12.1 WEST NEPAL

Es ist still. Mucksmäuschenstill. Im Vergleich zu Indien herrscht Totenstille auf der Hauptstraße durch Nepal. Aufgrund des dauerhaften, politischen Konflikts zwischen der indischen und der nepalesischen Regierung, weil die einen die neue Verfassung der anderen nicht anerkennen will, gibt es bereits seit mehr als einem Monat kaum noch Treibstoff, weder Benzin, Diesel oder Gas. Unsere Tanks haben wir bereits in Indien gefüllt und das – Gott sei Dank – nicht erst an der letzten Tanke vor der Grenze! Da gab es nämlich nur noch 5 Liter pro Fahrzeug. Was für die Bevölkerung eine doppelte Belastung darstellt – erst die Erdbeben, jetzt der Kraftstoffmangel – ist für uns wiederum gut.  Kein Verkehrschaos, kein Staub in der Luft, kein Getröte von anderen Verkehrsteilnehmern. Wir können das Grün der Bäume endlich riechen, wir können blauen Himmel sehen und ja, es ist so ungewohnt ruhig, dass wir während der Fahrt schon fast das Gras wachsen hören.

Leere Straße und überfüllte Busse

Leere Straße und ein überfüllter Bus

Ziel für die erste nepalesische Nacht ist der Royal Bardia Nationalpark, eines der wenigen dschungelartigen Refugien für wilde Elefanten, Tiger und andere lustige Tiere in der westlichen Tiefebene. Unterwegs erhalten wir positive Segnungen von einem Baba an einem klitzekleinen Krishna Tempel, einen halben Kanister Trinkwasser obendrein und ein paar rote Hakenkreuze mit gelben Punkten auf den Motorhauben. Da kann ja nichts mehr schief gehen!

Sammelsurium an Heiligtümern im Mini-Krishna-Tempel

Sammelsurium an Heiligtümern im Mini-Krishna-Tempel (Vaddern ist o.l. immer mit dabei)

Bis zum Nationalpark bleibt die Straße einsam, traurig, aber wahr, doch irgendwie, und man mag es gar nicht laut zugeben, macht es mal wieder so richtig Spaß bei 80 Sachen AC/DC voll aufgedreht im Auto zu hören! “T.N.T. … I’m dynamite …”

Camp in der Bardia Eco Lodge

Camp in der Bardia Eco Lodge und gesegnete Autos

Für zwei Nächte richten wir uns auf einer kleinen Wiese in der Bardia Eco Lodge ein, 200 Rupien pro Nacht inklusive warmer Dusche. Die Luft duftet nach Wald, es ist feuchtwarm und angenehm ruhig. Das lädt am nächsten Tag zu einer entspannten Safariwanderung ein mit Aussicht auf die großen Wildkatzen und Dickhäuter. Doch bis auf hunderte von Blutegeln, zwei domestizierte Elefanten, einem blinden Rhinozeros und einem wilden Gefecht zwischen Pfau und Adler, sehen wir trotz meditativer Warterei im Gebüsch inmitten schwüler Hitze leider nichts. Das Gras sei zu dieser Jahreszeit schon zu hoch, meint unser Guide, circa 2,50 m, um die Tiere in der Ferne noch gut beobachten zu können. Trotzdem ist es ein herrlicher Spaziergang für uns, eine Pause vom Fahren und vom Getöse und Staub Indiens, mit viel erholsamer Stille in den Ohren.

Eigentlich wollten wir so Tiger finden, begegnen stattdessen Blutegeln

Eigentlich wollten wir so Tiger finden, begegnen stattdessen vielen Blutegeln

So schön sieht's hier aus ... oder so leer ... wer weiß.

So schön sieht’s hier aus … oder so leer … wer weiß.

Zum Trost gibt's dann doch noch das blinde "Hausrhino" zu sehen

Zum Trost gibt’s dann doch noch das blinde „Hausrhino“ zu sehen

Die leeren Straßen nehme ich am übernächsten Tag zum Anlass endlich mal wieder selbst zu fahren … das habe ich seit Russland nicht mehr getan, und es macht saumäßig Spaß! Ja, die Straßen sind leer, die Tankstellen dafür umso voller, die sich 200 Meter vorher durch eine kunterbunte, chaotische Schlange aus Bussen und LKWs ankündigt. Die Tankstelle selbst ist durch das Chaos schon gar nicht mehr zu erkennen. Heimlich schielen wir immer wieder auf unsere Tankanzeige, um uns zu vergewissern, dass die 120 Liter an Benzin auch bitte bis Kathmandu halten möge oder wir zumindest unterwegs Treibstoff finden mögen, aber nicht fünf Tage in so einer chaotischen Schlange ausharren müssen.

Leere Tanks so weit das Auge reicht und das seit drei Monaten

Leere Tanks so weit das Auge reicht und das seit drei Monaten

Immer wieder rechnen wir nach und kontrollieren die Kilometer. Die Aussies kommen mit ihrem 180 L Tank da weniger ins Schwitzen. Mitten auf der Strecke nach Lumbini knallt es plötzlich unter dem Fahrzeug … ein ungewöhnliches Geräusch für ein Schlagloch, das niemand gespürt hat … oder war es ein Reifen??? Die Sache wird von Thomas sofort am Straßenrand unter die Lupe genommen. Nach einigem Geruckel holt er eine gebrochene Eisenstange links unter dem Fahrzeug hervor. Also ehrlich, da fahre ich schon ein Mal in einem halben Jahr … muss da gleich ein Drehstab brechen??? Bin ich jetzt daran Schuld? Auf diese blöde Frage kann ich natürlich nur einen genauso blöden Blick ernten … oh je.

Im Hoppelgang und in leichter Schieflage wie ein nepalesischer Bus geht es mit nur noch 50 kmh weiter. Jede Bodenwelle, jedes Schlagloch spüren wir dreimal deutlicher als bisher … nein wirklich, man kann nicht langsam genug in eines dieser Asphaltlöcher rutschen, um den Nacken vor Erschütterungen zu schonen, doch es tut auch bei 10kmh noch weh. Die Australier halten tapfer zu uns. Ungefedert erreichen wir gegen 6:30 Uhr in stockdusterer Finsternis Lumbini, den Geburtsort Lord Buddhas. Wir füllen unsere Bäuche in einem der vielen menschenleeren Lokale. Kaum Touristen sind unterwegs, wer will  jetzt auch schon nach Nepal, mutmaßen wir, nachdem die Medien und Auswärtige Ämter so viel Angst und Schrecken aufgrund der Erdbeben und des Treibstoffmangels verbreitet haben. Die Touristenorte wirken schon beinah wie Geisterstädte. Es kann einem in der Seele weh tun. Wir parken südlich am Rande der Stadt, auf einer großen Freifläche neben einem großen chinesischen Hotelkomplex. Niemand behelligt uns, bis auf ein heranziehendes Gewitter mit gewaltigen Blitzen, die durch die Nacht zucken, das letzte in diesem Jahr.

... und wenn nur wenige Autos fahren, sieht das so aus ...

… und wenn nur wenige Autos fahren, sieht das so aus …

30 Kilometer weiter östlich liegt Bhairahawa, eine wichtige Grenzstadt zwischen der Hauptstadt Kathmandu und Indien. Die Australier wollen hier eine gute Freundin besuchen, die sie seit drei Jahren nicht mehr gesehen haben, wir hingegen hoffen auf den florierenden Treibstoffschmuggel, um die Benzinkanister aufzufüllen. Es ist immer gut, Freunde in aller Welt zu haben. Lösungen für manche Probleme tun sich da von selbst auf. Sarala ist eine bildhübsche, junge Frau. Sie hat in Kathmandu vor einigen Jahren studiert, doch Perspektiven gibt es trotz Bildungsmöglichkeiten kaum in Nepal. Aus diesem Grunde wollte und musste sie vor drei Jahren nach Hongkong gehen und arbeitete dort für reiche Leute als Haushälterin. Das ist zwar nicht lebenserfüllend, doch zurück kam eine selbstbewusste Großstädterin, die nun ihr neues Glück in Dubai suchen will. Und dieses Lächeln … mein Gott, davon kann sich so manch einer ‘ne Scheibe abschneiden! Nach einem ausgiebigen Mittagessen organisiert sie uns SIM-Karten von Ncell und besorgt uns über mehrere Kontakte flüssigen Diesel und Benzin, so viel wie wir wollen. Wir können es deshalb kaum erwarten zum mysteriösen Schwarzmarkt für Treibstoff aufzubrechen!

Wir erhalten qualitativ hochwertiges Benzin auf demSchwarzmarkt

Wir erhalten qualitativ hochwertiges Benzin auf demSchwarzmarkt

Dort wartet bereits ein zwielichtiger Haufen Männer, die alle irgendetwas wissen oder auf irgendetwas warten (wohl Sprit?) und irgendwen kennen, der was besorgen kann. Es folgen Telefonate, Gespräche, wann wer wohl kommt und wie viele Liter Treibstoff wir denn benötigen würden … und so und so viel kostet der Liter. Wenn man mit allem rechnet in diesen Mangelzeiten, fallen 2,20 US Dollar pro Liter gar nicht so ins Gewicht. Eine Wahl haben wir ohnehin keine, also bitte vollmachen sagen wir, 50 Liter. Die Kanister kommen auf dem Motorrad von irgendwoher, mit Trichter wird befüllt, die Kasse klingelt und natürlich fehlen knapp drei Liter in der gesamten Milchmädchenrechnung. Wie soll’s auf dem Schwarzmarkt auch anders sein. Auch die Australier füllen voll auf, an einem anderen Haus am Straßenrand. Der Nepalese, den wir bezahlen sollen, scheint passend aus einem Mafiosi-Film entsprungen … Fokuhila und Fliegersonnenbrille auf einer John-Lennon-Nase, enge, dunkelblaue Jeanshose, Cowboystiefel und ‘ne Fluppe im Gesicht … wo hat man so einen Vogel in Nepal schon gesehen?

Wir verabreden uns mit den Aussies für den späten Abend, denn sie wollen ihre Freundin mitsamt Familie in der Nähe von Bhairahawa besuchen, wir hingegen müssen im Schnarchnasentempo zusehen, dass wir vor der Dunkelheit einen guten Stellplatz zwischen hier und Kathmandu finden. Per Telefon werden wir die Koordinaten durchgeben, damit sie uns finden, alles klar. Die Landschaft hier im Terai, der warmen Ebene an den Füßen des Himalayas, ist ganz anders als die westliche Region um den Bardia Nationalpark. Viel bewohnter, ausschließlich Landwirtschaft, kleine Reisfelder und Dörfer so weit das Auge reicht. Seit Polen waren wir nicht mehr unterhalb der 300 Höhenmetermarke! Die Städte, durch die wir fahren, sind ein Graus, voller Dreck, Staub und stinkenden Autos, nichts was uns zum Anhalten zwingen könnte. Der Verkehr hat aufgrund zur Nähe Indiens zwar zugenommen, die Tankstellen versinken trotzdem im Chaos der anstehenden Großtransporter. Die, die tatsächlich fahren, sind übervoll mit Menschen, stapelhoch bis auf das Dach gefüllt. In Kathmandu gibt Irvine, der Automechaniker unseres Vertrauens, mit schwermütigem Lächeln zu, dass alle Nepalesen zwar an solche Mängel gewöhnt wären, aber diesmal dauert der Konflikt doch “ein bisschen” länger als üblich. Doch was soll man machen? Das Leben geht ja weiter.

Manches im Gras ist genauso unheimlich wie der Treibstoffmangel

Manches im Gras ist genauso unheimlich wie der Treibstoffmangel

In Richtung Kathmandu windet sich die Straße gen Norden wieder die Hügelketten hinauf. Freie, ebene Flächen ohne Wohnhäuser und Imbissbuden werden zunehmend rar. In der Dämmerung finden wir einen versteckten Platz in einem Wald nahe der Hauptstraße nördlich von Bharatpur und in der Nähe eines Naturreservats. Der Platz ist so gut versteckt, dass selbst die Australier ihn nur bei dreimaligem Hinsehen finden. Perfekt! (N 27.769862, E 84.475189)

Auch am nächsten Morgen fahren wir zu unterschiedlichen Zeiten. Die einen haben es eilig, um noch vor 12 Uhr ein burmesisches Touristvisum in der Botschaft von Myanmar zu beantragen, bevor das Wochenende naht. Die anderen haben einfach einen langsamen Fahrstil. Unvorhergesehene Staus auf der engen Hauptstraße verlangsamen bei beiden Parteien so die Fahrt, dass wir schließlich doch fast gleichzeitig in der staubigen Mechanikerbude von Irvine in Kathmandu eintrudeln. Und die wird leider unfreiwillig zu unserer Basis für zwei geschlagene Wochen.

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