11.4 NACH NEPAL

GANGNANI

Seit fünf Tagen träumen wir von einer richtig guten Dusche. Nicht einmal vor der Wanderung nach Gaumukh gab es einen Tropfen Wasser auf der Haut. Jetzt klebt auch noch jede Menge Schweiß und Staub an ihr, von manchen Körperpartien ganz zu schweigen. Es wird höchste Eisenbahn. Deshalb denken wir an nichts anderes mehr als an die heißen Quellen von Gangnani, etwa 50 Kilometer südlich von Gangotri und quasi auf unserem Rückweg nach Uttarkashi. Heiße Quellen, das klingt vielversprechend. Manchmal sind sie nicht heiß genug, manchmal gibt es kein schönes Becken und manchmal sind sie randvoll mit Nackten. Heute sind sie definitiv zu heiß. Es gibt ja immer was zum Mäkeln, ja, ja. Doch das grüne, schwefelige Wasser bringt heute die Haut so zum Kochen, dass es zu einem beschwerlichen Weg wird, die Treppenstufen in das Becken überhaupt hinabzusteigen. Männer und Frauen “baden” selbstverständlich wieder getrennt von einander. Während wir die Männer quietschvergnügt im Becken nebenan jodeln hören, hocken Lisa und ich zehn Minuten auf den moosigen Treppen, um bloß die Füße an das gefühlt kochend heiße Wasser zu gewöhnen. Ehrlich, wie heiß ist das wohl hier? Lisa und ich geben nach einer Weile unser Bestes. Langsam gleiten wir jede einzelne Stufe hinab. Es ist wie ein Kneipp-Bad, nur die andere Richtung des Thermometers hinauf. Je tiefer wir steigen, umso deutlicher wird der leichte Schmutzfilm von Haaren und Insekten auf der Oberfläche. Hmmmm … mir gehen Fragen durch den Kopf wie: Kommen wir auch gesund hier wieder raus, wenn sich alle Hautporen bei den Temperaturen öffnen? Kann etwas durch die Haut eindringen und uns vergiften? Wer ist hier bloß vorher durchgeschwommen? Und wieso kann jemand das Becken nicht einfach mal sauber machen??? Meine Arme und Beine fangen an zu kribbeln, als ich mucksmäuschenstill bis zum Halse im Wasser stehe. Jede Bewegung macht es nur noch heißer. Ich bin krebsrot. Beim Hinaussteigen sehe ich plötzlich Sterne. Uiuiui. Wenigstens sind meine Nackenschmerzen, die ich seit Tadschikistan mit mir herumschleppe, für ein paar Minuten verschwunden. Das Quellbecken von Gangnani – eine flüssige Sauna. Anschließend geht’s zur Dusche. Die, für die Frauen, finden wir nicht, also ab zu den Männern. Da sprudelt das Wasser aus dicken Schläuchen vom Fels hinab und das ist angenehm warm. Es duschen sich dort auch ein paar Inder. Trotz der Anwesenheit von Thomas und Darren komme ich mir ziemlich nackt vor in meinem Bikini, aber Lisa stört das wenig, sie hat ja einen Badeanzug. Sie wird gleich in ein fröhliches Duschgespräch verwickelt über Reise, Wetter und Cricket. Und frohlockend wird jetzt nicht mehr wegen Muskelschmerzen gestöhnt, sondern wegen des herrlichen Schwefelwassers. “Oooooooooooh … Aaaaaaahhhh … that’s so goooooooood!!! …” Thomas und ich sehen uns an. Wenn man es nicht wüsste, könnte das aus einem Porno stammen. Wir sehen Darren an, der das offensichtlich noch nicht so verstanden hat und weisen ihn diskret darauf hin. “Aaaaaaahhhhh … so goooood!”, tönt es da wieder aus Lisas Dusche. “LISA!!!”, ruft er plötzlich entgeistert, “stop this!!!” Wir müssen darüber heute noch in Tränen lachen.

Bis zum späten Abend fahren wir mal wieder durch die ewig windigen Straßen des Himalaya gen Süden. Je näher wir Rishikesh kommen, umso wärmer, feuchter und schwüler wird es wieder. Die Höhe der Berge nimmt stetig ab, bis sie schließlich nur noch grüne, runde Bergkuppen sind. Etwas nördlich von Cham (N 30:32:34,944  E 78:20:27,06 oder N 30.54304  E 78.34085) finden wir schließlich einen geeigneten Campspot, für den wir unverhofft ein kleines Dorf kreuzen müssen, in dem nicht mal die Wasserbüffel in ihrem Leben sich schnellbewegende Objekte auf der Straße gesehen haben. Oh je, wir befürchten schon eine dauerhafte Abend- und Morgenaudienz.

Unter Beobachtung

Unter Beobachtung

Gott sei Dank hält es sich in Grenzen. Wir werden von den paar Dorfbewohnern, die ein paar Worte Englisch sprechen können, nach unserem Ansinnen gefragt. Schließlich sähen wir ja so “adventurous” aus. Ob wir vom “Discovery Channel” wären? Was ist das eigentlich immer mit diesem Discovery Channel??? frage ich mich zwischendurch. Ich schnall’ das nicht. Echt! Nein, erklären wir, wir wollen bloß Abendbrot essen und schlafen, erzählen woher wir kommen und wie wir hierher gekommen sind und dann ist’s gut. Morgens jedoch wird es etwas kniffeliger unter der Beobachtung junger Leute Zähne zu putzen.

RISHIKESH

Zweieinhalb volle Tage verbringen wir in Rishikesh. Darauf haben wir uns schon sehr lange gefreut, obwohl ich über die Funke – laut und schreckensbleich aus unserem Reiseführer vorlesend –  bei den Aussies nachfragen muss, ob es stimmt, dass Rishikesh “eine vegetarische Tempelstadt sei, Fleisch und Alkohol verboten sind und Eier nur im privaten Umfeld gegessen werden”. Das sorgt mal wieder für ausgezeichnete Stimmung, vor allem bei den Carnivoren unter uns.

Rishikesh und der Ganges

Rishikesh und der Ganges

Doch wir freuen uns noch mehr auf die kleine Reisepause, Brot, Cappuccino und richtige Schokolade. Essen wie die “Locals” ist immer schön, aber manchmal können wir den Dingen aus unserem Kulturkreis eben nicht widerstehen, sobald sich die Gelegenheit bietet. Rishikesh ist ein heiliger Ort bei den Sadus und bei Touristen so etwas wie eine Yoga-Meditation-Ayurveda-Kultstätte. Wirklich jeder macht einen Yoga- oder Meditationskurs oder irgendwas Ayurvedisches. Spiritualität ist hier alles, denn alles, was man sieht, anfässt und besucht, ist spirituell, sogar sein eigenes Antlitz. Wir quartieren uns am Ganges ein, etwas westlich der Stadt gelegen, auf einem ungenutzten Gelände einer Rafting-Agentur und direkt neben einer großen Brücke (N 30:7:40,8   E 78:21:9,648 oder N 30.128  E 78.35268). Drei hungrige Hunde besuchen uns ab sofort regelmäßig zu fast jeder Mahlzeit. Gib’ etwas Gutes, also bekommst du auch Gutes zurück. So halten wir es nicht nur mit fast jedem Tempel in Indien, sondern auch mit unseren vierbeinigen Besuchern. Deshalb mögen uns wohl alle immer so gerne.

Campspot bei Rishikesh für drei Tage, mit drei Hunden und ärgerlichen Affen

Campspot bei Rishikesh für drei Tage, mit drei Hunden und ärgerlichen Affen

Motiviert begeben wir uns auch auf Shopping-Tour, denn irgendwer benötigt “Happypants”, der nächste Schlappen, der andere ein Waxing für die Beine und jemand eine neue Frisur. Sogar ein Satsang ist mit im Programm, an dem ich mit Lisa neugierig teilnehme. So geht das in einem fort und am Ende eines jeden Tages kehren wir geplättet daheim zu Schmutzhund und Wildpferd zurück. Irgendwie ist der Ultratourikram auch nicht so das Wahre für eine Pause … Leider sind nicht viele Babas oder Sadus in der Stadt, die dem Treiben an den Ghats – den Orten für die Totenverbrennung – den letzten, skurrilen Schliff gegeben hätten. Darren und Lisa sind enttäuscht, kennen sie Rishikesh doch noch aus früheren Zeiten. So geht es vielen Reisenden, die Orte nach sehr langer wieder aufsuchen, weil sie einen magischen Zauber hatten.

Ein kleines Märchen von Dämonen und Göttern war da doch noch ...

Ein kleines Märchen von Dämonen und Göttern war da doch noch …

Doch der alte Glanz kann offensichtlich in der heutigen, modernen Zeit nicht bewahrt werden. Aber der Gang zu den Ghats hat sich in einem gelohnt: der Fund des besten indischen Straßenlokals der Stadt und vielleicht sogar der Welt (Irgendwo hier: N 30:6:19,296  E 78:17:51,756 oder N 30.10536  E 78.29771).  Es liegt an einer schmutzigen Hauptstraße, es ist rammeldicke voll (es ist Mittagszeit), es speisen nur Inder, es gibt ALLES im Angebot und es ist verdammt nochmal LÄGGÄ! Thomas schwärmt noch heute von dem Lassi mit Mandelsplittern oben drauf. Da kommt kein “Little Bhudda Café” oder Sonstiges aus dem Lonely Planet an.

… UND WEITER GEHT’S

Nach diesen wundervollen Tagen mit Cappuccino und Nächten am Lagerfeuer wird es Zeit in Richtung nepalesische Grenze aufzubrechen. Auf dem Weg dorthin wollen wir eine Stippvisite zum Corbett Nationalpark unternehmen, um Tiger und Elefanten zu beobachten. Doch laut unseres Reiseführers ist der noch bis zum 15. November geschlossen, weil die durch den Monsun fortgeschwemmten Straßen jedes Jahr erst wieder hergestellt werden müssen. Uns schwant also nichts Gutes, einen Umweg umsonst zu fahren, doch einen Versuch ist es wert. Leider bleibt es bei einem kleinen Umweg durch Dschungel ähnliche Landschaft, einsam, aber schön, auf einer einspurigen Asphaltstraße am südlichen Rande des Nationalparks.

Bloß etwas zu eng die Straße ...

Uff … ein bisschen eng hier … in Barhapura

Dann müssen wir nach Süden in Richtung Nagina abbiegen, um auf den “großen” Highway zu gelangen, der uns zügig à la India an die Grenze bringt. Dabei passieren wir ein muslimisches Fliegendorf – wir nennen es jetzt mal Fliegendorf, denn in jeder Gasse schwirren Fliegenschwärme in einem dicken, schwarzen Knäuel träge auf und ab – das Barhapura heißt. Die Straßenzüge waren einmal für Fahrzeuge mit mehr als drei Rädern nicht vorgesehen. In der Moderne wurde dann anständig asphaltiert, doch der Straßenquerschnitt nicht auf eine Breite für zwei Fahrzeuge mit vier Rädern vergrößert. Man könnte glatt sagen: es wird hauteng hier. Der Schmutzhund Harry passt gerade noch so durch die Gasse, wir im Kuddelmuddel aus Blechtöpfen, Plastikeimern und abhängendem Fleisch hinterher. Doch entgegen kommende LKWs haben Vorfahrt, wir müssen ausweichen und warten,ja , wie denn bloß, wie??? und wo???? … um Gotteswillen. Während ich mein Kopftuch für kurze Zeit herauskrame, kommen die Einheimischen schon herbei geeilt, helfen uns mehr schlecht als recht in die spitzwinklig angeordneten Seitengassen mit tausenden Fliegen. Fensterscheiben müssen oben bleiben, sonst surrt alles in die Nase. Langsam, langsam fahren die klassischen “Goods Carrier” mit ihrer “All India Permit” in bunten Lettern auf die Fahrzeugkabine gemalt hinter uns vorbei. Dann dürfen wir vorsichtig unseren Arsch aus der Gasse hinausrollen … und weiter geht’s im Schneckentempo haarscharf entlang der modrigen Fassadenwand. Dieses Dorf war spontan “off the beaten track”, aber “definitely not recommended” für “Overlanders”.

Der Dicke fährt tatsächlich so ...

Verdammt, was ist bloß da drinnen?

Der Highway entwickelt sich so, wie wir es uns in Indien immer vorgestellt haben. Jetzt kommen wir doch noch auf unsere Kosten von Gestank, Müll, Armseligkeit und viel Verkehr. Der Blick durch die Frontscheibe stets eine Komödie … der harte Aufprall unter den Rädern eine Tragödie. Es ist der erste Hund, dessen schmerzverzerrtes Quieken uns noch lange in den Ohren bleibt. Ein Stoppen ist unmöglich, vor und hinter uns sind LKWs wie Motoräder. Das Leben und unsere Fahrt geht weiter. Die Seele des Vierbeiners wird wiedergeboren, ganz bestimmt in Indien.

... und wer ist bloß hier drinnen?

… und wer ist bloß hier drinnen?

Östlich von Sherkot bietet uns ein Fluss einen von der langen Fahrt erlösenden Schlafplatz (N 29:18:58,752  E 78:38:7,944 oder N 29.31632  E 78.63554). Sogar Sand liegt unter unseren Füßen, wir werden außer von ein paar Rinderhirten kaum behelligt, wir Mädels sind glücklich. Perfekt. Der nächste Tag wird noch einmal zur indischen Mutprobe. Es klingelt, trötet, hupt, knattert, tuckert, röhrt, stinkt und staubt aus allen Himmelsrichtungen als wir mit offenen Fenstern bei stickigen 30°C durch die Städte Kashipur, Kichha, Sitargani und Khatinia fahren. Ich sage Darren, es wäre ein echter Freundschaftsbeweis, wenn die beiden jetzt auch die Fenster unten ließen. Da grinst er nur. Soweit sind wir also noch nicht … dieser Schlingel!

Letzter Campspot in Indien im Flussbett bei Banbasa

Letzter Campspot in Indien im Flussbett bei Banbasa

Kurz vor Banbasa und kurz vor dem Sonnenuntergang breitet sich wieder ein Flussbett vor uns aus, das für indische Verhältnisse menschenleer da liegt (N 28:58:39,432  E 80:3:14,796 oder N 28.97762  E 80.05411) Nichts wie hin also und mitten rein in den Flusssand, dass uns auch jeder sieht von der 200 Meter entfernten Highwaybrücke. Die Besucher der nächsten 10 Stunden sind allesamt harmlos, doch nachts zahlenmäßig etwas überlegen, dass wir uns mit Bambusstock, Einbein bewaffnet und einer breiten Mannesbrust vor ihnen aufstellen müssen. Dann zieht die sechsköpfige Alkoholfahne im schimmernden Mondlicht ab. Morgens bekommen wir andere Zuschauer, doch das stört nicht. Wir Mädels haben dann was zum Fotografieren.

Guten Morgen auch hier ...

Guten Morgen auch hier …

Jetzt heißt es auf zur Grenze nach Banbasa und Adieu Indien. Bald sehen wir dich wieder, dann aber auf der anderen Seite Nepals. Und dann wohl auch wieder zu zweit, als Einzelexpeditionsteam, denn die Australier werden schneller als wir nach Myanmar aufbrechen. In Nepal wird sich also vieles für uns ändern, das ist gewiss.

Morgens am Fluss ... bei Banbasa

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