11.3 TREKKING nach GAUMUKH

Die Nacht vom 17. auf den 18. Oktober 2015 war sternenklar. Sonne kündigt sich am frühen Morgen an einem wolkenfreien Himmel über den Bergen an. Ein Hauch von Frost liegt in der Luft. Tapfer packen die Aussies 7:30 Uhr morgens ihre Rucksäcke mit flauschigen Klamotten und Schlafsäcken. Ich übernehme den Proviant und das Fotoequipment, Thomas unseren großen Rest. Am Abend zuvor gestand Darren ein, dass die beiden ohne uns möglicherweise erst gar nicht bis nach Gaumukh wandern gehen würden, sondern wahrscheinlich nach einem Tag hier wieder umgekehrt wären. Wie bitte??? Das irritierte mich, doch ich nickte bloß, es sind ja schließlich Australier, die wandern nicht so gerne. Zwei Tage später wird es mich schockieren …

Das ist das Ziel: Gaumukh, the Cow's Mouth

Das ist das heilige Ziel: Gaumukh, the Cow’s Mouth

Unsere Wanderung nach Gaumukh hat einen der heiligsten Orte der Hindus zum Ziel: die Quelle des Ganges und damit die sagenhafte Quelle allen Lebens. Deshalb wollten auch die Buddhisten unter uns seit sehr langer Zeit hierher kommen, auf der Suche nach spiritueller Erleuchtung und der Bedeutung des Lebens. Dem Fluss wird nachgesagt, dass aus ihm alle weiteren, existierenden Flüsse entspringen und er Gesundheit, Wohlstand, Erlösung und Überfluss bringt. Jedes Jahr begeben sich hunderttausende von Hindus auf den langen und beschwerlichen Weg, um sich einmal in ihrem Leben im reinsten Wasser des Ganges zu waschen. Der Gletscher selbst, aus dessen Gletscherhöhle Gaumukh (The Cow’s Mouth) das kostbare Wasser fließt, ist dabei schon 18 Kilometer vom Wallfahrtsort Gangotri zurückgewichen. Insgesamt liegen also 36 Kilometer Hin- und Rückweg vor uns und eine Übernachtung in Bhojbasa vier Kilometer vor dem Gletscher.

So, es geht los ... und eine weiß von ihrem Glück und zwei noch nicht.

So, es geht los … und eine weiß von ihrem Glück und zwei noch nicht.

8:30 Uhr brechen wir gemeinsam auf, bepackt mit 20 Kilo schweren Rucksäcken … öööh, nee, Moment. So schreiben es jedenfalls die Aussies ein paar Tage später in ihren Reiseblog, über den wir noch schallend ob dieser angeblichen Heldentat mit den nur zur Hälfte gefüllten Rucksäcken lachen werden. 20 Kilo aus Fleecepullis und Schlafsäcken?! Nach fast einem halben Jahr Autofahrerei müssen sich 10 Kilo wohl tatsächlich wie 20 anfühlen. Jedenfalls wird auf den 36 Kilometern recht häufig aus der australischen Ecke laut gestöhnt und geflucht. Offensichtlich kann nicht einmal die grandiose, herbstliche Berglandschaft von den Anstrengungen ablenken. Auf halber Wegstrecke beginnt Lisa zu zögern. Das Atmen fällt schwer, die Muskeln sind müde, der Kreislauf kollabiert. Lisa schiebt alles auf die Höhe, weil sie damit immer Probleme hat. Wir hingegen schieben es auf zu wenig Essen und zu wenig Energie, doch das wollen die beiden ja nie hören. Sobald die Puste ausgeht, ist stets die Höhe Schuld. Aha. Immer die anderen natürlich.

Eine geile Landschaft!

Eine geile Landschaft!

Gerade so können wir Lisa ermutigen bis zum Teeschuppen von Chirbasa mitzugehen. Für Tee ist die Britin in ihr schließlich immer zu haben und das Dach der Hütte können wir zufällig auch schon sehen. Das zieht. Am Teeschuppen sagt dann erst mal keiner mehr was. Wir erleben gerade so etwas wie eine “Mid-Hike-Crisis”. Lisa will nicht mehr, Darren macht, was Lisa will – ist ja auch richtig so – und wir, Thomas und ich, gucken doof aus der Wäsche,was wir nun tun sollen. “Ich denke, wir gehen zurück. Wenn ihr zwei weitergehen wollt, haben wir kein Problem damit. Wir warten in Gangotri auf euch.” erklärt Darren nachdem er kurz mit Lisa gesprochen hat und dies schon fast keine Argumentation mehr zu lässt.

Eine vertrauenswürdige Brücke

Eine vertrauenswürdige Brücke

Moment mal, denke ich. Aus welchen Gründen sind wir eigentlich hier? WER wollte eigentlich unbedingt zur Quelle allen Lebens? In Tadschikistan hatte mir Lisa  vor zwei Monaten am Iskander Kul zum ersten Mal von Gangotri erzählt. Damals kannte ich den Namen und den Ort nur aus einer TV-Dokumentation. Ein blauer Punkt wurde auf unsere Himalaya-Karte geklebt als Markierung für “Könnte interessant sein”. Ihre Augen leuchteten außergewöhnlich, immer wieder, wenn sie diesen Namen in den Mund nahm. Das ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Und genau deshalb sind wir hier. Weil sie diesen einen Herzenswunsch hatte. Und den galt es für uns nun irgendwie zu erfüllen. “Vielleicht kannst du sie ja doch noch überreden.”, meint Darren wenig hoffnungsvoll, als mein wohl enttäuschtes Gesicht sieht. Denn wenn der Chef (Lisa) gesprochen hat, ist das meistens Gesetz. Als ich mich zu ihr setze, meint sie von selbst, dass es ihr schon etwas besser gehe. Der kleine Finger winkt also schon suchend nach Ermunterung, deshalb greife ich nach der ganzen Hand. “Du musst etwas essen, Lisa. Dein Körper braucht jetzt Energie zum Wandern. Und wenn du nichts zu dir nehmen kannst, dann trink wenigstens Zuckerwasser aus dieser grünen Flasche hier.”, und zeige auf die Sprites im Teeschuppen. Sie nickt und wenig später schultert sie stöhnend und schnaufend, aber ermutigt, ihren Rucksack auf den Rücken. “Wie hast du das bloß gemacht?”, fragt Darren überrascht. “Ich weiß es nicht.”, erwidere ich grinsend. Zwei Flaschen Sprite landen damit in meinem Rucksack. Alles ist gut.

Bhojbasa und die heiligen Berge

Bhojbasa und die heiligen Berge

Nach insgesamt sieben Stunden und 14 Kilometern erreichen wir die winzige Ansiedlung Bhojbasa, bestehend aus ein paar Herbergen, Ashrams und Touristencamps, eingerahmt von den heiligsten Bergen dieser Gegend. Majestätisch im Abendlicht strahlend thront ein massiver 7000er am östlichen Horizont. An dessen Fuß muss irgendwo der Gangotri Gletscher liegen, den wir am folgenden Morgen aufsuchen werden. Die kalt leuchtende Sichel des Mondes erklimmt die umliegenden weißen Berggipfel. Lisa und Darren sind glücklich, denn heute war trotz einiger Verzögerungen ein perfekter Tag … was will man mehr? Wir übernachten in dem erstbesten Ashram, denn der in leuchtend gelben Tüchern gekleidete Baba (ein indischer Mönch), dem das Ashram gehört, hat ein fröhliches Karma. Sein Lächeln erinnert mich an Sada vom Old Hunza Inn.

Jugendherbergs-Feeling

Jugendherbergs-Feeling

300 Rupien für eine Matratze in einem eigenen Raum für uns und dazu drei Mahlzeiten – da können wir nur schwer widerstehen. Gegessen wird auf dem Boden, ohne Schuhe versteht sich, damit das Essen geehrt bleibt. Das Ganze hat schon wundervollen Jugendherbergsstil in ganz spartanisch. Alte Matratzen auf dem Boden, löchrige Decken zum Wärmen, ein kleines Fenster im sonst so schummrigen Raum … eine Maus huscht vorbei und es gibt keine Feuerstelle. Beim Erwachen am nächsten Morgen beobachten wir unsere glitzernde Atemluft, die an der Wellblechdecke über Nacht gefroren ist. Anschließend wird der beste Milchtee serviert, den wir bis dato und wohl auf der gesamten Reise trinken werden. Was für ein leckeres Gesöff an diesem heiligen Ort!

So, Endspurt!

So, Endspurt!

Vier Kilometer – oder anderthalb Stunden – müssen wir noch bis zum “Maul der Kuh” überwinden. Für Lisa ist der heutige Tag ein Klacks trotz Anstieg auf mehr als 4000 Höhenmetern. Sie gibt neben Thomas den Ton an. Ich bleibe mit Darren hinter ihnen, denn er hat heute mit zwei Riesenblasen an den Fersen zu kämpfen. Kein Tag ohne Stöhnen. Dabei fühlen Thomas und ich uns fit wie zwei Turnschuhe. Nach dem Aufstieg zum Rush Peak ist das auch kein Wunder. Schließlich erreichen wir Gaumukh und beobachten drei Italiener, die halb nackt in die eisigen Fluten des Gletscherstroms steigen. Die meisten Inder waschen sich direkt an der tiefen Gletscherhöhle, doch wir halten es eher mit einem Picknick, denn ich hatte vorsorglich zur Belohnung Zwiebelbrot gebacken. Während die Italiener sich vor den ungläubigen Augen der Aussies immer noch im Wasser räkeln, dippe ich die Füße bis zur schmerzvollen Betäubung ein, denn ein Körperteil muss schließlich reingewaschen werden, wenn man schon mal hier ist! Und dann sehe ich wieder das Glitzern in Lisas Augen, dass ich zum ersten Mal am Iskanderkul in Tadschikistan gesehen haben. Ihr wanderfaulen Australier, ihr habt es geschafft und trotz der Höhe ein kleines Wunder vollbracht!

Geschafft und Picknick ...

Geschafft und Picknick …

Auf dem Rückweg bringen die beiden einen roten Wimpel an einem kleinen Tempel vor dem Gletscher an, der nun auf ewig dort im Wind wedeln wird. Dann sehen wir die mysteriöse Herde Blauschafe ein zweites Mal auf den Felsklippen, die wir auf dem Hinweg schon entdeckt hatten.

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Eine willkommene Abwechslung von dem unendlichen Gestöhne und Geschnaufe auf den letzten langen 18 Kilometern. Ebenso der zweite Stopp an der Teehütte. Jetzt legt Lisa wieder ‘nen Zahn zu, wie ein Herdentier, das weiß, dass es wieder nach Hause geht. Ungeachtet der Blasen an den Füßen überholt Darren schließlich alle, denn die Kilometerlatscherei soll endlich ein Ende haben.

Der kleine Tempel nahe des Gangotri Gletschers

Der kleine Tempel nahe des Gangotri Gletschers

Spät abends frage ich neugierig nach dem roten Wimpel. “Den haben wir extra dafür in Australien gekauft.”, antworten sie mir. Ungläubig starre ich einen nach dem anderen an. Es braucht eine Weile bis ich frage kann: “Aber soll das etwa heißen, ihr habt eine Fahne von Australien bis nach England verschifft, habt sie durch halb Asien gefahren, und hättet sie nie angebracht, wären wir nicht gewesen??? Darren, this freaks me out!!!” sage ich schockiert. “Ja, wahrscheinlich. Aber das macht nichts mehr, es ist jetzt Geschichte.” erwidert er hastig. Und mein Erstaunen darüber wird umso größer, als Lisa sagt: “Seit 10 Jahren wollten wir hierher.” Na dann ist ja alles perfekt!

1 Kommentar

  1. Elli´s

    Das ging ja Schlag auf Schlag mit den Berichten, fleißig, fleißig und – ich wiederhole mich…
    nur ungern – einfach Klasse.
    Ach ja, und denkt dran Die Aussies sind schon einpaar Tage älter….da geht es eben nicht ganz so schnell, wie mit Anfang 30, ihr Nasen 🙂
    Macht´s hübsch und immer schön wachsam.

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