10.1 KARAKORAM HIGHWAY

Pakistan … der Name wurde vor der Abspaltung von Indien von Intellektuellen im Exil erfunden und ist ein Akronym aus Punjab, Afghan, Kashmir, Sind und bedeutet mit der Endung “stan” so viel wie “Land of the Pure”, so unser Reiseführer.

Nach dem stimmungsvollen Entrèe in diesem Land hüllt sich der Himmel am Morgen des 22. September in graues Schweigen. Die scharfkantigen Spitzen sollen uns auf dem Weg nach Passu unbeeindruckt lassen. Wir folgen dem Tipp von zwei jungen Radfahrern, den Aprikosenkuchen des Glacier Breeze und dazu die Aussicht des Passu Gletschers zu genießen. Auch wenn wir gerade vor anderthalb Stunden gefrühstückt und den Abend zuvor Bananenkuchen gebacken haben, ein Aprikosenkuchen geht immer. Er ist vorzüglich und der obligatorische Milchtee, der ab sofort zu jedem Zwischenstopp dazu gehört, ebenfalls, ganz im Gegensatz zur heutigen Aussicht. Die Kathedrale von Passu – wo auch immer sie sein mag – bleibt uns ein Geheimnis.

Home Sweet Home am Glacier Breeze

Home Sweet Home am Glacier Breeze

Wir dürfen auf einer schrägen Fläche hinter dem Glacier Breeze parken, das für die nächsten zwei Nächte unser Zuhause wird. Der Besitzer des Cafés, ein liebenswerter rundlicher Teddybär, erzählt uns, wie hier nach 9/11 der Tourismus zusammengebrochen ist und sich aufgrund der negativen Schlagzeilen in den Medien die Situation kaum verbessert. Die Ismaelis im Norden seien ein ganz anderer Schlag Menschen, sagt er, weitaus anders als jene im Süden. Zu denen würde sich hier keiner zählen. Touristen waren und sind hier immer willkommen. Der gemeinsame Bummel zu dem einzigen “General Store” in Passu endet in einer kurzweiligen, pakistanischen Hochzeit, auf der die Männer aller Familien sich wie Gockelhähne im Tanz gegenseitig imponieren. Ein fantastisches Schauspiel, das mit traditioneller Musik zuerst im Dorf der Braut, und später im Dorf des Bräutigams ausgetragen wird.

Passu Glacier

Passu Gletscher

Anschließend begeben wir uns auf den Weg zum Passu Gletscher. Der anderthalb stündige Pfad beginnt direkt hinter dem Glacier Breeze, zwischen dornigen Sträuchern und durch matschiges Quellwasser, über glitzernde Sanddünen und später über Geröllhaufen und Felsbrocken und schließlich durch ein Flussbett, alles vom Passu Gletscher einst bis hierher getragen. Welche atemberaubende Landschaft in den Wolken im Verborgenen liegt, erleben wir erst 24 Stunden später. Die orangenen Früchte des Sanddorns geben neben den bonbonfarbenen Jacken der Aussies die einzigen Farbtupfer des Tages, was uns aber nicht von einer ausgelassenen Stimmung abhält. Der Gletscher selbst hüllt sich in seine graue Moräne. Sein Eis erkennen wir nur dann, sobald wir einen Fuß darauf setzen. Trotz Regen und Kälte macht die Viersamkeit Riesenspaß. Es ist, als ob wir jeden Tag in einen Spiegel sehen, die gleichen Denkweisen, die gleichen Sprüche und die gleichen Grimassen. Ich sage euch, uns läuft manchmal ein Schauer über den Rücken …

Der nächste Tag entwickelt sich noch regnerischer  und kühler. Die Stimmung neigt sich zum ersten Mal einem Tiefpunkt zu, da hilft auch kein Aprikosen- oder Bananenkuchen mehr. Lisa und Darren schmieden schon Pläne, wie und wann sie weiter fahren wollen. Uns ist eher nach Abwarten und Tee trinken. Wir können die beiden überreden, den Tag noch auszuharren, denn was nützt eine Weiterfahrt, wenn alles gleich grau und nass aussieht.

Hängebrücke nahe Passu

Hängebrücke nahe Passu

Zum Trost spazieren wir mit ihnen zu einer der gefährlichsten Hängebrücken der Welt südöstlich von Passu und verschweigen ihnen aber, dass acht Kilometer Fußmarsch etwas länger dauern als bloß ein Stündchen. Unterwegs begegnet uns eine Frau, die aus einer Schlupftür ihres wilden Gartens steigt, die Rockschürze voller Äpfel. Sie schenkt uns je einen, einfach so, mit einem wunderschönen Lächeln und geht. Als wir kurz vor der Brücke anhalten, balancieren drei Pakistanis von einem winzigen Dorf auf der anderen Uferseite herüber. In aberwitziger Leichtigkeit ruft ausgerechnet derjenige, der die besten Jahre schon hinter sich hat, herüber: “Heeey, habt ihr auch ein Foto von uns gemacht?” Die Frage verstehe ich zuerst nicht, weil ich ungläubig und mit offenem Mund auf die fünfzig Zentimeter breiten Abstände zwischen den einzelnen Planken starre. “Habt ihr oder habt ihr nicht???”, fragt der Alte wieder, jetzt mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. “Ja ja, äh, nein, ach so, doch, klar, habe ich!”, antworte ich entgeistert, sämtliche Standards einer barrierefreien Bauweise gerade über Bord werfend. Diese Brücke wird nie zu meinem täglichen Arbeitsweg werden, das ist sicher.

Mut zur Lücke!

Mut zur Lücke!

Die Jungs und Lisa schwingen sich gemeinsam auf die Brücke. Ich muss mir diesmal Gott sei Dank nichts beweisen und bleibe auf dem sicheren Festland, denn ich weiß, dass das Geeier beginnen wird, sobald eine Frau die Brücke betritt. Da wird ordentlich gewippt und geschaukelt, hoch und runter, zur Seite rechts und links …jaaalalaaa … heute nicht für mich, dafür umso mehr für Lisa. Nachmittags klart zaghaft die dichte Wolkendecke auf. Wir stehen auf der Terrasse des Glacier Breeze, als sich die Kathedrale von Passu in den Nebelschwaden offenbart. Mein Gott, es fällt schwer, die Berge zu beschreiben. Schroffe Gebirgszüge, von denen wir glaubten, sie würden nur in Märchen existieren, werden hier zur Wirklichkeit. Selbst die Gipfel oberhalb des Passu Gletschers liegen immer mehr frei, immer höher und mächtiger jenseits der 7000 m Marke, dick eingehüllt in Neuschnee.

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Kathedrale von Passu

Noch immer sind Thomas und ich unentschlossen, wie sich die kommenden Tage gestalten mögen. Wir haben das Gefühl, etwas mehr als nur die rechte und linke Seite des Highways sehen zu wollen, schließlich ist die möglich zu verbringende Zeit in diesem Land zu kostbar. Doch Lisa und Darren haben weniger Zeit, da sie bereits ab dem 15. November Myanmar durchqueren werden. Gleiches Spiel wie in China, gleicher Zeitdruck, gleicher Zwang. Überlandreisen durch Asien sind definitiv kein Urlaub. Lisa und Darren beschließen, nach Karimabad weiterzufahren, ein paar Tage dort zu bleiben, um vor der anstrengenderen Strecke bis Islamabad noch einmal tief durchzuatmen. Wir spüren, dass die Interessen zunehmend auseinander gehen und der Tag naht, an dem das deutsch-australische Expeditionsteam erneut getrennte Wege gehen wird.

Blick auf die 7000er

Blick auf die 7000er

Mir rutscht das Herz in die Hose – unglaublich, aber wahr – dass das Ende doch so plötzlich und ausgerechnet heute, am 24. September, geschehen soll, wo wir doch alle dachten, sogar bis nach Nepal gemeinsam zu reisen. Dabei sind weder der Bananenkuchen aufgefuttert, noch die endlos vielen Fotos ausgetauscht worden. Es ist schon seltsam, wie kurz wir die beiden kennen und wie tief doch die Spuren sind, die sie uns hinterlassen werden. Wir wollen dagegen nach Shimshal … doch ist dieser Ort wirklich so wichtig? Es besteht eine öffentliche Verbindung mit einem Geländewagen nach Shimshal, die Haltestelle ist in der Nähe des Passu Inn. Wir sollen dort erfragen, ob und wann ein Geländewagen fährt oder ob wir einen “privaten” mieten können. Jeder rät uns ab, diese Strecke mit dem eigenen Auto zu fahren, entweder sind wir zu hoch oder zu schwer, um auf der schmalen Piste ohne Wendemöglichkeit zu fahren. Doch im Passu Inn erklärt man uns, dass der öffentliche Jeep seit zwei Tagen nicht in Passu eingetroffen ist, womöglich aufgrund des Wetters, und ein privater Geländewagen kostet 80 US Dollar pro Fahrt. Das macht die Entscheidung vorerst einfacher: wir fahren nach Karimabad, gemeinsam mit Darren und Lisa, den Abschied haben wir auf später verlegt.

Borit Gletscher

Borit Gletscher

In der Nähe des Dorfes Hussaini halten wir für einen kurzen, sonnigen Ausblick auf den Borit See. Die Berge ringsum sind voller Gletscher, hinter jeder Kurve und hinter jedem Hügel, könnte sich einer verbergen. Wir sind auf Gletscherjagd. Lisa und Darren warten in typischem Aussie-Easy-Goin‘-Modus, trinken Tee, halten Schwatz mit den Locals, während die kleinen, deutschen Kinderchen in Schweiß gebadet ein Stück zum Borit Gletscher hinaufsteigen wollen. Vielen Dank für das Verständnis, ihr Lieben!

Borit See in Kulisse, die uns mal wieder den Atem nimmt

Borit See in Kulisse, die uns mal wieder den Atem nimmt

Zwischen Passu und Karimabad entstand im Januar 2010 aufgrund eines mächtigen Erdrutsches der Attabad See, der den Fluss Hunza  aufstaute und damit den Karakoram Highway auf einer Länge von etwa 16 Kilometern flutete. Sämtlicher Transport wurde seit jenem Jahr mit Holzbooten verschifft. Das ist seit September 2015 Geschichte. Die fünf Tunnel, an denen die Chinesen seit mehreren Jahren gearbeitet haben und die den See umgehen, sind ab sofort geöffnet. Jeder Pakistani erzählt uns begeistert von dieser Neuigkeit, und wir? Wir können es gar nicht glauben, dass es dieses Holzbootabenteuer plötzlich nicht mehr gibt! Noch haben wir die Qual der Wahl, denn die Tunnel sind vorerst zwischen 11 und 13 Uhr sowie nachts geöffnet, weil die Chinesen die Arbeiten noch nicht vollkommen beendet haben. Doch was heißt schon “Wahl”, wenn man 12:30 Uhr vor dem Tunnel steht und eine 100% Garantie auf kein ertrinkendes Auto besteht? Also Scheiß drauf, den Adrenalinkick holen wir uns schon noch woanders. Die Bewunderung für den türkisblauen See und die Veränderungen, die er der Landschaft und den Menschen zugefügt hat, bleibt dennoch nicht aus und bringt uns an einer dortigen Milchteebutze zum Schweigen. Die Überreste eines längst verschwundenen Dorfes und die hohe Abbruchkante eines halben Berges lassen die Katastrophe nur bruchstückhaft erahnen.

Attabad See

Attabad See

Karimabad ist durch die fünf Tunnel schnell erreicht. Das berühmte Hunza Tal liegt in strahlendem Sonnenschein. Am frühen Nachmittag landen wir im Old Hunza Inn, dessen Besitzer Sada die Aussies in Kashgar kennengelernt haben. Stellplätze sind rar in Karimabad. Die Straßen sind eng, es gibt kaum freie Flächen und der Rest ist steil abschüssig. Wir dürfen uns auf die benachbarte, ebene Fläche eines Was-auch-immer-Ministeriums stellen.

Hunza Tal

Hunza Tal

Das sei alles gar kein Problem, meint Sada, man wäre befreundet.  Wir mieten uns einen Raum mit einer heißen Dusche für 800 Rupien, die erste heiße Dusche seit Tashkurghan. Mit den Aussies schlendern wir durch Karimabad, erledigen Einkäufe, trinken bei Sada Tee und plauschen mit Tschechen einen ganzen Abend lang. Das 800 Jahre alte Baltit Fort im Zentrum der Karimabads begutachten wir nur kurz von außen. Die haaresträubenden Unterschiede zwischen den Eintrittspreisen für Touristen und Einheimischen geht uns allmählich auf den Keks. Die 600 Rupien pro Nase investieren wir lieber in Milchtee und gutes Essen im Old Hunza Inn.

Morgenaugenblick am Old Hunza Inn

Morgenaugenblick neben dem Was-auch immer-Ministerium

Baltit Fort

Baltit Fort in Karimabad

Am Morgen des 26. September verabschieden wir uns von Lisa und Darren. Es kullern dicke Tränen, lange halten wir uns in den Armen. Es schmerzt, die beiden gehen zu lassen, doch wir versichern uns, dass wir uns wiedersehen werden, sei es in Australien oder Südostasien oder sogar Deutschland. Alles und jede gemeinsame Sekunde haben gestimmt. Fast jeder Gedanke, jede Geste, jede Mimik haben gepasst, aus Reisepartnern für eine 6-Tagestour durch China sind nach nun mehr einem Monat intensivster Reisezeit Freunde geworden. Freunde, auf die wir schon lange gewartet haben, sage ich zu Thomas, und mit denen wir so unglaublich viel gemeinsam haben. Warum wir sie überhaupt gehen lassen, frage ich ihn. “Wir wollen doch wandern gehen und nicht immer nur ständig fahren.”, sagt er. Ja, das stimmt, gestehe ich mir ein. Doch beim ersten Schluck des Milchtees stelle ich traurig fest, dass er nicht mehr so gut schmeckt wie in australischer Gesellschaft. Irgendwie ist alles anders.

Happy Travel Mates

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