13.1 KALIMPONG

Was gibt es Schöneres als übermüdet und hungrig auf indischen Straßen, irgendwo zwischen Siliguri und Kalimpong in die Berge zu fahren, um an einem Restaurant in einem Dorf mit knurrendem Magen und mit allmählich versagenden Einparkfähigkeiten ein anderes Auto zu knutschen, was wiederum ganz und gar nicht erfreute Inder aus jenem Restaurant wie eine wildgewordene Meute hervorholt, deren sich immer wiederholende Wortergüsse sich höchst temperamentvoll über uns ergießen und als wäre es nicht schon schlimm genug auch noch handgreiflich werden? Ja, tatsächlich gibt Schöneres. Angesichts der blonden, weißen Frau mit den Tränensäcken und der Schnoddernase – alsi ich – beruhigen sich zwar die Gemüter, doch alle wollen sie trotzdem Geld. Ja, wo hat es denn gedrückt und was soll’s denn sein, frage ich. Wir machen einen auf Gutachter, aha … eine eingedrückte Stelle am vorderen Kotflügel und ein Schiefer Spiegel am Motorrad. 10.000 Rupien will der Autofahrer, dessen Insassen natürlich viel mehr vom reichen weißen Touristen fordern, für den Motoradfahrer sollen wir uns was ausdenken. Ok, dann machen wir 5000 Rupien für den Kotflügel, 500 für den Spiegel. Immer noch zu viel, aber alle sind zufrieden. Das ist gerade nochmal gut gegangen. Wir sind hungrig, probieren das Thali im Unglück bringenden Restaurant. Es schmeckt nicht. Wir fahren weiter mit dem Gefühl gerade die Nacht durchgezecht zu haben.

Unsere Frühstücksterrasse im Mansarover Guesthouse

Unsere Frühstücksterrasse im Mansarover Guesthouse

Kalimpong liegt 14 Kilometer östlich der Hauptstraße in grünen Hügeln in ca. 1300 Höhenmetern. Hier hat das Militär sein Anwesen und ist, wie Airbus in Hamburg, der Hauptarbeitgeber. Hier hat deshalb fast jeder ein gutes Auskommen und sich ein nettes Anwesen leisten. Staunend fahren wir an großen Grundstücken vorbei mit zum Teil stattlichen Häusern und großen Gärten wie in der Kolonnialzeit. Sieht man einmal von der etwas schmuddeligen und zu eng geratenen Innenstadt ab, sind die Stadtränder sehr grün und blumig. Überall hängen malerisch gelbe Sonnenaugen oder knallrote Weihnachtssterne über Wege und Straßen. Die Luft ist frisch und klar. Nach dieser Nacht hämmern Bilder einer heißen Dusche und eines Flauschbettes in unseren Köpfen. Schnell stellen wir fest, dass die günstigsten Zimmer in den Hotels um die 15 US Dollar kosten und den Preis absolut nicht würdig sind. Wir unternehmen einen letzten verzweifelten Versuch die schmale und holprige Renkingpong Road den Berg hinauf, wenige Kilometer in Richtung Durpin Kloster. In einer Seitenstraße endet endlich die Höllenfahrt nach 14 Stunden von insgesamt 36 Stunden imWachzustand im Mansarover Guesthouse. Nach zwei Tagen ist klar, es gefällt uns so gut bzw. mir geht es so schlecht, dass wir knapp zwei Wochen hier bleiben und einfach mal nicht aufs Geld achten.

Das Durpin Kloster

Das Durpin Kloster

Tina und ihre Familie kümmern sich rührend um uns, es ist quasi wie ein richtig nettes Homestay. Tina hat Hotelmanagement studiert und hat sowohl in Kalkutta, Bombay, Neu Delhi und auf Goa gearbeitet. Doch nach zwei Jahren war ihr das zu viel Stress, ist zurück nach Hause gekommen und hat im Hause ihres Vaters auf der 2. Etage drei Zimmer für ihr Guesthouse hergerichtet. Sie gewöhne sich allmählich wieder an das langsame Dorfleben, erzählt sie, aber manchmal ist es eben doch ein bisschen langweilig. Das können wir sehr gut verstehen. Für das Guesthouse hat sie große Pläne. Der Garten soll für die Gäste ausgebaut werden, mit Rasenfläche und vielen Blumen, Liegeflächen zum Relaxen und so weiter. Viele Blumen gibt es bereits, denn der Vater ist, seit er Pensionär ist, Hobbygärtner. Früher haben sie sogar eigens Pflanzen gezüchtet und übers Internet verkauft, doch das hat er aufgegeben. Das gärtnerische Verständnis fehlt bei vielen Leuten, beklagt der Bruder von Tina. Alle wollen sie nur Beton, Beton, Beton, dann wollen sie ihr Grundstück etwas grüner bepflanzen, es soll schön aussehen, doch niemand will die Pflanzen auch pflegen, anschließend beschwert sich jeder, dass die Pflanzen irgendwann nicht mehr gut aussehen. Irgendwoher kenne ich das, denke ich mir so. Dann gibt es noch einen durchgeknallten, weißen Plüschhund namens Scooby, der jede Nacht in einem engen Holzkasten eingesperrt wird und bei Besuch regelmäßig durchdreht. Das legt sich Gott sei Dank bald bei uns, dafür bleibt das flauschige, hechelnde Knäul die ganze Zeit an uns haften.

Kaktusse in der Pine View Flower Nursery

Kaktusse … äh, Kakteen in der Pine View Flower Nursery

Tina kocht außerordentlich. Beste Eigenkreation sind selbstgemachte Spinat-Ravioli mit Tomaten-Sahnesoße. Wer hätte je gedacht, dass wir waschechte Raviolis in Indien essen werden? Der echte zerriebene Käse darauf lässt die Frage zu, woher er denn käme, dieser köstliche Käse. “Na, aus Kalimpong”, sagt Tina und beschreibt uns die Straße, wo sich das Käseschlaraffenland befindet. Nach exzellenten Hühnchen-Momos, Bananenpfannkuchen, indischem Paratha und einem herausragenden Thali können wir “nur” Lisas Bananenkuchen anbieten. Der findet in einer kühlen Nacht am Lagerfeuer auf dem Dach genauso großen Anklang, das Rezept befindet sich jetzt also in Tinas Händen in Kalimpong.

12 Tage Kalimpong

Was macht man da denn sonst so, außer Tinas Kochkünste zu genießen?

Die Hauptsehenswürdigkeiten sind schnell abgegrast. Das Durpin Kloster liegt ein paar Gehminuten, vorbei am ortseigenen Golfplatz und durchs Militärgelände, vom Homestay entfernt. Bei klarer Sicht hat man bereits von hier aus einen großartigen Ausblick auf die Gipfel der Kanchendzonga Kette in Sikkim. Wir besuchen die kleine Pine View Flower Nursery, ein guter “Krankenspaziergang”, wenn man mal nicht so kann wie sonst und fahren einen Tag zum Deolo Hill hoch, um den Paraglidern beim Absprung zuzusehen. Bei zu scharfen Momos in einer der Wellblechbuden begrüßt uns ein Inder aus Manali, der selbst Paraglider ist und sich die dortige Weltmeisterschaft im November angesehen hat. Man hat hier wohl beste Voraussetzungen für den Sport und es ist auch gar nicht so teuer: 40 US Dollar für einen 30-minütigen Flug.

Momos mit Aussicht am Deolo Hill

Momos mit Aussicht am Deolo Hill

Thomas überlegt hin und her, traut sich aber dann trotzdem nicht. Stattdessen genießen wir die Aussicht vom Hügel, während die Männer mit den fliegenden Schirmen über uns in hinweg segeln, da trällern plötzlich die Scorpions aus einem indischen Handy neben uns. Die Scorpions in West Bengalen auf einem Hügel mit Paraglidern, nicht im Traum wäre uns das je eingefallen! Es gibt sogar eine Quasi-Touristeninfo in der Stadt, allerdings (noch?) ohne Schild. Man findet sie nur durch Erfragen. Das macht Sinn. Wir glauben, sie hat keine wirkliche Funktion, aber immerhin gibt es schwarz-weiße A4-Kopien, die einem Stadtplan ähnlich sind, denn in unserem Navi existiert nur eine Straße in Kalimpong, von Südwest nach Nordost. Somit bleibt es schwierig, die richtige Straße zum Fluss Relli zu finden und ehrlich – man sollte es lieber sein lassen. Die Straße, egal ob bergab oder bergauf, ist wirklich nur was für Hartgesottene. In der D.B. Giri Road, wo die Touristeninfo ist, befindet sich auch der Lark’s Shop, wo es den guten Käse der Region gibt.

Es bleibt wohl doch nur ein Traum ...

Es bleibt wohl doch nur ein Traum …

Kalimpong ist außerdem der Ort, mit dem schlechtesten Internetempfang. Wer also dringend Internet benötigt, sollte hierher lieber nicht fahren. Trotz vier Telekommunikationsmasten auf je zwei Hügeln und vollem Empfang dauert das Versenden einer Email ohne Anhang mehrere Tage, das heißt auf gut Glück. Da liegen schon mal die Nerven blank, wenn man die Organisation der Myanmar-Durchreise klären will. Trotz des schlechten Empfangs begeben wir uns auf Shoppingtour für ein Smartphone, denn wir benötigen ja einen neues Gerät als Navigator. Da bieten sich die halbwegs gut sortierten Läden geradezu an und es gibt immerhin eine Auswahl!

Im privaten Essenraum beim Chinesen mit Duschkabinenoptik

Im privaten Essenraum mit Duschkabinenoptik

In der Zwischenzeit habe ich Geburtstag. Neben echten Blumen von Thomas und einem selbstgebackenen Karottenkuchen von Tina ist das Highlight des Tages eine echte Pizza und ein echter Cappuccino im Art-Café in der Innenstadt. Die besten Samosas gibt es dieselbe Straße stadtauswärts, an einem Straßenstand, die von einer rundlichen Frau im Wok frisch frittiert werden. Im Shikhar in derselben Straße wie der Käseladen und fast direkt daneben, kann man sehr günstig vegetarisch essen. Ansonsten gibt es viele chinesische Restaurants mit dem obligatorischen Momo-Chowmein-Mix, in denen man fast ungestört in lustigen, kleinen Kabinen speist. Das Bier ist hier nicht so der Hit, heißt aber so und kommt aus Sikkim. Ansonsten ist das kleine Stadtzentrum eher was für Hartgesottene, laut, eng, dreckig und vor Abgasen stinkend.

Allmählich kennt uns jeder in der Stadt, denn Takhi parkt ja schon mehr als 10 Tage oben bei den Mansarovers. “Ach, der Wagen da oben ist doch eurer, nicht? …  so einen gibt es hier nur einmal.” Täglich grüßen uns alle in der Straße. Ganz besonders den  Thomas, der das Auto für die Weiterreise wieder startklar macht. Die alte Frau von gegenüber haben wir von allen am liebsten. Jeden Tag erhalten wir von ihr ein wunderschönes zahnloses Lächeln und bevor sich ihre Lippen freundlich zu einem schwachen “Namasté” formen. In den unzähligen feinen Falten im Gesicht könnte ich mich dabei verlieren. Beeindruckend ist die Bürde, die sie noch in ihrem Alter trägt, ihr buckeliger Rücken und ihr behindertes Pflegekind im Haus. Das wiederum befindet sich genau oberhalb unseres Parkplatzes. Jeden Tag beobachtet sie Thomas oder uns von oben herab, sobald wir alle Türen offen lassen und Dinge ein und ausräumen. Manchmal gesellt sich noch ein Gockel hinzu, der vor lauter Neugierde fast den steilen Hang hinab rutscht.

Mmmmh, Pizza!!!

Mmmmh, Pizza!!!

Tina und ihre Familie brechen am 5. Dezember zum Hornbill-Festival im Nagaland auf, ein guter Anlass für uns, selbst aufzubrechen. Die letzten Einkäufe werden schnell noch erledigt. Herr Mansarover persönlich kauft für uns Lebensmittel im Militär-Supermarkt ein, denn er, als ehemaliger Offizier, bekommt dort schließlich Rabatt. Kurz vor der Abreise bekommen wir von der Familie weiße Schals um den Hals gelegt, Segenswünsche für eine gute und sichere Weiterreise nach Sikkim. Mensch, vielen Dank für der sehr erholsame und schöne Zeit! Unsere Empfehlung wird hiermit in alle Welt getragen!

2 Kommentare

  1. Elli's

    Na dass sieht ja nicht unbedingt indisch aus….
    Gebt doch zu, Ihr seit schon in Europa mit italienischem Essen
    Da könnte ich auch Urlaub machen.

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Das war so ein schönes Geburtstagsgeschenk, vor allem weil ich, Thomas, sarahs pizza zum Teil auch noch essen durfte. 

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