13.3 WEST und SÜD SIKKIM

Tatsächlich kann sich der Senior Lama am 12. Dezember des alten Rumtek Klosters noch an uns erinnern. Wo wir denn gewesen wären, der Mahakala-Tanz fand schließlich vor zwei Tagen statt, fragt er uns bei salzigem Milchtee in dem einfachen Zimmer, in dem wir vor einer Woche bereits gesessen hatten. Wir erklären ihm die ausweglose Parkplatzsituation am Phodong Kloster und dass der Rinpoche gekommen sei … ja, das verstehe er natürlich. Deshalb sind wir noch einmal hierher gekommen, um uns zu verabschieden, bevor wir nach Westsikkim weiterfahren. Eigentlich wollen wir eine Spende hinterlassen, aber das Kloster ist eigentlich geschlossen, wir dürfen nicht mehr rein und spenden sollen wir bloß sein lassen, deutet der Senior Lama vehement an, schließlich wären wir ja von so weit hergekommen, das genügt als Ehre. Als Abschiedsgeschenk überreicht er uns tibetisches Reisgebäck von der Sorte, die uns absolut gar nicht schmeckt, aber für die hungrigen Vierbeiner reicht es allemal, denken wir uns beide insgeheim und lächeln dankend.

Buddha Park in Rawangla

Buddha Park in Rawangla

WEST SIKKIM

Am späten Nachmittag treffen wir auf knapp 2000 Höhenmetern am Buddha Park von Rawangla ein. An guten Tagen erhebt sich die 130 Fuß hohe Buddha Statue vor dem Hintergrund des Kangchendzonga, doch zur Winterzeit hüllen sich die Berge immer öfter in dunstige Nebelschwaden so wie heute. Ein eisiger Wind bläst aus deren Richtung, unsere Wollpullover erscheinen bereits jetzt zu schlüpfrig. Was würden wir jetzt für ein wärmendes Feuerchen geben, als wir auf dem Hubschrauberlandeplatz des Dorfes stehen, in der dunklen Kälte kochen und uns auf eine sehr kalte Nacht einstellen. Da rauschen zwei Fahrzeuge an, parken direkt neben uns, als gäbe es keinen anderen freien Platz auf der riesigen Asphaltfläche, einer schmeißt einen Haufen alter Autoreifen aus der Heckklappe auf den grünen Unkrautstreifen und zündet einen nach dem anderen zu einem lichterlohen Feuer an, während sich die Insassen zu indischer Popmusik ordentlich einen hinter die Binde kippen. Wieso denn immer direkt neben uns??? Da ist doch so viel Platz, Leute, gibt es denn wirklich gar keine Hemmschwelle mehr??? Das Partygeschrei geht bis 22:00 Uhr, ohne katastrophale Zwischenfälle, aber auch nur, weil wir uns in die Dunkelheit verkrümeln. Schließlich fahren alle sturzbesoffen nach Hause, während die Reifen noch vor sich hin kokeln und sich Bier- wie Whiskyflaschen ringsum zu einem kleinen Haufen türmen. Am nächsten Morgen spielen drei kleine Kinder damit. Das ist echtes Partyleben in Indien.

Gebetsmühlen am Tashiding Kloster

Gebetsmühlen am Tashiding Kloster

In das Kloster von Tashiding könnte ich mich verlieben. Klostergebäude inmitten einer Rasenfläche sehen doch gleich viel schöner aus, als einbetoniert! Es ist das wohl am meisten verehrte Kloster in ganz Sikkim, in dessen Stupafeld die heiligste Stupa des Landes steht. Der bloße Anblick soll Segen bringen und sämtliche Sünden vertreiben, doch welche es bei allen gleichförmigen wohl sein mag, ist uns heute noch ein Rätsel, deshalb haben wir uns jede genau angesehen. Sicher ist sicher. Schön sind sie alle mal. Die lustigen Tontörtchen vor den in steingemeißelten Mantras erinnern an leckere Muffins … Schon macht sich Thomas nach einer Stunde für Kaffee und Brot flink aus dem Staub.

Die heiligen 41 Stupas

Die heiligen 41 Stupas

YUKSOM

Wir kommen nur noch im 20 Kilometer Takt pro Tag voran. Nicht wegen der Straßen, einfach weil wir die Zeit haben. Na gut, auch wegen des entgegen kommenden Verkehrs auf einer einspurigen Bergstraße. Dabei sorgen die geistreichen Namen im oberen Bereich der Frontscheibe der üblichen Jeep-Taxis, mit denen so gut wie jeder in Sikkim umher reist, für erstklassiges Amüsement: „Jesus loves you“, „Doctor Love“, „Tibet Boy“, „Road King“ und ganz hoch im Kurs „Unemployment Express“.  Wie das wohl in Deutschland kommen würde???
In Yuksom erreichen wir gefühlt das Ende der Welt und das Tor zum Kangchendzonga Nationalpark. Thomas juckt es im Hintern, den Gocha La Trek zu wandern, doch gemeinsam mit dem Australier Kyle und einem hartgesottenen Polen, der kaum Kohle hat und deshalb unverfroren überall im Zelt schläft, entscheiden wir, dass es vielleicht keine so gute Idee ist, neun Tage bei Nebel, 10°C tagsüber und unzureichendem Equipment für die Eiseskälte in über 4200 Höhenmetern zu wandern.

Die hungrig machenden Törtchen vor kunstvollen Mantras

Die hungrig machenden Törtchen vor kunstvollen Mantras

Kyle haben wir beim Inder von Yuksom kennengelernt, der in seinem Restaurant von indisch bis israelisch alles anzubieten hat. Das Essen ist zwar lecker, aber es scheint nicht so gut zu sein, wie das Abendbrot im Limboo Guesthouse. Kyle schwärmt uns davon den gesamten Weg zum Dubdi Kloster hinauf vor und macht sogar dem Polen den Mund so wässrig, dass wir uns Allemann zwei Abende lang im Limboo Guesthouse wiederfinden und ein Festmahl schmausen. Eine liebe Althippie-Amerikanierin samt tibetischem Freund sind auch mit von der Partie, so dass allerlei Geschichten aus den Klöstern von Sikkim, über Unkrautbekämpfung in Australien bis hin zum den katastrophalen Lebenswandel der Menschen in der Mustang-Region Nepals ausgetauscht werden. Während wir uns gedanklich auf wärmere Tage freuen, freut sich der Australier hingegen über das kühle Nebelwetter. Das sieht man ja so selten in Noosa, seinem Heimatort, meint er. … Ach Gott NOOSA, fällt uns da ein, die erste Station nach Brisbane auf unserer Australienreise. Sah damals aus wie die Florida Keys. Was für ein Zufall …

Die Phamrong Falls zwischen Tashiding und Yuksom führen zur Monsoon-Zeit die doppelte Wassermenge

Die Phamrong Falls zwischen Tashiding und Yuksom führen zur Monsoon-Zeit die doppelte Wassermenge

Mit zunehmendem Nebel, nehmen die Temperaturen stetig weiter ab. Wir packen uns mittlerweile in dicke Wollpullover im Fünf-Lagen-System. Was machen die Leute denn hier bloß im Winter, frage ich Rani, die Besitzerin des Lomboo Guesthouse. “Im Winter bereiten wir auch tagsüber Lagerfeuer. Alle Familien sitzen dann im Kreis um das Feuer und machen eigentlich gar nichts, es ist ja viel zu kalt und Touristen sind auch keine da. Nur wer körperlich hart arbeitet, dem wird warm.”, erzählt sie mir mit einer Selbstverständlichkeit. An die Integration von Heizungen oder Kaminen hat bislang noch niemand beim Häuserbau gedacht. “Das ist hier nicht so üblich.” heißt es da Schultern zuckend. Und während wir unsere kalten Füße in dicken Wollsocken und Wanderbotten verstecken, steht Rani grinsend mit Schlappen und hauchdünnen Söckchen vor uns. “Was? Deine Füße sind doch nicht etwa kalt???”, ruft sie und lacht. Wir können uns jedenfalls nur schwerlich ein Lagerfeuer im Winter vor der Haustür in der Fischers Allee vorstellen und sind froh über die Erfindung der Zentralheizung.

PELLING

Auch wenn es in Yuksom schön ist und ich Thomas ermahne, die letzten kühlen Nebelschwaden bloß zu genießen, wollen wir weiter zum heiligen Kecheopalri See und nach Pelling zum Pemayangtse Kloster. In Westsikkim ist der Kangchendzonga eigentlich omnipräsent. Doch die dicke, tropfnasse Nebelsuppe hält sich hartnäckig in der Luft. Abends fängt es sogar an zu regnen.

Kecheopalri Lake in grauer Suppe oben wie unten

Kecheopalri Lake in grauer Suppe oben wie unten

Der See ist im Nebel eine Enttäuschung, die bloß für indische Touristen noch schön sein kann, denn haben wir schon so viele Seen erlebt, da nützt die wohl größte Heiligkeit und Glücksbringerei nichts mehr, um uns noch beeindrucken zu können. Angeblich sollen ja Wünsche in Erfüllung gehen, wenn man das Wasser berührt. Doch das Ufer ist von der Luftfeuchtigkeit so matschig, dass uns die wohlig warmtrockenen Socken heiliger sind, als der See. Schnell begeben wir uns nach Pelling, 50 Kilometer, ein halber Tag. Im verschlafenen Pelling versuchen wir es wieder mit dem Hubschrauberlandeplatz, doch ständig glotzen Inder neugierig durch die Frontscheibe. Manchmal sind sie wie lästigen Kletten, die nur widerwillig von alleine weggehen. “Ich kann diese Inder bald nicht mehr sehen. Wieso müssen die immer so doof glotzen?!” fragt mich Thomas. Woher soll ich das bloß wissen? Gott sei Dank ist mit dem Geglotze in drei Wochen ein Ende in Sicht!

First Class View auf den Kangchendzonga

First Class View auf den Kangchendzonga

Also fahren wir die ruckelige Piste zum Sanga Choeling Kloster hinauf und lassen unverhofft die Kupplung eine Weile rauchen. Die Kurven waren in der Dunkelheit unerwartet steil. Nachts finden wir hier Ruhe und morgens einen überraschend sonnigen und kristallklaren Ausblick auf den Kangchendzonga! Das Pemayangtse Kloster begeistert dagegen nicht ganz so wie die Aussicht auf die Berge, haben wir doch seit den anderen Klöstern ziemlich hohe Ansprüche, denn es soll angeblich der Höhepunkt einer jeden Touri-Runde sein. Aber wie das so ist mit  touristischen Empfehlungen, sind die immer relativ, subjektiv und stimmen meist nicht ganz. Oder wir sind einfach klosterübersättigt.

Stilvoller Nebeneingang am Pemayangtse Kloster

Stilvoller Nebeneingang am Pemayangtse Kloster

Die erotischen Wandmalereien in der zweiten Etage finden jedoch unsere vollste Bewunderung, die Buddha mit einer nackten Frau in nicht ganz unschuldigen Positionen zeigen, so dass die Malereien mit goldenen Vorhängen zensiert werden müssen. Das lädt ja förmlich ein, den Vorhang immer wieder zu lüften. Auf Umwegen begeben wir uns zurück nach Rawangla. Umwege bedeutet: einen 20 Kilometer Abstecher zur Käsefabrik in Dentam. Ja, richtig gelesen, es gibt eine richtige Käsefabrik in der Gegend, die echten Gouda aus Alpenmilch herstellt, nach schweizerischem Vorbild. Na gut, Alpenmilch ist relativ, nennen wir sie Bio-Bergmilch aus Sikkim. Heute ist warten vor verschlossener Tür angesagt, denn der Verkäufer hatte nur seinen halben Tag. Hilfe kommt jedoch in Form eines Englischlehrers herbei, der sofort herumtelefoniert, organisiert und herausfindet, dass jemand in einer Stunde da sei. Der darf uns auch Käse verkaufen. Wir müssen bloß warten, während wir uns kurzweilig mit Herrn Englischlehrer über das Reisen, Auto- und Umweltprobleme des Landes unterhalten.

Apropo Indien ... die zweitbesten Samosas nach Kalimpong gab es in Pelling. Über dem schummrigen Laden hing ein Papier-Ausdruck "FAST FOOD".

Apropo Indien … die zweitbesten Samosas nach Kalimpong gab es in Pelling. Über dem schummrigen Laden hing ein Papier-Ausdruck „FAST FOOD“.

Dann ist er endlich da, der lustige, kopfwackelnde Inder, mit schicker Weste und Brille wie zu Kolonialzeiten. Wir kaufen gleich vier Stücken Käse, denn man weiß ja nie. Alles wird in Listen festgehalten, viermal gezählt und durchgerechnet, sehr schön! Wir trödeln so lange herum, dass wir es erst am nächsten Tag und gerade vor Dunkelheit auf dem bekannten Hubschrauberlandeplatz in Rawangla eintrudeln, auf dem wir vor einer Woche schon gestanden haben. Es regnet und auf Regen folgt bekanntlich Sonnenschein. Zum Frühstück genießen wir den Kangchendzonga mit Neuschnee und eisigen 8°C.

Frühstück mit Neuschnee

Frühstück mit Neuschnee

GEN SÜDEN

Die Tage in Sikkim sind gezählt. Wir verlassen über Namchi den ach so herrlich unindischen Staat Sikkim. Weil wir schon mal da sind, knöpfen wir uns den Siddhesvara Dhaam vor, ein Park der auf einem Hügel thront und der aus Betonkopien der wichtigsten Shiva-Tempel in Indien besteht. Kann man hinfahren, muss man aber nicht. Um den Tourismus in Südsikkim anzukurbeln, das sonst nicht so viel zu bieten hatte, wurde 2005 der Grundstein für den Park gelegt, 2013 wurde er fertiggestellt, 2015 muss schon renoviert werden. So viel zur Baukunst. Nachdem Thomas neun Flaschen Bier in Melli gekauft und in den dunklen Winkeln unseres Autos gestapelt hat, begeben wir uns für die letzte Nacht vor dem richtigen Indien wieder nach Kalimpong, wo das Internet so grottenschlecht ist, die Luft auf dem Deolo Hill dafür umso besser. Wir finden einen herrlichen Schlafplatz (N 27.08661, E 88.49959) an der maroden Zufahrtstraße des Deolo Hill Cliff Resort, und kaufen am nächsten Morgen im Lark’s Shop noch einen geilen Käse ein. Nein, die anderen vier Stücken Gouda haben wir auch noch, aber wie gesagt, man darf in Indien keine Gelegenheit ungenutzt lassen!