7.2 PAMIR – wir kommen!

Ab heute, dem 16. August, fährt das deutsch-australische Expeditionsteam zwei Wochen durch Tadschikistan. Auf der Strecke vom Iskander Kul nach Dushanbe wollen wir keine Zeit verschwenden, denn wir wollen möglichst viel Zeit im Pamirgebirge verbringen und nicht woanders. Doch die alte Passstraße über den Anzob-Pass (3373 m) macht uns einen Strich durch die Rechnung.  Bis vor Kurzem konnte diese 60 Kilometer lange und grottenschlechte Strafe – ääähm Straße durch den Anzob Tunnel umgangen werden. Zappenduster und randvoll mit giftigem Kohlenmonoxid, ausgestattet mit Schlaglöchern voller Wasser, so tief, dass ganze Busse im Dunkeln darin versanken, galt er als einer der gefährlichsten Tunnel der Welt. Doch nun ist es genau umgekehrt.

Ein sehr beliebtes Auto

Ein sehr beliebtes Auto

Auf der alten Passstraße muss der seit neuestem gesperrte Tunnel umfahren werden. Und die ist kein Stück besser bis auf die taghelle Ausleuchtung von Frau Sonne. 60 Kilometer machen hier vier Stunden und Unmengen an Staub, ob man will oder nicht. Deutsche Wertarbeit bewährt sich trotz allem hier: Opel Zafira und Opel Astra schnurren wie Schmitz’ Katze an uns vorbei, trotz überhöhtem Windfang auf dem Dach. Auch die Deutsche Verkehrswacht ist mit von der Partie, natürlich mit einer Reifenpanne, passiert hier jedem mal.

Reifenpanne bei der Verkehrswacht

Reifenpanne bei der Verkehrswacht

Bei Varzob, kurz vor Dushanbe, reihen sich die Ferienresorts der tadschikischen Schickeria wie an einer Perlenkette aneinander. Es würde nicht verwundern, wenn eines davon im Neckermann Reisekatalog angeboten würde. Der Drogenschmuggel macht’s eben möglich. Kurz vor dem südöstlichen Ausgang von Dushanbe halten wir an einem Bazaar, um die Vorräte an frischem Obst und Gemüse aufzustocken. Als wir mit Lisa und Darren die Ausbeute vergleichen, stellen wir schnell fest, dass das deutsche Team mit vier gefüllten Tüten mehr ziemlich verfressen ist. Wir dagegen hoffen, dass die kleine Tüte mit den Tomaten bei den Australiern auch wirklich für die nächsten Tage ausreicht.

Pause mit Holländern und frechen Kindern

Pause mit Holländern (g.r.) und frechen Kindern auf dem Weg nach Dushanbe

Östlich von Dushanbe gabelt sich die Straße in eine nördliche und eine südliche Route in die Pamir-Region. Während die nördliche kürzer scheint, soll die südlichere nach aktuellen Aussagen von Einheimischen und Reisenden in einem wesentlich besseren Zustand sein, wenn auch alle derselben, einstimmigen Meinung sind, dass beide Straßen einer gründlichen Überholung bedürfen – mit anderen Worten – doch wahnsinnig schlecht sind. Somit ist das Ziel des langen Fahrtages der Norak Stausee. Hinter mehreren Tunneln biegen wir in einer kleinen Dorfsiedlung auf einer Piste Richtung westliches Ufer ab.

Mit Aussies im Schlepptau sieht's aus wie in Australien

Mit Aussies im Schlepptau sieht’s aus wie in Australien

Es staubt so dermaßen, dass die Australier in unseren braungelben Wolken verschwinden. Doch Darren ruft glücklich aus dem Auto: “I love this road, man!” Wir lachen. Mit den Aussies im Schlepptau sieht es im Rückspiegel wie eine Abenteuerfahrt im australischen Outback aus. In gewisser Weise ist es das ja fast, nur das Land ist ein anderes. Oben auf einem Hügel mit Überblick auf den Stausee bleiben wir stehen und schlagen das Nachtlager auf. Man mag es kaum glauben, doch Tadschikistan ist ein sehr wasserreiches Land. Das meiste Wasser entstammt den Gletscherregionen des Pamirgebirges, das in die weiten Bewässerungsgebiete von Usbekistan und Turkmenistan fließt. Nur ein geringer Teil davon wird bislang in Tadschikistan selbst genutzt und ein Bruchteil davon für Elektrizität. Die Wasserressourcen des Landes haben weitaus mehr Potenzial, das wussten schon die Sowjets. Doch nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion sind viele Staudammprojekte zur Stromerzeugung und Bewässerung aufgrund finanzieller Probleme still gelegt worden. Der Norak Stausee bleibt damit vorerst der größte und bekannteste des Landes, der 11 Millarden kWh pro Jahr produziert. Das soll angeblich ausreichen, um ganz Tadschikistan mit Strom zu versorgen – im Sommer natürlich. Im Winter gibt es Energiedefizite, die in der Abschaltung des Stroms resultieren, und das sogar in der Hauptstadt!

Norak Stausee

Norak Stausee

Die südliche Strecke über Kulob führt in die tiefer gelegenen Regionen Tadschikistans. Es wird wieder heiß und stickig. Schroffe Berge werden gegen seichte, langweilige Hügelketten abgelöst. Die Asphaltstraße gleicht einer astreinen Bundesstraße, es läuft wie am Schnürchen – vielen Dank, liebe Chinesen – wären da nicht die halsbrecherischen Überholmanöver der Tadschiken, die den Kirgisen in ihrer Fahrkunst in nichts nachstehen. Mit lautem Gehupe und Warnlicht kommt der besessene Tadschike angerast, überholt stets mit Anschnitt unserer Frontseite, anschließend wird 200 Meter weiter wieder vor uns gebremst, weil die Ausfahrt ins Heimatdorf naht oder einer eine Pinkelpause machen muss. “Kann man das nicht schon vorher wissen, bevor man überholt??”, fragt Thomas genervt. Ich muss ihn beruhigen.

Tierische Blockade

Tierische Blockade

Wieso muss ich ihn eigentlich nach 4 Monaten Chaos auf der Straße immer noch beruhigen? “Ich verstehe es einfach nicht. Ich verstehe es wirklich nicht.”, sagt er immer wieder als Begründung. “Du etwa? Wie man nur so doof sein kann … “ Dein Gemecker ändert ja doch nichts, erwidere ich. Keine Sau hört’s und niemanden interessiert’s. Bei einer Außentemperatur von 38°C geht es schweißgebadet durch halb verdörrtes Weideland und viele Baumwollfelder. Polizeikontrollen gibt es gefühlt alle 30 Kilometer – wie geht’s, woher, wohin und wie lange – manchmal nervt das ungebrochene Interesse der Verkehrswächter, doch wir bleiben stets gelassen und antworten höflich auf Deutsch. Nix verstehen also, damit dürfen wir immer schnell weiterfahren. Ein Polizist, der uns gegenüber plötzlich auf der Straße salutiert, bleibt der feierliche Höhepunkt dieser Strecke.

Das Tor zu Kulob

Das Tor zu Kulob

Mögen die Städte dieser Tage noch so unbekannt sein, in den Sowjetländern kündigen sie sich durch mächtige Stadttore als unmissverständliches Orteingangsschild an. Da wirken hingegen unsere deutschen, gelben Ortseingangsschilder recht bescheiden.

Der Beginn in eine andere Welt

Der namenlose Pass in eine andere Welt

Selbst ein kleiner namenloser Pass von 2100 Höhenmetern, etwa 30 Kilometer hinter Kulob, schmückt sich mit einem „Ortseingangsschild“. Ab da wird die Luft etwas kühler, die aalglatte Straße endet in einem holprigen Nirvana. Fortan wird es bis zum echten Pamir Highway nur noch mit 30 kmh voran gehen. Das voraussagt uns diese Straße oder was auch immer das sein soll. Das Eingangstor kündigt den Übergang in eine andere Welt an. Zum Beispiel in die Welt nahe Afghanistans und des Hindu Kush, in die Welt alter Festungen entlang der alten Seidenstraße, in die Welt einer der schönsten Gebirgsregionen der Erde, in eine Welt, von der wir lange geträumt haben und die Welt der zahlreichen Straßen-Check-Points.

Der erste Check-Point lässt nicht lange auf sich warten. Gleich hinter dem Pass vor einem Dorf müssen wir die Reisepässe vorzeigen. Die Jungs vom Militär sind gut gelaunt. Während Namen und Nummern in ein Buch notiert werden, bekommen wir leckere Bonbons von ihnen geschenkt. Anschließend geht die Schranke hoch. Pamir – wir kommen!

Straße hinunter in das Tal des Panj

Straße hinunter in das Tal des Panj – im Hintergrund Afghanistan

Doch die Abfahrt dauert elendig lange über eine kaputte, steinige Piste und durch staubige Berge. Chinesische LKWs kommen uns regelmäßig entgegen, die uns den Staub nur so in die Nasen drücken. Die Türgummis halten definitiv nicht dicht. Macht aber nichts, ohne Klimaanlage und bei 30°C muss man sowieso mit offenen Fenstern fahren. Riesige Staubpopel verstopfen bereits jetzt die Nase. Trotzallem beeindrucken die ersten Gebirgszüge Afghanistans enorm, überhaupt so dicht vor der afghanischen Grenze zu stehen, die einzig und allein durch den Fluss Panj (früher Oxus) geformt wird. Einen Katzensprung scheint das Land, mit dem wir fast nur negative Schlagzeilen in Verbindung bringen, entfernt zu sein. Es ist überwältigend und seltsam zugleich.

panoDer 17. August neigt sich dem Ende zu. Erst hinter dem Dorf Kisht finden wir eine geeignete Stellfläche für die Nacht. Der schwarze Wassersack, den wir auf dem Dachgepäckträger lagern, wurde durch Sonne und Luft so aufgeheizt, dass das Wasser fast schon zu heiß heraus schießt. Wir alle freuen uns auf warmes, sauberes Wasser auf der staubigen Haut. Besonders unter der australischen Weltklasse-Campingdusche, die uns Lisa anbietet, unter der wir uns nicht verrenken müssen, weil der Duschschlauch zu lang ist. Das ist Luxus in der Pampa!

Breiter Stellplatz kurz hinter Kisht

Breiter Stellplatz kurz hinter Kisht

Während wir noch Gemüse kochen, bricht die Nacht herein. Lisa und Darren beobachten unser Tun im Taschenlampenlicht und merken nicht, wie sich jemand an sie heranschleicht. Plötzlich ruft Darren, dass wir mal schnell kommen sollen. So etwas habe er noch nicht gesehen. Wir laufen zu ihrem Auto und folgen dem Lichtstrahl darunter. Entgeistert wechseln wir die Blicke und rufen: “Was ist das denn für eine Kreatur???” “I have no idea”, sagt Darren seeehr langsam und holt tief Luft, “but it absolutely freaks me out!” Dass das ausgerechnet von einem Australier kommt, der permanent mit großen Krabbeltieren im Outback zu tun hat, muss wohl was heißen. Wir machen Kulleraugen. Eine mindestens sieben Zentimeter große Promenadenmischung aus Spinne und Skorpion in hellbrauner, beinahe transparenter Hautfarbe krabbelt unter dem Landcruiser aufgescheucht hin und her. Uns schaudert’s. Die riesigen Greifzangen vor dem Maul sind größer als der Kopf. Der Körper langgestreckt und wie ein Bienenkorb gerillt. Durch das Licht der Taschenlampen angezogen, krabbelt sie sofort auf uns zu. Wir springen alle auseinander, die Spinne huscht damit unter unser Auto. Au weia, die muss da jetzt hervor geholt werden, sonst bekommen wir kein Auge zu, da sind wir uns alle einig. Doch lange Stöcker zum Pieken sind heute aus. Stattdessen bieten sich alte Schafköddel als Ersatz an. Nun hocken wir da zu viert um Takhis Beine auf der Lauer. Thomas bewaffnet sich mit Schafköddel, um die Spinne mit ausgeklügelter Wurftechnik hervorzulocken. Das geht so ein paar Minuten. Natürlich hat die mehr Angst vor uns … na, obwohl, ich weiß nicht so recht. Dann huscht sie an der von uns entferntesten Seite unterm Auto hervor. Wir vier rennen hinterher und … töten können wir das Schreckgespenst nun auch nicht, schließlich haben wir Vegetarier dabei. Lisa läuft zu ihrem Auto zurück, während wir die Spinne in Schach halten, holt eine alte Magarineschachtel, stülpt sie über das Tier und Gute Nacht. Ein großer Stein wird zur Vorsicht noch oben drauf gepackt.

Ich recherchiere im Internet, wir haben zufällig Empfang. Eine Walzenspinne hat uns besucht und wie Darren richtig vermutete, heißt sie auch Camel Spider. Während ich aus Wikipedia eine Vorleserunde gebe, läuft es uns eiskalt den Rücken hinunter. Hoffentlich hält die dünne Plastikwand der Magarinedose, denn die Spinne kann auch Steine mit ihren Hauern bearbeiten. Immerhin ist sie nicht giftig, ein Biss kann trotzdem Höllenqualen bedeuten.

Der Spinne auf der Lauer

Der Spinne auf der Lauer

Am nächsten Morgen hocken wir wie gebannt und mit Kameras bewaffnet vor der Plastikdose, den richtigen Moment abwartend, den Deckel zu lüften. Jeder macht sich in einer Richtung bereit, die Spinne rechtzeitig abzufangen oder selbst schnell weglaufen zu können. Lisa zählt bis Drei und … da hockt sie zusammen gekauert, fast schon in Totenstarre verfallen. Sie regt sich nicht, wir atmen auf und fotografieren wie Paparazzis die im Wachkoma liegende Spinne. Immer noch gruselt uns der Anblick des dicken Körpers und der großen Hauer vorne. Nein, schön ist wahrlich etwas anderes! Ich kenne einen Menschen, der das alles richtig toll gefunden hätte: mein Vater. Der hätte die Spinne wohl selbst eingesackt, Zuhause in Alkohol getränkt und in Kunstharz verewigt. Das hat er mal mit Spinnen gemacht, die er aus Nepal mitgebracht hat. Über diese Souvenirs haben wir uns damals Zuhause alle sehr gefreut!

Die gefürchtete Walzenspinne

Die gefürchtete Walzenspinne

Alle Warnleuchten haben sich bislang immer auf Afghanistan beschränkt, an nachtaktive Walzenspinnen hat bislang niemand gedacht. Das ist ja ein abenteuerlicher Anfang in der Pamir-Region!

2 Kommentare

  1. Andreas

    Servus zusammen,
    ja so eine Walzenspinne kann einen schrecken. Wir hatten so ein Tierchen mal zwischen Innen- und Außenzelt und das erst beim Einpacken des Zelts gemerkt. Dank damals recht eingeschränkter Fotomöglichkeiten (Minox 35 mm) gibt es nur dieses Bild: http://www.motorang.com/reisen/PIC/algerien1989/21_spinne.jpg
    Algerische Sahara, Stiefelgröße 45.

    Übrigens ist uns so ein Viech auch schon in der Südtürkei unter den Schlafsack gekrabbelt. Wir haben dann in der Nacht darauf lieber MIT Zelt geschlafen.

    Schöne Weiterreise und Gryße!
    Andreas, der motorang
    der Reisen mit Australiern auch sehr entspannend findet. „No worries“ ist ein guter Reiseleitsatz …

    Antworten
    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Moin Andreas,
      Diese Spinnen sind echt riesig und machen wirklich Eindruck. Die will man mit Sicherheit nicht in seinem Schlafsack haben 🙂 . Unsere war so groß wie eine Zigarettenschachtel und mächtig aggressiv. Aber dank der Schafsköttel konnte ich sie ja in Schach halten!
      Die Aussies passen sehr gut zu uns- da haben wir genau die richtigen getroffen!
      Schöne grüße
      PS: wir haben nun auch eine Schadensliste online. Keine Ahnung ob das gut oder schlecht ist

      Antworten

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.