11.2 HIMACHAL PRADESH II

Die Fahrt in das Spiti Valley ist erst einmal vertagt, vielleicht auch ganz gestorben, oder doch nicht? Können wir den Weg bis nach Tabo eventuell andersherum fahren? Wir müssten uns bloß eine Durchfahrtsgenehmigung für den Abschnitt Jangi – Kaza besorgen, da die Old Tibetan Road nahe der Grenze zu China verläuft. Mich kitzelt es ja schon noch, als ich in unserem Reiseführer lese, dass wir so eine Genehmigung auch in Recong Peo bekommen könnten, anstatt nur in Shimla. Das würde direkt auf unserem Weg liegen, ohne 90 Kilometer zurückfahren zu müssen. Doch als ich den Australiern in der Nähe von Rampur versuche, das zu unterbreiten, gestehen sie sich und uns ein, dass ihnen die Zeit für 460 zusätzliche Kilometer Hin- und Rückweg davon läuft. Die letzten 240 Kilometer durch die Berge des Tirthan Valleys von Manali über Banjar und den miserablen Jalori Pass (3220 m) haben bereits drei Tage volle Fahrtzeit in Anspruch genommen.

Tempel Rishi Shringi bei Banjar

Tempel Rishi Shringi bei Banjar

Die Berge des Tirthan Valleys waren von hohen Zedern und Kastanien bewaldet, wunderschön und still, und gespickt mit versteckten, ursprünglichen Tempeln. Es war schön, aber eine anstrengende Fahrt. Schon allein die überladenen Kleintransporter, deren Fahrer wie störrische Esel versuchen, mit durchdrehenden Reifen einen sandigen Hang hinaufzufahren und Zeit offensichtlich nie eine Rolle spielt, wenn es darum geht, die Straße frei für den restlichen Verkehr zu lassen, können doch ganz schön auf die Nerven gehen.

Innerer Eingang eines Krishna Tempels bei Banjar

Innerer Eingang eines Krishna Tempels bei Banjar

Da muss dann Lisa ran, die wild entschlossen zu den unfähigen Fahrern läuft und diese zurecht pfeift und kommandiert, wer hier was wie zu tun hat, damit alle weiter fahren können. Oder die nach Abgasen stinkenden Dörfer, in denen die Straßen immer irrsinnig schmal für ein zusätzlich überholendes Auto sind, doch die Inder es einfach nicht kapieren, dass man auf einer drei Meter breiten Brücke nicht ausweichen kann. Und die Abgase … die machen einen wirklich fertig! In einem dieser Dörfer – Annu – kaufen wir einen neuen Topf, eigentlich eine Mischung aus Topf und Wokpfanne, weil unsere Campingpfanne mittlerweile hinüber ist. Als Erinnerung an diesen erfolgreichen Tag und das stinkende Dorf graviert uns der Küchenwarenverkäufer unsere Namen, Datum und den Ortsnamen ein, auf immer und ewig.

Waldfahrt auf den Jalori Pass (3220 m) im Tirthan Valley

Waldfahrt auf den Jalori Pass (3220 m) im Tirthan Valley

Circa 660 Kilometer sind es also immer noch von Rampur bis Gangotri, wo in der Nähe die Quelle des Ganges und allen Lebens entspringt, dem großen Ziel dieser Etappe. Wer weiß, wann wir je da ankommen werden? Ob wir es jetzt doch alleine in das Spiti Valley probieren wollen, fragen mich die beiden Aussies jetzt in Rampur. Mir liegt ein Nicken und ein “Vielleicht?” im Halse, doch ein Blick in ihre Gesichter spricht Bände und ich belasse es bei einem nachdenklichen “Vielleicht auch nicht.” Das war das unausgesprochene Versprechen an die Freundschaft mit ihnen. So soll es sein und meine anfängliche Enttäuschung darüber, etwas Wichtiges in meinem Leben zu verpassen, verfliegt sofort, sobald wieder ein frecher australischer Spruch nach dem anderen aus der Funke tönt und wir in schallendes Gelächter ausbrechen. Alles ist perfekt wie es ist.

Typische Häuser im Tirthan Valley

Der traumhafte Blick die Steilkante hinab …

BASPAH VALLEY

Trotz der wie im Fluge verstreichenden Zeit, fahren wir in das 80 Kilometer von Rampur nördlich gelegene Baspah Valley. Diesmal habe ich das Gefühl, dass diese Fahrt irgendwie keinen Sinn mehr macht und Zeitverschwendung ist, wenn wir doch lieber nach Gangotri wollen. Die Fahrt dorthin raubt uns jeden Nerv. Alles, was an authentischer Geräuschkulisse auf diesen Straßen möglich ist, ertönt ohne Vorwarnung im Dauerbetrieb und kreischend laut. Jeder Kilometer zieht sich hin wie Kaugummi. Wir steigen schon gar nicht mehr aus, um zu fotografieren. Wir wollen nur noch dort ankommen. Mutti, wann sind wir denn endlich da? Es wird schon dunkel. Da verlieren wir die Aussies plötzlich im Stau kurz vor Sangla. “Was ist los?”, frage ich Lisa durch die Funke. “Darren rastet gerade aus.”, antwortet sie trocken. Oh je. Die Nerven liegen blank. Wenig später überholt uns im Dauerhupkonzert ein kleines rotes Auto, mit Darren zu Fuß auf den Fersen. Er entschuldigt sich bei dem Fahrer kurzerhand und zieht mit verlegener Mine an uns vorbei. Was ist denn bloß passiert? Fix und fertig und mit tiefen Augenringen erzählt er uns am Shruti Guesthouse, dass er diesen ganzen Tag verfluchen könne. So viel Zeit, sieben oder acht Stunden, für bloß 150 Kilometer.

Oh und wieder so eine schlechte Straße ... ins Baspah Valley

Oh und wieder so eine schlechte Straße … ins Baspah Valley

Ein ganzer Tag Tag nur Fahren, nur hin und her wackeln und herumeiern, ohne etwas tatsächlich gesehen zu haben. “Dabei wollte ich doch nach Gangotri und nicht so was hier!”, hätte er laut gerufen und sich den erstbesten Huper hinter seinem Auto geschnappt, um ihm ordentlich was zu husten. Die Gründe für Hupen und Eile können ja so vielfältig und banal sein wie das Geheimnis eines Überraschungseis. Seine Frau müsse dringend zum Arzt, hätte der Fahrer ihm erschrocken mitgeteilt, “Das war der Grund. Und später habe ich mich bei ihm entschuldigt. Das war meine heutige Lektion, das weiß ich nun.” So ergibt die zermürbende Fahrerei bis hierher wieder einen Sinn, erwidere ich lächelnd. Dann ist ja alles perfekt.

Der neue Holztempel im Dorf Barseri

Der neue Holztempel im Dorf Barseri

Thomas stellt abends einen Fahrplan auf, wann wir wo sein müssten, um zwei Tage zur Quelle des Lebens zu wandern und zwei Tage in Rishikesh ruhen zu können. Es wird klar, dass wir morgen weiter fahren müssen. Ein ganz schön weiter Weg für Darrens Lehrstunde, denke ich grinsend, aber so sind die Dinge nun mal. Die Bergstraße im Baspah Valley ist schlecht und schmal, dass es uns einen ganzen Tag kosten würde, um die restlichen circa 30 Kilometer bis nach Chitkul zu fahren. Ach, und wozu eigentlich … Somit fahren wir lediglich in das 8 Kilometer entfernte, grüne Dorf Barseri, genießen die kühle Bergluft und bewundern die pornografischen Holzschnitzereien, die einmal reihum um den neuen Dorftempel gehen, der vor Jahren bei einem großen Feuer abgebrannt ist. Komisch, dass ausgerechnet an so was der Blick hängen bleibt, nicht? Die Dorfbewohner, die am Tempel arbeiten, grinsen auch schon.

Nach dem ungewöhnlichen Gewitter

Nach dem ungewöhnlichen Gewitter

Es beginnt ab Mittag zu regnen. Regen hatten wir seit Pakistan nicht mehr. Das passt ja wunderbar zu unserem Zeitplan weiterzufahren, als hätten wir es schon vorher gewusst. Blitze zucken in den schweren Wolken und Donner erfüllt das Slutej Tal auf dem Rückweg. Nichts ungewöhnliches, sollte man meinen, aber offensichtlich passiert hier so wenig in diesem Bundesstaat, dass es dieses Gewitter sogar bis in die Schlagzeilen der Himachal Times des darauffolgenden Tages schafft. Der Text füllt ein Drittel einer Seite mit gehaltvollen Informationen wie: Die Autos mussten tagsüber ihr Licht anschalten, denn es war dunkler als sonst. Die Menschen mussten sich warme Sachen anziehen, denn es war kühler als sonst. Kinder konnten nicht von der Schule nach Hause gehen, denn es regnete. Und: Die Temperaturen fielen um 2.7 °C. OMG!

Bhimakali Tempel in Sarahan

Bhimakali Tempel in Sarahan

Je mehr Höhenmeter wir verlieren, umso mehr lösen sich die Wolken in geheimnisvolle, dünne Nebelschwaden auf. Regenbögen malen grandiosen Kitsch in die grüne Berglandschaft. Mein Wunsch für den Abschluss des Tages ist der Besuch der Abendgebete im Bhimakali Tempel in Sarahan, ein 18 Kilometer langer Abstecher bei Joeti in die kühlen Berge hinauf. Zu Sonnenauf- und Sonnenuntergang wird die Gottheit Bhimakali jeden Tag mit Mantra ähnlichen Gesängen und lauter Klangmalerei geweckt und zur Nachtruhe gebracht. Wir lassen uns so lange verzaubern, bis uns bei den Abschiedsfanfaren aus einem Klangsammelsurium von scheppernden Blechschellen, schief trötenden Silbertrompeten und klappernden Klanghölzern das Trommelfell blutet. Wir sind begeistert!

Ja, auch vom Essen sind wir begeistert

Ja, auch vom Essen sind wir begeistert

NACH UTTARKASHI

Ab da führt uns eine Nebenstrecke über Rohru, Hatkoti, Arakot, Tiuni, und Nowgaen bis nach Barkot. In diese Gegend kommen offensichtlich so gut wie nie Touristen, das sagen uns jedenfalls die ungläubigen Blicke der Landbevölkerung. Die Straße ist einsam, und trotzdem müssen wir jeden Moment mit Verkehrschaos rechnen. Hinter einer tausendköpfigen Ziegenherde hinterher zu fahren, dauert schon mal ein Weilchen und in dieser Zeit kann man den Muttertieren seelenruhig bei der Geburt eines Zickleins zu sehen.

Die etwas andere Straßenblockade

Die etwas andere Straßenblockade

Selbst den Australiern klappt hier die Kinnlade herunter. Irgendwo bei Sungri oder Rohru wird die Straße von LKWs blockiert. Es geht gar nichts mehr, da sich Fahrer und Straßenaufsicht nicht ganz grün sind, wer nun den Wegezoll rechtmäßig bezahlt hat oder nicht. Abwarten und Tee trinken, heißt es. Im Pinki Sweet Shop werden wir schließlich auf ein Gläschen Chai eingeladen, schließlich darf der Besitzer des Ladens uns als Gegenleistung fotografieren.

Warten auf entspannte Straßen und Chai

Warten auf entspannte Straßen und Chai

Ja, auf dem Lande, da erlebt man schon was! Die Bergstraßen gehen mal rauf und mal wieder runter. Es wird eng und kurvig, gute Campspots gibt es so gut wie keine. Wir verlassen den Bundesstaat Himachal Pradesh auf diesem Wege und fahren nach Uttarakand ein. Zwischen Barkot und Dharasu finden wir schließlich auf einer Seitenbucht genug Platz für unsere “cosy corner” in L-Form. Auch wenn es für alle Außenstehenden seltsam aussieht, am Straßenrand zu übernachten, es wird eine der gemütlichsten und längsten Nächte am Lagerfeuer in unserem Beisammensein. Schön ist es also überall, man muss nur das Beste daraus machen.

Die Cosy Corner

Die Cosy Corner

Für die Wanderung von Gangotri bis nach Gaumukh, der Quelle des Ganges, benötigen wir eine Genehmigung. Die holen wir uns drei Kilometer nördlich des stinkenden Lochs Uttarkashi, im Forest Department von Gangori. Bei uns Zuhause würde man einfach dorthin gehen, bezahlen, eine Quittung erhalten und binnen weniger Minuten losziehen, sollte keine Schlange vor dem Büro stehen. In Indien ist das natürlich ganz anders. Mother India has everything under her control! Das Forest Department zu finden ist schon mal nicht ganz so einfach, weil wir kein Hindi lesen können.

Diesem Slogan auf der Süßwarentheke ist definitiv nicht zu trauen

Diesem Slogan auf der Süßwarentheke ist definitiv nicht zu trauen

Wir fragen uns durch, doch nicht jeder weiß, wo das Department ist und zeigt gegebenenfalls in drei mögliche Richtungen, auch wenn es das Büro dem Alters des Inventars nach zu urteilen schon etwas länger gibt. Im Büro müssen die Pässe und die Visen kopiert und 600 Rupien pro Nase bezahlt werden. Anschließend werden alle Daten in eine Liste eingetragen und dann noch einmal – zur Sicherheit – in eine zweite Liste abgeschrieben. Spätestens da rollen wir schon wieder lachend mit den Augen. Gott sei Dank gibt es Stühle zum Sitzen. Ist man der einzige mit diesem Anliegen in dem Büro, mag es ja noch zeitlich gehen, aber mit zwei Grüppchen Indern vor uns, dauert das Lesen, Notieren, Abschreiben und Inventarisieren anderthalb Stunden. Zum Abschluss muss natürlich der ganze Quark von Herrn Oberaufseher unterzeichnet werden, der den ganzen Tag nichts anderes zu tun hat, als mit vielbeschäftigter Mine und dicker Plauze die Genehmigungen zu unterschreiben.

Unser Alltag in Indien

Alltag auf Indiens Nebenstraßen

GANGOTRI

17. Oktober, 14:30 Uhr haben wir es denn soweit: Wir dürfen nach Gangotri fahren! Wir rechnen mit Einkehr in der Dunkelheit, denn es liegen noch 95 Kilometer alpine Bergstraße und etliche Dörfer vor uns. In pechschwarzer Nacht, also 7:00 Uhr abends, erreichen wir den kleinen Pilgerort in knapp 3000 Höhenmetern. Entgegen unseren Erwartungen – immer diese Erwartungen! – ist kaum etwas los. Die Garküchen haben fast schon geschlossen, ein paar ölige Samosas gibt es für uns dann doch noch. Wir parken auf dem nagelneuen und zum Teil noch in Bau befindlichen Busparkplatz kurz vor dem Dorf. Wir seien die ersten, versichert uns einer der düster aussehenden Bauarbeiter freundlich. Es wird wieder frisch, ja fast schon frostig des nachts, so dass plötzlich erste Zweifel in den Augen der Australier aufblitzen. Ob der Bauarbeiter wisse, wie schwer die Wanderung denn nach Gaumukh sei?, fragt Lisa. Das ist die falsche Frage, Lisa, denke ich bei mir, ganz falsch. Entweder du willst da hoch oder nicht. Was spielt es da für eine Rolle, wie schwer der Trek nun wirklich ist, wenn es doch ein Pilgerweg ist und tausend andere, weitaus weniger sportliche Inder ihn schon gegangen sind. “Es geht immer rauf und runter, up and down.”, sagt der Bauarbeiter und macht die typische wellenartige Handbewegung. Oooh, ich weiß, dass Lisa bloß “easy” hören wollte und suche schnell nach einer Streckenbeschreibung auf Englisch im Internet, in der das Wort “easy” vorkommt. Gott sei Dank funktioniert es auf Anhieb. Ich zeige ihr den kurzen Text und der größte Zweifel verschwindet aus ihren Augen … und bleibt hoffentlich auch bis zum Ende fern.

Tirthan Valley

Tirthan Valley

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