5.3 TURGEN-TAL OFFROAD

Vollbepackt mit frischem Obst, Gemüse, Käse und Fleisch verlassen wir am frühen Nachmittag des 25. Juli endlich die ewig schwüle Stadt Almaty. Wir wollen in die Berge zum Jessik See, dessen Zufluss – der Fluss Jessik – oberhalb des gleichnamigen Dorfes aufgestaut wird. Aus diesem Gebirgsstrom bezieht Almaty unter anderem sein Trinkwasser. Hinter dem Dorf entrichten wir an einem Schlagbaum 400 Tenge pro Person, die Eintrittsgebühr für den Nationalpark. Man darf so lange bleiben, wie man möchte. Es geht auf Asphalt steil bergauf. Die enge Straße windet sich auf kurzer Strecke von knapp 700 auf etwa 1800 Höhenmeter. Die Luft wird spürbar kühler. Wir können endlich wieder tief durchatmen.

Jessik See

Jessik See

Oh, welch’ Benzingeruch ist das denn? Sind wir das etwa? Takhi duftet mal wieder aus allen Poren. Den Benzingeruch hatten wir zum ersten Mal in der Mongolei verstärkt gerochen, als wir einen 2600 Meter hohen Pass überqueren wollten. Seit der großen Hitze in Kasachstan dünstet Takhi auch mal einfach so, ohne große Anstrengung aus, und das immer direkt unter meinem Sitz. Wir hatten schon mit Vladimir und Nikita darüber gesprochen, aber keiner von beiden konnte sich das erklären. Alle Benzinschläuche haben wir überprüft und glücklicherweise nichts gefunden. Jetzt verabschiedet sich auch noch die Kühlbox. ERROR blinkt auf der Bedienanzeige. Der Kühlkompressor springt zwar an, geht nach 30 Sekunden aber wieder aus. “Muss denn jetzt alles kaputt gehen?”, fragt Thomas genervt und schaut mich mit großen Augen an. “Seit wir in Kasachstan sind, geht alles den Bach runter. Eigentlich wollte ich mit dir mal gerne entspannt irgendwo sitzen und mir keine Gedanken machen müssen, wie wir etwas wieder reparieren können.” Wenigstens stellt Thomas fest, dass der Geruch aus dem Umfeld des Luftfilters herausdringt, der ja tatsächlich unter meinem Sitz installiert ist. Aber weiter kommt er auch nicht. Die Kühlbox kühlt zumindest noch sporadisch von Gefrieren bis Auftauen, alles im Wechsel. Das Gemüse freut sich.

Frühstück am schlammigen Strom Jessik

Frühstück am schlammigen Strom Jessik

Es gibt endlich, seit … oh Gott, ich weiß schon gar nicht mehr seit wann, vielleicht seitdem Baikalsee, endlich einen knackigen Salat mit Tomaten aus Vladimirs Garten, diesen herrlich kleinen, gurkig schmeckenden Gurken, frischem Dill und Ziegenkäse. Der hilft über den Ärger hinweg. Die Aussicht auf den schlammig, reißenden Fluss, der das Tal nur so hinabrauscht, können wir doch noch genießen. Das Auto läuft, wir können irgendwo in eine Werkstatt fahren, was soll’s also. Die Probleme versuchen wir auszublenden, nachdem wir doch so viel repariert haben. Der nächste Morgen verspricht knallblauen Himmel, die Berge sind zum ersten Mal kristallklar zu sehen. Die Wochenendausflügler aus Almaty sind verschwunden, so dass ich auf dem Rückweg zum Talausgang einen See fotografiere, der menschenleer vor uns da liegt. Pure Illusion, denn gestern waren die Geröllstrände voller Autos.

Wir überlegen hin und her, ob wir noch einmal nach Almaty zurückfahren, um das Problem mit dem Benzingeruch zu ergründen. In Kirgistan und Tadschikistan kommen noch höhere Berge auf uns zu, weniger Werkstätten und noch weniger Ersatzteile für das Auto. Da ist Almaty das letzte Schlaraffenland, was diese Dinge angeht. Wir schreiben Nikita eine Email und prompt antwortet er, dass wir vorbeikommen können. Oh man, die beiden sind so unglaublich toll! Also zurück nach Almaty, zu Hitze, Garten und Hunden. Nach einer halben Stunde ist das Problem gefunden: der Aktivkohlefilter oder wie die es hier nennen “Benzingasabsorber”. Der versteckt sich unter dem Luftfilter und müffelt äußerst streng aus einer Öffnung. Puuuh. Eigentlich braucht man den nicht, meint Nikita, alle schmeißen den irgendwann raus. Wir werden auch nirgends Ersatz dafür finden, sagt er. Aha. Noch nie davon gehört, das sehe ich Thomas an. Nikita verlängert die Öffnung des Filters mit einem Schlauch nach hinten, damit der Geruch nicht unter meinem Sitz in das Auto hervorquillt. So, das war’s. Nach einer Stunde im heißen Ofen des Werkstatthofs verabschieden wir uns zweites Mal von den beiden Haudegen. Und lassen sie endlich in Ruhe. Vielen, vielen Dank euch beiden!

27. Juli

Entlang des nagelneu asphaltierten Highways gen Osten gibt es unzählige Stände und LKWs aus denen Melonen purzeln, Brot gebacken, Hühnchen oder Schaschlik geröstet wird. Wir nehmen zwei große Fladenbrote mit, die schmecken so köstlich. Bei dem Duft frischgebackenen Brotes bekommen wir beide Hunger. Thomas will eine Pause machen, ich schlage das Turgen-Tal vor.

Im Turgental: etwa 2020 Höhenmeter

Im Turgental: etwa 2070 Höhenmeter

Eigentlich wollten wir daran vorbeifahren, weil nicht mehr so viel Zeit bis zum Ausreisetag (28. Juli, heute 26. Juli) ist und man auch hier 400 Tenge pro Person für den Eintritt in das Tal bezahlen muss. “Lohnt sich das denn, wenn wir bloß zwei Stunden hinein fahren und anschließend wieder hinaus?”, fragt mich Thomas. Nichts da, wenn wir schon mal hier sind, und es wirklich schön sein soll, dann lohnt sich das bestimmt. Und wer weiß, vielleicht ist es ja so schön dort, dass wir dort bleiben wollen? Ich bezahle, wir fahren rein und werden schwer beeindruckt. Nicht nur von den vielen Wochenendtouristen, die hier zelten und Schaschlikparties feiern, sondern auch von der Landschaft selbst. Wir müssen sehr weit in das Tal, das sich nun mehr zu einer Schlucht wandelt, hineinfahren, um noch einen Stellplatz an dem reißenden, milchig trüben Bach zu finden. Die schmale Asphaltstraße ist in einem 1A Zustand. Nach ausgiebiger Fladenbrotzeit mit Fischpastete, Ziegenkäse, Himbeermarmelade und Aprikosen werden wir doch neugierig, was sich weiter talaufwärts verbirgt. Thomas könnte sogar hier bleiben und übernachten, meint er, aber wir können ja auch gucken, wie weit wir kommen. Genau. Wir werfen einen Blick auf unser Navi und tatsächlich gibt es eine Straße durch das Tal, weiter entlang der Berge, die wieder auf den Highway kurz vor dem Sharin Canyon trifft. Der Nachteil an OpenStreetMaps, die wir zum Navigieren verwenden, jedoch ist, dass sie keine Angaben zu Höhenmetern haben. Vielleicht hätten wir es uns dann anders überlegt. So fahren wir neugierig und gespannt auf das Hochplateau zu, von dem wir keine Ahnung haben, was da auf uns und vor allem Takhi zukommen mag.

IMG_4691_blog

2200 Höhenmeter

Die Asphaltstraße endet bei der winzigen Haussiedlung Bakan. Wir gleiten durch einen geöffneten Schlagbaum und ab dann wird es holprig. Es geht steil bergauf, was auch sonst, wir sind ja in den Bergen im Ile-Alataw-Nationalpark. Bei mancher Steigung bin ich mir nicht so sicher, ob das eine gute Idee ist, hier hoch zu fahren, doch Thomas ist entschlossen und meint, als ein alter VW Passat an uns vorbeifährt: “Also, guck dir doch an, was hier für Autos fahren. Dann muss der Wagen das auch können.” Na gut. Ich sage nichts mehr. Sporadisch fotografiere ich uns und die Straße. 2070 Höhenmeter, 2200 Höhenmeter, 2470 … Oha. Plötzlich öffnet sich die tiefe Schlucht zu einer weiten Grashügellandschaft. Kleine Bäche fließen durch die Wiesen. Pferde grasen in der Ferne. Die Mongolei zum zweiten Mal?

Wie in der Mongolei ...

Wie in der Mongolei …

IMG_4706_blog

2680 Höhenmeter

Es ist ein Traum. Ein Observatorium taucht in der Ferne auf. Die Piste führt dort hinauf. 2620 Höhenmeter. Noch ein Foto, noch ein Blick zurück und Staunen oder Jauchzen bricht aus … über diese  riesenhaften 4000er Berge, die fast schon golden schimmern in der untergehenden Sonne. 2676 Höhenmeter. Hier stehen wir staunend und begeistert. Hier beobachten wir den Sonnenuntergang. Hier schlafen wir, direkt neben dem  stillgelegten Observatorium unter einem umfassenden Sternenhimmel.

Gute Nacht am Observatorium

Gute Nacht am Observatorium (2676 m)

Die Piste führt weiter über das Hochplateau. Die Mongolei hat uns wieder eingeholt. wir können uns nicht satt sehen an dieser grünen Hochgebirgslandschaft. Zum ersten Mal sehen wir kasachische Jurten in freier Wildbahn statt am Straßenrand. Reiter treiben ihre Viehherden über die Wiesen. Doch die Pisten waren in der Mongolei in deutlich besserem Zustand, als diese hier. Wir schaukeln im Schneckentempo so daher, während uns die anderen Geländewagen und Lada Nivas zackig überholen.

Start übers Hochplateau

Start übers Hochplateau …

Auf dem Navi zoome ich die Karte raus und sehe, dass die Piste lustige Würstchen bildet. Entweder geht es dort steil bergauf oder bergab, wie auch immer, es macht den Eindruck eines nicht ganz so leichten Stückes der Strecke. Einem Abzweig nach rechts folgend entfernen wir uns von einem Fluss, der uns bisher begleitet hat. Ab da geht es gefühlt über Stock und Stein. Stellenweise ist die Piste so ausgewaschen und Geröll haltig, dass sie kaum zu erkennen ist oder wie in Schieflage weiter schaukeln.

Jurten auf Kasachisch

Jurten auf Kasachisch

Andere Autos kommen uns schnell näher

Andere Autos kommen uns schnell näher

Stets in Schieflage

Stets in Schieflage

Steil fahren wir auf die 3000 Metermarke zu. So hoch waren wir noch nie. Der Tanknadel sehen wir beim Fallen zu. Auf 2900 und ein paar zerquetschte Meter steige ich aus und filme Thomas und Takhi bei der Fahrt auf den Pass. Ich stelle fest, dass der Rasenhügel neben der Piste besser zu befahren ist und versuche das Thomas von oben klar zu machen. “Nimm den RAAAAAASEN”, rufe ich, nein, schreie ich zum hinunter. Aber er versteht nur “FAAAAAHREN!” Na ja, und dann fährt er halt.

Zum 3000er Pass

Zum 3000er Pass

Der Spritverbrauch übertrifft bei Weitem die 20 Liter. Wir sind jetzt nur noch halbvoll, nach etwa 100 Kilometern. Auf dem Pass selbst haben wir nicht so eine überwältigende Aussicht wie beim Observatorium, ganz im Gegensatz zur Talfahrt, die danach folgt. Thomas grinst breit und lacht, während er mir versichert, dass auch nichts Schlimmes passiert. Ich möchte mir am liebsten die Augen zu halten und gar nichts sehen. 500 Höhenmeter auf vier Kilometer hinunter liegen vor uns. Auf halbem Weg erbitte ich mir und Takhi eine Pause, nachdem wir über große Felsbrocken in eine scharfe Kurve hinunter gerutscht sind. Der Ausblick in das Tal ist fantastisch und reich an Bergblumen.

Talfahrt 500 Höhenmeter auf 4 Kilometer

Talfahrt 500 Höhenmeter auf 4 Kilometer

Wir begegnen zwei Kasachen oder Russen, die Vögel über dem Pass beobachten. Und nicht nur das, sie beobachten auch uns. In unheimlicher Schieflage und starker Belastung der rechten Seite schaukeln wir weiter den Berg hinunter.

Der rutschige Abhang

Der rutschige Abhang

Als die Piste nach circa sieben Kilometern zu einem bewährten “Gartenweg” wird, spüren wir Mongolei unter den Rädern. Die Südseite der Berge ist nun wesentlich trockener und magerer als die fast schon üppig grünen Nordseiten entlang des Hochplateaus. Es wird heißer, je näher wir dem Talboden kommen. Dort erwartet uns eine Schlucht mit verwitterten Felshängen, die dem Sharin Canyon im Miniformat ähnlich sehen. Ein erfrischender Bach fließt hindurch. Zeit für eine Badepause.

Auf der anderen Seite des Passes

Auf der anderen Seite des Passes

DSC_8234_blog Mich plagt seit heute wieder Durchfall. Stark verdächtig wirkt die Konservendose mit Fischpastete, die während der kasachischen Hitze im Auto genauso geschwitzt hat wie wir. Wenige Kilometer über den Fluss folgt ein Dorf, an das eine 1A-Piste anschließt. Mittlerweile ist der Benzintank zu Zweidritteln leer und keine Tankstelle in Sicht. Erst am nächsten Morgen, werden wir auf den allerletzten Tropfen an die ersehnte Tanksäule fahren. Die Piste, die bald zu einer Asphaltstraße wird führt direkt auf den Highway zum Sharin Canyon. Schon in der Ferne können wir die tiefe Schlucht des Canyons in den sandbraunen, stoppelhaarigen Hügeln erkennen. Es ist ballerheiß, wir sehnen uns nach der Kühle der Berge zurück.

Fluss Sharin

Fluss Sharin

Der Fluss Sharin hat sich über Jahrtausende tief in die Landschaft eingegraben. Von oben herab blicken wir auf sein rauschendes, smaragdgrünes Wasser. Der Highway führt direkt durch die Schlucht hindurch, doch wo ist die Einfahrt zum Valley of Castles? Nichts, aber auch gar nichts weist auf eine Einfahrt hin. Wir hatten auf viele Touristen gehofft, auf Reisebusse, Souvenirstände, auf Gleichgesinnte wie wir oder wenigstens einen Schlagbaum mit Wärterhäuschen. So haben wir es immer in anderen Reiseberichten gelesen. Aber nichts, gaaar nichts. Es wirkt alles wie ausgestorben. Der “Lonely” gibt wohl falsche Angaben noch dazu, wie wir am nächsten Morgen feststellen. Die Einfahrt muss südlich der Schlucht sein, also auf der Seite zu Kegen hin, wo wir abends nicht hingefahen sind. Doch der Tank ist fast leer und am nächsten Tag müssen wir zur Grenze, das Land Kasachstan verlassen. Wer weiß, wie lange es dort dauert. Wir verzichten also zähneknirschend auf die Sandschlösser, wo wir doch sonst immer alles finden, und suchen uns einen Schlafplatz im Tal am Sharin.

Blick von unserem Schlafplatz in der Schlacht

Blick von unserem Schlafplatz in der Schlucht

Dort offenbart sich ein winziger Ausschnitt des Canyons ganz für uns allein, an einem Ort ohne Mücken und einem Fluss, in dem wir uns ausgiebig waschen können. Der Tag hat uns reich beschenkt, mit einer unglaublich abwechslungsreichen Tour. Mit Takhi würden wir sie allerdings nicht noch einmal machen, denn das Wildpferd braucht eine Schonzeit, damit es noch eine Weile heile bleibt. Der Gedanke war morgens noch gar nicht richtig zu Ende gedacht, da klongt der Stoßdämpfer auf dem Weg zur Grenze auf Thomas Seite. Och nö, doch nicht jetzt! Das kommt also davon, wenn man zu neugierig ist …DSC_8253_blog

Schreiben Sie einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.