8.3 NACH TORUGART

Die chinesische Botschaft lässt uns einfach nicht in Ruhe, denn sie bietet einen optimalen Schlafplatz am Stadtrand. Wir sind glücklich und federleicht, als Takhi am nächsten Morgen der Stadt seinen fetten, braunen Hintern zeigt. Unsere lustigen Australier sind uns einige Kilometer voraus. Wir hoffen, sie irgendwo auf dem Weg nach Torugart aufzugabeln. Thomas probiert bereits in Kochkor das Walki-Talki aus: “Hey Bud …!” Es könnte ja sein … doch ewiges Schweigen tritt ihm aus dem Hörer entgegen.

Tor zum Viehmarkt

Tor zum Viehmarkt

Tagesziel ist die Kleinstadt Narin, 330 Kilometer von Bishkek entfernt. Wir kennen die Strecke bereits, doch der Viehmarkt bei Tokmok ist eine gern gesehene Überraschung. Interessiert, wie interessierte Touristen nur sein können, watscheln wir zwischen Schaf-, Kuh- und Pferdedung durch die Gruppen der Verursacher. Wir sind unsicher, ob die zum Verkauf stehenden Tiere uns leid tun sollen oder nicht, doch es ist schließlich blanke Realität, wenn der Mensch ein Stück Fleisch großziehen oder eine Kanne Milch am frühen Morgen haben will. Pferd, Rind und Schaf sehen zwar nicht glücklich aus, schon gar nicht, wenn die kleinsten in den Kofferraum gestopft werden – Heckklappe geschlossen – und die größten auf der Ladefläche eines Pickups im Fahrtwind stehen müssen. IMG_5250_blogDoch wie will Herr und Frau Farmer sonst zu ihrem Tier kommen? Ich wünschte, wir würden diesen offenen Umgang mit den Tieren bei uns Zuhause noch erleben, dasselbe möge für den mongolischen, kasachischen und kirgisischen Schlachter gelten. Bei uns Zuhause würde automatisch weniger Fleisch gegessen werden. Das Problem der Fleischüberproduktion und ungeachteter Tierquälerei in großen Tierställen wäre damit gelöst. Doch so weit sind wir leider noch nicht.

Wer will mich?

Wer will mich?

Hinter Kochkor klingelt überraschend das Telefon. Darren ist dran: “Hey Bud … Where are you?” “Circa 80 Kilometer vor Narin und ihr?” antworten wir. “Wir sind hier gerade vom Song Kul angekommen. Wir warten auf euch!” Das passt mal wieder wie Arsch auf Eimer. Mit den Australiern geht uns das ständig so, manchmal ist’s schon ein bisschen unheimlich, wie viele Gemeinsamkeiten wir haben oder wie wir zufällig zusammen finden. In Narin erzählt mir Lisa, dass Darren bereits in Kochkor die Funke angeschaltet hat und hinein rief: “Hey Bud …?”. Das kommt mir etwas bekannt vor, sage ich ihr Augen zwinkernd. Über diese Unglaublichkeit können wir nur lachen. Das deutsch-australische Expeditionsteam ist damit wieder glücklich und vor allem gesund vereint. Das mongolische Wildpferd ist sprintbereit, der australische dirty dog Harry knurrt angriffslustig angesichts der letzten Etappe durch Kirgistan: die Passstraße bis nach Torugart an der chinesischen Grenze.

Bester Schlafplatz

Bester Schlafplatz mit Currysuppe auf dem Menü

Für die Nacht biegen wir auf eine Seitenstraße zum Salkin-Tör Nationalpark ab. Eigentlich hatte ich gehofft, im Dorf Alysh handgewebte Schals und Taschen zu finden. Doch offensichtlich werden diese wunderschönen Produkte hinter jeder Hauswand hergestellt, doch nur in Bishkek verkauft. Mit leeren Händen finden wir dennoch einen der besten Schlafplätze in Kirgistan, versteckt am Ende eines Feldweges direkt gegenüber dem Torbogen zum Salkin-Tör NP. Wir haben endlich Zeit gemeinsam zu kochen, das erste Mal von vielen. Lisa gibt den Ton an, wenn es um indische Currys geht, heute auf der Menükarte: rote Currysuppe mit Kichererbsen, Blumenkohl, Bohnen und Tomaten. Dazu viel Hirnschmalz von den Jungs.

Einsatzbereit für die letzte Etappe

Einsatzbereit für die letzte Etappe

TASH RABAT

Tash Rabat stellt das letzte große Highlight vor der chinesischen Grenze dar. Von Narin sind es in etwa 100 Kilometer bis dorthin. Unterwegs halten wir am letzten postsowjetischen Monument, an dem alle wichtigen Kampfeinheiten geehrt werden: Kampfjet, Panzer, Flakartellerie, und wir daneben. Es könnte Schöneres zum Posieren geben, doch stilechter geht es einfach nicht. Hinter dem Pass Char (2600 m) und dem Dorf At-Bashi erheben sich majestätisch die Gipfel der At-Bashi Kirka Gebirgskette.

Nach Torugart

Nach Tash Rabat und schließlich Torugart

Kirgistan versetzt uns wieder einmal in Staunen. Tash Rabat heißt die sehr gut erhaltene Karavanserai, die in den goldenen Zeiten der Seidenstraße als ein wichtiger Zwischenstopp für die ziehenden Karavanen galt. Sie liegt inmitten der flacher abfallenden Berge und inmitten von Yakdung, 15 Kilometer südlich der Hauptstraße. Der Wind schneidet mit Eiseskälte durch das hübsche Tal. Wir zelebrieren Teatime zwischen einer friedlichen Yakherde.

... gibt nichts Schöneres ... oder doch?

… gibt nichts Schöneres … oder doch?

Für die Karavanserai müssen wir 100 Som pro Person hinlegen, die Kirgisen bezahlen bestimmt gar nichts. Rundherum haben sich einige Jurtencamps angesammelt, ein klassischer Treffpunkt für alle Reisenden von und nach China.

Tash Rabat Karavanserai

Tash Rabat Karavanserai

Voraussichtlich wird die kommende Nacht sehr, sehr kalt. Da sehen die Jurten neben uns gleich viel verlockender aus. Das ist die letzte Gelegenheit, stelle ich fest, für Jurte, Banja und einen Pferderitt. Gemeinsam beschließen wir, dass wir es uns nach all den Monaten und Anstrengungen, um bis hierher zu kommen, einfach verdient haben. Wir dürfen für 400 Som pro Person (ohne Verpflegung) je ein Bett in einer großen, eigenen Jurte beziehen. Die Banya wird ab 18:00 Uhr für uns angeheizt und ab 19:00 steht ein randvoller Eimer mit Yakdung vor unserem Ofen. Lisa und Darren sind noch skeptisch, wie der Abend wohl enden mag – halb erfroren oder hoch erhitzt? Doch nach der ultraheißen Banya sind jegliche Zweifel an unserer außergewöhnlichen Unterkunft verflogen.

Die gemütliche Märchenstunde

Die gemütliche Märchenstunde

Wir Frauen werden am Herd kreativ, während die Männer über belanglose Dinge am Auto palavern Zwinkerndes Smiley Es gibt ein sri-lankanisches Curry (Danke, Sven und Kathi für dieses tolle Pulver!) mit selbstgebackenen Chapattis. Ich backe Pflaumenkuchen, der für den nächsten Tag über Nacht durchzieht. Es gibt Rotwein, Tee, Schokolade und Temperaturen von nahezu 30°C innerhalb der Filzhütte. Es ist so unerhört warm, dass wir nicht einmal Gänsehaut bekommen, als Lisa und Darren uns von ihrem Hausgeist Jeff erzählen. Diese haarsträubenden Geschichten kann sich nun wirklich niemand vorstellen, der das Theater von klappernden Türen und Schubladen und von allein anspringenden Alarmanlagen nicht selbst miterlebt hat. Würden wir die beiden nicht so gut kennen, hätte Thomas am Ende der Märchenstunde mit Sicherheit gerufen: ”Was für ein Käse!” Doch die beiden leben mit Jeff schon seit fast 20 Jahren zusammen. Irgendwann gewöhnt man sich wohl selbst im Schlafzimmer aneinander.

Am Ende haben wir es geschafft ...

Die Belohnung für fünf Monate Reisen

Am letzten Tag übertreffen wir uns alle selber: ein Ausflug auf dem Pferderücken! Endlich ist es soweit, die letzten verbleibenden Stunden werden voll und ganz ausgekostet. Vier Pferde sind bereits gesattelt und ob wir es wollen oder nicht, die kennen uns bereits jetzt schon besser als wir sie. Ich darf auf dem trägsten Hengst sitzen, Darren auf dem bockigsten, Lisa mit fast 40-jähriger Reiterfahrung kann mit jedem, und für Thomas bleibt der gutmütigste. Wir planen drei bis vier Stunden für einen Ritt talaufwärts. Das sollte für den Allerwertesten genügen. Dann mal los! Lisa hilft mir und Thomas in die Sättel, weist uns ein, wie wir unserem Pferd zu verstehen geben, was es tun soll. Nichts leichter als das, doch wie ich befürchtet habe, werden meine Kindheitserinnerungen an einen Geburtstag auf dem Stuthof wieder wahr: alle Pferdchen laufen los, bloß meins nicht, auf dem ich sitz. Und dieses Pferd heute wusste davon bestimmt schon vorher! Während Lisa mir weitere Anweisungen zuruft, steht die Besitzerin der Pferde hinter mir und klatscht dem Hengst ordentlich eins aufs Hinterteil und fragt: “Can you say CHUKCHUK?” Klar kann ich, es chukchukt förmlich durchs ganze Tal! Doch es nützt nichts. Ich sitze auf einem störrischen, trägen Gaul. Lisa muss uns beide an die Leine nehmen, widerwillig regt sich das Pferd vorwärts. Darrens Pferd hat bereits die Biege gemacht und steht wider Erwarten vor dem Stall. Wir beide scheinen es den Pferden nicht wert zu sein mitgenommen zu werden. Damit wir heute irgendwie noch vorankommen, tauscht Lisa ihr Pferd gegen Darren’s und nimmt meines an die Leine bis ich die Befehle austeilen kann und nicht umgekehrt. Bei Thomas läuft dagegen alles mehr oder weniger am Schnürchen. Anfängerglück. Nach einer halben Stunde Ringelreihen sind wir auf gutem Wege. Die zwei Hütehunde des Camps haben nichts Besseres zu tun, als uns durch das Tal zu begleiten. So viele Tiere auf einmal, ein Paradies für die Aussies!

Teepause

Teepause

Es ist ein herrlicher, wenn auch kurzer Ausflug. Der kalte Wind kühlt schnell aus, sobald wir eine Pause einlegen. Für mich und Thomas sind es die ersten Erfahrungen mit großen Tieren über Stock und Stein. Es macht verdammt viel Spaß, dem Hintern allerdings nicht. Abends übertreffen wir unsere Kochkünste am Backofen: es gibt vegetarische Lasagne mit extra viel Sahnecreme und Käse überbacken, als Beilage servieren wir den Jungs selbstgemachte French Fries. Mein Gott, was ist das bloß für ein Tag heute!

Die beste Lasagne der Welt

Die beste Lasagne der Welt

Zu guter Letzt treffen wir Silvie und Roger, die liebenswerten Schweizer, die wir am Song Kul kennengelernt haben. Sie wollen auch nach China, doch ihre geplante Tour durch Tibet hat sich um mehrere Tage verzögert. China hat unverhofft seine Grenzen zu Tibet geschlossen, das kann sehr plötzlich ohne Ankündigung passieren. Wir standen in Bishkek mit den Schweizern per Email in Kontakt und wissen um ihre Hoffnungen und Sorgen, ob mit dieser Tour durch eines der am seltensten gesehenen Gebiete der Welt tatsächlich alles klappt. Beinahe hätten wir mit den Australiern ebenfalls diese Strecke gebucht, doch angesichts dieser Schwierigkeiten und der hohen Geldsummen, die dafür zu bezahlen sind, haben wir uns für die kürzeste Route durch China entschieden: den Karakoram Highway.

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5 Kommentare

  1. Sven und Kathi

    Selamat siang!

    Ihr beide auf dem Pferd! Ihr macht ja Sachen… Was für schöne Landschaften und was für eine Freude, dass ihr unser Curry durch all die Grenzkontrollen mitgeschleppt habt 😉
    Genießt den Karakoram und habt weiterhin so viele schöne Erlebnisse!
    ganz liebe Grüße von den Perhentians, diesmal von der großen Insel 🙂
    Sven und Kathi

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Hey ihr zwei, da gehen wir drei Tage im Schnee wandern und plötzlich schreibt ihr uns! Wie schön von euch zu hören! Das Curry ist fantastisch, man mag es gar nicht aufbrauchen. Lieber Sven, du hast recht gehabt- Pakistan ist unglaublich. Wir sind so froh und glücklich, dass wir dich damals in Kampot getroffen haben und du uns deine Bilder gezeigt hast. Schade, dass alles vom indischen ozean verschluckt wurde. 😉 Aber vielleicht ist das ja ein Grund mehr, hier wieder her zu kommen? Was steht bei euch als nächstes an? Viel sonne und freude in malaysia wünschen euch die zwei Reiter und das mongolische Wildpferd!

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  2. Andreas

    Hallo ihr alle,
    endlich habe auch ich alles nachgelesen. Super fleißig geschrieben, und das will zuerst ja auch alles erlebt werden! Hier etwas südlich der Alpen herbstelt es schon ziemlich, die Zentralheizung ist an, die Blätter fallen. Schön, Eure sonnigen Bilder zu sehen!

    Liebe Grüße
    Andreas

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  3. Aaron

    Bitte kein Curry mehr…… Sri Lanka und Curry reicht mir jetzt erstmal für die nächsten Jahre. 😛 Weiter machen! 🙂

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Wieso das denn? Ist doch läggä?

      Gesendet über Yahoo Mail für Android

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