6.0 GRENZGESCHICHTEN

KEGEN oder KASACHSTAN – KIRGISTAN

“Wo ist der Stempel auf der Migrationskarte?” fragt der Beamte an der Passkontrolle des kleinen Grenzübergangs südlich von Kegen. Oh Schreck, der Stempel fehlt, wer hätte das gedacht? Und wie kann das bloß sein? Wissen wir denn nicht, dass jeder Ausländer sich nach fünf Tagen registrieren muss? “Ja, aber …”, protestieren wir, “das alles ist uns bekannt, aber die Tante von der Migrationspolizei in Ust Kamenogorsk sah das etwas anders.” Wir haben solche Schwierigkeiten an dem kleinen Grenzübergang bereits befürchtet und geben dem jungen Beamten jetzt die Telefonnummer von der Amtsleiterin (oder welchen Posten auch immer sie inne hatte) des Büros der Migrationspolizei in Ust Kamenogorsk. Der wiederum holt seinen Vorgesetzten, der sich der Nummer annimmt und von seinem eigenen Häuschen aus dort anruft. Wir müssen warten und das Auto wieder umparken. Nach 20 elendig langen Minuten kommt er herausgesprungen und gibt uns ein Zeichen, dass wir wieder zur Passkontrolle sollen. Er hat ein Lächeln auf dem Gesicht. Wir atmen auf, alles ist gut, das können wir sehen. Tatsächlich können wir noch gar nicht begreifen, was diese neue Regelung tatsächlich für alle anderen Reisenden nach uns bedeuten wird. 15 Tage visumsfrei durch Kasachstan reisen und das endlich stressfrei ohne Registrierung. Alles dank Globalisierung und tiefgreifender Wirtschaftsabkommen mit der EU. Die Passkontrolle geht damit zügig voran, die Zolldeklaration erstaunlicherweise auch, denn wir hatten auch davor geschwitzt:

Ein Zollbeamter in blaugrauer Tarnklamotte rief uns vor der Passkontrolle in sein Zollhäuschen, um die Zolldeklaration abzuschließen. Wir beide schauten uns erschrocken an. Zolldeklaration? Welche Zolldeklaration? Wir haben doch keine bei der letzten Grenze bekommen? Egal, wir schnappten uns alle Papiere, die wir hatten und laufen dem Zollbeamten hinterher. Irgendwie wird das schon gut gehen. Der Beamte war nett und sogar zu Scherzen aufgelegt. Es musste ein sehr entspannter Tag an der Grenze sein. Er verlangte nach den Pässen, dem Fahrzeugbrief und die Zolldeklaration. Thomas hält gerade beide Zolldeklarationen in den Händen, die wir noch aus Russland haben. Die einzigen, die wir überhaupt hatten. Ja, genau, die wollte er sehen. Ach so?! Na, dann ist ja alles in Ordnung! Gott sei Dank haben wir die Zettel nie weggeworfen. Wir haben zu dem Zeitpunkt nämlich nicht gewusst, dass die beiden Länder Russland und Kasachstan eine gemeinsame Zollunion gegründet haben und man erst die Deklaration abgeben muss, wenn man endgültig aus dieser herausfährt – ist logisch. Doch schlauer ist man immer hinterher.

Es muss ein wirklich sehr, sehr entspannter Tag heute sein, denn die Fahrzeugkontrolle dauert umso länger. Der Beamte ist absolut sorgenfrei, hat nichts zu tun und entsprechend neugierig. Jede Kiste müssen wir aufmachen und fast jedes Teil zur Inspektion herausholen. Er will unsere Kameras auf ein Foto von der Grenze kontrollieren, das wir aber schon längst gelöscht haben (er hat vorher schon mit uns gemeckert!). Was ist dies, was ist jenes … Oh, eine Lampe, Camping, aha … oh Romantik, sagt er zu unsere Schachtel mit Teelichtern … oh ein Klapptisch … oh Bekleidung … Oh was ist das? Er schaut uns fragend an, als er die Pinkelhilfe für Frauen in der Hand hält und legt sie nach kurzer Erläuterung ganz schnell wieder weg. Dann lässt uns Herr Schnüffelnase fahren.

Hinter dem Schlagbaum folgt ad hoc Kirgistan. Dort, wo die Beamten die moosgrüne Tarnklamotte tragen und wo es noch weniger Kontrollgebäude gibt als in Kasachstan. Wir müssen im Grunde nur zu dem ersten kleinen Gebäude zur rechten Hand, um die Pässe abstempeln zu lassen. Hier wollen wir einen Passwechsel vornehmen, denn alle Stempel für die kommenden Länder bis Nepal sollen in die zweiten Pässe. Das macht sich auch gut für das chinesische Visum, denn für die Erteilung muss unter Anderem der Einreisestempel von Kirgistan im selben Pass sitzen. Da wir es gleich in Bischkek probieren wollen und nicht wissen, ob alles sofort klappt, fangen wir sicherheitshalber jetzt mit den zweiten Pässen an. Thomas befürchtet zunächst, dass das nur klappt, wenn man dem Beamten die anderen Pässe mit dem wichtigen Ausreisestempel vorenthält. Doch es ist alles kein Problem. Beide Pässe werden auf dieselbe Identität geprüft und wunschgemäß kommt der Stempel in den Zweiten.

Das Fahrzeug wird oberflächig kontrolliert. Wir atmen durch, denn das sah bei dem Vordermann ganz anders aus. Thomas soll anschließend in das kleine, weiße Zollhäuschen mit romantischem Schnörkelzaun zur Linken, um die Zolldeklaration für Kirgistan auszufüllen. Im Grunde handelt es sich um das gleiche Formular wie in Russland. Außerdem werden wir zur Kasse gebeten, mal wieder irgend so eine Steuer über 4000 Tenge bzw. 1000 Som zwischen den Ländern. Ganz schön hoch, aber da die hier jeder bezahlt, scheint das ähnlich zu sein wie an der Grenze zwischen der Mongolei und Russland. Es gibt auch hier wieder eine Quittung. Währenddessen erkundigt sich ein Beamter nach meinem Befinden gegenüber Kasachstan, Kirgistan und Tadschikistan. Welches Land gefalle mir am besten? Diplomatisch antworte ich: “Na, alle!” “Ach Quatsch”, meint der moosgrüne Beamte mit Goldzahn, “Kasachstan ist doch nur platt und zu heiß, bloß Steppe und so, pah, aber hier sind die richtigen großen Berge, mmmmh …” und deutet mit beiden Händen einen Berggipfel über seinem Kopf an. “Aber da drüben sind doch auch Berge”, protestiere ich und erinnere mich an die fantastische Fahrt durch das Turgental. “Ach, alles Pipifax”, meint er abwertend und grinst mich belustigt an: “Du wirst schon sehen.” Ich bin gespannt.

So, und jetzt, nach etwa anderthalb bis zwei Stunden sind wir in Kirgistan. Die Straße ist genauso bröselig wie vorher, bloß tiefe Schlaglöcher kommen noch dazu. Das macht dem abgeschiedenen Grenzübergang wirklich alle Ehre. Mit kaputtem Stoßdämpfer schleichen wir mit 30kmh die Piste entlang in die ersten kirgisischen Berge. Wildblumenwiesen berauschen uns. Die großen Imkerwagen voller Bienenvölker lassen nicht lange auf sich warten. Erinnerungen aus Kindheitstagen flammen sekundenartig auf. Diese Art von Imkerei kommt mir so bekannt vor, als hätte ich diese alten Waggons mit vielen bunten Holzkästen davor, schon mal in Brandenburg gesehen, meiner Urheimat sozusagen. Aber ich weiß es nicht so genau. Es ist zu lange her.

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Die langsame Fahrt bringt Zeit für einen kurzen Rückblick nach Kasachstan. Die vergangenen 15 Tage waren die heißesten und Reparatur reichsten, und damit auch die teuersten Tage auf der bisherigen Reise. “Mongolian roads kill cars” – Mongolische Straßen sind tödlich für Fahrzeuge – ein Sprichwort, das in aller Munde ist, wenn man erwähnt, dass man dort hinfährt oder mit dem eigenen Fahrzeug dort gewesen ist. Das stimmt! Die kasachischen Straßen haben den Rest dazu getan. Und es gab keine Ovoos mehr, um die wir im Sinne einer guten Reise hätten laufen können. Vielleicht war auch das ein Grund für die erhöhte Schadensliste. Doch trotz aller Reparaturen waren es bislang nur kleine Dinge, die ihren Geist aufgaben. Takhi ist ein sehr genügsames Gefährt! Wie manche durch ihren Hund, haben wir durch kaputte Autoteile sehr hilfsbereite Menschen kennengelernt, die uns mit ihrer Gastfreundschaft überrascht haben. Wir haben Dinge über Russland und Kasachstan erfahren, die wir so nie gewusst hätten. Gäbe es dank Globalisierung diese tollen Wirtschaftsabkommen mit der EU nicht, hätten wir hier durchrauschen müssen und hätten Landschaften verpasst, die wir so gar nicht von Kasachstan erwarten haben … und die uns zum Ende hin erneut ein kaputtes Teil beschert haben.

Die nächste Bekanntschaft ist also nicht mehr weit, oder wie?!

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