6.3 SONG KUL

Bis nach Tadschikistan haben wir in etwa noch eine Woche Zeit. Mit unserem Visum können wir am 13. August in das Land einreisen. Genug Zeit also, um zu einem der schönsten alpinen Bergseen der Erde zu fahren. Der Song Kul liegt auf etwa 3016 Höhenmetern, umgeben von fast 4000 Meter hohen Berggipfeln und grünen Sommerweiden. Fragen wir die Kirgisen nach dem Song Kul, bekommen sie leuchtende Augen. Ein jeder schwärmt vom Artenreichtum von Flora und Fauna dort oben. Doch der Weg von Bishkek bis dorthin ist lang. Wir benötigen in etwa sieben Stunden für circa 340 Kilometer. Zum zweiten Mal fahren wir die Asphaltstraße in Richtung Issyk Kul zurück und biegen 23 Kilometer vor Balikchi auf eine Abkürzung zum Orto Tokoy Reservoir ab. Vorbei an Kochkor, wo wir den 55 Liter Benzintank und einen Kanister auffüllen, führt die immer schlechter werdende Asphaltstraße an kleinen Dörfern und schönen, muslimischen Friedhöfen vorbei.

Friedhof bei Kochkor

Friedhof bei Kochkor

Vor der Gebirgskulisse sehen die Mausoleen wie kleinen Städte wie aus “1001 Nacht” aus. Bei Jangi-Arik suchen wir vergebens nach der kürzesten Passüberquerung zum See, die wir auf der Papierkarte finden. Doch erst in Kuyruchuk, ein Dorf weiter, gelangen wir auf eine Piste, die von Westen her an den See führt. Es ist später Nachmittag, als wir tief in eine grüne Schlucht hineinfahren und kurz vor Sonnenuntergang, als wir über einen fast 3200 Meter steilen Pass auf den Song Kul blicken. Eine traumhafte Kulisse einer einsamen Hochebene, die wir mit Pferden, Rindern und ein paar wenigen Jurten teilen dürfen. Doch es ist deutlich frischer hier oben. Eingestaubte Wollpullover und dicke Kamelwollsocken werden seit langem wieder ausgepackt.

Pisteneinfahrt zum Song Kul

 

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Wir beschließen am folgenden Morgen den See ein Mal im Uhrzeigersinn zu umrunden, doch wir kommen auf den rund 70 Kilometern nicht weit. Nach 11 Kilometern bleibt unser Herz an einer winzigen Bucht inmitten zweier Hügel hängen, die wir ganz für uns alleine haben. Wieso nicht? Den Tag über lassen wir uns dort “hängen”. Wir haben Zeit zum Brot backen; Zeit, um auf einen Hügel zu steigen und die Aussicht zu genießen; Zeit, um das Wolkenschauspiel aus Licht und Regen zu beobachten; Zeit um dem Wind beim Tanzen auf dem Wasser zuzuschauen. Zeit, die uns ganz viel in diesem Moment bedeutet. Mehrere Gewitter huschen über uns hinweg, die anschließend in einen noch kühleren, aber sonnigen Folgetag münden.

Die Jurte ist gepackt

Die Jurte ist gepackt

Unsere Lieblingsbucht

Unsere Lieblingsbucht

Die Luft hat sich mittlerweile so stark abgekühlt, dass es ohne Pullover und Auto als Windschutz kaum auszuhalten ist. Schweren Herzens verlassen wir unsere Bucht nach dem Frühstück und einem Morgenbad meinerseits, sind aber gespannt auf die weiteren 60 Kilometer, die da noch kommen mögen. Am nächst größeren Strand begegnen wir einer fünfköpfigen Gruppe Österreicher, die uns zum Frühstück einladen. Klaus und seine kirgisische Freundin leben seit einem Jahr in Bishkek, ihre drei Freunde sind zu Besuch. Wir bieten eine Gegeneinladung auf einen richtigen Kaffee, denn die Haferflocken liegen uns noch schwer im Magen. So bleiben wir bei Kaffee, Tee und kirgisischen Keks-Honig-Kugeln hängen und quatschen anderthalb stunden lang über das chinesische Visa-Dilemma in Bishkek, über das gute kirgisische Obst und Gemüse und über äußerst deliziöse Backwaren des Landes.

Jurten am Westufer

Jurten am Westufer


Zwischengedanken zum Gemüse

Ich muss gestehen, dass uns die Qualität der frischen Lebensmittel in Kasachstan und Kirgistan äußerst überrascht hat. Dabei kaufen wir das Meiste nicht im Supermarkt, sondern auf Märkten, am Straßenrand oder in kleinen Obst- und Gemüseläden ein. Tomaten schmecken tatsächlich wie Tomaten und Gurken schmecken wie Gurken. Diesen Geschmack haben wir schon lange vergessen. Paprika und Auberginen haben sogar einen eigenen Duft und – man kann es als Europäer gar nicht glauben, haben unterschiedliche Formen und Farben! Äpfel haben ihre typischen Ecken und Kanten; Aprikosen gibt es in verschiedenen Variationen; Eier kommen noch von glücklichen Hühnern. Mein Gott, welch’ ein Schlaraffenland! Dafür sind verpackte und verarbeitete Lebensmittel umso teurer, fast ähnlich wie bei uns und in einfacherer Auswahl. Ein Käse ist gelb, eine Wurst ist rosa, Butter gibt es in 200g oder in 1-Kilo Stücken, Milch mit 3,5% und das Brot ist weiß, rund oder kantig. Selbstverständlich haben auch hier schon die chinesischen Kunsteier, die wie wie Echte aussehen und auch so schmecken, Einzug gehalten. Von denen haben wir vor fünf Jahren in Thailand schon gehört. Jeder, mit dem wir zufällig über Lebensmittel sprechen, kommt sofort auf diese künstlich hergestellten Eier, die es angeblich in den Supermärkten gibt. Wir als Europäer können das kaum unterscheiden, denn die Hühnereier bei uns in den Supermärkten, die noch von echten, wenn auch geqälten Hühnern, sehen ja bereits allseits gleich in Farbe, Form und Größe aus. Doch der Kirgise weiß noch um die guten, echten Hühnereier Bescheid! Wurde uns schon in der Mongolei von chinesischem Allerlei abgeraten, hier erst recht. Man hat buchstäblich Angst vor gleichen Formen und knalligen Farben, die die EU bei uns schon längst genormt hat und die jeder Bürger bei uns unbedingt kaufen möchte. Alles andere ist ja schon so gut wie schlecht. Hier ist es genau umgekehrt. Gerade das Obst und Gemüse, das seine Stellen und krumme Formen hat, ist für die meisten hier “echt” und gut. Es muss riechen, es muss verschieden groß sein, eine Made darf darin stecken, mit oder ohne Druckstelle.  So, wie in Omas Garten. Dass hier irgendwer Chemie auf die Felder bringt, daran glaubt hier niemand. Wer soll und kann es sich denn auf dem Lande leisten? Die Felder sind klein parzelliert. Im Getreidefeld sprießt das Unkraut, so wie ich es bei uns nie gesehen habe, nicht mal auf angeblichen Bio-Feldern. Es gibt Wildblumenwiesen, an denen sich der vernormisierte Europäer nicht satt sehen kann. Ich bezweifle, dass die Imker hier überhaupt jemals vom Bienensterben gehört haben. Die frischen Lebensmittel in diesen Ländern öffnen uns die Augen über den einheitlichen Mist, den wir nach EU-Norm Zuhause aufgetischt bekommen. Es ist doch wirklich ein Jammer, wie armselig europäische Lebensmittel trotz unseres Reichtums schmecken!


Nach diesem intensiven Genussgespräch machen sich die Österreicher auf nach Bishkek, wir setzen unsere “Seerundfahrt” fort. Die Piste entfernt sich zunehmend vom Song Kul je näher wir dem Ostufer kommen.

Wanderer auf der Straße!

Wanderer auf der Straße!

Aus zwei Reifenspuren ist mittlerweile eine breite Waschbrettpiste geworden. Wir fahren an mehreren touristischen Jurtencamps vorbei, manche so groß wie eine kleine Stadt, und sehnen uns dabei schon wieder nach der Einsamkeit des westlichen Ufers. Wenige Kilometer vor der südwärts abzweigenden Piste zum Moldo-Pass, auf dem wir das Hochplateau des Song Kuls verlassen wollen, entdecken wir ein rotes Auto mit Vorzelt auf einer grünen Wiese. Es sieht verdammt nach einem ausländischen Fahrzeug aus, das kann ich mit meinem Fernglas ausspionieren.

Wir und die Schweizer (o.l.)

Wir und die Schweizer (o.l.)

Nichts wie hin also, es könnten die ersten Reisenden seit der Mongolei sein, die uns nicht nur entgegen kommen, sondern mit denen wir uns mal unterhalten könnten. Mein Fernglas hat mich nicht enttäuscht. Bei Silvie und Roger aus der Schweiz bleiben wir über Nacht stehen. Sie bringen ihre Royal Enfield, ein Motorrad, das sie vor Jahren in Indien gekauft haben, zurück in ihr Heimatland. Der große rote Mazda dient dabei bloß als Begleitfahrzeug. Bei Tee und scharfen Spaghetti haben wir uns viel bis spät in die Nacht zu erzählen, denn auch wir sind die ersten Reisenden, die sie auf ihrer Strecke treffen, die ausnahmsweise keine Motorrad- oder Radfahrer sind. Natürlich geht es oft um Erfahrungswerte: welche Reparaturen standen an, wie bewältigt man den Alltag – ach, ihr macht das auch so? Aha … – wie ist es da und dort, wie war der Pamir, wie war der Issyk Kul, was ist das nächste Reiseziel und so weiter und so fort. Die Nacht ist traumhaft sternenklar, aber auch genauso so frostig.

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3 Kommentare

  1. motorang

    Sehr cool … ihr habt in diesem Riesenland Klaus und Saltanat getroffen nehm ich an. Der große lange Klaus mit dem langen Nachnamen ist ein Ex-Arbeitskollege von mir 🙂
    Sachen gibt es, die glaubt man nicht.

    Gryße!
    Andreas, der motorang

    Antworten
    1. Thomas

      Mensch Andreas,
      Das gibt’s ja wirklich nicht. Wir schicken dir gerne ein Erinnerungsgruppenfoto, welches du ihm gerne geben kannst, denn er sollte nun schon wieder in Österreich sein. Sein Vertrag lief hier aus.
      Schöne grüsse von uns beiden

      Antworten
      1. Andreas

        Hallo Thomas, mach ich gerne! Klaus hat mich vor ein paar Tagen angerufen, er ist gut in Graz angekommen 🙂

        Liebe Grüße
        Andreas

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