6.2 BISHKEK

Morgens 8.30 Uhr klingelt unser Handy. “Wo seid ihr denn jetzt? Ich sehe euch nicht.” Am anderen Ende ist Sasha, der Mann, der uns in Bishkek weiterhelfen kann und ganz bestimmt auch jetzt. “Wir sind in der Karl-Marx-Straße, im Norden von Bishkek, wie verabredet.”, erklären wir ihm. “Im Norden??? Ich wusste gar nicht, dass es im Norden auch so eine Straße gibt”, gibt er lachend zu und erklärt uns wo wir tatsächlich hinfahren müssen. An das südliche Stadtende nämlich, dorthin, wo wir gerade hergekommen sind. Also wieder zurück in den Morgenverkehr.

An einer Straßenecke also wartet Sasha auf uns. So groß wie wir, vielleicht Ende 40, Anfang 50, kurze Jeanshose, Schlabberhemd halb offen aus dem Brusthaare hervorquellen, gesunder Bierbauch, unrasiert und unfrisiert. Und ganz bestimmt die einzige Person weit und breit, die fließend Englisch spricht. Der passt zu uns. Wir sacken ihn ein, er leitet uns zur Schrauberbude in einer Garagenkolonnie ganz versteckt am Stadtrand, wo die Jungs des Sturmovik Offroad Clubs an ihren wilden Kisten schrauben. Wir werden vorstellig bei Dima, der für uns das Problem mit den Stoßdämpfern lösen soll.

 

Traumhafte Aussicht vom Hostel-Zimmer

Traumhafte Aussicht vom Hostel-Zimmer

Wir erklären Sasha unsere Geschichte mit den Stoßdämpfern, er übersetzt für Dima. Im Grunde soll Dima für uns neue Stoßdämpfer besorgen und diese einbauen, denn die ständig herausrutschende Halterung nervt. Doch so ganz grün sind wir uns dabei nicht, schließlich funktionieren beide Stoßdämpfer ja noch, nur die untere Halterung des linken Stoßdämpfers ist hinüber. Sasha glaubt, das Problem mit der Halterung wird uns auch mit neuen Stoßdämpfern einholen, denn es handele sich eher um ein Problem des ausgenuddelten Gewindelochs, wo schließlich alles befestigt werden soll. Dann vergleichen wir mit einem Mitsubishi Pajero. Takhi soll ja angeblich auf der gleichen Unterkonstruktion gebaut sein wie ein Pajero, doch manche Teile wie die Gelenke an den Vorderachsen oder die Befestigung der Stoßdämpfer sind absoluter Murks im Vergleich zu einem Geländewagen. Dima schlägt vor, uns genau so eine Halterung wie bei einem Pajero zu bauen. Das sei viel besser, wir könnten die KONIS weiter nutzen und sparen auch noch Geld und Zeit. So ist es beschlossene Sache. Wir vereinbaren einen Preis für die Arbeit samt der Kontrolle der erhöhten Temperatur, die uns manchmal heimsucht, sowie einer Kontrolle der Kupplung. In zwei Tagen soll alles fertig sein. Das einzige Problem: das Auto muss sofort hier bleiben. Ach du Schreck. Mit so viel Spontanität haben wir nicht gerechnet.

Es kostet uns stets sehr viel Überwindung, Takhi für einen längeren Zeitraum abzugeben. Niemand überlässt sein Zuhause freiwillig gerne einem Fremden. Doch nicht nur das, man muss überlegen, welche Dinge mitgenommen werden sollen, welche Klamotten benötigt werden, was geschieht mit den frischen Lebensmitteln, wie viel Essen wird benötigt, was kann in der Zeit der Reparatur in der Stadt erledigt werden, und wenn ja, welche Unterlagen sind notwendig, die noch im Auto sind? Ach, und wo schlafen wir überhaupt? Das muss dann alles in recht kurzer Zeit geklärt werden, damit keine Zeit verloren geht, a) für die Reparatur und b) für unsere Anliegen in der Stadt. Es ist ein bisschen so, also würden wir auf unserer Reise umziehen. Nervig wird es, wenn wir feststellen, dass wir etwas im Auto vergessen haben und wir mittlerweile am anderen Ende der Stadt sind.

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Erster Tag am Ala-Too Square

Ohne Sasha wäre Bishkek eine Katastrophe gewesen. Was hätten wir bloß ohne ihn getan? Nachdem wir gemeinsam feststellen, dass sein 1-Zimmer-Appartment samt Frau für uns alle zu klein ist und wir auch nicht so viel Trinken können, um uns nicht auf den Wecker zu gehen, besorgt er uns kurzerhand eine Telefonnummer eines günstigen Hostels mitten im Zentrum. Er gabelt uns ein Taxi von der Straße auf, am frühen Nachmittag sitzen wir im USSR Hostel und akklimatisieren bei laufender Klimaanlage. 10$ pro Person pro Nacht, inklusive Duschen und Wäsche waschen.

Städte wie Bishkek dienen uns seit Langem schon nur als Organisationspunkt für all jene Dinge, die wir unterwegs nicht erledigen können. Städte in den ehemaligen Sowjetländern sind kaum zu vergleichen mit europäischen Städten wie Danzig in Polen. Es ist nicht so, dass sie grundsätzlich hässlich wären, auch wenn sich ihre gesichtslosen und grauen Betonwohnblöcke in einem fort aneinander reihen, der giftige Cocktail aus schwüler Luft und stinkenden Abgasen das Atmen erschweren und der Verkehr stets aufs Neue kollabiert. Sie beschränken sich bloß auf das Wesentliche und sind funktional aufgebaut. Die mächtige Sowjetarchitektur, so faszinierend abstoßend wie der Brunnen auf dem Ala-Too Square, lenkt uns kaum von unseren Zielen ab, die da heute wären:

  • das Auto in Deutschland und damit von der KFZ-Versicherung abmelden und
  • das chinesische Visum beantragen.

Wir richten uns in unserem Zimmerchen mit hervorragender Internetverbindung im USSR Hostel ein und stellen fest: Wir haben die Autokennzeichen vergessen abzubauen, die wir für die Abmeldung bei der Deutschen Botschaft in Bishkek benötigen. Wir fassen uns an den Kopf und der Blick sagt alles. Wir beschließen, zwar die Kennzeichen morgen zu holen, zur Deutschen Botschaft aber heute schon zu gehen. Vielleicht können wir vor Ort klären, was dafür zusätzlich benötigt wird und wann wir vor allem dort erscheinen sollen.

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Auf der Suche nach dem Fotostudio am zweiten Tag

Auf dem Weg dorthin liegt das Büro von Mrs. Liu. Mrs. Liu ist eine Institution der Stadt, wenn es um die Beantragung des chinesischen Visums in Bishkek geht. Sie ist eine Agentin, DIE Agentin für dieses Visum schlechthin. Böse Zungen behaupten, sie steckt mit den Konsulen der chinesischen Botschaft unter einer Decke. Jeder Reisende kennt diese Dame, nur wenige mögen sie, genauso umgekehrt. In Bishkek gibt es noch ein paar weitere Agenturen, die bei der Beantragung behilflich sind, doch bei Mrs. Liu scheint die Ausstellung des Visums schon fast garantiert. Im September 2015 wollen wir durch China auf dem Karakoram Highway nach Pakistan reisen. Für eine Reise mit eigenem Fahrzeug durch die Xinjiang Provinz, durch die dieser Highway in China führt, benötigt jeder leider einen chinesischen Guide oder anders ausgedrückt: eine im Voraus arrangierte Tour. Das haben wir bereits zu Beginn des Jahres 2015 und noch vor der Reise von Hamburg aus organisiert. Es fehlt lediglich das chinesische Visum, das wir in Bishkek jetzt beantragen wollen. Die notwendigen, originalen Reiseunterlagen für die Beantragung hat Mrs. Liu von unserer Agentur erhalten, die wir bei ihr abholen wollen. Noch sind wir uns uneins, ob wir das Visum selbst beantragen, oder es beantragen lassen. Wir tischen ihr eine Geschichte auf über notwendige Reparaturen in Almaty, dass wir unbedingt nach Kasachstan zurück müssen und es aus Zeitgründen dort probieren wollen, damit sie die Unterlagen an uns vorbehaltslos herausrückt. Wenn es nicht klappt, kehren wir selbstverständlich zu ihr zurück. Die Unterlagen landen damit in unserer Tasche. Freie Entscheidungen für freie Bürger.

An der Deutschen Botschaft erfahren wir, dass wir am morgigen Tag wieder kommen sollen – zwischen 14 und 15 Uhr – und dass die Abmeldung von Fahrzeugen im Grunde schon lange abgeschafft worden sei. Na prima! Zurück im Hostel holen wir bis spät Abends weitere Informationen zur Visabeantragung in Bishkek ein. Das war der erste Tag.

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Der mit Abstand hässlichste Brunnen, den wir je gesehen haben

Die Recherche geht am folgenden Morgen weiter. Es ist gar nicht so leicht herauszufinden, welche Unterlagen die Chinesische Botschaft zusätzlich noch haben will und wie die aussehen sollen. Anschließend fahren wir per Taxi in die Garagenkolonnie, um bei Takhi die Autokennzeichen abzubauen und die Ersatzkennzeichen ohne TÜV-Plakette anzubauen. Außerdem nehmen wir unsere Schmutzwäsche mit, um sie im Hostel zu waschen. Ein halber Tag ist danach wieder vorbei. Mit den alten Kennzeichen und einem Amtshilfeersuchen, das Thomas im vergangenen Monat von der Zulassungsstelle in Rostock erbeten hat, fahren wir zur Deutschen Botschaft. Alle Mitarbeiter dort sind skeptisch, denn Erstens wurde die KFZ-Abmeldung vor Jahren abgeschafft und Zweitens seien wir wohl die Ersten, die das hier versuchen wollen. Die nette Kirgisin am Schalter fragt den Herrn Konsul höchstpersönlich, ob das denn nun geht oder nicht. Der wiederum setzt sich neben sie an den Schalter, ist völlig entspannt und erklärt: “Alles ist wunderbar, das Fahrzeug kann abgemeldet werden, ABER nur, weil Sie ein Amtshilfeersuchen vorgelegen konnten. Sonst ginge es definitv nicht.” Thomas kratzt die Plakette aus und eine Notiz samt Stempel folgt in den Fahrzeugbrief. Das war’s im Grunde. Zeit für ein kurzes Gespräch mit der kirgisischen Mitarbeiterin über die herausragende Qualität von Gemüse und Obst in Kirgistan. Die Abmeldung ging leichter als gedacht. Lieber Christopher, besten Dank für deine wertvollen Tipps! Es hat alles reibungslos funktioniert.

Komplizierter wird es bei der Chinesischen Botschaft. Nachmittags besorgen wir die zusätzlichen Unterlagen, die die Botschaft sehen möchte. Am Ende des zweiten Tages haben wir folgendes beisammen:

  • Letter of Invitation im Original
  • Route der Reise auf Chinesisch
  • Gebuchte Hotelliste auf Chinesisch
  • Passfotos im chinesischen Format 48 x 33 mm
  • Kopien vom Reisepass, in dem der Einreisestempel von Kirgistan ist
  • Kopien vom Einreisestempel Kirgistan
  • Kopien vom Visum des Folgelandes
  • Aktueller Kontoauszug
  • Visumsantrag (aktuelles Formular von 2013)

Am Morgen des dritten Tages erfahren wir von Sasha, dass Dima fertig ist. Wir holen Takhi Mittags ab und lassen uns von Dima die neue Halterung zeigen, die sehr überzeugend aussieht. Dima ist außerdem überzeugt, dass die Temperatur des Motors oin Ordnung sei, es sich jedoch um ein Anzeigeproblem handeln könnte. Ähnlich verhält es sich bei der Kupplung. Grünes Licht also. Manchmal gibt uns Takhi aber auch schwierige Rätsel auf. Unsere Wäsche wäscht derweil.

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Auch am dritten Tag geht es vorbei am Nationalmuseum

Wir telefonieren vormittags des selben Tages mit drei verschiedenen Agenturen, die das chinesische Visum für Ausländer beantragen. Kyrgyz concept, die so eine Art Touristeninformation mit mehreren Büros in der Stadt sind, sind die einzigen, die unsere Unterlagen freiwillig durchsehen wollen. Wir laufen nachmittags in das Head Office in der Kiev Straße / Ecke Isanov Straße. Alles in Ordnung meinen die Mitarbeiterinnen, die sich damit auskennen. Wir könnten es probieren, aber jetzt sei es noch zu früh. In diesem jahr haben die Chinesen für das Touristvisum die Regeln geändert. Statt drei Monate, sei es im Vorfeld nur noch einen Monat gültig für die Einreise. Deshalb können wir frühestens am 15. August den Antrag stellen, da wir laut Unterlagen am 14. September nach China einreisen würden. Wir erklären ihr, dass wir vorher nach Tadschikistan wollen, weil unser tadschikisches Visum am 13. August beginnt. Demnach sollen wir es am 4. September probieren, am 7. September den Antrag einreichen und mit Glück bekämen wir ihn am 11. September, also fünf Tage später, das Visum ausgehändigt. Doch sie können nicht garantieren, dass unser Letter of Invitation – kurz LOI -akzeptiert wird, denn der Konsul muss die Einladung prüfen und genehmigen. Da kann er auch schon mal seine Meinung am nächsten Tag ändern, meint sie Augen zwinkernd. Deshalb beantragen die Agenturen die Visen immer mit ihren eigenen LOIs, die vom Konsul bereits genehmigt worden sind. Und aus diesem Grunde kostet die Bearbeitung durch einen Agenturen schlappe 140 – 200 US Dollar. Schöner Mist. Gegen 17 Uhr sind wir fix und fertig im Hostel und verabreden uns auf ein Feierabendbier mit Sasha und seiner Frau Nina in ihrem Viertel. Es gibt viel Politisches bereden.

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Die neue Pajero-Halterung für den Stoßdämpfer

Ehrlich, wir sind in den letzten dreieinhalb Monaten nicht so viel gelaufen, wie in den vergangenen drei Tagen in Bishkek, der stickigen Luft zum Trotz … Organisatorische Dinge, die Zuhause vielleicht nur einen Tag dauern, brauchten hier einfach viel länger. Und im Grunde stehen wir fast wie am Anfang da. Das Auto ist abgemeldet, doch für das chinesische Visum müssen wir noch einmal zurück nach Bishkek fahren. Das verkürzt unsere Tour durch Tadschikistan um zwei Wochen. Wir beschließen am folgenden Tag abzureisen. Tadschikistan ruft, die Superlativen des Pamirs, einer der großen Meilensteine auf unserer Reise, von dem seit anderthalb Jahren träumen. Wir dürfen nicht traurig oder enttäuscht sein, dass aus einem Monat Tadschikistan nun gestückelte zweieinhalb Wochen werden. Wir haben immer noch das Glück und die Zeit dort sein zu dürfen. Und das ist viel wert. China hin oder her.

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