8.0 GRENZGESCHICHTEN

KIZIL ART PASS / TADSCHIKISTAN – KIRGISTAN

Selten können Grenzen so beeindrucken wie der Übergang am Kizil Art Pass zwischen Tadschikistan und Kirgistan. Damit meine ich nicht eine zügige und korrekte Abfertigung, das wäre ja nun wirklich zu viel verlangt. Nein, ich meine die Landschaft! Selbst am Ende Tadschikistans kommen wir immer noch nicht aus dem Staunen heraus.

Mal abgesehen von den extravaganten Farben der Berge sind es vor allem die schneebedeckten Gipfel, an denen wir im Niemandsland auf Augenhöhe vorbei fahren. Das hätten wir nun nicht erwartet! Es bleibt sehr, sehr frisch hier oben. Fahrradfahrer kommen uns dick eingepackt entgegen gestrampelt. Wir überholen mal wieder die deutsch-niederländische Truppe mit ihrem kirgisischen Fahrer vom Vortag. Hoffentlich kommen sie heute pannenfrei über die Grenze. Ein elendig langer Grenzzaun begleitet uns bis zum Grenzposten. Aufgrund mehrjährigen Grenzstreitigkeiten mit China hat die Regierung Tadschikistans vor einigen Jahren 1100km2 China zu gesprochen. Der Grenzverlauf unserer Karten stimmt also nicht mehr. Statt auf den Gipfeln, verläuft die Grenze jetzt an den Füßen der Berge. Die Bevölkerung findet das wohl nicht so lustig. Es gibt jedenfalls eingefahrene, Lücken in der sonst sehr akkuraten Holzpfosten – Stacheldraht – Konstruktion.

Wie erwartet stehen auf 4336 Höhenmetern bloß ein paar Blechhütten hinter einem Schlagbaum. Das ist also die tadschikische Seite der Grenze. Die Abgeschiedenheit von Recht und Ordnung ist zu spüren. Die Männer der Grenze tragen gefütterte Tarnanzüge. Doch der Wind ist so schneidend kalt, dass wir bezweifeln, dass die Klamotten warm halten. Wir werden durch den Schlagbaum gewunken und halten vor der ersten Bude. Das ist die Passkontrolle. Thomas geht mit unseren Unterlagen in das Häuschen, während ich im warmen Auto warten darf.

Der Beamte sieht die Pässe durch und stellt fest, dass wir ja noch Zeit hätten, und fragt uns, wieso wir so früh schon aus dem Land ausreisen wollen. Thomas erklärt kurz und knapp, dass wir einen Termin in Bishkek hätten. Das versteht er natürlich. Dieses Jahr wären sehr viele deutsche Radfahrer durch das Land gefahren, erzählt er, sehr, sehr viele. Mehr als die Jahre davor. Aber am meisten mag er die Leute von Tajik Rallye, erzählt er weiter, die bringen immer Geschenke mit. Die Tajik Rallye startet in München, endet in der Hauptstadt Dushanbe, und wird deshalb hauptsächlich von Deutschen gefahren. Bei dieser Rallye werden die alten Kisten – wie der rote Feuerwehr-Mercedes der Hannoveraner – den Tadschiken als Spende überlassen. Das geht bei der Mongol Rallye und einigen anderen Rallyes offensichtlich nicht mehr, weil die Regierungen Importverbote für Fahrzeuge verhängt haben, die älter als sieben Jahre sind. Das ist in Tadschikistan aber noch nicht so weit.

DSC_8961_blog

Nach dem amüsanten Plausch wird Thomas das Quarantänedokument abgenommen und dieses tatsächlich abgeheftet. Nie im Leben hätten wir daran gedacht, dass die Desinfektion an der Grenze bei Isfara Ernst gemeint gewesen wäre. Aber offensichtlich doch. Danach möchte der Beamte noch 10 US Dollar von Thomas haben, für was auch immer. Thomas ist skeptisch und lässt sich nicht beirren. Der Beamte erklärt daraufhin, dass man diese “Gebühr” eigentlich bei der Einreise bezahlen muss. Die soll für das Auto sein … aber für was genau, versteht Thomas auch nicht. Wenn man diese Gebühr – wie wir – nicht bezahlt hat, muss man das eben jetzt, bei der Ausreise, machen. Aha. Was das wohl wieder für ein Quark ist? “Aber ich habe doch schon die Fahrerlaubnis für 25 USDollar bei der Einreise bezahlt,” erwidert Thomas achselzuckend, “warum muss ich denn jetzt noch mal bezahlen?” Der Beamte zeigt Thomas Quittungen, die sehr offiziell aussehen und schon mehrere vor uns bezahlt haben, vor allem Touristen. 10 Dollar für Autos, 6 Dollar Motoräder. Nachdem der Beamte Thomas zum dritten Mal erklären soll, wofür die Gebühr nun tatsächlich ist, gehen ihm die Argumente aus, und meint schließlich genervt: “Ok. Lassen wir das. Ich rufe bei der Grenze an, von der ihr gekommen seid und frage, ob ihr bezahlt habt.” Eine etwas unlogische Antwort, denn er hat nie dort angerufen. Doch damit war das Thema vom Tisch.

An der Blechbüchse direkt neben der Passkontrolle soll das Fahrzeug kontrolliert werden. Der Typ, der das machen soll, trägt keine Uniform, sondern leger Jeans und Wollpullover. Leise, aber mit einem leichten Lächeln, nuschelt er: “Drug control. Do you have drugs?” Ich schaue ihn ungläubig an, ob er die Frage “Do you have drugs?” wirklich ernst gemeint hat. Sollen wir jetzt JA oder NEIN antworten? “Open!” heißt es. Ich öffne die Türen an meiner Seite, die ihm zugewandt sind. Er wirft einen Blick hinein, schaut sich fragend um. Er tippt auf ein paar Kisten und fragt “This?”, woraufhin wir ihm erklären, was darin enthalten ist. Das genügt ihm, wir sollen alles schließen und abdampfen. Eine sehr beeindruckende Kontrolle! In der dritten Bude kurz vor dem Ausgang gibt es die ersehnten Ausreisestempel in die Pässe. Rumms rumms. Schlagbaum hoch, Abmarsch ins Niemandsland.

DSC_8977_blog

Wie lange die Fahrt durch das Niemandsland gedauert, weiß ich nicht mehr. Aber es ist das schönste Niemandsland von allen bisherigen Grenzen, als wären die landschaftlichen Hauptmerkmale von Tadschikistan auf engstem Raum zusammengefasst: hohe Berge, Gipfel mit Schnee, Gletscherflüsse, rot-gelb-braune Felsen und jede Menge Murmeltiere. Hier vermischt sich Tadschikistan mit Kirgistan: grüne Bergwiesen gesellen sich hinzu, grüne Hänge, mehr Weite. Wir können nicht anders als im Niemandsland eine Brotzeit einzulegen. Dieser herrliche Duft von Wiesen muss nach so viel Staub genossen werden! Ich schaffe es endlich, ein Murmeltier zu fotografieren. Die scheuen, pelzigen Nager verkrümeln sich oft sofort, sobald wir in Sichtweite kommen. Doch heute haben wir viiieeel Zeit und lauern geduldig mit Zoomobjektiv bewaffnet im Auto, bis der Wuschelkopf wieder aus dem Bau guckt. Ein hervorragender Tag, auf den ich sehr lange gewartet habe!

DSC_8969_blog

Irgendwann kommt der kirgisische Grenzposten in Sicht. Auch nicht viel größer, aber doch wesentlich moderner und ordentlicher ausgestattet. Ein Hauch von Zivilisation. Die Einreisestempel in die Pässe kommen sofort, dann müssen wir zur Fahrzeugkontrolle. Wir bekommen wieder die bekannte Zolldeklaration auf Ökopapier ausgehändigt, natürlich alles auf Russisch. Aber der Zollbeamte ist hilfsbereit, wir füllen gemeinsam aus. Thomas verschreibt sich, ooooh, ganz schlimm, das kennen wir bereits von den Russen. Alles nochmal von vorne auf einem neuen Formular. “Das wird aber teuer.”, sagt der Beamte verschmitzt. Ein tolles Späßchen, wirklich, denn man weiß nie, woran man ist. Dann trägt er auf der Zolldeklaration, die ja auch für das Fahrzeug gilt, ein, wie lange wir im Land sein werden. Offensichtlich gelten die erlaubten 60 Tage Aufenthalt nicht fürs Fahrzeug. Wir nennen ihm unser feststehendes Ausreisedatum für China, den 16. September. “Ja, ja, ist gut, ich trage einen Monat ein.” Darauf sollte man bei der Einreise unbedingt achten, denn andere mussten für eine Verlängerung dieses Zeitraums 60 Dollar bezahlen.

IMG_5130_blog

So, wir sind fertig. Ach nein, ups, die Fahrzeugkontrolle. Hat der Beamte fast vergessen. Na ja, kurz die Tür auf und wieder zu gemacht. “Davai, davai!”. Am 27. August reisen wir nach 1800 Kilometern und 14 Tagen in Tadschikistan nach Kirgistan wieder ein. Es ist fast schon wie “heimkommen”.

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.