13.0 GRENZGESCHICHTEN

KHAKARBHITTA – NAKSALBARI oder NEPAL– INDIEN

Wenn man kein nepalesischer Bus-, Taxi- oder Truckfahrer ist, hat man so etwas noch nicht erlebt. Das will man auch gar nicht und sollte man auch nicht. Viel zu gefährlich ist dieser Konvoi durch das östliche Teraigebiet mitten in der Nacht. Als die Freigabe durch das Militär gegen 2:30 morgens erfolgte, gab jeder, der konnte, Volldampf durch die gerade geöffnete Absperrung. So schnell konnte das Militär auch nicht gucken. Busse und LKWs an die Front, hinten dran die kleinen Fahrzeuge … na ja, mehr oder weniger, bei geschätzten 100 Fahrzeugen hat es nicht so ganz funktioniert. Wir fahren mittendrin, zu nächst in einer ordentlichen Reihe, später eingeengt von Überlandbussen zu jeder Seite auf einer einspurigen Fahrbahn. Auf einen Sicherheitsabstand kann man pfeifen. Das gilt für alle Himmelsrichtungen. Hauptsache, der Fahrer hat nicht zu viel getrunken, ist nicht all zu müde und ist guter Hoffnung … die einzig wahren Gründe, wie man diese Mordsfahrt überleben kann. Man sollte auch wirklich an nichts anderes denken und sich dem verrückten Fluss fügen. Es ist stockduster, Militärfahrzeuge mit Flutscheinwerfer kommen uns entgegen, ab und an stehen bewaffnete Soldaten am Straßenrand mitten im Nirgendwo, in den Dörfer sowieso. Mit 80 Sachen donnern wir hinter den schrottigen Bussen und LKWs hinterher, deren Windschutzscheiben und Seitenfenster bloß noch Splitter der letzten Fahrten sind. Es fliegen vor uns Steine, faustdick. Ihr Ziel, wir oder das Auto vor uns, haben sie verfehlt. Glück gehabt, weiter geht’s. Nach 20 Minuten kommen wir zum Stehen. Ein LKW hat sich in einem großen Sandhaufen als Straßenblockade festgefahren, der nicht vollständig geräumt wurde. Der muss also erst einmal freigeschaufelt werden. Nach weiteren 20 Minuten geht es wieder weiter. Mitten auf der Strecke kommt uns der endlos lange Konvoi von der anderen Seite entgegen. Die wütende Protesthaltung der Madhesis hat bei mancher Scheibe frische Spuren hinterlassen. Bloß nicht dran denken … bloß schnell weiter. Binnen einer Stunde wurden aus einer Reihe drei Spuren. Mit fortschreitender Strecke werden die Überholmanöver der Busfahrer immer riskanter. Mal werden wir eingekesselt, mal überholen wir, von rechts oder links, was macht das schon. Nachts gibt es keine Regeln mehr. Das Überleben zählt und wer hier zuerst heil rauskommt.

Takhi mit steinschlagsicherer Präparation à la Müller

Takhi mit steinschlagsicherer Präparation à la Müller

Insgesam dauert die Schreckensfahrt drei Stunden an. Im Morgengrauen lösen sich die Selbstmörder in alle Himmelsrichtungen auf. Ab Itahari fahren wir gefühlt wieder allein auf der Straße und es es sind immer noch knapp 110 Kilometer bis zur Grenze. Unsere Reise in Nepal endet in einer verzweifelten Suche nach Klopapier und Taschentüchern, denn mit so einem hohen Verbrauch durch meine Schnodderitis binnen eines Tages haben wir nicht gerechnet. Kein einziger Dorfladen verkauft Klopapier, alle sehen uns fragend an. Wir die Verkäufer natürlich auch, denn offensichtlich wischt sich hier jeder knallhart den Hintern mit der linken Hand ab. Auf den letzten Drücker findet Thomas für mich Tempos in nepalesischer Qualität. Die Packung entspricht tatsächlich den deutschen Tempos, doch die “vier Lagen” sind so hauchdünn, dass ich nicht nach Herzenslust schnauben kann, ohne schmierige Finger zu bekommen. Kurz vor der Grenze pausieren wir in grünen Teeplantagen, natürlich standesgemäß mit heißem Tee.

An der Grenze von Khakarbhitta nach Naksalbari geht es so chaotisch zu, dass wir mit dem Strom aus Fußgängern, Radfahrern, Rikschas und anderen Vehikeln bereits ungesehen und ungeschoren auf der indischen Seite stehen, ohne Ausreisestempel von der nepalesischen Seite. Also nochmal zurück durchs Chaos, über die Brücke und hoch die Auffahrt zum Zollgebäude, die wir aus unserer ursprünglichen Richtung kommend, völlig übersehen haben. Sie war halt auf der “falschen” Seite … und das Schild dorthin natürlich auch falschherum.

Im Zollgebäude teilt man uns mit, dass wir bitte erst die Pässe abstempeln sollen, ach ja, glatt vergessen, wo macht man das denn hier? Im Immigration Office, da drüben. Es gibt den üblich lapidaren, indischen Handschwenk irgendwo in jene Richtung, wo das Ziel eventuell sein soll. Also begeben wir uns mit grauen Augenringen auf die Suche. Gott sei Dank ist es nicht weit, bloß drei versteckte Gebäude weiter und mit Hilfe mehrerer Inder schnell gefunden. Hinterm Tresen werden locker fluffig die Pässe gescannt und abgestempelt, in eine Liste eingetragen und nach fünf Minuten ist das Thema erledigt. Beim Zoll läuft es ähnlich, seltsam geschmeidig ab. In einer großen Halle stehen zwei kleine Schreibtische voller dicker Bücher, dahinter zwei nette Herren, die sich um die Fahrzeugpapiere kümmern. Daten werden für die hiesigen Verhältnisse flott eingetragen, der Stempel erfolgt jedoch extra an einem richtigen Schalter, an den sich alle anderen LKW-Fahrer auch quetschen. Aufgrund der Treibstoffkrise ist es aber nicht im geringsten so voll wie sonst. Trotzdem quetschen und drängeln alle, das ist wohl Usus unter LKW-Fahrern weltweit. Hinter einer Fensterscheibe schieben sich die dort sitzenden Herren die Zuständigkeiten gegenseitig hin und her, wer wen hier abstempelt will/möchte/soll. Thomas meckert, rumms … Bürokratisch wichtige Nummern am Fahrzeug oder das Fahrzeug selbst spielen heute einmal keine Rolle. Nach 20 Minuten heißt es Adieu Nepal … Leider haben wir dich zu einer schlechten Zeit kennengelernt. Vielleicht ein anderes Mal … mit dem Rucksack … oder so. Namaste.

Indien wie man's kennt

Indien wie man’s kennt

So. Und jetzt Indien. Da müssen wir uns erst einmal wieder zwischen die Fußgänger, Rikschas, PKWs und LKWs schieben, um an das Zollgebäude zu gelangen und parken direkt davor, auf der eh schon halb gefüllten Straße. Nun müssen sich alle an uns vorbei quetschen, was soll’s, da müssen jetzt alle durch, im wahrsten Sinne des Wortes. Im Vergleich zu allen anderen Grenzen können wir das Carnét noch vor der Passkontrolle abstempeln lassen. Wie soll das auch anders gehen, denn es grenzt schon an ein Wunder, wie man mit dem Auto vorher zum Immigration Office fahren soll. Da liegen 50 Meter verstopfte Straße zwischen uns, inklusive Shops und dubiose Arztpraxen für Furunkel und Hämorriden am Popo plus den oben beschriebenen Verkehrsteilnehmern. Das Carnét wird auch hier problemlos abgestempelt, keine Fragen, keine Kontrolle, alles easy.

Wie gesagt, 50 Meter weiter, auf der rechten Straßenseite von Nepal kommend und mit einem winzigen Schild gekennzeichnet, entdecken wir die grüne Einfahrt zum Immigration Office. Das Gebäude liegt 100 Meter von der Straße entfernt, schön ruhig und grün, vom schrecklichen Staub und Mief der indischen Realität abgeschirmt. Auch sind alle Mitarbeiter sehr freundlich. Wir bekommen eine simple Immigrationskarte in die Hand gedrückt, füllen diese aus, geben sie wieder zurück und dürfen einer nach dem anderen zu einem Schalter, an dem lässig die Pässe gescannt und abgestempelt werden. Wir sind sehr erstaunt, dass hier die Stapel an Listenbüchern fehlen! Alles mit einem Schritt erledigt, Indien macht Fortschritte!

Das war’s … am 23. November sind wir drin. Schon wieder dieses verrückte Land mit den großen braunen Glupschaugen. Wir können es kaum erwarten …

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.