6.1 ISSYK KUL

Auf dem Weg zum Issyk Kul kommt uns deutsche Wertarbeit entgegen: Vom Audi 100 bis zum alten VW Passat. Ganz vorne jedoch steht der alte Mercedes-Mannschaftswagen in allen Farben, sei es in polizeigrün oder bauwagenorange oder waschmaschinenweiß. Wer wissen möchte, wo sein verkaufter Firmentransporter gelandet ist oder wer vielleicht gerade einen vermisst, der wird garantiert auf den kirgisischen Straßen fündig. LKWs und Transporter von deutschen Möbeltransporten, deutschen Brauereien wie Warsteiner oder der Dampfbierbrauerei Zwiesel, Bäckereien mit dem Slogan „Laufend frische Brötchen“, Elektrofirmen wie “Elektro Krause Störungsdienst” und ganz hoch im Kurs: Kühlwagen sämtlicher Obst- und Gemüsehändler aus der Heimat. Wir könnten uns regelmäßig vor Lachen wegschmeißen, was hier auf den Straßen so hin und her fährt. Wie kommen die bloß alle her? Das ist doch wirklich eine interessante Frage, nicht wahr? IMG_4731_blog

Für diese Autos gibt es hier selbstverständlich allerhand Ersatzteile. Bloß nicht für uns. Die Suche nach der passenden Stoßdämpferhalterung endet erfolglos in einer der erbärmlichsten Autowerkstätten von Karakol, die wir je in Anspruch genommen haben. Ein großer Raum in einer Baracke, zwei Gruben, ein vollgemöhlter Tisch mit Werkzeug, ein uralter Kompressor zum Schweißen, zwei große Fenster in einer Wand und ein abgetrennter Ruheraum, keine Heizung und viel schwarzer Dreck. “Awtoserwis” steht über dem doppelflügeligen Tor. Was machen die Jungs bloß im Winter, fragen wir uns. Das ist doch Wahnsinn! Der Mechaniker zaubert von irgendwo her einen alten, dreckigen Stoßdämpfer eines Wolgas hervor, der noch die Halterung samt rissigem Gummipuffer in sich trägt. Wir haben keine Wahl, die Halterung muss da raus und bei uns rein. Eine andere Möglichkeit haben wir hier nicht. Nach einer Stunde Handarbeit und zweitem Anlauf ist das für erschreckend wenige 350 Som erledigt. Doch die Gewindelöcher für die Halterungen sind bereits so ausgenuddelt, dass der Mechaniker alle Kreativität des Festschraubens wallten lassen muss, damit das Teil bei uns hält. Als wir Karakol endlich hinter uns lassen, ist ein dreiviertel Tag wegen dieser, na sagen wir mal, “Lappalie” vergangen. Vielleicht sollten wir in Bishkek einen Offroad-Club aufsuchen?

Die bulligen Felsen auf der anderen Straßenseite der Seven Bulls Rocks

Die bulligen Felsen auf der anderen Straßenseite der Seven Bulls Rocks

Auch wenn Karakol keine schöne Stadt ist, die Tourist Information kann man sich durchaus geben, schon allein wegen des englisch sprechenden Personals. Wir können uns endlich und unmissverständlich mit anderen verständigen. DAS ist ein unglaublich gutes Gefühl seit Langem, über das wir auch Lachen müssen. Mit Landkarte, Postkarten und Auskünften zu Telefonkarte, Markt und Bank spazieren wir hinaus. Und dann – halt mich fest – zeige ich wahrhaftig auf Touristen. Und da! Noch ein Tourist … und dort. Was machen die denn hier alle? Wir gaffen wahrhaftig andere Leute an, weiße Langnasen sozusagen, von Angesicht zu Angesicht. Wir stellen beide fest, dass wir noch gar keine Zeit gefunden haben, sich mit Kirgistan bewusst zu befassen, denn dann wüssten wir, dass die Gebirgsketten des Teskej Alatau Gebirges südlich von Karakol ein Trekking-Mekka für alle Welt ist. Irgendwie müssen wir das alles erst einmal sacken lassen – deutsche Autos, moderne Touristen Info und westliche Touristen auf einem Haufen. Wir schlafen eine Nacht inmitten von duftenden Feldern und Wiesen, die der Regen nachts durchnässt. Die Temperaturen sind angenehm warm. Es riecht nach Heimat. Doch das schlechte Wetter hält an, durchweicht die Schotterpisten ins Gebirge, die wir gerne zu den heißen Quellen in Altin Arashan gefahren wären. Doch wir verzichten und ziehen weiter direkt zum Issyk Kul. Bis zur einbrechenden Dunkelheit schaffen wir es nicht und wir landen neben einem Feld mit Fernblick auf das Wasser. Doch die kitschigen Farben, in die der Sonnenuntergang die Berge und die sich auflösenden Regenwolken taucht, entschädigt für die Inperfektion des Abends. DSC_8265_blog

Der zweitgrößte Gebirgssee der Erde bedeutet Urlaub für jeden Kirgisen und so auch für uns. Ist es zu heiß in Bishkek, fährt der Kirgise am Wochenende zu diesem See. Sein Wasser ist warm – so wie sein Name es verrät: Issyk kul – Warmer See – und im Winter friert er trotz seiner Tiefe von 695m und seiner Lage auf 1600 Höhenmetern kaum zu. Vielleicht liegt das aber auch an seinem Salzgehalt. So ganz erforscht das Phänomen noch nicht. Unzählige Stichstraßen führen an sein südliches Ufer. IMG_4791_blogLäge nicht so viel Müll herum, könnten wir uns kaum entscheiden, welchen Strand wir nun wählen sollen. Doch weil wir genau wissen, was wir wollen, nämlich einen Platz ohne Müll, braucht es halbe Tage und 50 Kilometer hin und her Gefahre, bis wir uns fix und fertig an einen halbwegs sauberen Strand stellen wollen-können-müssen.

Romantik am Issyk Kul

Romantik am Issyk Kul

Das Wetter wechselt von Tag zu Tag. Mal Regen, mal Sonne. Wenn Regen, dann ist es kalt und windig, wenn Sonne, dann ist es richtig warm. So nehmen wir am 1. August mehrfach ein Bad an einem versteckten Strand im Issyk Kul. Hüfttiefes Wasser, unter den Füßen weicher Sand, ein dünner Salzfilm auf der Haut – wie Urlaub! Die Luft ist kristallklar. Die Berge ringsum haben weiße Perücken auf den Köpfen. Die Sonne scheint von einem ansonsten azurblauen Himmel. Eine Ausnahme der letzten vier Tage. Im Bikini auf meinem Stuhl sitzend erinnere ich mich an unsere anstrengende Wanderung zum Barskoon Wasserfall. Es ist eine der wenigen Wanderungen, deren Startpunkt leicht mit dem Auto zu erreichen ist.

Badetag

Badetag

Die Piste, die in das Barskoon Tal führt, war in einem perfekten Zustand. Zufällig hält die kanadische Goldmine Kumtör hoch oben in den Bergen diese in Schuss. Das brachte uns in Versuchung zum Jashil Kul zu fahren, der hinter dem Barskoon Pass auf über 3800 Höhenmetern liegt. Takhi sollte sich zum ersten Mal auf einer alpinen Höhenfahrt beweisen. Nach der Wanderung zum Barskoon Wasserfall schlotterten uns die Knie, denn es war Ewigkeiten her, seit wir zum letzten Mal länger als 30 Minuten “gewandert” sind. Einheimische Familien mit Kindern hatten uns selbstverständlich überholt.

Auf dem Weg zum Barskoon-Wasserfall

Auf dem Weg zum Barskoon-Wasserfall

Zur Krönung rannte ein Vater mit Kind auf den Schultern im Galopp an uns vorbei, und das in hausüblichen Lederschlappen. Wir kommen uns doch immer ziemlich dämlich vor in unserer allwettertauglichen Wanderbekleidung. Wenigstens sehen wir nicht aus wie bunte Bonbons in der Landschaft. Das sind nämlich die westlichen Trekking-Urlauber, die bloß für 2-3 Wochen hier sind.

Familienausflug

Familienausflug

Nach einer anständigen Mittagspause musste Takhi also ran an den Speck und mehr als 1500 Höhenmetern überwinden. Wir fuhren durch einen Schlagbaum, in dessen Kontrollhäuschen sich jeder einschreiben muss, der diese Straße hochfahren möchte.

Piste zum Barskoon Pass hinauf

Piste zum Barskoon Pass hinauf

Durch über 4000 Meter hohe Berge wandten wir uns die alpine Landschaft hinauf. Ein Traum von Bergen, sage ich. Stetig im 2. Gang jeden Höhenmeter hinauf, während die Tanknadel stetig jeden Höhenmeter sank. Der Benzingeruch nahm auch zu, doch das mussten wir jetzt aushalten. Tanklastwagen und Mercedes-Transporter fahren regelmäßig hier hoch. Takhi schaffte das auch. DSC_8364_blogOben auf dem Pass auf 3819 Metern konnten wir den Ausblick nicht fassen. Keine Schlucht hinab, sondern in die weite Hochebene blickten wir, die in unserer Karte als “alpine cold desert” markiert ist. Die Luft war spürbar dünn zum Atmen, als würde sie einfach durch unsere Lungen hindurchgehen. Leichte Kopfschmerzen meldeten sich bei mir, ein Aha-Erlebnis, denn immerhin sind wir von ungefähr 1600 Höhenmetern auf 3800 m innerhalb eines Tages hinaufgestiegen.

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Blumen am Jashil Kul

Fasziniert bewunderte ich die Blumen, die in diesem harschen Lebensraum gedeihen können. Die Ruhe selbst lag in der Landschaft. Ich hätte stundenlang auf die schneebedeckten Berge starren können, ohne dass mir langweilig geworden wäre.

Blumen ohne Höhenkrankheit am Jasil Kul

Die Piste führt weiter entlang der unweiten chinesischen Grenze. Sie sah verlockend aus, doch dafür benötigten wir zum Einen eine Genehmigung, die wir nicht hatten. Zum Anderen machen mehrere Erdrutsche und Auswaschungen durch Flüsse die Piste zur Zeit unbefahrbar. Schade drum.

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Nach fünf “Urlaubs”-Tagen am Issyk Kul machen wir uns auf nach Bishkek. Mit abnehmenden Höhenmetern spüren wir die zunehmende Wärme des Tieflandes. Als wir wieder mit unseren Rücken triefend nass an den Autositzen kleben, ergreifen wir die Flucht in die Berge kurz vor Bishkek. Man mag staunen, dass Bishkek und Almaty den gleichen Zufluchtsort vor der schwülen Hitze haben. Ziel des Abends ist Isik-Ata, ein Kurort mit heißen Quellen. Auf dem Weg dorthin stolpern wir über das Dorf Rot-Front. IMG_4799_blogWir werden später von einem lustigen Kirgisen in Bishkek erfahren, dass Stalin unter anderem in diese Gegend Wolga-Deutsche während des 2. Weltkriegs deportiert hat, aus Angst, sie würden die Sowjets für die Deutschen ausspionieren. Hier hatten sie sich ihre neue Heimat mit eigenen Händen aufgebaut, doch davon ist nichts mehr zu spüren. Es ist Sonntag und selbstverständlich volle Hütte in Isik-Ata.DSC_8371_blog Trotzdem bezahlen wir Abends eine Parkgebühr von 50 Som und wandern erst zu dem kleinen Wasserfall, der drei Kilometer taleinwärts liegt. Ich kann gar nicht beschreiben wie schön diese Gebirgstäler sind, jedes ist anders und auf seine Weise überwältigend. Umso weniger reizvoll ist der Kurort selbst. Alt und marode sind Einrichtungen und Grünanlagen. In Deutschland hätte man die Anlage wegen Baufälligkeit geschlossen, doch hier blüht tatsächlich noch – und das ist aber auch das Einzige – das Leben. Die Kurhäuser sind voll, in der Stolovaja wird emsig gekocht und als wir von der Wanderung zurückkommen, beginnt der abendliche Showlauf über die bröckelnde Promenade. Es ist ein Erlebnis nostalgischen Sowjetflairs. Wir suchen nach den Becken der heißen Quellen, doch finden wir nur die Trinkwasserquelle. Angeblich soll das Wasser sehr gesund sein, doch dem schwefeligen Ei-Geschmack können wir nichts abgewinnen. Genauso wenig mag ich das Schwimmbecken voller alter, nackter Männer, die sich in dem schwefelhaltigen Wasser suhlen. Nein, die Quellen sind fürs Erste gestorben. Vielleicht ein anderes Mal.

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Kunst an einem stillgelegten Urlaubsort am Issyk Kul

Ja, es gibt einen Offroad-Club in Bishkek. Wir melden uns beim Sturmovik Offroad Club und bekommen prompt Antwort. Es gäbe jemanden, der Englisch sogar spreche, der könne uns helfen. Alles sei kein Problem, wir sollen uns einen Tag vor Bishkek melden. Spitzenmäßig. Sascha erwartet uns bereits am frühen 3. August.

6 Kommentare

  1. Matthias

    He, das ist nicht auszuhalten mit Euren Bildern! Diese wahnsinnigen Landschaften gehen mir so wie Euch immer direkt ins Blut. Weiter eine gute Reise und „Ak yol“!

    Übrigens haben wir hier seit vielen Tagen eine sagenhafte Hitze, eigentlich immer um 30°. Das würde man mehr in Zentralasien vermuten.

    Ach ja, und vergesst nicht, nachts die Perseiden anzuschauen und Euch was Schönes zu wünschen.

    Herzlich
    Matti

    Antworten
    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Moin Matti,
      Das war ein sehr guter Tip.
      In Tajikistan haben wir genug lichtfreien Raum finden können und haben so einige sehr schöne Sternschnuppen gesehen. Trotzdem geht das Thermometer nachts selten unter 27 grad. Wir wissen also wie ihr euch fühlt. Herrlich oder 🙂
      Schöne Grüße
      Thomas und Sarah

      Antworten
  2. Kay

    Hallo Ihr Beiden,

    endlich habe ich mir wieder einmal die Zeit zum Genießen nehmen können.
    Inzwischen spare ich mir die neuen Berichte schon für besondere Genußmomente auf.

    Es ist so wunderbar Euch zu folgen, die traumhaften Bilder zu bewundern und sich den Beschreibungen hinzugeben – Danke, Danke, Danke.

    In Gedanken immer bei Euch und Takhi, mit lieben Grüßen von Kay

    Antworten
    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Moin kay,
      Vielen Dank für die netten Worte. Du wirst noch eine Menge Lesestoff speichern „müssen“, es wird immer besser bei uns!
      Schöne Grüße
      Thomas und Sarah

      Antworten
  3. Andreas, der motorang

    Hallo ihr zwei, ich hab mich mitfreuen dürfen und danke Euch dafür! Schön geschrieben, wie immer. LG Andreas

    PS: könnt Ihr gelegentlich etwas über Takhis Verbräuche und Reichweiten schreiben?

    Antworten
    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Moin Andreas,
      Ich hatte schonmal dazu auf eine vorherige Frage von dir geantwortet, aber kein Problem, die Anforderungen haben sich ja auch geändert 🙂
      So sieht unser derzeitiger Benzinverbrauch aus:
      Asphalt 11L (bester erreichter Wert in Kirgistan 9,6L)
      Schotterpisten 13L
      Bergfahrten und harter Offroad bis auf 3800m 15-17L

      Ich denke, dass ist alles im Rahmen, da wir teilweise auch in die Extreme gehen und Takhi sehr stark fordern. Uns ist aufgefallen, dass bei zunehmender Hitze der Benzinverbrauch merklich sinkt. Fahrten in großer Höhe haben uns absolut keine Probleme bereitet.
      Unser Tagespensum bewegt sich bei 250km. Meistens weniger als mehr 🙂
      Wir sind ja zum Genießen hier!
      Danke nochmal für die Bücher!!!
      Thomas

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