7.4 OST PAMIR

Thomas und ich genießen noch am 23. August die wirklich überwältigende Aussicht über den Panj, den Hindu Kush und in den Wakhan Korridor von der Festung Abrashim Qala auf einem steilen Hügel oberhalb von Zong. Während uns zwischen Ruine und Schafen der Schweiß vom anstrengenden Anstieg langsam trocknet, waschen die Australier in der Zeit ihr Auto unten im Dorf. Klischees werden wieder voll bedient! Deutsche gehen wandern, Australier bleiben lieber beim Auto. An der letzten Tankstelle des Wakhan Tals in Zong fragen wir erst gar nicht nach dem Preis, sondern machen gleich voll. Danach kommt bis Murghab fast 300 Kilometer lang nichts mehr. In den Pamirs gibt es kaum elektrische Tankstellen. Tanken bedeutet hier noch Handarbeit mit Kanister und Trichter. Wir bestellen: einen Tank + zwei Kanister voll = fast der doppelte Preis pro Liter als üblich. Autsch!

Tankstelle Zong

Tankstelle Zong

Die Landschaft und Kultur der Pamir-Region ändern sich schlagartig, sobald wir Langar hinter uns lassen und den mühsamen Aufstieg Richtung Kargush anpacken.  Tiefe Täler lösen ein riesiges Hochplateau ab. Statt Getreidefelder gibt es Yaks und Pferde auf grünen Hochweiden. Statt sesshafte Tadschiken leben kirgisische Nomaden in Jurten hier oben. Die Luft ist deutlich kühler. Die Temperaturen sinken von angenehmen 25°C auf kühle 18°C ab. Nachts wird es so kalt, dass die Thermosachen mit in den Schlafsack kommen.

Hochplateau des östlichen Pamirs

Hochplateau des östlichen Pamirs

Die ersten 40 Kilometer versinken wir in enormen Staubwolken. Wir sehen so wenig, dass wir die Scheibenwischer anschalten müssen. Die Feinpartikel sammeln sich zentimeterdick auf der Frontscheibe an. Es brennt in den Augen und die Kopfschmerzen, die zumindest ich seit zwei Tagen von meinem steifen Nacken habe, werden dadurch auch nicht besser. Es geht stetig bergauf, von 2800 auf 3900 Höhenmetern, den Hindu Kush immer im Rückspiegel. LKWs quälen sich dagegen nach Langar hinab. Trotz wenig Verkehr scheint es manchmal wie ein Gedrängel auf der Straße, denn oft ist sie nur eine Spur breit.

Piste zum Kargush Check Point

Piste zum Kargush Check Point

Zentimeterweise Staub

Zentimeterweise Staub

Am Kargush Check Point auf fast 3900 Höhenmetern verwehrt man uns den Eintritt in das Zorkhul Strict Nature Reserve trotz Genehmigung. Die Jungs sprechen kein Englisch. Wir erfahren also die Gründe nicht. Lisa geht es zunehmend schlechter. Uns alle plagen Kopfschmerzen. Hier bleiben können wir nicht. Wir beschließen kurzerhand den Kargush Pass (4344 m) hochzufahren und etwas weiter unten zu übernachten.

See nördlich des Kargush Passes - hier übernachten wir

See nördlich des Kargush Passes – hier übernachten wir auf 3980 m

Allen geht es nächsten Morgen besser, selbst den Australiern, obwohl Darren dreimal nachts aus dem Auto gekotzt hat. Thomas und ich probieren es noch einmal am Kargush Check Point. Trotz blutunterlaufener Augen (aha? woher kommen die wohl?) haben die Jungs vom Militär kein Erbarmen. Sie fragen nicht nach Schmiergeld, also welchen Grund hätten sie, uns nicht durch den Schlagbaum zu lassen? Außer, dass ihr Boss NO TOURISTS befohlen hat, fällt ihnen noch “Bum Bum Taliban!” ein, aber das kommt immer “gut” bei westlichen Touristen. Da haben alle immer gleich Angst und verstehen.

Kargush Pass (4344 m)

Kargush Pass (4344 m)

Das Gebiet um den Zorkhul ist beinahe Niemandsland. Niemand ist dort, der es richtig kontrollieren kann, zu weit ab vom Schuss, zu schlechte Pisten, einfach nichts als Natur des Great Pamir Gebirges. Drogen kann man unentdeckt von Afghanistan nach Tadschikistan herüber schaffen, illegal jagen auch. Wenn man weiß, dass jeder, nicht nur der kleine Mann, sondern jeder, der im Land Rang und Namen hat, in den Drogenschmuggel in irgendeiner Form verwickelt ist, kann es auch andere Theorien geben, weshalb wir hier und jetzt nicht rein kommen. Allein, weil wir am Vortag französischen Radfahrern begegnet sind, die gerade aus dem Zorkhul Reservat gekommen sind, geraten wir uns grübeln.

Pamir Highway (bei Murghab)

Pamir Highway (bei Murghab)

In diese Gedanken versunken fahren wir zurück über den Kargush Pass bis zum Pamir Highway und suchen die Australier. Wir treffen sie am Yashilkul See, wo sie auf uns gewartet haben. Doch der heftige Wind ist uns allen zu kalt zum Campen, so dass wir weiter Richtung Murghab aufbrechen. Die Landschaft nimmt bizarre Formen und Farben an. Wir befinden uns in einer alpinen Wüste, die von den Farben und Formen so gar nicht zu unserer Erde passen will.

In Murghab trennt sich das deutsch-australische Expeditionsteam. Lisa und Darren wollen zügig weiter, denn sie müssen sowohl das chinesische als auch das indische Visum in Bishkek beantragen. Zudem macht Lisas Gesundheitszustand Sorgen. Uns hingegen ist eher nach einer Pause zumute. Das tägliche Fahren und die schlechten Straßen sowie der Staub zehren mittlerweile an den Nerven. Gemeinsam versuchen wir bei der örtlichen Tourist Info unsere Genehmigungen zurückzugeben. Doch wie erwartet, bemühen sich alle, aber eine Geldrückgabe ist nicht möglich. Dafür müssten wir in das 450 Kilometer oder drei Tage entfernte Khorog zurückkehren. Sehr witzig! Nach einer Nacht im Aksu Tal nahe Murghab verabschieden wir uns vorerst von den beiden und verabreden uns für Bishkek. Murghab soll eine der unnachhaltigsten Städte Zentralasiens sein, haben die Menschen doch glatt das gesamte Holz der Umgebung verfeuert. Überweidung durch Ziegen und Schafe haben den Rest zur Wüstenbildung beigetragen. Mittlerweile ist die Landschaft irreparabel verödet. Im Dorf wird mittlerweile mit Viehdung geheizt.

Container Markt von Murghab

Container Markt von Murghab

Für den restlichen Tag wählen wir ein Tal südwestlich von Murghab, wo es im Dorf Madan einen Abzweig zu den abgelegenen heißen Quellen von Eli Suu geben soll. Doch einmal abgesehen von einer tafferen Offroad-Fahrt als geplant, werden wir enttäuscht. Die alte, marode Brücke, vor der schon der Lonely Planet von 2013 warnt, ist nun vollends in sich zusammen gefallen. Es sieht auch nicht unbedingt danach aus, als würde sie in den kommenden Monaten neu gebaut.

Reste einer Brücke zu den Quellen von Eli Suu

Reste einer Brücke zu den Quellen von Eli Suu

Wir kehren um und müssen alle Geröllfelder, die offensichtlich im Juli 2015 von den Bergen heruntergerutscht sind, erneut überqueren. Das dauert anderthalb Stunden für 30 Kilometer. Weiter nordwärts von Murghab, im Tal von Rangkul, werden wir am Shorkul See dann doch fündig. Die alpine Wüste nimmt uns schlichtweg den Atem. Die Berge scheinen wirklich nicht von hier zu sein. Die zahlreichen Moskitos auch nicht. In weiter Ferne sehen wir die reinweißen Gipfel des Kongur (7719 m) und Muztag Ata (7546 m) – da ist CHINA! Es ist nicht zu fassen! Da sind wir dem Land schon so nah und doch so fern.

Rangkul und die chinesischen Gipfel

Rangkul und die chinesischen Gipfel

In fast zweieinhalb Wochen werden wir genau auf der anderen Seite stehen und sicherlich genauso die Köpfe schütteln. Es könnte doch so viel einfacher sein, in dieses Land zu gelangen. Wir sind doch schon hier!!! Die Nacht hier oben wird still, sehr still, fast schon unheimlich. Keine Moskitos surren mehr. Nur den Wind hören wir manchmal aufheulen. Die bizarren Berge schweigen darüber wie stille Zuschauer. Nicht einmal der See gibt einen Ton von sich. Wir fühlen uns fast wie auf dem Mond, obwohl er über uns so hell leuchtet.

Campen am Shorkul See

Campen am Shorkul See

Thomas meint plötzlich: “Irgendwie passt das alles, schließlich haben wir ja auch ein Mondfahrzeug. Hat das Kind doch in Hamburg gesagt!” Wir sind für jede Minute dankbar, die wir an diesem schweigsamen Ort stehen. Er gibt uns zum ersten Mal das Gefühl hier zu sein. Die Reise durch die Pamir Region verlief einfach zu schnell für unseren Geschmack. Doch es geht immer schneller als man denkt. In Murghab trafen wir auf Hannoveraner Jungs, die mit einem alten Feuerwehr-Mercedes-Sprinter an der Tajik Rallye teilnehmen. Binnen 16 Tagen von München nach Murghab. Nein danke.

Auf dem Weg zum Karakul See, dem Schwarzen See, müssen wir den bislang höchsten Pass unserer Reise überqueren, den Akbaital Pass auf 4655 Höhenmetern. Allen Voraussagen zum Trotz, dass Dieselmotoren doch viel besser in Höhen geeignet seien als Benziner, klettert Takhi die nächsten 1000 Meter bravourös hinauf. Wir fahren zwar nur im ersten und zweiten Gang, aber bei welchem Fahrzeug wäre das anders? Und außerdem kann man die Landschaft doch so viel besser genießen. Es ist fast schon wie Fahrrad fahren.

Aufstieg zum Akbaital Pass (4655 m)

Aufstieg zum Akbaital Pass (4655 m)

Apropro Fahrradfahren. Es ist unglaublich, wie viele Radfahrer wir in den Pamirs begegnet sind! Wo die Jungs und Mädels überall lang fahren, bei welchem Wetter und bei welch schlechten Straßenzuständen, doch alle sind sie begeistert von der Region. Selbst den Akbaital Pass müssen alle meistern. Gerade haben wir knapp über 0°C, kleine Bäche und Rinnsale sind noch halb zugefroren und das mitten mitten an einem Tag im August. Wir haben jedenfalls tiefen Respekt für diese  körperliche Leistung der Radler! Auf dem Pass begegnen wir endlich wieder Yaks, die uns treudoof in die Kamera blicken. Hach, ich glaub’ mich knutscht ein Yak. Ehrlich, ich liebe diese Viecher!

Kann man da noch widerstehen?

Kann man da noch widerstehen?

Wir begegnen auch einer vierköpfigen Truppe aus einem deutschen Ehepaar und zwei Holländern, die sich einen Geländewagen mit kirgisischem Fahrer von Murghab bis Osh teilen. Ausgerechnet hier oben platzte ein Reifen und ein paar Kilometer vorher verabschiedete sich der Kühlmittelthermostat. Doch Kirgisen wie auchTadschiken wissen sich immer schnell zu helfen. Alle sind entspannt und gut gelaunt, trotz Eiseskälte. Das Wetter verschlechtert sich rasant. Zum ersten Mal seit dem Issyk Kul in Kirgistan regnet es über uns. Takhi wird endlich sauber. Die frische, klare Luft tut der Nase gut. Auf dem Pass hüllen sich die weißen Riesen in Watte.

Pik Lenin (7134 m) am Karakul

Pik Lenin (7134 m) am Karakul

Am Karakul legen Wind und Sonne die Gipfel des großartigen Pik Lenin wieder frei, dem größten aller Lenins der ehemaligen Sowjetunion! Eine unglaubliche Kulisse auf 3923 Höhenmetern, alle Gipfel vereint in einem 360° Panorama. Genauso wenig wie wir lassen sich die Mücken von solchen Höhen abschrecken. Irgendwer hatte mal erzählt, dass es Mücken oberhalb von 3500 Metern nicht gäbe. Der hat definitiv gelogen! Sobald die Luft steht, schwirren die Plagegeister über unseren Köpfen. Gespeist wird wieder im Auto. Für den letzten Abend auf dem Hochplateau bleiben wir am Karakul und genießen die Aussicht in vollen Zügen. 56 Kilometer fehlen noch bis zur Grenze nach Kirgistan am Kizil Art Pass (4336 m). Und die … fahren wir bestimmt gaaanz langsam.

Auf dem Weg zum Kizil Art Pass - zurück blickend

Morgens auf dem Weg zum Kizil Art Pass – zurück blickend


Stellplätze

  • See hinter Kargush Pass / Mauerreste Stall: 37°33’24.4″N 73°06’15.8″E
  • Straße im Aksu Tal: 38°12’37.2″N 74°09’25.2″E (ungefähr, nicht empfehlenswert)
  • Shorkul See im Rangkul Tal: 38°26’31.3″N 74°07’50.1″E
  • Karakul See: 39°01’25.3″N 73°33’40.1″E

2 Kommentare

  1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

    Mir ist noch ein Erlebnis eingefallen, dass ich vergessen habe zu erwähnen. Kurz vor dem Kargash Pass beobachteten wir drei Baktrische Kamele auf afghanischer Seite des Flusses Pamir, zufällig genau dort, wo der Lonely Planet sie auch erwähnt. In der Nähe querte eine neue Brücke einen Zulauf aus Osten kommend. Und daneben stand ein lila Zelt. Wir parkten an einen steilen Uferstelle, die circa fünf bis sechs Meter höher lag als das afghanische und bewunderten die mäandrierenden Formen, die der Pamir im Geröll schuf. Da lief ein Afghane mit langen Haaren und Jeans aus dem lila Zelt auf unser Ufer zu, winkte, lachte und rief etwas. Er zeigte zu uns und auf eine seichte Uferstelle und dann auf sein Zelt. Immer wieder, bis wir verstanden. Er lud uns Fremde vom tadschikischen Ufer zum Tee ein, einfach nur zum Tee. Es wäre ein Leichtes gewesen, einfach durch den Fluss zu waten, der beide Länder voneinander trennt und auch doch wieder nicht. Könnte es nicht immer so friedlich auf der Welt ein?

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  2. Aaron

    Einfach nur traumhaft. Weiss nicht was ich sonst sagen soll…

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