9.0 GRENZGESCHICHTEN

Torugart Pass oder Kirgistan – China

“Give me your car passport” – den Fahrzeugbrief bitte, sagt ein in blauen Tarnklamotten gekleideter Beamter mit grimmigem Gesicht. Thomas reicht ihm den schneller durchs Fenster als ich gucken kann und – schwupps – ist er weg. In unserer heutigen Lektion lernen wir: Man sollte nie einfach so seinen Fahrzeugbrief aus dem Fenster reichen, denn das wird teuer!

Zwar unsicher, ob das eben so eine gute Idee war, aber noch nichts ahnend, was noch kommen mag, parken wir vor der Abfertigungshalle und gehen durch die große Tür in das Gebäude der Passkontrolle oder für sonstwas, also das einzige fertige Gebäude mit vier großen Wänden. Zunächst geht es in das Büro für die Fahrzeugausfuhr. Die Zolldeklaration wird abgenommen, nach dem Beleg für die bei der Einfahrt bezahlte Ökosteuer gefragt und penibel auf das Ausfuhrdatum geachtet, dass auf der Rückseite der Deklaration ganz unten eingetragen wurde. Darren und Lisa hätten hier eine Strafe zahlen müssen, doch die stellen taube Ohren, machen einen auf “Nix verstehen” und kommen so davon. Mitten im ungeheizten Gebäude steht ein Schalter, in dem jemand in fetter Montur sitzt und die Pässe kontrolliert. Die sind unerwartet zügig abgestempelt. Draußen warten schon die Herren Fahrzeugkontrolleure. “Open please!”, das altbekannte Spiel beginnt wieder. Kurz die Türe auf, einmal reingeguckt, was ist dies, was ist jenes, alles klar, wieder schließen, weitermachen. “Car passport?” fragen sie dann doch noch. Tja, und jetzt?

DAS wollten wir SO schon immer mal sehen!

DAS wollten wir SO schon immer mal sehen!

Wo ist denn der Fahrzeugbrief gelandet, den jetzt die Jungs von der Fahrzeugkontrolle sehen wollen? Keiner weiß es so richtig, bis wir die Gruppe fragen, mit denen Roger und Sylvie unterwegs sind. Ich nenne sie der Einfachheit halber mal “Tibet-Gruppe”, weil sie ja nach Tibet fahren werden. Roger und Sylvie haben nämlich auch ihren Fahrzeugbrief dem selben Dussel gegeben, hocken nun in einem hellblauen, rostigen Bauwagen und kommen nicht mehr raus. Thomas und Darren marschieren ebenfalls dorthin und geraten in eine hitzige Diskussion um die Rückgabe der Dokumente. 50 US Dollar von jedem will der Wichtigtuer haben, doch das lässt keiner mit sich machen. Irgendetwas stimmt hier nicht. Darren und Roger können ihre Fahrzeugbriefe in einem unbeobachteten Moment greifen, während der Typ noch unseren Brief in der Hand hält. Thomas schnappt sich den Ordner, in den der blaugetarnte Typ die Fahrzeugbriefe bloß eintragen soll, und sagt, dass er das jetzt von seinem Boss überprüfen lassen will. Ich und Lisa bekommen von all dem nicht viel mit, denn wir warten an den Fahrzeugen, doch sehe ich Thomas gerade aus dem hitzigen Bauwagen hinaus stürzen. Er geht schnurstracks mit jendem Ordner unterm Arm in das große Gebäude mit den vier Wänden, um den Vorgang seinem Vorgesetzten oder sonst wem Wichtigeren zu schildern. In dem Büro, in dem wir die Zolldeklaration abgegeben hatten, wird er fündig. Thomas erklärt den Vorgang, der wichtige Kirgise sagt jedoch: “Einen Moment, bitte. Ich komme gleich wieder.” Er schließt die Bürotür ab, Thomas steht doof da, denn darin liegt jetzt der Ordner. Dann kommt der wichtige Kirgise geschäftig mit drei weiteren Herren wieder und will jetzt wissen, was genau los ist. Währenddessen ruft Darren, der die ganze Zeit mit Roger noch im Bauwagen saß, herüber, dass Thomas seinen Fahrzeugbrief zurück haben könne, doch der Wichtigtuer im Bauwagen will vorher bitte seinen Ordner wieder haben. Thomas nickt aus der Ferne, was Darren bestimmt nicht sehen kann, jedenfalls ruft er weiter. Unterdessen klärt der wichtige Kirgise auf, dass nur eine Gebühr anfällt, wenn man von China nach Kirgistan einreisen möchte, alles andere sei Blödsinn. Aha, denken wir, was für ein Murks. Wie auch immer, nach einer dreiviertel Stunde haben wir den Fahrzeugbrief wieder. Jetzt wird noch einmal die Ausfuhr des Fahrzeugs in der großen Halle aufgenommen, was genau wissen wir nicht mehr, aber das macht nichts, wir dürfen aus Kirgistan raus fahren.

Wir überqueren nach einigen Kilometern im Bau befindlicher Straße den Torugart-Pass und tatsächlich ändert sich die Landschaft schlagartig von weißen Schneegipfeln zu braunem Einheitsbrei. Irgendwie ist es auf der chinesischen Seite wider Erwarten unspektakulär. Kurz hinter dem Pass befindet sich das erste Tor zu China. Dahinter wartet unser Guide bereits auf uns, der uns die nächsten sechs Tage bis an die pakistanische Grenze begleiten wird. Hoffentlich ist er nett, sage ich zu Thomas immer wieder, schließlich muss er ja bei uns im Auto mitfahren. Es ist wirklich nur ein Tor, ein schwarzes, dünnes Stahlgittertor in einem langen Stacheldrahtzaun zwischen chinesischem und kirgisischem Boden. Die “Tibet-Gruppe” ist schon durch, wir müssen eine halbe Stunde warten, bis sich die Chinesen bequemen, uns die Torflügel zu öffnen. Unser Guide stellt sich während der Wartezeit als “Ami” vor, heißt aber sicherlich anders und ist ein Mann, wie ein Schluck Wasser in der Kurve. Von Kashgar bis zur Grenze und wieder zurück lässt er sich von jemandem fahren. Gut so, denken wir beide, die Privatsphäre im Auto in vollen Zügen noch genießend. Auf dem Weg nach Kashgar folgen zwei weitere Kontrollposten, je zwanzig Kilometer voneinander entfernt. Die Chinesen machen es spannend mit ihrer Grenze. Beim ersten wird das Fahrzeug grob kontrolliert, beim zweiten die Pässe und Visen notiert. Die Straße wandelt sich mal wieder in eine typische Grenzstraße, durchlöchert wie ein Schweizerkäse. Warum das immer so ist, verstehen wir bis heute nicht. Doch nach ungefähr 40 bis 50 Kilometern haben wir vernünftigen Asphalt unter den Rädern. Wie schön das doch schließlich sein kann!!! Der offizielle, chinesische Grenzposten folgt erst kurz vor Kashgar – auch Kashi genannt – etwa 140 Kilometer hinter dem Torugart-Pass. Die Luft ist stickig und sehr warm, Staub trübt die Sicht, hängt in Haaren und Nase. 40 Kilometer vor der Grenzkontrolle überholen wir die “Tibet-Gruppe” frohlockend.

Mal wieder ein Graus diese Straße!

Mal wieder ein Graus diese Straße!

Bevor wir in den für China angemessen großen Bereich der Grenzkontrolle hineinfahren dürfen, müssen wir vor der heruntergelassenen Schranke Migrationskarten ausfüllen, Fahrer und Passagiere gleichermaßen. Ami hilft dabei. Anschließend sollen die Fahrzeuge “desinfiziert” werden. Die Schranke steigt plötzlich in die Senkrechte auf und entblößt große Nebeldüsen. Darren und ich können uns gerade noch hinter einen großen Passagierbus retten, denn wer weiß, was für chinesisches Zeugs aus den Dingern spritzt. Als wir nach einer Minute vorsichtig hinter dem Bus hervor luschern, steht Takhi mit beiden Achsen hinter der Schranke, ist aber nur von der Mitte nach hinten angefeuchtet. Wirklich?! Darren und ich schauen uns an. Soll das euer Ernst sein?!

Welcome to Kashgar!

Welcome to Kashgar!

Vor der mächtigen Immigrationshalle sollen wir uns in einem rechten Winkel zum Gebäude nebeneinander aufstellen. Die wichtigen Chinesen, die nun vor unseren Autos mit prüfendem Blick stehen, tragen hochoffizielle Uniformen in schwarz. Sieht sehr schick aus, aber nicht besonders sympathisch, denke ich mir. Ja, ich weiß, das sind typische Frauengedanken. Egal. Zunächst werden die Pässe kontrolliert und abgestempelt. Ami sagt, wir sollen dafür je einen kleinen Rucksack mitnehmen, das sei besser. Wieso auch immer, verstehen tut’s keiner, doch brav folgen wir seinen Anweisungen. Ami läuft anschließend mit unseren Pässen von einem Büro ins Nächste. Was er da wohl macht, werden wir nie erfahren. Plötzlich sollen die Männer zu den Autos zurück, denn die Motor- und Fahrzeugnummer sollen überprüft werden. Wir Mädels dürfen aber schon nach China einreisen. Noch schnell die leeren Rucksäcke durch den Scanner geschoben, fertig. Wir warten in der ungewohnten Schwüle, denn bei den Jungs dauert es länger. Darren hat zwischenzeitlich vergessen, wo die Motornummer des Landcruisers steht. Lisa verdreht die Augen, ich muss grinsen. Dann werden die Pässe der beiden auch gestempelt, Thomas zuerst. “Wo ist denn dein Rucksack?” rufe ich ihm zu. “Oh Mist”, kann ich in seinen Augen lesen. Schon mit Stempel im Pass läuft er zurück zum Auto, also aus China wieder raus, um den Rucksack zu holen. Mit diesem auf den Schultern, steuert er ungesehen am Passkontrollschalter vorbei, wo die Beamten mittlerweile mit der “Tibet-Gruppe” beschäftigt sind, und läuft eilig auf uns zu. “Du musst den Rucksack noch scannen!” rufen Lisa und ich ihm lachend zu. Also wieder zurück zum Scanner, den Rucksack schnell durchgeschoben, ein kurzer gehetzter Blick zur Passkontrolle, keiner hat’s gesehen …

Wir müssen alle vier lachen! Was für ein aberwitziges Theater kurz vor China – doch das war leider erst der Anfang.

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