13.4 KAZIRANGA NATIONALPARK

Kurz vor dem Dorf Kohora, nahe dem Kaziranga Nationalpark, treffen wir auf einen Holländer namens Jamie unds einen VW T5 Bus. Er ist der erste Overlander seit … hmmm … seit … Sikkim. Da haben wir flüchtig ein Schweizer Ehepaar mit einem Mercedes Sprinter getroffen. Und dann … mal überlegen … Nepal, Indien, Pakistan … dort sind wir zwei australischen Fahrradfahrern begegnet … China, Kirgistan … ach ja, in Tash Rabat haben wir ja noch die Tibetgruppe mit den Schweizern Silvie und Roger verabschiedet. Das war Mitte September. Jetzt haben wir es Ende Dezember, dreieinhalb Monate, vier Länder später und gerade mal sechs Overlander vorgefunden, von Lisa und Darren einmal abgesehen. Seltsam, bei der Vorbereitung der Reise kamen uns die ausländischen Verkehrsteilnehmer irgendwie mehr vor. Deshalb verlängert sich nun der Plausch am Straßenrand um circa eine Stunde. Man hat sich viel zu erzählen. Jamie kommt gerade aus Nagaland und Myanmar, wo wir bald hin fahren, wir dagegen kommen aus der Richtung, wo er hin will.

Unsere Fahrspur als LKW Parkplatz

Unsere Fahrspur als LKW Parkplatz

Wir geben ihm den Tipp den Brahmaputra nach Tezpur zu überqueren und auf der zweispurigen Autobahn (!) bis nach Siliguri zu fahren. Eine nahezu perfekte Verbindung. Allerdings muss mit jeder Menge Geisterfahrern gerechnet werden. Einen Haken gibt’s ja immer. Wird im Verkehrsfunk in Deutschland manchmal vor Personen auf der Fahrbahn gewarnt, kann jeder so gut wie sicher sein, dass die sich auf dem Seitenstreifen befinden. Hier kommen die meisten Verkehrsteilnehmer uns ohne Vorwarnung auf der Fahrbahn entgegen, nicht nur Personen, das ist ja schon Standard, sondern auch Radfahrer, Mopeds, Traktoren und jede Menge Kühe. Jahaa, wir befinden uns auf der richtigen Fahrspur. Mittig links wir, ganz links die Personen, ganz rechts die Geisterfahrer nebst überholendem Verkehr von hinten, dann erst kommt der Mittelstreifen und dann die entkommende Fahrspur. Sehr geil und immer einen Lacher wert. Dass Fahrspuren auch mal plötzlich im Nirgendwo enden oder als LKW-Parkplatz genutzt werden, verschweigen wir jetzt mal.

Die Endlosigkeit über den Brahmaputra

Die Endlosigkeit über den Brahmaputra

Die zwei Nächte “on the road” verbringen wir sowohl im Jaldapara Jungle Camp, als auch an einer Tanke mit einem neugierigen, dicken Gockelhahn, der nachts immer weggesperrt wird. Ich weiß auch wieso: damit so jemand wie Thomas den ganzen Hahn nicht heimlich stehlen und als Broiler grillen kann. Es gibt dort eine ausreichende Internetverbindung, so dass ich morgens 5:00 Uhr mit meiner Mutter telefonieren kann, die in Spanien noch nicht mal ins Bett gehüpft ist. Ich stelle mich hinter das Lagerhaus der Tankstelle, denn dort ist es windgeschützt. Versonnen betrachte ich die aufsteigenden Nebelschwaden über den abgeernteten Reisfeldern, die sich verändernden Farben eines tropischen rosa Morgenhimmels und erkenne erst jetzt, nach einer Stunde Telefonat, das Ausmaß der Suppe, in der ich mich befinde. Stilecht stehe ich auf einem matschigen Haufen aus Speiseresten, meine Schuhgröße passt gerade so in die halbwegs trockenen Stellen, und erlebe einen Aha-Effekt auf meine Frage, woher der unangenehme Geruch wohl kommen mag. Ich schaue mir die herausgerupften Hühnerbeine an, die vor mir unterhalb der Mauer liegen, wo auch die restlichen Speisereste verstreut worden sind, ein paar Federn hängen noch am Drahtzaun vor mir, jetzt auch an meiner Jacke – igitt – genervt fummele ich die federleichten Überbleibsel von mir ab und denke: Oh, du herrliches Indien, was bin ich schon abgestumpft, dass mich das nicht mehr juckt, während alle anderen, die das Zuhause bloß lesen, wohl vor Ekel Herpes an den Lippen bekommen.

Telefonieren mit Muttern bei dieser Aussicht

Telefonieren mit Muttern bei dieser Aussicht

Irgendwo zwischen Dalgaon und Dhekiajuli stehen wir an einer Straßensperre inmitten einer Fahrzeugschlange. Die Menschen sehen plötzlich wieder muslimisch aus und gucken grimmig. Bewaffnete Männer der indischen Armee regeln den Verkehr. Nach einer halben Stunde Warterei geht es im Konvoi und mit Eskorte weiter, wenigstens nicht ganz so anarchistisch wie in Nepal. Dennoch wird uns mulmig, denn in den Dörfern, die wir passieren, sind die schmutzigen Gehwege komplett hochgeklappt, die Lage ist angespannt. Nur Männer lungern herum, starren allen hinterher. Sie könnten ja wenigstens sauber machen, wenn sie schon nichts zu tun haben, denke ich mir, doch wir wollen bloß schnell durch hier. Ab Dhekiajuli atmen wir erleichtert auf. Die Leute haben wieder fröhliche Gesichter, keine Kopftücher und Langbärte in Sicht, die Läden sind geöffnet und die Landschaft wird grüner und saftiger.

KAZIRANGA NATIONALPARK

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Wir sind jetzt in Assam, dem Staat wo der berühmte Schwarztee herkommt. Teeplantagen gibt es weit und breit. Doch die Erntezeit ist vorbei, niemand arbeitet auf den Plantagen, deshalb fällt das Schießen berühmter Bilder von den Teepflückerinnen heute aus. Über allem und an jeder Tankstelle prangt das assamesische Maskottchen: das Panzernashorn. Und genau das schenken wir uns zu Weihnachten. Auf einer Jeep-Safari im Kaziranga Nationalpark ist das so gut wie garantiert. Am 23. Dezember früh morgens 07:30 Uhr (… und auf den letzten Drücker mal wieder) buchen wir am Ticketschalter eine Tour in den Zentralbereich (Preise hier: http://kaziranga.assam.gov.in/wp/entry-fees-2015/ ). Natürlich wollen wir Geld sparen und hoffen auf eine Gruppe, der wir uns anschließen können, denn die Kosten für den Jeep können geteilt werden. Doch die haarsträubende Menge an Indern, die sich zu einer bunten und lautstarken Meute in einen Jeep quetscht, lässt uns schnell die Meinung ändern, doch lieber die VIP Variante zu nehmen. Unser Fahrer ist gleichzeitig der Guide. Er kennt seine tierischen Pappenheimer im Nationalpark genau, fährt extra langsam und ruhig, und zeigt uns selbst die kleinsten Vögelchen. Aber wir wollen doch die großen Viecher sehen, denken wir insgeheim. Gut Ding will Weile haben.

Gute Abendstimmung im Kaziranga

Gute Abendstimmung im Kaziranga

Die Landschaft ist traumhaft, sie sieht aus wie Afrika, wilde Wasserbüffel, dann endlich Nashörner in der Ferne und Muntjakhirsche kreuzen unseren Weg. Der Bengaltiger lässt sich für uns heute leider nicht blicken. Es grenzt schon fast an ein Wunder, dass so weiträumige Natur mit so unglaublich vielen Großtierarten in Indien noch zu finden ist, obwohl 430 Quadratkilometer recht wenig sind. Deshalb steht der Nationalpark auch unter UNESCO Schutz. Bis kurz vor Sonnenuntergang der zweiten Tour in das westliche Areal müssen wir geduldig warten, bis drei asiatische Dickhäuter uns mit einem Rüsselgruß aus dem hohen Gras verabschieden.

Zwei Nashörner von vielen

Zwei Nashörner von vielen

Muntjak-Mama kreuzt unseren Weg

Muntjak-Mama kreuzt unseren Weg

Die Nashörner haben wir irgendwann aufgehört zu zählen, es waren so beeindruckend viele! Thomas meint, dass sich mein Fernglas endlich so richtig gelohnt hätte! Wir sind die letzten, die im schwindenden Tageslicht aus dem Park hinausfahren und bemerken, dass ohne die grölende Großstadtindermeute endlich Ruhe im Hause Kaziranga einkehrt. Das wissen auch die Tiere, für die wir jetzt kein Fernglas mehr benötigen. Ooooch … Können wir vielleicht nicht doch ein bisschen länger bleiben? Nein, dürfen wir nicht, meint unser Fahrer, Regeln sind Regeln und das will was heißen in mother India …

Huhu ...

Huhu …

Wir übernachten auf dem weitläufigen Grundstück des Ellora Guesthouse. Drei ruhige Nächte für je 200 Rupien, mit Toilette und “warmer” Dusche a la Indien kann man schon mal machen, auch wenn hier das Credo gilt “Außen hui, innen pfui”. Doch wir haben Ruhe, können einen Riesenberg Wäsche waschen, Kuchen und Brot backen, haben Lagerfeuer jeden Abend und nur sechs Leute kommen täglich zum Glotzen. Wie erholsam! Über das gesamte Grundstück quiekt und quengelt ein kleiner Welpe, der gerade erst seit einem Tag zur Familie gestoßen ist.

Thomas und sein neuer Kumpel

Thomas und sein neuer Kumpel

Eigentlich soll der für die Söhne zum Spielen sein und später einmal der Wachhund werden. Doch die beiden Kinder trauen sich noch nicht mit ihm zu Spielen, Muddern findet den Hund ekelig und Vaddern … na ja, sitzt gerne den halben Tag im Stuhl herum. Das Vertrauen muss also noch wachsen. Immerhin können wir aufklären, dass sich bei dem Welpen nicht um ein Mädchen handelt – zur großen Enttäuschung der Familie. Na ja, irgendwann wäre es sowieso herausgekommen. Thomas hat schnell einen neuen, kleinen Freund gefunden, der ihn anhimmelt. In der kältesten Nacht, muss er sogar in unserem Auto schlafen, bei dem Gejaule hätten wir kein Auge zubekommen. Ach, das war ein herzerwärmendes Bild … wie er eingerollt in einen alten Jutesack sich schmatzend und gähnend in den Hundehimmel schlummert … so ein süßes, kleines Würmchen!

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