11.0 GRENZGESCHICHTEN

Wagah Border oder Pakistan – Indien

6. Oktober 2015, 10:30 Uhr: Die Abfertigungshalle der pakistanischen Grenze ähnelt einer Abflughalle eines kleinen Flughafens. Blitzeblank sind die glänzenden Fußbodenplatten, auf denen jeder Schuh vornehm klackert und jeder Trolli voller Koffer und Taschen leise daher rollt. Ja, wirklich, es gibt hier Trollis und Gepäckscanner wie am Flughafen! Die Halle steht inmitten eines hübschen Gartens, einer grünen Oase aus Palmen und Bouganvilleaen, fernab vom stinkenden Chaos in Lahore. Wieso kriegen die das mit Sauberkeit und Idylle hier hin, aber nicht in der Stadt?

Zuerst wird das Carnét in einem Zimmerchen zur linken Seite abgestempelt. Das dauert eine knappe Stunde. Ein Schwätzchen hier, ein Schwätzchen dort, wie geht’s denn so, möchten Sie noch Geld umtauschen, wir tauschen alles und so weiter. Wir Mädels, die draußen in der “Abflughalle” auf entsprechenden Stühlen warten, denken bloß: “Wann geht es denn endlich weiter?” Die Männer hingegen müssen im Zimmer geduldig ausharren, bis der Herr Carnet-Abstempler weiß, was er zu tun hat. Das dauert, schließlich macht er das ja schon seit 25 Jahren. Sein Kollege Herr Geldtauscher schleicht um  den Tisch herum, an dem alle Beteiligten sitzen und fragt nun zum vierten Mal, ob die Männer nicht doch pakistanische in indische Rupien tauschen wollen. Er hätte auch ganz bestimmt einen super Kurs. “Da muss ich meine Frau fragen.” erwidert Darren höflich und geht mit rollenden Augen aus dem Zimmer heraus. “Könnt ihr das lustige Spiel bitte mitspielen und einfach NEIN sagen?” fragt Darren. Lisas Kopfschütteln und ein gelangweilter Blick bringen schnell Ernüchterung beim Gegenüber.

Als die Motoren- und Chassisnummern kontrolliert und das Carnet endlich abgestempelt sind, bleibt nur noch die Passkontrolle am „Abflugschalter“. Über diesem klebt ein Zettel, in dem mit roten, fetten Buchstaben steht: “We respect all. We suspect all, until we proof.” Na, das sagt ja alles. Jetzt fehlt nur noch ein Stift, um die Ausreisekarte auszufüllen … die Minuten ziehen sich wie Kaugummi in die Länge, auch wenn wir die einzigen Ausreisenden sind … ja, wo ist denn ein Stift? Herr Passkontrolleur wird schon ungeduldig, obwohl er sonst nichts Besseres zu tun hat. Mit grimmigem Gesicht trägt er langsam unsere Daten aus den Pässen ein. Ein Kollege neben ihm schnappt sich besserwisserisch seine Tastatur – er kann schließlich schneller tippen. Aha. So was gibt es in diesen Ländern ständig. Herumstehende Männer, von denen wir glauben, sie hätten nichts zu tun, die aber doch alle an ein und derselben Aufgabe fleißig arbeiten: einer liest vor, einer schreibt, einer händigt aus, einer weiß was und einer guckt. Gott, was für Dusselsachen machen bloß all die Männer auf dieser Welt? Man(n) könnte sich glatt schämen!

So, nachdem alle genugt gelesen, getippt und geweissagt haben, sind wir fertig und bereit für die Einreise nach Indien. Herr Carnet-Abstempler kommt noch einmal zu uns und drückt Darren eine Zeitung in die Hand mit der Bitte, diese den Beamten am indischen Zoll zu überbringen. So gutgläubig wie Darren ist, denkt er sich nichts dabei und verspricht, so zu tun wie ihm geheißen. Bei Lisa indes schrillen die Alarmsirenen. Beim Hinausgehen entreißt sie ihm schimpfend die Zeitung und feuert sie in den Mülleimer. “Da können Drogen oder sonst was drin sein, von denen wir uns am indischen Zoll wieder freikaufen müssten! Weg damit!” Uns klappt die Kinnlade herunter.

Es braucht einige Check Points, um vor der großen Abfertigungshalle an der indischen Grenze zu stehen. Wir durchqueren dabei den Bereich, in dem zu Sonnenauf- und Sonnenuntergang die Grenzschließung und das Herablassen der Nationalflaggen zwischen Pakistan und Indien pompös gefeiert wird. Die Zeremonie wurde 1959 von den Regierungen beider Länder vereinbart, als Zeichen des guten Willens beider Seiten, die sich ansonsten immer spinnefeind waren. Noch sind wir unschlüssig, ob wir das Miterleben wollen, denn es scheint, als könnten wir am frühen Nachmittag Amritsar erreichen. Und wer weiß, wie uns danach ist, die Autos aus dem Chaos der Stadt wieder herauszubewegen. Die Passkontrolle ginge relativ zügig, wenn denn jemand wüsste, wo die Einreisekarten abgeblieben sind. Die sind ja nicht erst seit heute aus den Regalen verschwunden, denken wir … In seiner Schreibtischschublade wird unser Herr Passkontrolleur dann doch noch fündig. Wir tragen alles ein, er tippt die Hälfte wieder ab. Mittendrin gibt es Fragen zu meinem Piercing am Mund und einer Eingebung folgend stellen wir fest, dass das wohl “German Fashion” sein muss, denn “Indian Fashion” gehört ja schließlich in die Nase.

Mit den Pässen sind wir Mittags durch. Jetzt kommt der schwierigere Teil: die Fahrzeugkontrolle und Zolldeklaration. In einer anderen Halle werden die Zolldeklarationszettel verteilt. Jeder muss einen ausfüllen und es gibt sogar noch einen anderen großen, weißen Zettel dazu, der auch ausgefüllt werden muss. Anschließend sollen wir mit den Zetteln zu den Autos und diese unter die Kontrollhalle fahren. Noch ist es früher Nachmittag. Noch sind wir guter Hoffnung, nach anderthalb Stunden durch das Tor der Grenze zu fahren. Doch Lisa hat ihren eigenen Spruch zur indischen Bürokratie, über die wir offensichtlich keinen Einfluss mehr haben: “You will see, Sarah, mother India has perfectly everything under her control.” Das soll eine Vorwarnung gewesen sein. Nachdem ein LKW und ein Motoradfahrer vor uns kontrolliert wurden, sind wir endlich dran. Zuerst Harry, the dirty dog, anschließend Takhi, das mongolische Wildpferd. Es wird gar nicht mal so lange und so viel an den Autos kontrolliert. Wir müssen auch nichts herausholen. Aber die Listen … oh je … die Listen. Wer darf was und wo eintragen und wer darf kontrollieren? Wer schreibt das ganze nochmal ab in eine zweite Liste? Und wer unterzeichnet den ganzen Krempel? Natürlich muss der Chef geholt werden und das dauert 45 Minuten. Der gibt Anweisungen, wer was zu tun hat und wohin wir anschließend mit unserem Carnét zurück müssen, um es abstempeln zu lassen. Es ist jetzt 15:00 Uhr. Die Fahrzeuge sind kontrolliert, bloß der Stempel im Carnét fehlt noch. Nichts leichter als das … Wir gehen wieder in die zweite Abfertigungshalle zurück, wo die Zolldeklarationszettel verteilt werden. Das Carnét wird einem Beamten übergeben, der das abstempeln soll. Dieser legt sich die Unterlagen feinsäuberlich auf den Schreibtisch und macht erst einmal eine dreiviertel Stunde Mittag. Es könnte doch so einfach sein, nicht wahr? Mother India has everything under her control … if you like it or not.

16:15 Uhr betreten wir indischen Boden. Bis auf ein paar weitere Check Points und Listen sind wir durch mit dem Thema. Uns steht der Sinn nicht mehr nach Grenzparade. Wir sind griesgrämig. Uns steht der Sinn eher nach Essen und zwar nach einer ordentlichen Portion indischem Essen! Die Straße nach Amritsar ist neu und frei. Es ist grün und halbwegs sauber. Entgegen den Geschichten der Australier, die mittlerweile zum vierten oder fünften Mal nach Indien fahren, ist der Auftakt überraschend entspannt. Die indische Seite sieht sogar schöner, grüner und freundlicher aus, als der pakistanische Moloch auf der anderen. Die Australier staunen.

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Und wir … wir staunen über den ersten übervollen Bus, der uns überholt und die Inder mir vom Dach aus zujubeln, als ich meine Kamera zücke.

Welcome to crazy India!

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