7.1 Zwischen ISFARA und ISKANDER

Die erste große Stadt hinter der Grenze namens Isfara lassen wir schnell hinter uns. Vielmehr suchen wir nach einem schönen Rastplatz für einen Wassermelonenpause. Scheinbar endlose Aprikosen- und Pfirsichbaumplantagen gleiten an uns vorbei, gefolgt von einer tristen, hellbraunen Wüstenlandschaft, in der vor langer Zeit Öl gefördert wurde.

Für den Anfang gibt's Braunes

Für den Anfang gibt’s Braunes

Dahinter kommt endlich der Stausee von Khujand in Sicht, ein türkisblaues Meer umrandet von hellbraunen, zerfurchten Bergen, die sich mit Erinnerungen von Fuerteventura und Vorstellungen von Ägypten mischen. Das Qayroccum Reservoir sieht ganz nach Urlaub aus, da müssen wir hin! Doch an alle Pisten zum Ufer reihen sich Haus an Haus und Dorf an Dorf. Dazwischen nur Landwirtschaft aus Obstbäumen, Mais und Getreide. Doch wir suchen nach Stille und Einsamkeit oder zumindest etwas Einsameres als den Dorfstrand.

QAYROCCUM RESERVOIR

Nach einer Weile finden wir sie doch noch, die verlassene Piste zum See. An deren Ende stehen wir vor einem Metallzaun samt Tor, wieder ein privates Grundstück. So ein Mist! Schon steht ein junger Tadschike in unserem Alter am Tor und fragt was wir wollen. Als er merkt, dass wir kaum Russisch sprechen, holt er eine junge Frau heran, die sehr gut Englisch spricht. Wir sind erst mal überrascht. “Aber natürlich dürft ihr hier parken. Fahrt einfach hier durch das Tor, da vorne ist der Strand. Ist kein Problem. Wir haben auch spezielle Unterkünfte, in denen ihr schlafen könnt … “, erzählt sie uns lächelnd. “Oh, das ist sehr nett,” antworten wir, “aber wir haben ein Bett im Auto, dort schlafen wir.” Was soll es kosten? “10 Somoni pro Person.“ Doch schließlich werden wir eingeladen. Die Gastfreundschaft ist sehr groß. Wir fahren durch die Einfahrt und parken

Es war einmal: Quayroccum Reservoir

Es war einmal: Qayroccum Reservoir

neben nostalgischen Sitzmöbeln, die ihre besten Jahre schon lange hinter sich haben. Die Aussicht ist traumhaft, bei 30°C in der Abendsonne nahezu Badewetter, wäre am Strand nicht so viel Unrat. Mit der Warnung der Hausherrin “Zieht euch lieber Schuhe an, wenn ihr baden geht. Im Sand liegen viele Glasscherben.” bleiben schließlich doch die Hosen an. Die Waschschüssel muss genügen. Nach einem ersten Gespräch bei Tee stellt sich die junge Frau als Englischlehrerin vor. Das macht Sinn. Dann werden wir kurzerhand zum Abendbrot eingeladen. Wir können und dürfen nicht ablehnen, das wäre unhöflich. Die schon leicht gammeligen Bohnen und Auberginen in der Kühlbox schaffen es hoffentlich bis zum nächsten Tag. Während das Abendbrot zubereitet wird, dürfen wir durch den weitläufigen Garten streifen und Weintrauben für die Beilage pflücken.

Das Schwimmbecken

Das Schwimmbecken

Das Gelände wurde im Anschluss an den Bau des Stausees in den 70ern von den Sowjets als ein kleiner Ferienort errichtet. Der Vater der jungen Englischlehrerin war damals der Hausmeister und ist es quasi heute noch, denn das Grundstück gehört nach wie vor dem Staat – so wie der Stausee. Es gibt mehrere Bungalows, ein kleines Schwimmbecken, ein Sportfeld, den großen Garten und sogar eine Uferbefestigung mit Stufen zum Wasser. Mit viel Phantasie rücken wir die auseinander gebrochene Uferbefestigung wieder zurecht, an die das salzige Seewasser einmal leckte, entfernen aus dem maroden Swimming Pool das Schilf und füllen ihn mit klarem Wasser, sehen Urlauber vor 40 Jahren auf den neuen Terrassen der hellblauen Holzbungalows sitzen, Kinder spielen auf dem Sportfeld, Klamotten hängen unordentlich auf den Sitzbänken am Strand. Doch das war einmal. Das Grundstück und alle Einrichtungen liegen in einem verwunschenen Dornröschenschlaf.

Die Terrasse

Die Terrasse

Es gibt niemanden, der weiß, wie das alles Instand zu setzen ist. Solche Leute wie uns bräuchte das Land, meint die Familie, doch diejenigen, die gute Berufe erlernen, wandern in das Ausland aus, meist nach Russland, wo sie mehr Geld verdienen. Die Einnahmen, die diese Tadschiken (ca. 1 Million Menschen) nach Hause schicken, betragen rund die Hälfte des Bruttoinlandproduktes. Obwohl die Baumwoll- und Aluminiumproduktion rund 80% der offiziellen Exporte des Landes ausmachen, geht die andere Hälfte der wirtschaftlichen Aktivitäten auf den Drogenschmuggel mit Afghanistan (siehe Lonely Planet Central Asia 2013). Das ist die bittere Wahrheit. So ziehen sich die interessanten Gespräche zu selbstgebackenem Fladenbrot und Reissuppe mit Fleischbällchen über den Abend dahin. Dazu gibt es gelbe Feigen und süße Weintrauben, die wir im Garten gepflückt haben und heißen Tee. Als Thomas erwähnt, dass wir gerne Wein trinken, bekommt der Vater leuchtende Augen und flüstert uns Augen zwinkernd zu, dass er da was hätte.

Statt ein Bad gibts doch Handwäsche

Statt ein Bad gibts doch Handwäsche

Oh, ich befürchte es schon. Der selbst Vergorene kommt zum Vorschein. Erinnerungen einer Kanaren-Exkursion während des Studiums steigen auf, wo als Begrüßungsgeschenk in einer Unterkunft auf Teneriffa selbstgemachter Wein auf dem Tisch stand. Ein ziemlich saures Geschmackserlebnis. Da wird auch schon die Schale gefüllt mit dem köstlichen Gesöff. Schon der Geruch allein zwickt in der Nase und beim Herunterschlucken prickelt es wie Essig. Schmeckt wie roter Balsamico, doch das behalte ich lieber für mich. Fragend schauen uns alle an: Und? Nach mehreren, langsamen Schlückchen erwidere ich lächelnd: “Schmeckt sehr natürlich.”, und kann mir gerade so eine saure Mine verkneifen. Der Vater nickt zufrieden. Daraufhin gibt es mehrmals Nachschlag.

KHUJAND

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Sheikh Massad al-Din Komplex

Schweren Herzens reisen wir am nächsten Morgen ab. Hätten wir mehr Zeit, würden wir hier sehr lange bleiben. Westlich des Stausees befindet sich Tadschikistans zweitgrößte Stadt, Khujand (zu Sowjetzeiten Leninabad), wo Alexander der Große einst seinen nördlichsten Außenposten entlang der Seidenstraße gegründet hat. Hier in der Nähe soll sich ein Palast der Sowjets befinden, doch den finden wir nicht. Stattdessen heben wir die ersten Somonis am Geldautomaten ab und beschließen, für mich eine Tunika zu kaufen, damit ich in landestypischer Damenmode auftreten kann. Thomas fällt ein, dass er eine neue Hose braucht, bei der seine Schlüpfer nicht mehr durch die vielen Löcher zu sehen sind. Das erste Mal auf der Reise müssen wir in einem richtigen Geschäft handeln. Ich habe den ersten Versuch und zahle zu viel, bei Thomas’ Hose sind wir mutiger, der Preis ist in Ordnung.

Markt

Platz des Panchshanbe Bazaars

Auf dem regen Panchshanbe Bazaar erfrischen wir uns mit Kwas und beobachten hungrig einen Bäcker, der Blätterteigtaschen in einem Lehmofen bäckt. Uns läuft das Wasser im Mund zusammen. Direkt neben dem Markt steht der Sheikh Massal ad-Din Komplex, mit einem Minarett aus dem Jahr 1865, einem Mausoleum des gleichnamigen Sheiks, das Ende des 14.Jahrhunderts erbaut wurde, einer moderneren Moschee aus dem 20. Jahrhundert und einer sich noch im Bau befindenden Moschee samt Minarett. Alles in allem also ein Hauch von Usbekistan und islamischer Baukunst. Das verwundert wenig, denn Usbeken machen den Großteil der Bevölkerung hier aus.

Blätterteigtaschenbäcker

Blätterteigtaschenbäcker

ISKANDER KUL

Das Ziel des Tages ist der Iskander Kul, ein kleiner See an den Füßen des Fan-Gebirges südlich von Khujand. Die Asphaltstraße  dorthin ist in top chinesischer Qualität: fast brandneu und 1A. Wir fahren staunend an den ersten Dörfern aus Lehm vorbei und durchqueren rotbraune Schluchten der Turkestan und Zarashan Gebirgszüge. Die LKWs deutscher Transportunternehmen, die uns in Kirgistan immer zum Lachen brachten, fahren hier seltener.

Alter Wolga bei Kushekat

Alter Wolga bei Kushekat

Dafür rauscht uns ein weißer Minibus entgegen, gefüllt mit mehreren langbärtigen Muslimen darin. Oben auf der Windschutzscheibe prangen die Worte: “Christen auf Reisen”. Es ist ein Bild für die Götter! Ein Bild für den Frieden auf Erden! Mein Gott, wenn die wüssten, was da auf ihrem Transporter steht. Wir haben wunderbar gelacht.

Wenig später folgen wir dem südwestlichen Abzweig nach Zarafshon 1 und weiter nach Dijik. Etwa 30 Kilometer sind es bis zum Iskander Kul, für die wir ungefähr eine Stunde benötigen, bis wir vor dem Schlagbaum des Iskander Reservats stehen. Die Straße wird zunehmend schlechter je höher wir kommen, bis sie schließlich ganz in ihre Einzelteile zerfällt. In den Dörfern legen die Menschen Heu auf die Straße, damit die Autos mit ihrem Gewicht das Korn aus dem Getreide brechen. Überall werden wir gegrüßt, Kinder schreien “HELLO” und winken, der große Unterschied zwischen bettelarmen und wohlhabenderen Ländern.

Heu auf der Straße

Heu auf der Straße

Am Schlagbaum bricht eine heftige Diskussion zwischen Thomas und dem Wächter aus, denn wir sollen für zwei volle Tage Eintritt bezahlen, obwohl der heutige Tag schon fast “Gute Nacht” sagt. Es nützt nichts, sage ich zu Thomas, wo willst du sonst hin, der Weg zurück ist weit, das weiß der Wächter genauso gut wie wir. Also bezahlen wir 16 Somoni pro Tag, macht 32 Somoni für im Grunde eine Nacht und macht auch den vierfachen Preis der Gebühr für die Tadschiken. Anschließend erfolgt die nächste Erkenntnis: das Ufer ist steil und die schönsten Plätze sind von einem Feriendorf aus Bungalows eingenommen. Weil es bereits dämmert und wir unglaublich hungrig sind – ganz besonders Thomas, der gerade sehr griesgrämig wird – biegen wir auf die Einfahrt des tadschikischen Bungalowplatzes ab und fragen, ob und wo wir uns hier hinstellen dürfen. “Aber ja,” sagt der junge Tadschike auf Englisch, “kostet 20 Somoni pro Nacht und pro Person.” WAAAAS??? Nein, wir schreien nicht entsetzt, wir denken das bloß. Auf einen gebührenpflichtigen Abend waren wir nicht aus. “Da ist auch ein englischsprachiges Paar.” Ach so? Hm.

Die Brücke zum Iskander Kul

Die Brücke zum Iskander Kul

Ich überlege, wer das sein könnte. Ein seltsames Gefühl grummelt in meinem Bauch, als Thomas einwilligt, auf das Gelände zu fahren. Kurz vor dem Ufer, unter tiefen Weiden steht ein Landcruiser mit Dachzelt. Das kann doch nur … “Ach,” sage ich zu Thomas, “das sind bestimmt Lisa und Darren, die Australier, mit denen wir durch China fahren werden.” “Stimmt! Der Wagen sieht genauso aus wie auf dem Foto. Die sind das, da wette ich einen drauf!” Schnurstracks hüpft er aus dem Auto, schleicht um das australische Abenteuerfahrzeug und ruft: “Hallo Lisa!” So ein Mist, dass ich nicht so schnell aus dem Auto gehüpft bin. Ich ärgere mich heute noch, denn DIE Gesichter hätte ich zu gerne gesehen! “And who are you?!” fragt Lisa mit großen, erschrockenen Augen. Wie hätten wir wohl ausgesehen, wenn uns ein völlig Fremder aus heiterem Himmel mit Vornamen entspräche, irgendwo mitten in einem fernen Land, noch dazu in einem Naturreservat spät Abends um 21 Uhr? “I’m Thomas.” sagt Thomas grinsend. Jetzt fällt es ihnen wie Schuppen von den Haaren. Die Australier können sich nicht mehr halten. Wir brechen alle in schallendes Gelächter aus, in Erstaunen und Freude, uns endlich nach so vielen Monaten und Emails in Natura zu begegnen. Mein Gott, was gäbe ich, um ihre Gesichter noch einmal zu sehen! Diese irrwitzigen Zufälle auf Reisen sind doch immer kaum zu fassen.

Tal des Flusses Iskander

Tal des Flusses Iskander

Statt einer Nacht verbringen wir sogar zwei Nächte an diesem kuscheligen Ort. Es gibt sogar warmes Wasser und heiße Duschen, allerdings Letztere nur unterhalb der Gürtellinie, denn der Boiler wurde für den müden Wasserdruck zu tief an die Wand gebaut. Breite Liegen stehen unter den Bäumen, der See glitzert in knalligem Türkis vor den rotbraunen Bergen. Wir haben uns mächtig viel zu Erzählen und stellen dabei unendlich viel Gemeinsamkeiten fest. Darren und Thomas sind sich so schnell dicke, dass sie stundenlang zusammen unterm Auto liegen und Teile ab- und anmontieren. Wir Frauen kochen Kaffee und lesen. Am Wochenende sind solche Ferienorte immer voller als an anderen Tagen. Auch wieder so eine weltweite Grundregel. Heute ist Samstag, 15. August, Zeit für eine laute tadschikische Hochzeit und etliche Familienausflüge. Das arme Schaf, von dem wir glauben, es müsse für den Hochzeitsbraten herhalten, das da heute Morgen hinter dem Auto der Australier versteckt wird, dient bloß für den Appetit einer (!) Familie. Darren und Lisa sind Vegetarier und was machen Vegetarier, wenn ein lebendiges Schaf allein, mit festgebundenen Beinen hinter ihrem Auto liegt? Richtig, es heimlich losbinden und darauf hoffen, dass seine Lebensgeister es zum Laufen bringen. Doch es wäre nicht ein Schaf, ginge dieser Traum sofort in Erfüllung. Nach anderthalb Stunden watschelt das Schaf über die Ferienanlage, nach zweieinhalb Stunden hören und sehen wir die Männer laufen, wie sie das trottelige Schaf wieder einfangen. Dann geht alles ganz schnell, ohne dass die Vegetarier davon etwas mitbekommen. Unter schattigen Bäumen wird die Kehle durchtrennt. Der Kadaver wird an einen Baum gehängt, gehäutet und zerteilt. Am frühen Nachmittag wird der Grill angeworfen und ab dem Abend bis spät in die Nacht gebrutzelt. Frischer kann man sein Fleisch wirklich nicht essen.

Iskander Kul am Morgen

Iskander Kul am Morgen

Wir beratschlagen zu viert, wie die Fahrt durch Tadschikistan weiter gehen soll und vor allem wie viel Zeit wir alle haben. Auch die Australier müssen ihr chinesisches Visum in Bishkek beantragen, genauso wie wir. Der 4. September ist also ein Stichtag, an dem wir, wenn nicht sogar wir alle spätestens zurück sein müssen. Wir kalkulieren knapp zwei Wochen für die Pamir-Region und etwas weniger als eine Woche für die Rückfahrt durch Kirgistan nach Bishkek. Alle sind einverstanden. Morgen früh fahren wir los.

2 Kommentare

  1. cathfrosch

    Wie cool ist das denn! Der Zufall…

    Gute Fahrt euch 4!

    Cath

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  2. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

    Hey Cath,
    eindeutig ein unglaublich lustiger und irrsinniger Zufall. Seit diesem tag haben wir die beiden ständig an der Backe. Im positiven Sinne 🙂
    Es passt hervorragend!
    Liebe Grüße in den Süden
    Thomas und Sarah

    Antworten

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