12.3 BHAKTAPUR und so weiter

Das Lichterfest ist in vollem Gange, als wir am 11. November von Kathmandu nach Bhaktapur aufbrechen. In ganz Indien und Nepal heißt es Diwali und ist dem Sieg des Lichts über die Dunkelheit, dem Sieg des Guten über das Böse gewidmet. In Nepal dauert es über fünf Tage und jeder Tag hat seine eigene Bedeutung in den Feierlichkeiten, wobei der dritte den Höhepunkt darstellt. Unter anderen Umständen gäbe es an den Abenden Feuerwerk und Rambazamba an jeder Hausecke. Doch zum Einen hat die Regierung dieses Jahr ein Verbot für jegliche, kreativ lautstarke Ansammlung von Menschen nach 20 Uhr verhängt. Zum Anderen können die Nepalesen aufgrund mangelnden Treibstoffs ihre Familienangehörigen nicht wie üblich besuchen. Also bleibt es auch am dritten Tag unverhältnismäßig ruhig. Kein Feuerwerk, kein Chinaböllergeknatter, kaum Musik, dafür unendlich viele Kerzenlichter.

BHAKTAPUR

Taumadhi Square am Abend

Taumadhi Square am Abend

Der Eintrittspreis über 1500 Rupien, also 15 US Dollar, für ein marodes Stadtzentrum, das seit 1979 zum Weltkulturerbe zählt, lässt uns in Ohnmacht fallen. Dafür darf man als sich reicher Ausländer den Zerfall uralter Tempel und Stadthäuser für sieben Tage geben, aber wer macht das schon? Die Diskussion über unterschiedliche Preisspannen für Nationalbürger und westliche Touristen sind wir schon Leid, doch manchmal steigt der Puls dann doch etwas mehr als man möchte, weil man weiß, Zuhause und im reichen Europa braucht niemand so eine unerhörte Summe für eine Innenstadt zu bezahlen. Und … es weiß ja doch niemand, wohin das Geld tatsächlich fließt. Schließlich könnte man annehmen, dass bei solchen Summen und den üblichen Zahlen der Touristen, die Bhaktapur besuchen, das kulturelle Erbe nach all den Jahren “wie geleckt” aussehe, was aber zugegebener Maßen nicht zutrifft. Ja, ja … schon gut, schon gut, wir bezahlen, es geht weiter, schließlich sind wir ja nur einmal hier …

DSC_0004_blog

Tagsüber lassen wir also die nach dem Erdbeben verbliebenen Tempel und das, was von der magischen Atmosphäre der Altstadt noch übrig ist, auf uns wirken. In Kathmandu hatte uns jemand erzählt, dass circa 40 Prozent der alten Anlagen eingestürzt sind. Fast alle Wohnhäuser im alten Baustil werden mit Holzbalken nach außen abgestützt. Von allen Plätzen hat es den Durbar Square am schwersten getroffen. Manche Tempel sind völlig zusammengefallen, ihre Sockel sind die letzten Überreste. Materialien sind wie in Kathmandu auch hier schon sortiert und für die Restauration aufgestapelt worden. Nun warten alle auf ein Zeichen der Regierung. Auf dem Platz betreibt eine US amerikanische Universität archäologische Ausgrabungen und eine junge Forscherin befragt die Touristen, ob die Erdbeben in irgendeiner Form deren Reiseverhalten beeinflusst hätten. Wir sind natürlich auch mit dabei, doch uns trifft viel mehr die Treibstoffkrise als die Erdbeben, die ja nun mal zur Region dazugehören. Deshalb bleibt es für uns bei einem Besuch in Bhaktapur und Nagarkot, anstatt in das 200 Kilometer entfernte Pokhara zu fahren, um den Annapurna zu sehen. Thomas’ Herz blutet deshalb immer noch. Die junge Forscherin erzählt uns, dass die finanziellen Mittel von 4,3 Milliarden US Dollar in einen extra dafür bereitgestellten Fond gewandert sind, den die Regierung erst nutzen kann, sobald ein Masterplan für den Wiederaufbau und die Koordination dessen vorliegen.

Baustopp nach den Erdbeben

Baustopp nach den Erdbeben

Dabei stellt sich die Frage, in welchem Stil das ein oder andere historische Gebäude restauriert werden soll. So etwas wie Richtlinien für die Wiederherstelung denkmalgeschützter Anlagen wie in unserem gut geregelten Deutschland gibt es hier nicht. Wie also soll ein Gebäude später aussehen, wenn es in den 30ern schon ein Mal aufgrund von Erdbeben zusammengestürzt ist und es in einem mehr oder weniger moderneren Stil der damaligen Zeit hergerichtet wurde? Fängt man jetzt mit dem ganz ursprünglichen wieder an oder nimmt den Baustil kurz vor den aktuellen Erdbeben zum Vorbild oder ganz etwas Neues? Es gibt noch viele weitere Fragen, um die sich Nepal bislang nicht geschert hat, die aber so dringend beantwortet werden müssen, damit es mit dem Wiederaufbau weitergeht. Die Leidtragenden sind die einfachen Menschen, deren Wohnhäuser zusammengebrochen oder vom Einsturz gefährdet sind. Auch sie dürfen aufgrund dieser Unklarheiten nicht weiterbauen, auch wenn jede Familie über die vergangenen Monate dafür Geld zusammengekratzt hat. Der Wiederaufbau birgt zwar große Chancen für das Land, doch wäre alles nicht so elendig langsam und die Regierung nicht so sehr mit sich selbst beschäftigt …

DSC_0047_blogAbends bleiben wir am Pottery Square hängen, auf dem in der Mitte ein kleiner Tempel steht. Frauen und Kinder beginnen ab Einbruch der Dunkelheit kleine Kerzenlichter anzuzünden und vor ihre Eingänge und in die Tempel zu stellen. Heute wird die Göttin Lakshmi verehrt, die dem Glauben nach nicht nur für Liebe und Gesundheit sorgt, sondern auch für Glück, Wohlstand und Reichtum. Mit den Lichtern wird sie in die Häuser gebeten, die extra für sie aufgeräumt und gesäubert wurden. Es ist eine herrlich ruhige und magische Atmosphäre, die uns ein wenig an die nahende Adventszeit Zuhause erinnert. Der Platz ist umgeben von hohen Backsteingebäuden, die Hälfte davon eingestürzt oder mit starken Rissen durchsetzt. Ein junger Mann von den umliegenden Verkaufsständen spricht uns an und erzählt uns seine Situation mit dem Haus links neben uns, in dem seine Familie nicht mehr wohnen kann. Er schläft seit den Erdbeben immer draußen, unter seinem Verkaufsstand, der Rest der Familie ist bei Verwandten auf dem Land untergekommen. Geld ist da, um das Haus zu renovieren. Doch die Regierung hat dem einen Riegel vorgesetzt, denn es muss erst festgelegt werden, in welchem Stil gebaut werden darf. Das dauert schon ein halbes Jahr. Jetzt steht der Winter vor der Tür. Neben seinem kaputten Haus steht ein Neues. Dort oben auf dem Dach eröffnet heute sein Freund und Nachbar ein Restaurant, erzählt er, möglicherweise mit kostenlosem BBQ zur Feier des Tages. Ob wir nicht mal hochgucken wollen? Die Nachbarn hätten seine Familie so gut unterstützt, da muss er jetzt für sie die Werbetrommel rühren. Das lässt sich Thomas nicht zweimal sagen!

BBQ à la nepalese cuisine

BBQ à la nepalese cuisine

Es gibt gutes Bier mit dem Namen KATHMANDU (das wohl Beste, das uns in Nepal die Gurgel runter lief!) und der Grill mit saftigem Büffelfleisch wird gerade angefeuert. Man darf nur nicht zu genau auf die Blasmethode mit dem elektrischen Ventilator achten … funktioniert 100%, wenn Strom da und der eigene Atem schon zu schwach ist. Wir sind umzingelt von jungen Mitzwanzigern, fast ausschließlich Pärchen in der Kombination “junge, aufgeschlossene Ausländerin sucht coolen Nepalesen”, die sich heute Abend im romantischen Kerzenlicht und mit Blick auf die Skyline von Bhaktapur die Kante geben. Irgendwie fühlen wir uns ein bisschen wie Oldies … und genießen kichernd feinstes Büffelfleisch mit wabbeliger Speckschwarte.

NAGARKOT

Wir stromern noch einen weiteren Tag durch die Tempelstadt, doch vergesse ich meinen Pullover einzustecken. Abends wird es so kühl, dass ich Thomas’ Pullover bekomme und Thomas freiwillig friert und folglich später krank wird, mit richtig dicker Schnodder und Husten und was sonst noch dazu gehört. Das erste Mal auf dieser Reise! Ab sofort habe ich Verbot aus derselben Trinkflasche zu trinken. Doch großkotzig wie ich manchmal bin, halte mich nicht daran und erhalte eine Woche später die volle Dröhnung. Nach zwei Tagen Bhaktapur fahren wir in das 10 Kilometer entfernte und 1000 Meter höhere Nagarkot, um mit etwas Glück einen Blick auf die weißen Zipfelmützen des hohen Himalayas zu werfen. Wir folgen den Koordinatenangaben der Glaarksens (herzlichen Dank!) zu einem kleinen Aussichtspunkt etwas südlich von Nagarkot (N 27:41.537, E 85:27.606).

Eieiei ... wer ist denn da?

Eieiei … wer ist denn da?

Es gibt einige Restaurants hier oben, eine Toilette, etwas Internet und viel frische Luft. Was wollen wir mehr. Wir bleiben drei Tage hier oben und erhalten an jedem viel neugierigen Besuch, von Sonnenauf- (wegen der Aussicht auf die Berge) bis zum Sonnenuntergang (wegen der Aussicht auf die Berge), denn sonst wären ja auch nicht so viele Restaurants, Toilette und Internet vorhanden. Es werden Selfies geschossen (meist ohne uns), gegrinst, am Wagen geruckelt  wie getatscht und stets die gleichen Fragen gestellt: Woher kommt ihr? Ist das euer Auto? Was ist das für ein Auto? Wie lange seid ihr unterwegs? Wie viele Länder habt ihr durchfahren? Wie viel kostet das Auto? … Ein tolles Auto habt ihr!

Aussicht auf den Himalaya ...

Aussicht auf den Himalaya … vielleicht ist das auch schon China … ?

Die Aussicht auf die Berge hält sich allerdings in Grenzen, denn allmählich hält das typische Winterwetter für diese Region Einzug: Nebel- und Wolkendunst soweit das Auge reicht, von oben bis unten, von links nach rechts. Lediglich am Sonntagmorgen ist die Luft gerade so klar, dass die messerscharfen Zähne der Gipfel über den Dunst hinausragen und wir so klar wie nur möglich den Langtang Lirung (7234 m), nebst Mitstreitern aus der 7000er Ecke sehen können. Schweren Herzens begeben wir uns montagfrüh wieder in den staubigen Kessel von Kathmandu, um zu allererst das Visum für Myanmar in der Botschaft (N 27.656816, E 85.306103) zu beantragen. Das geht recht flott, doch statt Dienstag können wir es erst am Mittwoch abholen, denn wieder liegt ein Feiertag dazwischen. Sagt mal, können wir nicht auch so viele Feiertage in Deutschland haben? Also genießen wir die letzten Tage im Staub und mit Hunden bei Irvine. Seine Werkstatt war vor geraumer Zeit der Overlander Treff in Kathmandu schlechthin. Wir kennen Fotos aus Reiseblogs, auf denen vier bis fünf Überlandfahrzeuge zu sehen sind. Doch seit den Erdbeben und der Treibstoffkrise kommt niemand mehr hierher und es gibt auch keine Aufträge. Das Gelände hat Irvine gemietet, jeden Monat ohne Arbeit verliert er 1000 US Dollar an den Eigentümer. Die Testfahrt nach Bhaktapur war für uns erfolgreich. Alles hielt, was es versprach. Die Hupe ist der Oberkracher, schön laut wie ein schrilles Wildpferd, dass jeder schon von Weitem hört. Wir hätten sogar eine von diesen Acht-Oktaven-Morsezeichen-Tröten haben können, doch damit hätten selbst unsere Ohren im Auto geklingelt. Was der TÜV wohl künftig davon gehalten hätte, wollen wir lieber auch nicht wissen.

Hundeparadies bei Irvine

Hundeparadies bei Irvine

Wir haben außerdem Hoffnung, dass der Poly Switch, der bei der Kühlbox kaputt gegangen ist und uns so viele Probleme bereitet und den Irvine für uns über das Internet bestellt hat, mit der Post noch rechtzeitig eintrudelt. Aber wir haben es ja mit der nepalesischen Post zu tun … da geht auch mal schnell etwas flöten und taucht zwei Monate später erst wieder auf. Deshalb gibt es keinen Poly Switch am Mittwoch, dafür aber das myanmarische Visum. Am 18. November sind wir startklar für die finale Abreise aus Kathmandu! Endlich!!! Doch wären im Südosten des Terai keine andauernden Bhands, könnten wir der Tour wesentlich gelassener entgegen sehen. Seit Monaten blockieren die Madhesis einen Teil des Highways in dieser Region, weil sie mit der neuen Landesverfassung, die die Regierung in Kraft setzen will, nicht zufrieden sind und sich in ihren Rechten diskriminiert sehen. Diese Unzufriedenheit artet in Nepal immer in irgendwelchen Bhands aus, in denen die Leute mal so richtig durchdrehen und diejenigen mit Steinwurf und Schüssen bestrafen, die sich eine Straßenblockade nicht leisten können und wollen. Von den Aussies wissen wir, dass uns eine Nachtfahrt innerhalb eines chaotischen Konvois aus Bussen, LKWs, Transportern und PKWs bevorsteht. Die Aussichten auf den letzten Tag in Nepal sind daher nicht so rosig.

Stellplatz für zwei Tage am Fluss Sun Kosi

Stellplatz für zwei Tage am Fluss Sun Kosi – definitiv nicht Diebstahl sicher

Doch zunächst folgen wir am 18. November den Koordinatenangaben der Aussies zu einem herrlichen Stellplatz am Fluss Sun Kosi (N 27.435922, E 85.829265), entlang der neuen Straße, die über Dhulikhel nach Bardibas führt, an dem wir gleich zwei Tage bleiben. Von Kathmandu, Krankheit und Schleimklöpsen im Hals müssen wir uns auch erst einmal erholen. Es bleibt Zeit für Wäsche waschen, Schreiben, Erzählen, Lagerfeuer und in Ruhe Kochen. Kaum jemand stört uns. Ein paar Fischer rudern in großen Reifenschläuchen vorbei, die ein oder andere Bauersfrau begrüßt uns erstaunt und fünf junge Typen, die ihrem Aussehen nach aus der Großstadt kommen könnten, aber nicht zu Fuß zwischen Maisfeldern aus einem anderen Dorf. Und da geschieht es. Zwei Stunden später in der Dämmerung, hinter unserem Auto und während wir kochen: unser Tablet und Navigator wechselt lautlos und ungesehen den Besitzer, und der kleine USB Stick mit all unserer Musik auch. Leichenblass suchen wir alles um das Auto ab, versuchen die Fußspuren im Sand zu ergründen, die wir aber schon längst selbst verwischt haben und gehen alle Menschen durch, die uns heute begegnet sind. Takhi wird dreimal auseinander genommen, denn wir haben ihm zu allem Überfluss morgens eine Komplettreinigung verabreicht und alle Dinge aus- und wieder eingeräumt. Da kann ja auch mal was woanders liegen … Doch vergebens. Wir müssen uns eingestehen, dass wir zum ersten Mal blauäugig alle Türen in der Dunkelheit nicht abgeschlossen haben, nichts gehört haben und weiter entfernt saßen, um überhaupt etwas zu hören. Wir wurden bestohlen und dieses Gefühl ist wahrlich kein Angenehmes. Ich versuche Thomas zu beruhigen, denn es hätte viel mehr und schlimmer sein können. Das Wichtigste, Ausweise, Geld und Kreditkarten sind schließlich noch da. Am nächsten Morgen fahren wir in das nahegelegene Dorf, direkt hinter der Flusskurve. Dort gibt es zufällig einen deutschsprechenden Nepalesen namens “Mega” – toller Name – der uns sofort beim Übersetzen mit der Polizei und Dorfbewohnern behilflich ist. Neugierig fragen wir ihn, weshalb er Deutsch sprechen kann. Da erzählt er, dass er vor Jahren aus Nepal nach Deutschland geflüchtet ist und in Frankfurt für mehrere Jahre illegal in einer Fabrik für einen sehr geringen Lohn gearbeitet hat. Er bekam keine Arbeitsbewilligung, die Arbeitsbedingungen waren menschenunwürdig. So ist er wenig später nach Spanien aufgebrochen und bekam sofort eine Arbeitserlaubnis. Nun lebt er auf Mallorca, betreibt dort einen Souvenirladen direkt an der Strandpromenade, mit Blick auf die nackten Brüste junger Mädels. So so. Wir lachen schallend! Jetzt hat er Urlaub und sieht nach dem Rechten in seinem Heimatdorf. Das war mal eine Flüchtlingsgeschichte zum Lernen … angesichts des aktuellen Themas in Europa! Die Geschichte vom Diebstahl macht durch Mega tagsüber seine Runde, angeblich sogar bis ans andere Flussufer. Wir bieten Geld für die Rückgabe des alten Gerätes, doch niemand weiß etwas oder will etwas wissen. Unweigerlich müssen wir ohne Navigator weiterfahren, doch nicht nur das, all die Bilder, Dokumente und Infos, die wir auf dem Gerät gesammelt haben, sind alle futsch.

Typisch nepalesische Landidylle

Typisch nepalesische Landidylle

Mit oberflächlicher Papierkarte machen wir uns auf zur Grenze. Gott sei Dank gibt es nur eine Straße und, so sagen wir es uns, sind alle Hippies früher auch nur mit Papierkarten rumgefahren. Kriegen wir also auch hin. Je näher wir Bardibas kommen, desto feuchter und wärmer wird die Luft. In den kleinen Dörfern versucht Thomas Light Zigaretten zu kaufen. Den hübschen nepalesischen Mädels in ihren wackeligen Holzbüdchen mit vielerlei Produkten fallen die Augen angesichts des blondbärtigen Aliens heraus. Light Zigaretten? Keine Spur. Nachmittags beschließen wir, die Nacht vom 21. auf den 22. November in einem versteckten Flussbett zu verbringen, bevor es endgültig auf den gefährlichen Teil der Strecke zu geht. Die Nacht wird lauschig und friedlich. Vereinzelt donnert ein LKW oder ein Bus mit kreischenden und johlenden Nepalesen auf dem Dach vorbei, die sich offenbar einen Gaudi aus der misslichen Lage durch den Treibstoffmangel machen. Jedenfalls schallt noch lange und in weiter Ferne das jubelnde Gelächter von den Ladeflächen der LKWs durch den Tropenwald. Könnten wir missliche Lagen nicht auch in Deutschland so meistern?

Stellplatz im Flussbett

Lauschiger Stellplatz im Flussbett in „Tropical Heat“

Am nächsten Morgen stehen wir kurz vor Dhalkebar an der Straßensperre, vor der wir von den Aussies bereits gewarnt wurden. In einem Kilometer langen Korridor aus bunten  LKWs und Überlandbussen kommt schon der Militärfutzi mit Schutzweste, Gewehr und Funke auf uns zu und verbietet uns durchzufahren. Wir sollen bitteschön einen anderen Grenzübergang nehmen, zum Beispiel den bei Janakpur etwas weiter südlich von hier. Nein, erklären wir ihm, wir wollen hier entlang, gerne auch in einem Konvoi, und nachts, wenn das möglich wäre. Der Offizier telefoniert und funkt minutenlang hin und her. Schließlich wechselt seine Meinung von der Ablehnung unseres Vorhabens bis zur zähneknirschenden Bewilligung, dass wir bis heute Nacht hier warten sollen – wie alle anderen. Er zeigt uns, wo wir uns abstellen dürfen, direkt neben alle anderen PKWs und Kleinbusse, in denen alle Insassen seit mehreren Tagen schon darauf warten, dass der Startschuss für die verrückte Konvoifahrt freigegeben wird. Gerade letzte Nacht haben sie zwei Nepalesen erschossen, erzählt man uns. Das braucht wohl noch bis zur Freigabe und kann Tage dauern. Au weia.

Ein Korridor aus Bussen und Trucks ... tagelanges Warten auf die Weiterfahrt

Ein kilometerlanger Korridor aus Trucks … tagelanges Warten auf die Weiterfahrt am Militärstützpunkt kurz hinter Bardibas

Während ich mich in Thomas’ Erkältungsbakterien wälze, kümmert er sich liebevoll um Haus und Hof und um die neugierigen Blicke der Nachbarn. Privatsphäre gibt es in Ländern wie Nepal oder Indien nicht, aber irgendwann ist auch mal Schluss mit dem Geglotze. Stuhl und Zurrgurt dienen als Abstandshalter und der Begrenzung unseres ein Quadratmeter großen Grundstücks. Gekocht wird trotzdem im Freien, was nicht nur Begeisterung bei den indischen Frauen auslöst, allen voran der Benzinkocher ist der Hingucker schlechthin. Wieder muss Thomas Fragen wie in einem Kreuzverhör beantworten: Woher kommst du? Was machst du? Wohin willst du? Ist das dein Auto? Nee, ist gestohlen … Zwischendurch suchen wir nach einem Mittagessen, doch nach 12 Uhr geht nichts mehr im ländlichen Nepal. Alle haben schon fertig, was bleibt, ist eine wackelige Bruchbude, in der Mutti noch eine Miniportion feurige Chowmein zaubert, die uns wie immer den Atem nehmen.

Markierung unseres Grundstücks

Markierung unserer Privatsphäre

So vergehen 16 staubig heiße Stunden, in guter Hoffnung, dass 24 Uhr die Freigabe erfolgt. Je näher Mitternacht heranrückt, umso stärker brodelt die Gerüchteküche. Erst sollen heute nur LKWs fahren, dann doch wieder nur PKWs. Sowohl das eine, als auch das andere wäre unter geregelten Umständen möglich. Doch wir sind in Nepal, in einem Land mit ungeregelten Umständen, in einer Region, in der nicht jeder dann fahren kann, wann er will und wenn, dann mit der Angst, mit einem Trümmerhaufen am anderen Ende der Fahrt herauszukommen. So auch wir! Sobald die Barrikaden hochgehen, wird Chaos ausbrechen. Alle werden los fahren. Ganz bestimmt nicht der Reihe nach. Ob das Militär will oder nicht.

2:30 uhr nachts heißt es endlich: HOCH DIE TASSEN, ES GEHT LOS!

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.