6.4 NACH TADSCHIKISTAN

NACH KAZARMAN

Die Gebirgslandschaft um den Moldo-Pass ist ein absoluter Traum. Die Piste, die zickzackförmig in die Berge geschlagen ist, ebenso. Spitze Fichten in nahezu perfekter Kegelform stehen aufrecht wie grüne Zipfelmützen an den Berghängen. Die schroffen Berggipfel überragen alles. Ein Klassiker eines Bilderbuchpanoramas. Bei Jangi-Talap biegen wir nach Westen auf die Piste nach Kazarman ab. 115 Kilometer, die abwechslungsreicher und faszinierender nicht sein können.

Tiramisu-Berge westlich von Jangi-Talap

Tiramisu-Berge westlich von Jangi-Talap

Vorbei an Hügeln, die uns an Tiramisu und Neopolitaner Waffeln erinnern – Mensch, Kirgistan, du machst uns ganz schön verrückt! – windet sich die Piste bis zum Kara-Hoo-Pass (2625 m) auf ein Hochplateau hinauf, das der Mongolei schon wieder ähnlich sieht. In so einer harschen und kargen Landschaft leben auch hier wieder Menschen.

Eine fremde Landschaft auf dem Weg zum Pass

Eine fremde Landschaft auf dem Weg zum Pass

Es ist unglaublich. Anschließend folgen schroffe Berge, Canyons und weiß der Teufel was. Es ist einfach gigantisch geil. Doch so sehr wir uns auch für die Landschaft begeistern können, hier zu LEBEN ist alles andere als schön.

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Esel auf dem Kara-Hoo-Pass

Statt Jurten gibt es auch Bauwagen

Statt Jurten gibt es auch Bauwagen

Die Faszination teilen wir mit anderen, denn wir treffen auf einen ganzen Haufen aus Fahrradfahrern, Schweizern in Landrovern und Australiern, die in mit bunten Aufklebern zu gepappten Toyotas hektisch an uns vorbei rasen. Apropro rasen – wir benötigen mal wieder einen ganzen Tag für die 100 Kilometer vom Song Kul bis kurz vor Kazarman. Versteckt an einer Brücke, die den Fluss Narin überquert, übernachten wir. Notdürftig befreien wir Takhis Innenleben und uns vom Staub der letzten Pisten. Über Nacht gibt es Neuschnee; die Berge tragen morgens unter einem knallblauen Himmel noch den Puderzucker auf ihren Köpfen.

Treffen auf der Piste: jeder will wissen, wie der andere reist

Gespräche auf der Piste: jeder muss wissen, wie die anderen reisen

Auf den fast letzten Tropfen erreichen wir Kazarman. Dort finden wir den versteckten, kleinen Markt im Zentrum des Dorfes, um unsere Vorräte an hervorragendem Gemüse und Obst aufzufüllen. Wir entdecken sogar Brombeeren, doch die Babuschkas wollen uns den kompletten 10 Liter Eimer verkaufen, anstatt eine Tüte voll. Nein, so viel Marmelade kann ich dann doch nicht kochen, ich muss ablehnen und ernte verwunderte Blicke. Hinter Kazarman klettert die Staubpiste steil hinauf auf den Kök-Art-Pass (3318 m), der letzte, kühle Höhepunkt, bevor es in den schwülheißen Kessel der Städte Jalal-Abad und Osh geht. DSC_8483_blog

Heuernte

Heuernte

Es ist Erntezeit für Heu, das jetzt von den Wildblumenwiesen per Hand gesäbelt und auf LKWs in die Dörfer gebracht wird. Je näher wir dem Pass kommen, umso öfter sehen wir wieder ein paar Jurten. Haben wir bis jetzt schon immer tiefen Respekt für die Menschen gehegt, die in solchen kargen Landschaften leben können, huscht uns bei zwei winzigen, weißen Zelten genau unterhalb des Kök-Art-Passes, auf dessen Hängen weit und breit nichts wächst, eine Gänsehaut über den Rücken. Es ist doch Wahnsinn, wo der Mensch überall sein Zuhause hat und ums Überleben kämpft.

Nomaden am Hang des Kök-Art-Passes

Nomaden am Hang des Kök-Art-Passes

NACH OSH

Je näher wir dem Tal von Jalal-Abad und Osh kommen, umso häufiger werden die Flächen wieder landwirtschaftlich bebaut. Es ist ein schöner Anblick, doch die Fahrt durch die Dörfer ist zäh wie Kaugummi. Vorgestern noch in drei Pullover gehüllt, schwitzen wir schon wieder die Sitze voll. Die Fahrt endet auf einem Hügel zwischen Jalal-Abad und Özgön mit Rundumblick auf die Dörfer im Tal. Es gibt Wassermelone zum Abendbrot, mehr geht bei der Hitze einfach nicht.

Auf dem Weg nach Osh treffen wir bei einer Waschanlage auf zwei bunte Fahrzeuge, die an der Mongol Rallye teilnehmen. Die verrückten Autos haben wir schon öfter rumflitzen sehen, jetzt müssen wir die Typen mal ansprechen, vielleicht können wir ein paar mongolische Tugriks umtauschen. Den Waschgang nehmen wir auch gleich mit.

Begegnung der etwas anderen Art

Begegnung der etwas anderen Art

In Osh, der Stadt, die von sich behauptet, mit 3000 Jahren älter als Rom zu sein, wollen wir nur einen kurzen Stopp einlegen. Thomas möchte unbedingt noch ein Spurgelenk als Ersatz kaufen und nach einem neuen Luftfilter gucken. Ich plädiere auf Zimt und frisches Fleisch. Na mal sehen. In Osh herrscht dichter Verkehr. Wir werden kurz an einer Polizeikontrolle aufgehalten. Man ist mal wieder an unserem Befinden interessiert, wo es denn hingeht und woher wir kommen. Gott sei Dank. Der Basar von Osh, auf dem wir alles zu finden hoffen, befindet sich mitten im Zentrum. Es handelt sich um einen der ältesten Basare Asiens und ist dabei der größte in Zentralasien.

Landwirtschaft bei Jalal-Abad

Landwirtschaft bei Jalal-Abad

Doch orientalisches Flair ist über die Jahre irgendwie verloren gegangen. Autoteile sind Fehlanzeige. Stattdessen landen wir in der Möbel- und Teppichabteilung. Riesige Stoffrollen hängen an anderer Stelle von riesigen Metallgerüsten herunter, dann folgen Klamotten und Schuhe aus China im Anschluss an Plastikgeschirr und Putzeimern. Irgendwo dazwischen gibt es Obst- und Gemüsestände und ganz viel frisches Nan-Brot. Nach anderthalb Stunden Gesuche finden wir an einem Gewürzstand gemahlenen Zimt. Der allmorgendliche Haferflockenbrei ist gerettet! Immerhin.

NACH TADSCHIKISTAN

Es sind 36°C im Schatten. Nichts wie raus aus dieser heißen Stadt. Unterwegs entdeckt Thomas doch noch einen kleinen Autoteilemarkt an der Hauptstraße nach Südwesten, immer wieder identifizierbar an mehreren Überseecontainern, die als Verkaufsbuden dienen. Das gewünschte Spurgelenk ist schnell gefunden, für umgerechnet 6 Euro. Einen Luftfilter gibt es nicht, kann man ja aber ausblasen. Na gut. Heute ist der 12. August, morgen wollen wir über die Grenze bei Batken nach Tadschikistan einreisen. Batken liegt ziemlich weit im Westen der südlichwestlich langestreckten Zunge von Kirgistan.

Traumhaft Schlafen bei Aydarken

Traumhaft Schlafen bei Aydarken

Hier lebt ein Kuddelmuddel aus Kirgisen, Usbeken und Tadschiken zusammen, die sich nicht immer Grün sind. Leider hat Stalin bei seiner Grenzziehung in den 20ern mögliche kulturelle und religiöse Meinungsverschiedenheiten nicht bedacht. Gerade Ende Juli / Anfang August gab es einen kurzweiligen Aufstand zwischen Kirgisen und Usbeken nahe der westlichsten Grenze zu Isfana. Die einen haben den anderen das Wasser abgedreht. Doch so weit müssen wir Gott sei Dank nicht fahren, aber es gibt auf der Strecke mehrere usbekische Enklaven, die zu umgehen sind. Ohne einen genaueren Blick auf die Papierkarte zu werfen, folgen wir unserem Navi bis kurz vor Aydarken. In der Nähe des Ortes, noch vor dem Meting-Bel-Pass, finden wir einen wunderschönen Schlafplatz mit Aussicht auf einige schroffe Gipfel der Kollektor Kirka Berge. Wir freuen uns bereits, es bis zur Grenze nicht mehr weit zu haben, nur noch circa 60 Kilometer.

13. AUGUST

Entsprechend träge erledigen wir den morgendlichen Algorithmus aus Frühstück, Abwasch, Zähneputzen. Wir fahren anschließend ins Dorf Aydarken, füllen Wasser an einem sprudelnden Hahn auf, da gesellen sich vier alte Herren zu uns und fragen, wo es denn hinginge. “Na, nach Tadschikistan.”, erklärt Thomas und zeigt in die eine Richtung, in die die Straße führt. Ooooh, die Herren schütteln mit Köpfen. Nein, in die Richtung ist doch Usbekistan. “Da könnt ihr nicht durch. Ist gesperrt.”, deuten sie mit Händen und Füßen an. Ach du dickes Ei. Ein Blick mit allen Herren zusammen auf die Karte macht deutlich, die usbekische Enklave von Sokh liegt vor uns. Wir haben den Abzweig nach Westen in Kadamjay verpasst, der wiederum nicht auf der Papierkarte eingetragen ist, dafür aber im Navi. Was für eine Verwirrung. Wir verdrehen die Augen, die alten Herren dagegen grinsen breit: “Straße neu, 140 Kilometer. Dauert nur 1 Stunde …” sagt einer und tippt mit dem Zeigefinger auf die 160 der Geschwindigkeitsanzeige. Über diese aberwitzige Idee müssen wir nun alle lachen. Schnell drückt mir jemand eine Handvoll Aprikosen in die Hand, dann machen wir uns zügig auf den Weg nach Kadamjay.

Zurück nach Kadamjay

Zurück nach Kadamjay

Dort setzt sich die nagelneue Asphaltstraße entlang der usbekischen Grenze fort, die die EU – und damit auch wir – gesponsert hat. Sie trägt sicherlich einen großen Teil zur Stabilität der Grenzregionen bei. Wir erreichen sage und schreibe 102 kmh.  Herzlichen Dank, liebe EU, dass Sie uns so schnell mit Tadschikistan verbunden haben.

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