10.0 GRENZGESCHICHTEN

KHUNJERAB PASS oder CHINA – PAKISTAN

Die Ausreise aus China arrangiert unser Guide Ami noch in Tashkurghan, denn hier befinden sich die Gebäude von Immigration und Fahrzeugkontrolle irgendwo in einer Seitenstraße im westlichen Teil der Stadt. Ami kümmert sich zunächst um die Fahrzeugausfuhr. Es dauert circa eine Stunde Warterei, bis er mit chinesischen Dokumenten aus dem Gebäude herauskommt und uns das OK für die Weiterfahrt zur Passkontrolle gibt.

Im Immigrationsgebäude füllen wir die Immigration Cards für die Ausreise aus, dann stellen wir uns an den Schalter, lassen die Pässe einen nach dem anderen mit chinesischer Unfreundlichkeit abstempeln und gehen durch die hintere Tür aus dem Gebäude raus. Die Männer müssen jedoch durch das Gebäude wieder zurück, um die Autos symbolisch über die Grenze, also hinter das Gebäude zu bringen. Ami nimmt uns wieder die Pässe ab, wahrscheinlich muss der Ausreisestempel in irgendein ominöses Register zur Kontrolle eingetragen werden: Ja, die Ausländer reisen heute wirklich aus, bitte bestätigen sie. Wir Mädels dürfen derweil schon draußen warten. Auf dem “Hinterhof” warten schon die ersten Reisebusse mit Endziel Gilgit, Pakistan. Davor eine elendig lange Schlange pakistanischer Männer, zum Teil Händchen haltend. Thomas wäre schockiert und hätte mich gefragt, ob die alle schwul wären und das unter Muslimen, wie das wohl ginge, hätte ich ihn nicht während der langen Fahrten schon aufgeklärt, dass das Händchen halten hier unter Männern sehr normal sei. So braucht sich Thomas nur noch zu wundern und den Kopf zu schütteln. Wenn die wüssten, dass das schwul aussieht, sagt er. Um Gotteswillen … Wahrscheinlich sind die alles andere als das. Pakistanische Männer kommen meist hierher, um andere Frauen “kennenzulernen” und Geschäfte mit den Chinesen zu betreiben, all jene Dinge eben, für die eine Grenzstadt gut ist.

Ausblicke auf dem Weg zum Khunjerab Pass

Ausblicke auf dem Weg zum Khunjerab Pass

Während der Wartezeit erzählt Ami von einigen seiner Erlebnisse mit anderen Touristen. Einmal musste er Amerikaner begleiten, die von Beijing hierher geflogen sind, um den chinesischen Pamir zu sehen. Sie fragten ihn im Vorfeld, wie das Wetter dort wäre und er teilte ihnen mit, dass das Wetter voraussichtlich gut werden würde. Doch für Wetter kann ja niemand im Voraus garantieren, selbst wenn die Chinesen es am liebsten kontrollieren möchten. Die Amerikaner bekamen natürlich schlechtes Wetter zu Gesicht, Ami musste den Frust der reichen Touristen nun herunterschlucken, der fast in eine Schlägerei im Auto ausartete. Und das bloß wegen des Wetters! Dagegen waren wir wohl ziemlich harmlos, meint Lisa zu mir grinsend. Anschließend wird Ami recht ehrlich über sein Land, man könnte fast meinen, dass er sich ein bisschen aufregt, aber wirklich nur ein bisschen, denn Chinesen regen sich ja fast nie auf um ihr Gesicht zu wahren. “Wieso muss immer alles so kompliziert sein?”, meint er. “Jedes Jahr sagen sie, dass die Bürokratie vereinfacht wird, aber es ist genau umgekehrt. Es wird immer schlimmer, immer mehr Regularien, immer mehr Dokumente, immer wieder anders. Nie weiß man, wie die aktuelle Abwicklung an der Grenze abläuft … Aber sagt niemandem, dass ihr das von mir habt, sonst steht das Militär morgen vor meiner Haustür und verhört mich und Familie.” Ich hoffe, dass die chinesische Regierung unseren Blog nicht liest.

Tor des Khunjerab Passes (4719 m)

Tor des Khunjerab Passes (4719 m)

Wenig später entstehen Missverständnisse, ob wir alleine oder in Begleitung zum Khunjerab Pass fahren dürfen und ob wir jetzt oder erst später unsere Pässe zurückerhalten. Der Khunjerab Pass (4719 m) ist die offizielle Landesgrenze zwischen China und Pakistan, doch die Chinesen haben all ihre Kontrollgebäude in Tashkurghan stationiert, so dass der 140 Kilometer lange Streifen zwischen Stadt und Pass quasi wie Niemandsland wirkt. Die werten Herren Militär diskutieren irgendwas, Ami steht wie immer schlacksig nervös daneben und versucht die Angelegenheit zu klären. Das Stille-Post-Prinzip in China funktioniert prima, denn es kommt Ende der Wortkette etwas ganz anderes raus, als eigentlich vorgesehen: die Pässe sollen in den pakistanischen Reisebussen mitfahren, wir den Bussen hinterher und am Khunjerab Pass sollen wir sie wiederbekommen. WAAAAAAAAAAAAAAAS??? Bei dem Gedanken fallen uns die Augen heraus. Den Chinesen ist ja wirklich alles zuzutrauen, auch so eine abstruse Geschichte. Wir gehen nirgendwohin ohne die Pässe, das steht fest, und es wird ordentlich mit Ami und den Herren Militär diskutiert.

Vier Bekloppte sagen TSCHÜSS CHINA!

Vier Bekloppte sagen TSCHÜSS CHINA!

Irgendwer muss in der Stillen Post etwas falsch verstanden haben, nach 10 Minuten bekommen wir die Pässe zurück, zusammen mit einem Ausfuhrschein für das Fahrzeug. Die Herren Militär werfen noch einmal einen flüchtigen Blick in die Fahrzeuge und auf die Nummernschilder, bevor sie ihre Unterschrift darunter setzen. Anschließend werden uns die Pässe ausgehändigt und es wird gesagt, dass wir alleine weiter fahren können. Ami begleitet uns ab Tashkurghan nicht mehr, sondern fährt zurück nach Kashgar. Er händigt uns die Nummerschilder und Führerscheine für den letzten Endspurt aus – ein Andenken an die „schöne“ Zeit in diesem wundervollen Land. Allen Seiten steht die Erleichterung der bevorstehenden Ausreise ins Gesicht geschrieben. Wir verabschieden uns mit zartem Händedruck und dampfen ab durch den Schlagbaum hinter Tashkurghan.

Abfahrt entlang der alten Seidenstraße

Abfahrt entlang der alten Seidenstraße

Wir sind frei. FREI FREI FREI! Endlich! Zum ersten Mal genießen wir den Karakoram Highway in vollen Zügen und sind mehr als froh, die 30 Tages Etappe durch Tibet nicht geplant zu haben. Ob wir das je im Guten ausgehalten hätten, 30 Tage mit einer fremden Person im Auto? Die Sonne scheint, ein azurblauer Himmel über uns, massive Gipfel rings um uns und es ist frühlingshaft warm. Auf 3500 Höhenmetern machen wir einen kurzen Zwischenstopp an einem Flussbett für Tee und Keks, bevor sich der Highway die nächsten 1000 Höhenmeter steil hinaufschraubt. Die Stimmung könnte ausgelassener nicht sein. Wir schießen gefühlt tausend Fotos, die neu gewonnene Freiheit benebelt uns. Dann endlich ist es soweit. Wir erreichen das weltberühmte Tor des Khunjerab Passes, dessen 4719 Höhenmetern den Karakoram Highway zur höchsten befestigten, internationalen Fernstraße der Welt machen. Die ersten Gipfel sind gigantisch, spitz und garstig, weiß und voller Eis. Genauso, wie wir uns 7000er immer vorgestellt haben. China und Pakistan haben gemeinsam 20 Jahre bis zur Fertigstellung 1978 benötigt. Die Chinesen bauen den Highway derzeit aus, um ihn im Winter und für große LKWs bis an den Hafen von Karachi befahrbar zu machen, um ihre Produkte in alle Welt noch mehr zu verstreuen.

Die Nebenberuf des Beifahrers: Fotograf

Die Nebenberuf des Beifahrers: Fotograf

Glücklich lassen wir von uns ein Foto im Tor schießen, sogar Lisa, die immer Probleme mit der Höhe hat, legt einen Spurt für die richtige Position hin. “Oh mein Gott! Ich laufe auf mehr als 4700 Metern!!!” ruft sie erstaunt und lachend. Die Fahrtseite ändert sich ab der Mitte des Tores von rechts auf links. Ab jetzt sollen die Australier vorfahren, damit wir auch brav auf der „falschen“ Seite bleiben. Kurz hinter dem Tor befindet sich ein kleiner Schuppen als Grenzkontrolle. Hier werden die Pässe und Visen kurz auf Gültigkeit kontrolliert. Die alten Herren begrüßen uns herzlich, schütteln uns die Hände, streicheln mir kurz über die Wange. Nach tagelanger chinesischer Kaltschnäuzigkeit geht die hier empfangene Wärme auf 4719 Metern runter wie Öl. Wir bekommen eine Gänsehaut. Das ist nun ganz und gar nicht das Pakistan, das wir aus den Nachrichten kennen!

Der seidene Faden oberhalb der Straße ist heute noch Stoff für Legenden

Der seidene Linie oberhalb der Straße ist heute noch Stoff für Legenden

Die Abfahrt nach Sost, wo der richtige Grenzposten steht, ist der spannendste und faszinierendste Teil dieser Etappe. Die Berge sind so erstaunlich hoch, dass wir von nun an vorn über gebeugt mit den Nasen an der Windschutzscheibe kleben, die Augen stets gen Himmel gerichtet, den Mund weit aufgesperrt, egal ob wir danach einen krummen Rücken haben oder nicht. Über uns zur rechten Seite sehen wir die Überreste der uralten Seidenstraße, auf der Kamelkarawanen, Ziegen oder Schafe den Karakoram Jahrhunderte lang überquert haben – Überreste, aus denen die Legenden und Abenteuer entstanden sind. Es ist wirklich Gänsehaut-Feeling pur! War der Pamir in Tadschikistan schon überwältigend, so stellen die bizarren, scharfkantigen, schwarzen Spitzen des Karakorams alles bisher gesehene in den Schatten.

Und wieder eine schöne Aussicht

Und wieder eine schöne Aussicht

So auch die Grenzkontrolle in Sost. Freundlich, hilfsbereit, zuvorkommend. Eine Abfertigung ohne Probleme und ohne seltsame Gebühren. Zum ersten Mal nutzen wir das Carnét de Passage, ein Dokument für die Fahrzeugein- und Ausfuhr, das in bestimmten Ländern dieser Welt erforderlich ist. Pakistan ist das erste Land auf unserer Strecke, Indien, Nepal und Malaysia weitere. Es wird alles ordnungsgemäß abgestempelt, nachdem wir die pakistanischen Stempel in unseren Pässen haben. Die Herren wissen, was sie tun, das ist gewiss. Währenddessen halten wir Small-Tal über China. Die Pakistanis mögen China auch nicht besonders, auch wenn sie gute Straßen bauen. “Sie wollen nur Geschäfte machen und dein Geld. Sonst nichts.”, meint derjenige Kopf schüttelnd, der die Eintragungen in das Carnét vornimmt. “Das mag ich auch nicht. In Pakistan wird euch das nicht passieren. Touristen werden wir sehr herzlich empfangen, denn wir brauchen euch.”, erklärt er lächelnd.

Das sind wirklich wunderbare Neuigkeiten!

Erster Campspot zwischen Sost und Passu

Erster Campspot zwischen Sost und Passu

1 Kommentar

  1. Matthias

    Hallo Ihr,
    gerade hören wir von einem schweren Erdbeben dort wo Ihr seid. Wie geht es Euch??
    Grüße
    Matti

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