13.2 OST und NORD SIKKIM

Das Tor zu einem der nördlichsten Staaten Indiens ist bei Rangpo groß und bewacht. Eine “Inner Line Permit”, also eine Einreisegenehmigung innerhalb Indiens, wird von der bewaffneten Polizei verlangt, doch die wird auch genau dort ausgestellt, muss man zumindest an diesem Grenzübergang nicht vorher beantragen. Das Prozedere dauert 15 Minuten für eine kostenfreie 15-tägige Reiseerlaubnis als Tourist, die in den größeren Ortschaften wie Gangtok bis zu 30 Tage verlängert werden kann. Als Trophäe erhalten wir eine bunte Touristenkarte von Sikkim, das erste Mal überhaupt auf der Reise!

Tibetische Schriftzeichen

Tibetische Schriftzeichen

Sikkim gehört noch nicht lange zu Indien. Erst 1975 übernahm die indische Regierung die kleine Region als 22. Staat und setzte die dort herrschende Monarchie ab. Viele sehen sich deshalb noch lange nicht als Inder, sondern als Sikkimesen. Immer wieder haben sich über die Jahrhunderte die Grenzen zu Nepal, China und Bhutan verändert. Aufgrund seiner umstrittenen Grenzverläufe zu China, genießt Sikkim einige Steuervorzüge, damit es Indien zugehörig bleibt. Sehr zur Freude von Thomas kostet Bier Zweidrittel weniger als anderswo, da werden Flaschen jetzt ordentlich im Auto gestapelt. Tibeter haben hier seit dem 13. Jahrhundert gelebt. So ist es nicht verwunderlich, dass nach Sikkim viele tibetische Mönche während der chinesischen Invasion aus Tibet geflüchtet sind und hier viele neue Klöster errichtet haben. Buddhistische Gebetsfahnen in allen Farben flattern zu Abertausenden im Wind, auf Bambuspfählen entlang der Straßen, an Berghängen oder zwischen den Bäumen. Es ist ein Traum, den Australiern hätte es sehr gefallen!

Schlafplatz in den Bergen bei Lingthem ... Platz an der Straße ist rar.

Schlafplatz in den Bergen bei Lingthem … Platz an der Straße ist rar.

Die Bergregionen des Himalaya sind für uns allesamt wunderschön. Dafür der Mangel an geeigneten Stellplätzen umso weniger. Kleine Dörfer schmiegen sich eng an die Berge, jede unbebaute Fläche wird als Hangterrasse für den Anbau von Getreide oder Gemüse genutzt, nicht mal großzügige Ausweichflächen gibt es, noch weniger Platz für ein Wildpferd mit seinen zwei Reitern. Haben wir dann mal einen Platz gefunden, macht die große Frage die Runde: Wo gehen wir denn aufs Klo? Damit meinen wir nicht die kleinen Geschäfte, das geht ja immer noch … aber was ist mit den Zeitintensiveren??? Diese Ungewissheit geht uns in den Bergen manchmal ganz schön auf den Keks. Sich einfach mal erleichtert hinsetzen und fallen lassen, wenn man dringend muss, is’ nicht. Es könnte ja einer gucken, oder noch schlimmer, direkt unter dem Hintern jemand wohnen. Deshalb stehen wir in der Abenddämmerung an einem kleinen Aussichtspunkt, genau zwischen dem alten und neuen Rumtek Kloster, wo auf einer breiteren Fläche ein paar hohe Sträucher stehen und wo es sogar ein bisschen Internetempfang gibt – der Hotspot der Gegend! Offensichtlich ist das auch der Party-Hotspot für die jungen Sikkimesen, der nicht zu unterschätzen ist. Bereits öfter musste er wegen des lauten Gegröles die Polizei rufen, erzählt uns ein Mopedfahrer, er wohne nämlich gleich dort unten, die Straße abwärts. Da machen die in künstlerischer Manier und in eindeutiger Position gekritzelten menschlichen Genitalien auf dem Betonboden der Aussichtskanzel schon viel mehr Sinn. Ob die Mönche, die da eben noch saßen, die auch gesehen haben? Falls wir und der Mopedfahrer eine ruhige Nacht haben wollten, sollen wir lieber zum alten Rumtek Kloster fahren, da gibt es Parkplätze, die sogar eben sind.

Eingang des alten Rumtek Klosters

Eingang des alten Rumtek Klosters

Also wird das alte Rumtek Kloster, das mit dem neuen Gebäude zwei Kilometer weiter nördlich den Hauptsitz der Black Hat Sekte darstellt, nach einigem Zögern und einer Einladung des Senior Lamas für ein paar Tage zu unserem neuen Zuhause. Wir werden in einem kleinen Raum zu tibetischem Milchtee und Reisgepäck eingeladen und können uns gerade so über die oberflächlichen Befindlichkeiten verständigen, quasi über das Übliche: Woher kommen wir, wohin wollen wir, wie lange, wann geht’s nach Hause. Die meisten Mönche lernen in ihrer Laufbahn die buddhistischen Lehren eben doch nur in tibetischer Sprache, dafür bleibt weniger Muße fürs Englische. Das wird offensichtlich bei den Jüngeren nachgeholt, denn Englischbücher für Erstklässler liegen auf dem Tisch. Wir erfahren, dass in fünf Tagen, also am 10. Dezember, Sonam Losar gefeiert wird. Das sikkimesische neue Jahr bricht damit am 11. Dezember an. Wir hätten sehr viel Glück jetzt hier zu sein, erzählt uns der Lama mit einem rundherum strahlenden Lächeln, denn dann würde zur Begrüßung des Neujahrs und zur Vertreibung aller bösen Dämonen am 10.12. der berühmte Mahakala-Tanz der Lamas stattfinden. Bis dahin müssen wir auf jeden Fall bleiben … oder wieder kommen, heute ist ja erst der 5. Dezember! Pujas, sogenannte Opferzeremonien, werden eine Woche vorher rund um die Uhr, jeden Tag und jede Nacht in den Klöstern abgehalten. Pausen werden nur zum Essen und für ein paar wenige Stunden Schlaf eingelegt, was man den Mönchen Gott sei Dank noch nicht ansieht. Die rhythmischen Trommeln und melancholischen Dungchen (tibetische Trompeten) hören wir deshalb nächte- wie tagelang und können trotz Gänsehaut zur Abwechslung mal richtig gut schlafen. Die Musik berührt uns tief in der Seele. Wir hätten sofort eine CD gekauft!

Das neue Rumtek Kloster, auch Dharmachakra Centre genannt

Das neue Rumtek Kloster, auch Dharmachakra Centre genannt

Die Türen der Klöster stehen in dieser Zeit für jeden Gast sperrangelweit auf, die sonst mehr oder weniger geschlossen sind. Mit einem fröhlichen Augenzwinkern werden wir abends zur Puja in die große Tempelhalle gebeten und kommen so richtig in den Genuss tibetischer Klostermusik. Anderthalb Stunden lang betörender Ohrenschmaus, zwischendurch salziger Milchtee, mit dem die Mönche ihre Kehlen über den Abend hinweg geschmeidig halten. Zum Abschluss werden die Opfergaben des Tages unter den Mönchen aufgeteilt, uns wird zu Ehren gleich ein volles Tablett vorgesetzt: Äpfel, Bananen, Nüsse und Unmengen an in Alu verpackte Kekse und Chips. So viel können wir gar nicht verdrücken, doch wir sollen nehmen, deutet uns ein Lama mit einer Handbewegung und strengem Blick an … es sei ja genug da … ok ok … dann einmal Kekse für den Thomas … und die Bananen für mich. Es wird wieder Zeit für Lisas Bananenkuchen, der für die Mittagspuja um 11 Uhr am folgenden Tag in das Kloster wandert. Uns wird daraufhin versichert, dass dieser definitiv unter allen Mönchen aufgeteilt wird! Wir hoffen, damit auch Gutes nach Australien zu bringen.

Lisas Bananenkuchen für die Mittagspuja in Rumtek

Lisas Bananenkuchen für die Mittagspuja in Rumtek

Nach zwei Tagen beschließen wir zum Phodong und Labrang Kloster in Nordsikkim aufzubrechen, um zum Neujahr wieder in Rumtek zu sein. So große Distanzen gibt es in Sikkim Gott sei Dank nicht, dafür elendig schlechte und windige Straßen in den Bergen. Auf dem Weg dorthin halten wir kurz in Gangtok, um die Inner Line Permit beim Foreign Registration Office zu verlängern. Sicher ist sicher, 15 Tage erscheinen uns für die vielen schönen Klöster und Berge zu knapp. Das klappt auch ohne Probleme und sehr schnell. Bis zum 18. Januar dürfen wir jetzt bleiben! Schade, dass wir nun am 5. Januar nach Myanmar einreisen müssen …

Die Brücke nach Nordsikkim

Die Brücke nach Nordsikkim

Am späten Nachmittag erreichen wir das Phodong Kloster und stellen erstaunt fest, wie viele Imbissstände an dessen Fuß aufgebaut sind. Indische Musik schreit in verzerrter Stimmlage bis zum Kloster hinauf, zur Neujahrsfete werden also ein paar hundert Gäste erwartet. Hmmm … werden wir hier jemals ein Auge zubekommen? Spätestens am 10. Dezember, zum Neujahrsfest, stellt sich heraus, dass neugierige Augen das geringste Problem sind. Wir kommen nämlich keinen Zentimeter vom Parkplatz runter, so voll und intelligent zugeparkt ist der, dass wir unweigerlich in Phodong statt in Rumtek feiern müssen. Hoffentlich vermissen uns die Mönche dort nicht allzu sehr …

Phodong Kloster

Phodong Kloster

Auf dem Gelände von Phodong kennt man uns deshalb schon, wahrscheinlich sind wir für alle die Ausländer, die jemals am längsten geblieben sind. Vor ein paar Tagen wurden wir von einem der obersten Lamas zum Abendessen eingeladen, woraufhin Thomas sofort über meine schlaumeierische Aussage lachen musste, dass Mönche ab 12 Uhr mittags nichts mehr essen würden. Wer jetzt glaubt, das klösterliche Abendessen kann ja dann nicht so dolle sein, der irrt. Es gab reichlich Reis, Gemüsecurry, Käsesoße und sogar Fleisch. Der Lama, der uns eingeladen hatte, sprach zwar kaum Englisch, war aber schon mal in Australien, in Frankreich, in der Schweiz und in Amerika, übersetzte uns der Dorfvorsteher, dessen Gemeinde das Abendmahl für den einen Tag gespendet hatte.

Hier speisen wir öfters ...

Hier speisen wir öfters …

Das geht übrigens reihum, jeden Tag sorgt eine andere Gemeinde für das Wohl der Mönche zu diesen Feierlichkeiten. Von den jüngeren Mönchen bekamen wir so manchen Buddha und Bodhisattva auf den bunten Wandstickereien erklärt – alles wieder vergessen … die Namen kann sich doch wirklich keiner merken, oder? – wie und wozu Thankas hergestellt werden, wer der wahre 17. Karmapa der Black Hat Sekte ist und dass am 11. Dezember der Rinpoche von Rumtek, einer der zwei Direktoren des Klosters, zu Gast sein wird, um allen Anwesenden seine Segenswünsche auszusprechen. Das wäre eine große Ehre, bis dahin müssen wir auf jeden Fall bleiben, so rieten uns alle einstimmig!

Alte Stupas an einer Mönchsschule bei Lingthem

Alte Stupas an einer Mönchsschule bei Lingthem

Also … wir konnten gar nicht wirklich weg von hier, auch wenn wir es zwischendurch für einen Tag bis in die einsamen Berge von Lingthem geschafft haben, um einen Blick auf den heiligsten Berg Sikkims und zugleich den dritthöchsten der Welt zu werfen: den Kangchendzonga (8586 m). Das ist auch nur mit Mühe und Not gelungen, am Ende schließlich zu Fuß, denn ab Mangan und über Passingdong hinaus wird die Buckelstraße so schlecht, dass wir an der lohnenden Aussicht zweifelten.

Kangchendzonga Kette von Upper Lingthem aus gesehen

Der Kangchendzonga von Upper Lingthem gerade noch so gesehen …

Einen Abend vor dem Neujahrsfest wird der Mahakala-Tanz auf ein letztes Mal von den Mönchen geprobt. Begeistert sitzen wir in den ersten Reihen der VIP Loge von Morgen und schauen dem meditativen Tanz zu. Abends wird das Kloster für den Höhepunkt der Woche festlich geschmückt. Hunderte von Stühlen stehen schon für die Gäste bereit. 6:30 Uhr in aller Frühe ist es soweit. Die Dungchen ertönen, Trommeln dröhnen, tiefziehende Wolken hüllen den Beginn der Zeremonien in eine mystische Atmosphäre.

Noch wird geübt ...

Noch wird geübt …

6:30 Uhr beginnt der Trommelschlag

6:30 Uhr beginnt der Trommelschlag

Mahakala ist eine grimmige Gottheit, gewöhnlich in schwarz, die die buddhistischen Lehren vor dem Verfall und Korruption beschützt und die die Orte, an denen die Lehren und Rituale ausgeübt werden – die Klöster – von unreinen Gedanken und Taten frei hält. Sie führt und beschützt jeden, der die Lehren ausübt, bewahrt ihn vor Lug und Betrug, und hilft sämtliche Qualen und Hindernisse im Leben zu überstehen und zu meistern. Somit huldigen die Mönche in den Klöstern jeden Abend dieser Schutzgottheit mit aufwendigen Pujas. Am Ende des Jahres – je nach Region unterschiedlich – findet dann die abschließende und große Mahakala-Puja zusammen mit dem heiligen Maskentanz statt. All diejenigen, die an diesem Tanz teilnehmen oder ihn bloß sehen, genießen denselben Schutz wie die Mönche, das Kloster und die Lehren, also auch wir.

Mahakala Masken

Mahakala Masken

Für die Schaulustigen gibt es viel zu essen. Neben tibetischem, fettigen Gebäck und heißem Milchtee wird ein köstliches Mahl in allen Speisezimmern angerichtet, an dem jeder teilhaben darf. Natürlich spenden wir wie jeder andere auch, denn Thomas’ Portionsmenge stellt wieder mal alles in den Schatten. Es ist aber auch verdammt lecker und der heiße Milchtee wärmt in der feuchtkühlen Herbstluft gut durch! Der Tanz dauert den ganzen Tag an, immer mal wieder mit Pausen, mit anderen Choreografien, mit anderen Kostümen und Musikstücken, während freche Geister in den Pausen ihr Unwesen treiben und den Zuschauern gehörig auf den Senkel gehen.

Black Hat Dance

Black Hat Dance

Der Rinpoche von Rumtek war am Abend zuvor eingetroffen und beobachtet nun das Spektakel aus sicherer Entfernung in der Ehrenloge der 2. Etage des Klosters, hinter goldgelben Vorhängen. Eine riesige Mahakala-Maske steht in der Mitte des Klostergeländes, an der jeder etwas geben kann und die am Ende gegen 16 Uhr im lodernden Feuer mit allen Girlanden und Thankas verbrannt wird.

IMG_6188_blogJeder, der ein bisschen Englisch sprechen kann und offenbar “Karma” heißt, möchte sich mit uns unterhalten und stellt natürlich immer die gleichen Fragen. Aber so erfahren wir auch, dass man erst Lama werden kann, indem man dreieinhalb Jahre meditiert hat; dass man sich danach entscheiden kann, in das weltliche Leben zurückzukehren oder im Kloster zu bleiben; dass die Mönche, die sich für die Familie entschieden haben, an einer anderen Kleidung zu erkennen sind; dass die meisten Gebete vom Leben nach dem Tod bzw. von der Erleuchtung erzählen; und wann der Rinpoche morgen erscheinen wird. Was für ein märchenhafter Tag das war!

Die Plagegeister ...

Die Plagegeister …

Am Neujahrstag müssen wir bis 11 Uhr auf den 12. Goshir Gyaltsap Rinpoche warten, bis er aus seinem heiligen Gemach ins Freie begleitet wird. Hunderte von Leuten aus den Dörfern der Umgebung versammeln sich am Vormittag auf dem Klostergelände, um ihre Segnung von ihm zu erhalten. Es kommt uns ein bisschen vor wie ein Besuch beim Papst, obwohl das ja vergleichsweise der Dalai Lama sein müsste und die Zahl der Verehrer zu wenige sind, doch die Stimmung macht’s ja. Nach den allgemeinen Segnungen des Ortes und der heiligen Gegenstände, mit denen die Menschen gesegnet werden sollen, geht dann auch alles ganz schnell.

Segnung zum Neujahr vom 12. Rinpoche

Segnung zum Neujahr vom 12. Goshir Gyaltap Rinpoche

Überraschend werden auch wir von den Lamas in die vordersten Reihen geschoben, schnell, schnell, eng heranrücken, nieder knien, den Kopf beugen, die Hand ausstrecken für die heiligen Gaben und den Whisky …

Happy Sikkimese New Year!

1 Kommentar

  1. Ellis

    Hallo ihr Kuchenbäcker! also, wenn halb Asien jetzt Lisas Bananenkuchen kennt, wird es Zeit das Rezept auch nach Old Germany zu geben. Also vielen Dank schon mal

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