7.3 WEST PAMIR

Tonnen von Staub schweben am Morgen des 18. August über der Straße entlang des Panj. Kaum zu glauben, dass wir das Zeug über mehrere Tage einatmen werden. Kaum zu glauben, dass wir überhaupt hier sind. Ein Traum ist wahr geworden!

Doch was werde ich über diese sagenumwobene und viel gerühmte Landschaft schreiben? Geschichtliche Ereignisse stehen in jedem Reiseführer geschrieben, alle Touristen fahren zu denselben Sehenswürdigkeiten und loben die Schönheit der Berge und Freundlichkeit der Menschen gleichermaßen. Jedes Wort scheint schon vieler Orts gesprochen und jedes Wort aus meinen Fingern nicht gut genug. Was soll ich also sagen?

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Die einzigen 30 Kilometer bester Asphalt hinter Kisht

Wir sind immer noch nicht im Pamir-Gebirge und auch noch nicht auf dem Pamir Highway. Der beginnt erst ab Khorog und nicht, wie ich einmal dachte, ab dem hier und jetzt. Die Straße, die dem Panj etwa 560 Kilometer hinauf folgt, führt durch wunderschöne, ursprüngliche Dörfer und Ländereien. Ob wir nun in Tadschikistan oder Afghanistan fahren, spielt rein äußerlich keine Rolle mehr. Beide Länder vermischen sich hier, sowohl landschaftlich als auch kulturell. Es gibt zu unserer Zeit keinen Grenzzaun, keine auffällig bewaffneten Militärs, keine einsatzbereiten Militärfahrzeuge, die darauf schließen lassen könnten, dass die Grenzlage unsicher wäre. Für unsere Erwartungshaltung ist es überraschend friedlich. Es gibt nur den wilden, mächtigen Panj, der in schlammigem Kleid zwischen Tadschikistan und Afghanistan schäumend hinab rauscht. Unmengen an Gletscherwasser vermischen sich mit Unmengen an Sedimenten beider Länder. “Wenn es hier einen Erdrutsch gäbe, der den Panj schließt, dann wären beide Länder plötzlich miteinander verbunden. Es braucht wirklich nicht viel”, meint Lisa immer wieder. In Tadschikistan ist die “Uferstraße” allerdings wesentlich breiter als der schmale, einspurige Streifen auf afghanischer Seite. Während hier LKWs, Busse, Geländewagentaxis, PKWs, Einheimische wie auch Touristen fahren, tuckert auf der anderen Seite der Drogenkurier auf einem Motorrad daher, vom Schafhirten mal abgesehen. Kein Wunder also, dass afghanische Motorradfahrer nie zurück winken.

Wunderschönes Afghanistan

Wunderschönes Afghanistan

Die Straße am Panj ist auch eine Panoramafahrt entlang Afghanistans Schokoladenseite, schweifen doch die Blicke immer wieder an das andere Ufer, auf dass sich ein Tal nach dem anderen öffnet und Blicke auf eisige Gipfel der Sechs- und Siebentausender des Hindu Kush oder bildschöne Dörfer aus Lehm freilegt. “Afghanistan at it’s best” schreibt Thomas unter ein Foto eines der schönsten Täler, das er bei zufälligem Internetempfang sofort auf Facebook hochlädt. In heutigen Zeiten muss man die Schönheit dieser Länder einfach jedem zeigen. Zu beiden Seiten sprießen in den kleinen Ortschaften Säulenpappeln und Weiden. Die Felder sind kleinparzelliert, geerntet wird per Hand, wenn nicht gerade ein uralter Mähdrescher parat steht. Die Tadschiken bauen mit Steinen, tünchen den Lehm weiß und setzen Wellblech auf ihre Dächer, die Afghanen bauen auch aus Stein, tünchen aber nicht weiß und bauen Lehmdächer. Das ist der einzige Unterschied.

Abenteuerliche afghanische Dörfer

Abenteuerliche afghanische Dörfer

Sämtliche altertümliche Klischees vom ländlichen Leben, die wir als Europäer zwar noch in den Köpfen haben, es diese “Idylle” aber schon lange nicht mehr bei uns gibt, werden hier draußen überraschend oft bestätigt. Frauen mähen das Gras und Getreide mit der Sense, auf dem Esel werden die Ziegen getrieben, die Kuh wird zu Fuß in das nächste Dorf gebracht. Die Moderne in Form von Mobiltelefonen und neuen Adidas-Pullis hält trotzdem Einzug. Diese Mischung bringt uns häufig zum Schmunzeln, wie eines Morgens, als gegen 7:30 Uhr die Rush Hour in Zong beginnt. Zuerst eine Schafherde, dann eine Ziegenherde, von weitem hören wir schon die Rinder blöken, die alle bald an uns vorbei ziehen. Begleitet werden sie meist von einem verschlafenen jungen Reiter auf einem Esel, der eher wie Gangster-Rapper aussieht als wie ein Ziegenhirte. Alte UAZ Geländewagen randvoll mit einer Großfamilie wackeln über die Wiesen zu ihren Weideflächen. Ein junges Mädchen in bunten Leggings und Kleid läuft noch schnell mit sechs Schafen hinterher. Alle grüßen uns dabei und wundern sich offensichtlich, was wir hier so auf der Wiese treiben. Bei uns beginnt die Rush Hour eben etwas später.

Rush Hour bei Zong

Rush Hour bei Zong

Die Menschen sowohl hier als auch auf der anderen Seite ticken mit großer Wahrscheinlichkeit ähnlich, leben doch hier wie drüben Afghanen und Tadschiken gleichermaßen. Als wir auf einem unbestellten Feld an einer Raststätte nördlich von Voznavd campen, erfahren wir von einem jungen Mann, dass viele mit den Afghanen der anderen Seite befreundet oder verwandt sind. Man telefoniert regelmäßig, tauscht sich aus, was auf der anderen Seite so los ist und weiß, wann es gefährlich werden kann. Die Frauen tragen fast überall das Kopftuch, aber viel eleganter und freier als die Türkinnen bei uns Zuhause. Sogar manche Afghanin winkt uns vom anderen Ufer zu, gekleidet in leuchtend bunte Gewänder und ohne verschleiertes Gesicht. Doch das ist von Dorf zu Dorf sehr unterschiedlich. Die ein oder andere blaue Burka tauchte zwischen den afghanischen Lehmhäuschen auch schon mal auf.

Straßenbauarbeiten in Afghanistan

Straßenbauarbeiten in Afghanistan

Jedes Mal, wenn wir durch die Dörfer fahren, rufen und kreischen uns hunderte Kinder zu. So manches Fußballspiel wird für einige Sekunden unterbrochen, nur um uns Zuzuwinken und “HELLOOOO!” zu rufen. Frauen und Männer, egal welchen Alters, schauen zu uns auf, nicken oder begrüßen uns freundlich. Hätte jemand jetzt noch einen roten Teppich ausgerollt, hätte es uns kaum noch verwundert. Doch manchmal hören und sehen wir andere Gesten. Rufe wie “moneymoney” oder ein Stinkefinger war ebenfalls dabei. Oft von den frechen Gören im Vorpupertätsstadium. Das sind die schlimmsten. Lisa und Darren haben deshalb für die ganz besonders schweren Fälle eine große Steinschleuder dabei. Die hätten wir mal in der Mongolei gebraucht.

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Weil hier jede ebene Fläche bis in den letzten Winkel für Haus und Feld genutzt wird, ist es eine tägliche Herausforderung, geschützte und halbwegs angenehme Stellplätze für die Nacht zu finden. Bis Khorog bleibt das Tal des Panj eine tiefe, enge und felsige Schlucht, die wenig Flächen bietet. Der 18. August beginnt für uns mit einer super Asphaltstraße (leider nur 30 Kilometer), an der unglaublich schöne Strandabschnitte folgen. Einen davon nutzen wir für eine Teepause und hätten gleich hier bleiben sollen. Hat man erst einmal einen guten Platz gefunden und fährt trotzdem weiter, weil es erst Mittags ist und man glaubt, dass später noch weitere gute Plätze folgen mögen, findet man garantiert einen schlechteren Platz. Und sobald man diesen schlechteren Platz nutzt, ist die Welle der guten Plätze für eine ganze Weile vorbei. So lautet jedenfalls Darrens Theorie, die tatsächlich stimmt. Erst 21 Uhr landen wir müde und erschöpft auf einem Geröllfeld am Vanj, etwas südlich vom dortigen Straßen Check Point.

Ausruhen nahe Vaznovd

Ausruhen nahe Voznavd zwischen Vanj Tal und Khorog

In das Vanj Tal selbst dürfen wir nicht, denn wir haben keine Genehmigung. Die würden wir erst im 150 Kilometer entfernten Khorog erhalten, sagt man uns. Na gut, dann sehen wir den Fedchenko Gletscher, einen der längsten der Welt, eben ein anderes Mal. Der Ort, an dem wir übernachten müssen, ist nicht besonders schön und der heiße Fallwind von den Bergen peitscht zwischen unsere Autos hinein, so dass der Staub sich sowohl im Essen als auch in den Augen verfängt. Auch die nächsten Stellplätze finden wir nur mit Ach und Krach, immer spät Abends auf den letzten Drücker vor der Dunkelheit. Ein einziges Mal gönnen wir uns den Luxus einer elektrischen, heißen Dusche in der Pamir Lodge in Khorog. Hier dürfen wir für 60 Somoni auf dem Parkplatz stehen, umzingelt von staunenden Backpackern. Katze und Esel sind auch dabei, die Vegetarier unter uns sind glücklich.


Stellplätze

  • Nördlich von Kisht: 37°57’06.5″N 70°10’34.7″E
  • Südufer des Vanj auf Geröllfeld: 38°17’43.5″N 71°20’33.7″E
  • Raststätte nördlich von Voznavd: 38°00’24.6″N 71°16’43.5″E (ungefähr)
  • Khorog, Pamir Lodge
  • Circa 12 Kilometer nördlich vor Ishkashim: 36°53’07.5″N 71°31’28.7″E (ungefähr)
  • Wiese bei Zong: 37°01’58.6″N 72°39’04.3″E

Khorog ist keine hübsche Stadt, aber gut genug, um Trekking-Touren in die umliegenden Täler zu organisieren oder Genehmigungen in Naturreservate einzuholen. Wir interessieren uns für das Zorkhul Strict Nature Reserve.  Statt dem asphaltierten Pamir Highway bis Murghab, würden wir eine abgelegene Route am Fuße des Great Pamir Gebirges befahren, durch unberührte Natur und vielleicht mit einer geringen Chance Marco-Polo-Schafe zu beobachten.

Fast Food Kette made in Tadschikistan

Fast Food Kette made in Tadschikistan: „Scha-urma“

Dort oben sollen sich im Winter sogar reiche Jagdgesellschaften treffen, um für etwa 16.000 US Dollar diese Tiere als Trophäe erlegen zu dürfen. In der winzigen Tourist Information PECTA am westlichen Eingang des neuen Stadtparks erwerben wir Genehmigungen für einen Tag für jede Person für insgesamt 115 Somoni, die wir am Kargush Check Point vorzeigen müssen. Die Piste soll solala sein, sagt uns die junge Frau in der Tourist Info, sehr sandig, viele Flussdurchfahrten, aber eigentlich auch nicht viel schlechter als die ersten 40 Kilometer zum Kargush Check Point hinauf. Noch haben wir keine Bedenken mit unserer mongolisch-australischer Offroad-Erfahrung.

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Zwischen Khorog und Ishkashim

In Khorog fangen wir uns wieder Durchfall ein. Nach dem Essen in einer Kantine hinter dem Markt ist Thomas der Erste, ich die Zweite, gefolgt von Darren und Lisa. Zu dem Zeitpunkt schieben wir einige Symptome auf die Höhe, denn wir steigen ab Langar einen Tag lang von 2800 auf 3800 Höhenmeter auf. Doch als wir uns anderthalb Wochen später in Bishkek wieder treffen, sind wir uns einig, dass das Essen in Khorog die Ursache war.

WAKHAN TAL

Ach ... Afghanistan ...

Ach … Afghanistan …

Zwischen Ishkashim und Langar beginnt für uns der landschaftlich und historisch interessanteste Teil der westlichen Pamir Region. Die Berge sind höher, jeder Ausblick hat einen Superlativ mehr zu bieten und die alten Festungen von Namadgut, Yamchun und Zong, die diesen Teil der alten Seidenstraße einst bewacht haben, sorgen für Gänsehaut. Leider hat der bekannte grenzübergreifende Samstagmarkt von Ishkashim, auf dem Niemandsland einer Flussinsel, am 22. August geschlossen. Das haben wir schon befürchtet, denn niemand in Khorog, weder Tourist Info noch das Afghanische Konsulat können uns und anderen Touristen Auskunft geben, ob er stattfinden wird oder nicht. Niemand kennt die genauen Gründe oder will sie offiziell nicht bekannt geben. Manche sagen, er sei bereits seit Monaten geschlossen, andere behaupten erst seit zwei Wochen. Doch alle sind sich einig, dass die Afghanen Schuld wären, wieso auch immer. Damit lassen wir Ishkashim sofort hinter uns und steuern in das Wakhan Tal hinein. Seit im Juli 2015 zahlreiche Erdrutsche den Pamir Highway kurz hinter Khorog unpassierbar gemacht haben (angeblich wieder offen im Oktober 2015), donnert der Schwerlastverkehr hier entlang. Wenn die Straße vorher schon miserabel war, jetzt ist es garantiert.

Ausblick von der Festung bei Namadgut

Ausblick von der Festung bei Namadgut, die zur Verteidigung durch das Militär genutzt wurde

Sechs Kilometer talaufwärts, vorbei an der Festung von Yamchun (12. Jrh.), liegen die Bibi Fatima Springs, heiße Quellen, die vor allem bei jungen Frauen beliebt sind, weil sie angeblich die Fruchtbarkeit steigern sollen. Thomas verdreht die Augen, als ich ihm das kichernd aus dem Reiseführer vorlese. Doch heiße Quellen haben auch einen anderen Vorteil. Sie machen sauber und wirken wie ein heißer Saunagang Zuhause. Für Männer und Frauen gibt es getrennte Becken.

Festung von Yamchun

Festung von Yamchun

Das ist auch gut so, denn alle sind splitterfasernackt. Als Ossi bin ich das ja gewohnt, nackt zu baden, doch Lisa braucht meine volle Überzeugungskraft, nicht zu “overdressed” ins Becken zu steigen. Bei den heißen Quellen von Garmchashma, in die wir einen Tag zuvor gestiegen sind, war mir das dann auch zu viel Nacktheit auf engstem Raum. Stell sich das einer vor, vierzig nackte Tadschikinnen in einem 20 m2 kleinen Becken voll heißem, milchigem Wasser. Ja ja, ich weiß, was die Männer unter euch jetzt denken.

Gipfel des Hindu Kush

Gipfel des Hindu Kush

Aber ich verrate euch was, das Wasser soll Hautkrankheiten kurieren. Na? Fünf Minuten haben für uns jedenfalls voll gelangt. Alle anderen Frauen haben den halben Tag dort verbracht. Was soll ich über unsere beiden Herren der Schöpfung sagen? Die hatten in Garmchashma ein kleines Becken nur für sich allein und hingen dort eine halbe Ewigkeit ab, natürlich in Badehose, die Memmen. Dafür mussten sie auch den Touristenpreis bezahlen, während die Tadschikinnen am Eingang für uns Weiber den lokalen Preis erkämpften. Wir Mädels halten weltweit zusammen! Die Bibi Fatima Springs sind ein Stück weit moderner und schöner eingerichtet, als Garmchashma. Ich habe bei meinen zwei Wassergängen gelernt, dass sich die Menschen darin tatsächlich waschen, weil die Haut so schön aufweicht. Keine Sorge, es gibt einen steten Wasseraustausch! Doch endlich kann ich verstehen, warum sich die Türkinnen in unseren deutschen Saunen auch gerne mal waschen,obwohl man das nicht machen soll. Wieder so ein Aha-Erlebnis!

Afghanistan at it's best

Afghanistan at it’s best

 

2 Kommentare

  1. Elli's

    Hallo ihr beiden. Danke für die vielen eindrücke und fotos. Nach einer kleinen Pause mussten wir aufpassen dass wir mit dem lesen hinterher kommen. Es ist spannender und macht mehr Spaß als jeder krimi. Den tee hätte doch der Afghane auch mit zu euch bringen können. Kleine Idee fürs nächste Mal.

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  2. Kirstine Fischer

    Sarah“maus“ – Mutti darf das – du bist Spitze!!!! Wie du so manche Situationen beschreibst… wie wahr!!!! Ich kann mich oft kringeln vor lachen!!! Die Kommentare im Auto – Thomas und DU – das seid ihr wahrhaftig!!!! Hi,Hi – weiter so.Das macht ihr einfach klasse!!! DAS Foto von Afg. wirklich einmalig fuer Augen,die nicht direkt dabei sind und mitfahren,aber die Schoenheit erkennen…
    DANKE ihr Lieben.Dicker Kussi

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