12.2 KATHMANDU

Zweieinhalb Wochen Kathmandu, davon fast zwei Wochen auf Irvines staubigem Werkstatthof in Patan, was kann es Schöneres geben? Die Probleme am Auto werden noch am selben Tag mit Irvine besprochen und analysiert, sogar der elektronische Fehler der Kühlbox, der uns seit Almaty nicht verlassen hat, wird diskutiert … Lösungen könnten zügig gefunden werden, wenn wir … ja, wenn wir nicht in Nepal wären. Einer unserer Drehstäbe ist auf der Fahrt hierher gebrochen, beide wollen wir ersetzen. Neben der Schnatterinchenhupe, der wackelnden Lenkung, einer gebrochenen Auspuffhalterung und einer undichten Ventildeckeldichtung ist ersteres das größte Problem.

Irvines Werkstattgelände

Irvines Werkstattgelände

Wo Teile herbekommen? Angesichts mangelnder Ersatzteillager und mangelnden Treibstoffs müssen wir alle genau überlegen, welches Teil exakt gebraucht wird, wo es sich befindet und ob es von dort gleich gekauft werden kann, damit der verfahrene Liter Sprit nicht umsonst war. Und das dauert. Bei den Australiern ist der zweite Tank hinüber, da der Diesel aus den bunten Kanistern in Bhairahawa mit Öl gestreckt war. Der kostbare Stoff musste bei Toyota komplett abgelassen werden. Jetzt müssen auch sie auf die Tachonadel bei der Ausreise achten. Über das Wochenende ist ohnehin nicht viel los, erzählt uns Irvine, Samstag hätten die Werkstattbuden geschlossen, deshalb könne er sowieso nur im Internet nach Ersatzteilen recherchieren. Also machen wir uns für die letzten gemeinsamen Tage auf nach Thamel für eine zweitägige Touri-Runde.

Verkäuferin für Taubenfutter am Durbar Square

Verkäuferin für Taubenfutter am Durbar Square

Lisa und Darren kennen zwar schon alles, doch rechnen wir alle mit großen Veränderungen nach den Erdbeben im April und Mai diesen Jahres. Die Gässchen in Thamel sehen alle samt gleich aus, gleich eng, gleiche Läden, gleiche Produkte … same same, but different … Trekkingklamotten, Rucksäcke, Schals aus Kaschmirwolle und Klangschalen so weit das Auge reicht. Waren im Überfluss, wer soll das bloß alles verkonsumieren? Wenige Touristen sind unterwegs, die Läden und Restaurants meist leer. Nach einer halben Stunde können wir es nicht mehr sehen. Der klassische Nepalsong “Om mani padme hum” nebst Räucherstäbchenduft hängt uns bereits jetzt aus Ohren und Nasen heraus. Das Ausmaß des Schreckens hält sich auf dem Durbar Square mehr in Grenzen, als die Medien es uns weismachen wollten.

In den Hinterhöfen ...

In den Hinterhöfen …

Natürlich ist das meiste aufgeräumt, Materialien sind sortiert und gestapelt, bereit für den Wiederaufbau, der wohl noch eine Weile auf sich warten lässt. Einige Gebäude werden mit Holzbalken vor dem Einsturz gesichert, einige Tempel sind komplett zusammengefallen, andere wiederum zeigen tiefe Risse in ihren Backsteinfassaden, das uralte, kunstvoll geschnitzte Holz der Dachkonstruktionen liegt entweder wohl sortiert bereit oder wird heimlich aufgrund der Treibstoffkrise unter dem dampfenden Chai-Kessel verfeuert. Was für eine kulturelle Schande, könnte man denken, doch ist es eigentlich bloß traurig, dass die Regierung den Menschen die essentiellen Dinge nicht bereitstellen kann. Aufgrund der Krise gibt es nicht mal mehr Gas zum Kochen, die Hälfte der Restaurants hat bereits geschlossen, die anderen arbeiten auf Sparflamme mit Feuerholz und mit einem “No Gas Menü”. Wir fragen uns, wie lange die Lage im Land noch friedlich bleiben mag. Die Menschen sehen es noch gelassen. Was sollen sie auch sonst tun. Das Leben geht weiter.

DSC_9876_blogTrotz allem gibt es zwischendurch immer noch ein klein wenig Magie, ein bisschen Zauber aus vergangenen Zeiten, ganz besonders in den versteckten Hinterhöfen, in denen kleine Tempel oder Stupas stehen, deren zugehörige Gottheit die Nepalesen in irgendeiner Form verehren. Auch wenn die engen Gassen vollgestopft sind mit Obst und Gemüse, Eisenwaren, Küchenwaren, Klamotten, Stoffen, Motorrädern, Rikschas und Menschen, zu fotografieren gibt es immer irgend etwas, und sei es bloß eine profane Alltagssituation wie der Einkauf von Äpfeln.

Einkauf von Äpfeln

Einkauf von Äpfeln

Dem Wahrzeichen von Kathmandu, die große Bhodnath Stupa, fehlt das beste Stück. Keine Fahnen, kein Buddhagesicht, bloß der blanke Hügel und sonst nichts. Für die Australier ein Jammer, wir ernten Mitleid von ihnen, doch was der Bauer nicht kennt … Die Bevölkerung trifft es härter als uns Touristen, das muss man so klar sagen. Wir umkreisen den verbliebenen Sockel der Stupa, genießen ein No-Gas-Menü aus Momos (dampfgegarte Teigtaschen) und Thukpa (Tibetische Nudelsuppe) und lassen uns durch Zufall bis zum Shechen Kloster treiben. Auf dem Gelände liegen Schutt und Baumaterialien, die große Klosterhalle ist leer und muss seit dem Erdbeben innen durch hässliche Betonpfeiler gestützt werden. So geht es vielen Gebäuden. Alle warten auf die Bereitstellung der finanziellen Mittel für den Wiederaufbau. Doch die Regierung tut sich schwer, einen Verantwortlichen für diese Aufgabe bereitzustellen. Das dauert also noch.

Die Bodnath Stupa nach den Erdbeben und Aufräumarbeiten

Die Bodnath Stupa nach den Erdbeben und Aufräumarbeiten

Gerüst am Shechen Kloster

Wiederaufbauarbeiten am Shechen Kloster

In den zwei Tagen wechseln wir zweimal den Stellplatz im Stadtzentrum. Zunächst parken wir auf dem öffentlichen Parkplatz neben dem Nepal Scout Head Quarter (N 27.717635, E 85.315706), doch der hat keine Toilette und seine Notdurft auf öffentlichem Gelände zu verrichten, beschämt uns alle irgendwie, schließlich haben wir ja von den Schulbussen gelernt, das man das nicht darf. Thomas findet im Internet einen Hinweis aus einem anderen Reiseblog, den Garten des Maya Guesthouses (N 27.720964, E 85.366006, dort nachfragen!) nutzen zu können, dass sich im Viertel der Bodnath Stupa befindet. Für eine Nacht dürfen wir dort sogar bleiben, inklusive Dusche und Toilette. Hier soll auch irgendwann ein schickes Guesthouse fertig werden, der Rohbau steht schon, der Garten ist schon fertig … mit englischem Rasen und Blumenbeeten. Für den Anblick sollen wir 10 Dollar pro Fahrzeug hinblättern. Na ja, was tut man nicht alles für die letzte gemeinsame Nacht …

Exquisite Ausblick auf KTMs Skyline bei Nacht

Exquisiter Ausblick auf KTMs Skyline bei Nacht

Montag ist Abreisetag. Wir verabreden uns für den frühen Nachmittag auf Irvines Gelände. Darren und Lisa müssen ihr Visum für Myanmar bei der Botschaft abholen, wir beantragen vormittags ein neues indisches Visum, was tatsächlich den ganzen Vormittag dauert. Dann ist große Verabschiedung, tränenreich wie beim letzten Mal in Karimabad, Pakistan. Knapp drei Monate lang haben wir 24 Stunden aufeinander gehockt, haben in dieser Zeit gemeinsam sechs Länder durchfahren, haben zusammen fast 90 Tage gekocht, gelacht und über Gott und die Welt erzählt. Aus Reisegefährten sind richtig gute Freunde geworden. Vielen Dank für diese wundervolle Zeit mit euch, es war wunderschön!

Jeden Tag aufs Neue werden die Waren aus- und wieder eingepackt

Jeden Tag aufs Neue werden die Waren aus- und wieder eingepackt

Einsam parken wir von da an auf Irvines Werkstatthof (ungefähr hier: N 27.661846, E 85.327847), wartend und suchend nach Lösungen für den gebrochenen Drehstab. Erst nach mehreren Tagen stellt sich heraus, dass unser Drehstab von der originalen Länge von 95 cm abweicht und wir damit Probleme haben, überhaupt einen in Kathmandu zu finden. Ersatzteile aus dem Ausland bestellen? Uns schwant Übles. Die Kollegen beim nepalesischen Zollamt reiben sich schon die Hände. Für die lange Wartezeit bei Irvine gibt es immerhin eine Toilette auf dessen Gelände, und sogar eine Dusche, die Hoffnungen weckt.

Die Werkstatttoilette ... leider meist trocken

Die Werkstatttoilette … leider meist trocken

Tatsächlich könnte das Leben wesentlich erträglicher sein, würde der Brunnen, aus dem das Grundwasser für die Spülung gepumpt wird, seit den schweren Erdbeben nicht jeden Tag wieder leer laufen. Also kein Wasser für die Dusche, nur manchmal in der Toilette … wenn wir Glück haben. Ein lustiges Hundequartett tröstet über die missliche Lage und die sich wie Kaaaauuuuuuguuuuuuuuuummiiii aaaaaaaaaaausdeeeehhnendeeeen Stuuuuundeeeeen hinweg, die wir auf den Ersatz der dringend benötigten Drehstäbe warten oder Berichte schreiben. Mala ist hier der weibliche Boss, von Haus aus dazu verpflichtet, jeden Winkel des kontaminierten Grundstücks gegen fremde Vier- und Zweibeiner zu verteidigen. Zwei Rüden durften bleiben, während eine kleine, schwarze Hündin mit den traurigsten Augen der Welt gerade um ihr Daseinsrecht kämpft. Irvine will sie behalten, Mala muss sich also fügen. Toastbrot, Kekse und Essensreste werden von uns ab jetzt in gleiche kleine Brocken für alle Hunde verteilt, doch die kleine, dünne Schwarze bekommt das meiste. Mit jedem Tag wird sie selbstbewusster. Morgens und abends habe ich eine glückliche, vierbeinige Begleitung bis zur Toilette. Thomas ist neidisch.

Trotz Wohlfühleffekt müssen alle Hunde bei uns draußen bleiben

Trotz Wohlfühleffekt müssen alle Hunde (hier: Mala) bei uns draußen bleiben

Es dauert eine ganze Woche, bis wir uns entschließen, doch die 95 cm langen Drehstäbe zu kaufen und einbauen zu lassen, anstatt 107 cm lange (die zur Zeit bei uns verbaut sind) aus dem Ausland einfliegen zu lassen. Wenigstens hat Takhi in der Zwischenzeit eine neue lautstarke Hupe erhalten, das Kreuzgelenk für die Lenkung ist auch schon drin, sowie der ganze Rest, den Thomas erledigen wollte. Doch nach sechs Tagen reicht uns der Staub und Dreck auf dem Gelände. Für vier Tage beziehen wir Quartier im Friendly Home Guesthouse (10 US Dollar / Nacht) in der Innenstadt, relativ nahe der indischen Botschaft, um das Visum nach insgesamt sechs Tagen Bearbeitungszeit abzuholen. Viel Zeit also für echten Kaffee, echte Supermärkte, Zeitung lesen und No Gas Menüs.

Affenzirkus am Affentempel

Affenzirkus am Swayambunath Tempel (auch Monkey Temple genannt)

Noch einmal sehen wir uns das Treiben um den Durbar Square an, gehen zum Swayambunath Tempel und entdecken dabei noch viel schönere, kleine Tempel in der Umgebung, aber auch elendig lange Schlangen aus Menschen mit Gasflaschen, die wohl noch tagelang auf einen “Refill” warten müssen. Die Luft schnürt uns im Touristenviertel Thamel nicht so die Kehle zu wie bei Irvine, doch im Großen und Ganzen macht Kathmandus Luft einfach nur krank. Mein Vater fragt mich während eines Telefonats doch glatt, ob Kathmandu immer noch so stinken würde wie vor 20 Jahren. Lieber Vati, was soll ich dir darauf antworten, denn ich habe ja keinen Vergleich. Doch sei gewiss, es stinkt hier immer noch! Die Luft ist so dreckig, dass in den Atemwegen regelmäßig ein dicker Schleimkloß sitzt und der Staub die Haare zu Stroh verwandelt. Wir sind mittlerweile felsenfest davon überzeugt, das Passivrauchen gesünder sein muss.

Gemütliches Restaurant gezeichnet von den Erdbeben ... wäre in Deutschland längst geschlossen worden

Gemütliches Restaurant gezeichnet von den Erdbeben … wäre in Deutschland längst geschlossen worden

Während der Wartezeit für das indische Visum ist mir entgangen, dass wir in der Zwischenzeit auch schon das Visum für Myanmar hätten beantragen können. Siedend heiß fällt mir ein, dass nächste Woche das Lichterfest Diwali beginnt und somit alle Ämter für fast eine ganze Woche geschlossen sein werden. Falls die Drehstäbe dann schon eingebaut sein sollten heißt es damit: wieder eine Woche warten … ich Döspaddel … es wäre doch ein Leichtes, aus dieser Stadt herauszukommen, aber nein!

Geschunden bis auf die Knochen ... Elche in Kathmandu

Geschunden bis auf die Knochen … Elche in Kathmandu mit ca. 700.000 km auf der Uhr

Am Dienstag stehen wir bei Irvine wieder auf der Matte. Alles ist fertig, die Drehstabe müssen nur noch justiert werden. Das dauert natürlich auch wieder einen halben Tag. Bevor wir aufgrund des myanmarischen Visums noch länger bei Irvine ausharren, beschließen wir ab Mittwoch, über die Feiertage nach Bhaktapur und Nagarkot zu fahren. Eine kurze Testfahrt, ob auch alles hält, was die vergangenen Mühen so versprechen. Dafür wird uns noch frisch gepanschtes Schmuggelbenzin für 3,50 Dollar der Liter besorgt, damit uns ja genügend Sprit für die Ausreise bliebt. Der Benzinfilter freut sich! Die Atemwege auch, denn trotz 80% weniger Verkehr als üblich, genügen schon die aktiven 20%, um schnappatmend das Weite aus der Stadt zu suchen.

Fürs Erste: Schüssss Kathmandu!

Fürs Erste: Schüssss Kathmandu!

1 Kommentar

  1. Matti

    Cry baby, cry baby
    Oh Daddy, like you always saying to do

    And when you walk around the world, babe
    You said you’d try to look for the end of the road
    You might find out later that the road’ll end in Detroit
    Honey, the road’ll even end in Kathmandu

    Cheers
    Matti

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