10.2 TREKKING zum RUSH PEAK

“Just a little bit.”, meint unser Träger grinsend, morgens im feucht-speckigen Zelt, als er sich zum Frühstück eine unerhörte Menge Butter mit Mango-Marmelade auf ein hauchdünnes Stück Brot schmiert. Schwups, der Fetthaufen ist verschlungen. Nur „ein bisschen“ Butter. Uuuh, wir beide schütteln uns lachend. Es soll der schwerste Trekking-Tag von dreien werden. Unsere Zelte haben wir einen Tag zuvor am Rande des Miar-Gletschers in 3280 Höhenmetern aufgeschlagen, inmitten von hohen Berberitzen, die in rot-goldenen Herbstfarben leuchten. Im Hintergrund die massiven, schneebedeckten Gipfel hinter Karimabad. Es ist bitterkalt, erster Reif liegt auf den Zelten, wir sind halb durchgefroren.

Base Camp nahe des Miar Gletschers

Base Camp nahe des Miar Gletschers


Nachdem wir die Australier am 27. September mit Herzschmerz verabschiedet hatten, besprachen wir bei Milchteemit Sada vom Old Hunza Inn und bei Milchtee, der ab sofort ohne Lisa und Darren anders schmeckte, die Details für drei bis vier Tage Trekking zum Rush Peak. Das Wetter soll eher bescheiden werden, doch ich sagte Thomas, dass ich mich jetzt nicht umsonst von den Aussies verabschiedet haben möchte. Eine Mehr-Tages-Wanderung von Karimabad aus war damit beschlossene Sache. Endlich raus aus dem Auto, drei Tage den Körper quälen und erschöpfen lassen, um sich anschließend wieder auf die langen Fahrten freuen zu können … und die Gletscherjagd fortsetzen … eine gute Abwechslung. Wir einigten uns auf drei Tage in Begleitung von zwei Guides und einem Träger, inklusive Verpflegung für 200 US Dollar pro Person. Wie immer sagte Thomas dabei: “Hoffentlich lohnt sich das bei dem Preis.” Wir packten die Rucksäcke noch am selben Abend, einen großen und einen kleinen plus Fotozeugs. Bergsteigerausrüstung wird nicht benötigt, auf Wunsch kann aber alles im Ort organisiert werden.

Pause am Hopper Gletscher

Pause am Hopper Gletscher

Das Frühstück am nächsten Morgen gehörte schon zur Trekking-Tour dazu: Omelett, hausgemachtes Hunza-Brot und Chai. Thomas bekam noch am selben Tag Durchfall, kein perfekter Start für eine lange Wanderung an der frischen Luft. Wenig später wurden wir mit einem PKW abgeholt und mit Ismael und Pablu, unseren Guides, in das Hopper Valley chauffiert, vorbei an Terrassenfeldern und Hanf. Dort wartete unser lustiger Träger, dessen Namen ich schon wieder vergessen habe, und eine Kanne Milchtee, die die Einkaufszeit von acht Eiern und einem Huhn überbrücken sollte. Gegen 10 Uhr und bei Nieselregen brachen wir auf in Richtung Hopper Gletscher. Der Weg führte steil abwärts auf dessen Rücken, den wir queren sollten. Loses Geröll und das darunter durchschimmernde Eis gestalteten den Weg nicht gerade einfach. Und der Schafhirte, der uns schließlich mit obligatorischen Plastikschlappen  im Schnellspurt und mit einer Ladung Holz auf dem Rücken entgegen kam, ließ uns wieder einmal kleinlaut werden. Ja ja, schon gut, ist alles gar nicht so schwer hier …

Was für eine Aussicht!

Was für eine Aussicht!

Wir waren froh, als sich nachmittags endlich die Sonne blicken ließ. Auf der anderen Seite des Gletschers betrachteten wir dessen Schokoladenseite aus bizarren Eisformationen. In genau diesem Moment bekamen wir Schokolade von den Jungs ausgeteilt. Mmmmh. In Anbetracht des regnerischen Anfangs, segnete uns die Sonne für ein paar Stunden mit etwas Wärme und einem azurblauen Himmel. Sobald es Nacht wurde, gefror der erneut beginnende Nieselregen zu Eis und Schnee. Reis auf einem Lagerfeuer zu kochen wurde zu einer Herausforderung für drei, vom Speisen in einem viel zu kleinen,stickigen Zelt, in dem das Kondenswasser von fünf Personen heruntertropft, und einem großen Gaskocher in der Mitte, der einem den Atem raubt,  ganz zu Schweigen.

Miar Gletscher

Miar Gletscher


Und da stehen wir nun im gleißenden Sonnenlicht am Fuße einer 1000 Meter hohen Bergwand, auf deren Rücken irgendwo der Rush Lake (4694 m) liegt, einer der höchsten alpinen Bergseen der Welt, und dahinter wiederum der Rush Peak (5098 m), das große Ziel dieser Etappe, von wo aus die großen Riesen des Karakorums zu sehen sind mitsamt Zipfel des K2. Doch wir ahnen schon angesichts des unbeständigen Wetters, dass wir gar nicht zum eigentlichen Ziel kommen werden. Dennoch, die Anstrengungen des Tages – stinkende Käsefüße, klebrig nasser Schweißgeruch und quälender Muskelkater – erfüllen uns auf seltsame Weise mit Genugtuung. Der eigene Körper ist nicht bloß mehr eine schwammige Hülle in einem fahrenden Auto, der Hintern ist nicht mehr in einem Sitz acht Stunden lang hineingepresst, Arme und Beine sind seit Langem endlich wieder in normalem Gebrauch. Während Thomas sich mit Magenproblemen quält (ja, ich habe mehrfach nach einer Umkehr gefragt und nein, er hat abgelehnt) finde ich Zeit zum Nachdenken, losgelöst von allen vorbeirauschenden Bildern und Sekunden jener Landschaften, die wir seit Beginn der Reise gesehen haben.

Immer noch anderthalb Stunden bis zum Rush Lake

Immer noch anderthalb Stunden bis zum Rush Lake

Das Wetter tut sein Bestes daran, mich nicht davon abzuhalten. Alle großartigen Berge sind versteckt hinter Vorhängen aus dicken, weißen Wolken. Meine Gedanken hängen fest an Lisa und Darren und die seltsamen Ähnlichkeiten, die wir gemein haben. Und mit jedem weiteren Schritt in die eine Richtung, scheint mich etwas in die andere ziehen, als wäre es nicht richtig, sich voneinander zu entfernen. Ich will es mir nicht eingestehen, aber ich weiß jetzt schon, dass ich sie sehr, sehr vermisse. Thomas auch?

Nur ein bisschen zu klein die Hütte

Nur ein bisschen zu klein die Hütte

Mit zunehmender Höhe kommen wir der Schneegrenze immer näher, doch wir werden auch immer langsamer. Die Luft wird dünner, die Beine schwerer, die Muskeln müder. Gott, wann sind wir endlich da? In einiger Entfernung sorgt indische Bollywood-Musik aus dem Handy unseres Trägers quer über die Berge für gute Stimmung. Der knöcheltiefe Schnee erleichtert die Wandersache dennoch nicht. Der Himmel zieht sich in Sekundenschnelle zu. Noch darüber staunend, wie schnell das in den Bergen geht, landen Schneeflocken im offenen Mund. Es schneit. Oh weh. Wir verkriechen uns notdürftig unter kleinen Schutzhütten. Die Jungs bereiten für uns Mittag zu – das Beste, was man auf 4300 Höhenmetern kriegen und ohne Löffel (Ein verzweifelter Blick in den Rucksack genügte: “No … We forgot the spoons!!!”) essen kann: Maggi-Nudeln mit Huhngeschmack, Kekse, Kaugummi mit lustigen Tattoos und Milchtee, beinah alles aus einem Topf. Gar nicht so leicht, sich dabei nicht zu bekleckern! Es ist früher Nachmittag, knapp vier Stunden sind wir in Zeitlupe den Berg hinaufgestiegen, doch See und Spitze liegen immer noch mindestens anderthalb Stunden oder mehr vor uns.

Im Schneesturm zurück

Im Schneesturm zurück

Wir beschließen umzukehren. Was wollen wir an einem See, den wir nicht sehen können und was wollen wir auf einer Bergspitze, von der wir keine Aussicht haben? Das touristische Tagesziel haben wir für heute zwar verfehlt, doch angesichts der vernünftigen Entscheidung finden wir den Weg gerade noch so im Schneesturm zurück. Alle Klamotten sind koddernass und bleiben es sogar bis zum nächsten Morgen. Über Nacht hört der Schneesturm endlich auf. Alle Signale stehen auf GRÜN für die Überquerung des Miar Gletschers. Am dritten Tag brechen wir 9:30 Uhr auf und erleben einen Hauch von Antarktis auf mehr als 3200 Höhenmetern in milchigem Sonnenlicht. Die alpine Landschaft ist mal wieder atemberaubend. Überwältigender noch die Endlosschleife der dudelnden Musik über indische Sehnsüchte quer über den Gletscher. Wir essen Schnee und trinken Gletscherwasser, hüpfen über kleine Bäche und hören Sturzbäche unter der meterdicken Eisschicht gurgeln. Es ist unglaublich, all das selbst erleben zu können. Die gestrigen Anstrengungen haben sich gelohnt!

Auf dem Miar Gletscher

Auf dem Miar Gletscher

Der Rückweg verläuft an der anderen Seite des Miar Gletschers, dicht an einer steilen Felskante entlang. An einer urigen Ansammlung von Schafställen halten wir Rast und bekommen von den Schäfern frischen Ziegenjoghurt angeboten, der Thomas’ Durchfall entgegen aller Befürchtungen ein Ende bereitet. Die restlichen Kekse werden gefuttert, überflüssiges Salz und Zucker den Schäfern geschenkt. Dafür erhalten wir Hunzabrot, Ziegenkäse, Butter und frischen Milchtee.

Darunter gurgelt das Wasser

Thomas und Pablu

Expedition à la Antarktika

Expedition à la Antarktika

Der Kreis schließt sich als sich am Hopper Gletscher die Regenwolken sammeln und es kalt von oben herab schüttet. Im Regen begonnen, im Regen geendet. Die Wandersaison scheinen wir nun wirklich hier oben Ende September beendet zu haben, da sind wir uns alle einig. Tropfnass erreichen wir den letzten steilen Anstieg zum Hopper Tal. Alle Schweißporen öffnen sich noch ein Mal zum Finale wie in einer Sauna. Die Puste bleibt uns fast endgültig weg. Schwankend und mit zittrigen Beinen reichen wir Ismael und Pablu zum Abschluss die Hände, lassen uns von einem Großstädter als Fotosouvenir mit seiner Frau abknipsen, springen in einen alten, roten Jeep und düsen mit allen stinkend und mit der ersten Zigarette im Mund, ohne Scheinwerferlicht durch die Dunkelheit zurück nach Karimabad.

Das gefährlichste Stück auf dem Rückweg

Das gefährlichste Stück auf dem Rückweg

Nach der wohl besten und heißesten Dusche der Welt, nach einer heißen Gemüsesuppe und Resumés über die Wanderung mit Sada überlegen wir: Wo sind wohl die Australier abgeblieben?

 

1 Kommentar

  1. dirk

    moinmoin ihr beiden,

    schön zu lesen, dass es euch, trotz des aussieverlustes, gut geht! habt ihr was von dem erdbeben mitbekommen? war ja anscheinend nicht allzuweit von euch weg.
    lisa und darren sind ja nicht wirklich fort, sie reisen doch in euren herzen mit euch weiter!
    danke mal wieder für all die schönen bilder und berichte…ich kann gar nicht genug davon lesen und stöber immer wieder freudig drin rum. einfach superschön, so ein wenig bei / mit euch sein zu können! vielen herzlichen dank dafür!
    liebe grüße und weiterhin gute reise!
    dirk

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