbei, meist lässt man uns jedoch in Ruhe. So rücken die letzten Tage in Indien immer näher. Insgeheim zählen wir sie schon, führen Strichlisten und regeln mit großer Vorfreude die letzten organisatorischen Fragen mit der Reiseagentur Burma Senses, die uns durch Myanmar lotsen soll.

MANIPUR

Heute ist der 31. Dezember. Silvester steht vor der Tür. Da darf kein Alkohol fehlen. Den letzten und einzigen Bottle-Shop der immer noch christlichen Gegend treiben wir in Bishnupur auf. Den Einheimischen nach gibt es nur einen Laden, der solch Gesöff verkauft: geradeaus, hinter der Brücke, rechte Seite lautet die grobe Richtung. Schließlich werden wir bis dorthin eskortiert, denn Deutsche können mit so ungenauen Angaben ja nichts anfangen. Ein dubioses Hotel namens Blue Moon verkauft unterm Tresen Bier und harten Stoff. Der Name macht Sinn, schließlich werden wir heute Nacht bestimmt genauso blau davon. Auf Nachfrage hin kommt der gute Romanov Wodka zum Vorschein. Alles klar, nehmen wir (hoffentlich macht der wirklich nur blau und nicht blind), neben fünf Dosen Kingfisher Super Strong.

Loktak See Romantik

Loktak See Romantik

Die Nacht ist gerettet! Ziel für die Silvesternacht ist ein Hügel am Loktak See, circa 30 Kilometer südlich von der Landeshauptstadt Imphal. Bei Sonnenuntergang erreichen wir die Hügelspitze, auf der, wie in Kisama, so viele Overlander bereits übernachtet haben, und sind geplättet von dieser märchenhaften Aussicht auf die Seenlandschaft im pinkfarbenen Abendlicht. Die Luft ist herrlich klar und feucht, es ist ruhig … das hatten wir schon lange nicht mehr. Doch die Stille währt nicht lang, die ersten Boxen werden schon auf das alte Schulgebäude gewuchtet, das auch auf dem Hügel steht. Ein lustiger Fischer gesellt sich zu uns, mit dem wir in dürftigem Englisch über unsere Reise erzählen. Auf unserer Weltkarte spielen wir Länder raten. Bis Mitternacht wird unser Hügel von drei Seiten beschallt.

Silvester in Manipur

Silvester in Manipur

Jedes Dorf feiert – bitte schön – seine eigene Neujahrssause. Von indischer Popmusik über Michael Jackson bis Helene Fischer (!) in Hindi übersetzt ist alles vertreten, doppelt und dreifach. Bei diesem Ohrenschmaus backen wir festliche Pizza mit extra viel Käse aus Sikkim, naschen Schokolade mit Cashewnüssen, besaufen uns mit Wodka-Cola und versuchen wie zwei alte Haudegen mit Fluppe im Mund den anderen im UNO-Spiel zu schlagen. Auch wenn das Gegröle auf dem Dach der Schule immer lauter und ausgelassener wird, lässt man uns in Ruhe. Zwischendurch probiere ich unsere neue Sternenhimmel-App aus und kann Thomas nach einer Weile mit steifem Nacken Cassiopaya, den Stier, M45, die Sterne Sirius und Cappella zeigen. Dann … 3 … 2 … 1 … ist es so weit … der Strom fällt aus. Alle jubeln in pechschwarzer Dunkelheit “HAPPY NEW YEAR!!!!!” Dann ist es für wenige Sekunden mucksmäuschenstill, als würde Mutter Erde trotzig sagen: “Na und? Mir doch egal!” Leise leuchten die ersten Lichter ringsum den See wieder auf, der Strom ist wieder da, Michael Jackson singt wieder verzerrt aus den Lautsprechern. Als es ruhiger wird, veranstalten wir unsere eigene Open-Air-Party. AC/DC und die Dire Straits werden laut aufgedreht, die Türen stehen sperrangelweit auf. Und so hüpfen und springen wir, angedudelt von gerademal fünf Bier und einem halben Liter Wodka zwei Stunden in den jungfräulichen Morgen hinein …

HAPPY NEW YEAR 2016

2015. Was für ein Jahr. Ein Jahr voller Veränderungen und Ungewissheiten, eine Reise voller neuer Erlebnisse und Entbehrungen. 12 Länder haben wir bis dato durchquert, in denen wir auf interessante Leute sowie Reisegefährten gestoßen sind, in deren Landschaften wir die schönsten Tage des Lebens verbringen durften. Wir sind dankbar für jeden einzelnen Moment, jede einzelne Sekunde, in denen wir Unerwartetes erleben und Neues entdecken und schließlich an Erfahrung dazulernen und an ihr wachsen können. Ralph Waldo Emersons’ Spruch “Wir mögen die Welt durchreisen, um das Schöne zu finden, doch wir müssen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.” hängt seit Beginn an der Sonnenblende über meinem Kopf. Ich lese ihn jeden Tag und ist zu einem Mantra dieser Reise geworden. Liebe Maren, ich danke dir für diese Postkarte! Sie war bislang das bedeutungsvollste Geschenk, das uns jemand machen konnte.

Wir und der Entwicklungsminister von Manipur (zweiter v.r.)

Wir und der Entwicklungsminister von Manipur (zweiter v.r.)

Die Tage bis zum 4. Januar bleiben wir auf dem hohen Posten stehen, genießen die Aussicht, brutzeln in der Sonne und lesen viel. Das gab es so lange nicht mehr, dass wir uns nicht mehr daran erinnern können, wann wir das letzte Mal so entspannt irgendwo gesessen haben. Nachmittags spielen Kinder Fußball auf dem ungenutzten Schulgelände. Es sind Ferien. Deshalb gelten uns neugierige Blicke, Fragen und Selfies meist von 14 bis 18:00 Uhr. Am 3. Januar lernen wir den Entwicklungsminister von Manipur kennen. Auf dem Hügel findet eine Art Bürgerbeteiligung statt, zu der auch wir eingeladen sind. Leider verstehen wir nicht viel, doch es geht um die Entwicklung des Sees, um den Tourismus und den Bau einer Seilbahn von einer zur nächsten Insel. Darauf lassen zumindest die Fotos schließen, die an der Schule aufgehängt wurden. Die Dorfbewohner werden angehört, der Herr Minister spricht, es wird die Volkshymne der Region unter Tränen gesungen … denn der See, von dem das Leben der Dörfer abhängig ist, enthält auch hier immer weniger Wasser und schrumpft. Mit der Seilbahn will man den Tourismus ankurbeln und überhaupt sei er sehr wichtig, der Tourismus. Wir hören unsere Namen in der Rede des Ministers, alle Blicke richten sich auf uns. Oh je, wir wissen jetzt schon, dass wir am Ende des Tages noch ungenierter belagert werden als sonst. Zum Schluss steckt uns der Minister seine Telefonnummer zu und erklärt: “Also, solltet ihr irgendwelche Probleme in meinem Land haben, dann ruft mich an, ok? Ist kein Problem, ja? Ich habe überall Kontakte und kann euch helfen, ok? No problem!”

Bei den Christen hat man auch viel Schwein

Bei den Christen hat man auch viel Schwein

Manipur … wenn die Eltern wüssten, was der Lonely Planet aus dem Jahr 2006 über diesen Staat schreibt. Auf einer einzigen Seite steht geschrieben, dass dieser Staat zu den gefährlichsten in Indien gehört, dass Rebellen für die Unabhängigkeit des Staates kämpfen und der Drogenhandel hoch im Kurs steht. Es steht kurz beschrieben, wie man nach Imphal kommt, wo man eventuell übernachten kann und dass man gut abwägen sollte, ob man tatsächlich nach Manipur möchte. Pakistan ist dagegen ein Urlaubsland. Innerhalb von 10 Jahren hat sich viel geändert. Eine Einreisegenehmigung für den Staat benötigen wir  nicht mehr. In dem Grenzdorf mit dem bedeutungsvollen Namen Mao müssen wir uns bei Einreise nur registrieren. Die Anwesenheit der Assam Riffles, einer bewaffneten Kampfeinheit, die den Platz zwischen Polizei und Armee auf dem Land einnimmt und Unruhen im Zaum halten soll, lässt darauf schließen, dass Kämpfe jederzeit aufflammen können. Bis zur Grenze nach Myanmar wird die Straße stark bewacht. Jedes Fahrzeug wird an den Militärposten kontrolliert. Der Alkoholfahne des kontrollierenden Soldaten nach zu urteilen, wird Recht und Ordnung jedoch nicht ganz so ernst genommen.

Zum Abschied gibt uns Indien einen Earthshake. Am Morgen des 4. Januar werden wir 04:30 Uhr wachgerüttelt, im wahrsten Sinne des Wortes. Was soll das bloß? Wer muss um diese Uhrzeit am Auto wackeln??? Der bekommt jetzt Stunk! Thomas springt aus dem Auto, bewaffnet mit unserer Bambusstange, doch niemand rennt weg, keine dunklen Gestalten, keine Geräusche, es ist mucksmäuschenstill. Nur die Dorfbewohner diskutieren aufgeregt mit Taschenlampen in der Dunkelheit. Erst nach einer Weile begreifen wir, das war ein Erdbeben, mit Stärke 6.7 eines der stärksten in den vergangenen Monaten dieser Region. Das Epizentrum war fast genau unter uns. Mother India … sollte das etwa eine Warnung sein?

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