5.2 ALMATY

Die vierspurige Autobahn kurz vor Almaty ist schon beeindruckend nach all den 17.000 Kilometern an seltsamen, kaputten Hauptstraßen, die wir seit Verlassen der A20 in Mecklenburg Vorpommern befahren haben. Das weckt hohe Erwartungen an die Stadt. Wie modern mag sie wohl sein? Werden wir dort alle Teile bekommen? Ist die Stadt wirklich so westlich, wie alle behaupten? Unterwegs lese ich aus einem Artikel der taz aus dem Jahr 2010 vor, der über die Wohnsituation in Almaty berichtet. Vor der Weltwirtschaftskrise hat eine Wohnung im Stadtzentrum mehr als 1200 Dollar im Monat gekostet, weil Wohnraum knapp war und immer mehr Geschäftsleute in Almaty nach temporären Unterkünften suchten. Ein unglaublich hoher Preis für eine ganz normale Wohnung von 60m2 im Plattenbau wohl gemerkt, und diese sehen nicht so schön saniert aus, wie jene in Rostock. Meist wurden solche Wohnungen von Privatleuten weitervermietet, die um die Jahrtausendwende diese Wohnungen billig gekauft haben. So bot sich für viele Familien ein lukratives Nebeneinkommen. Nach der Krise halbierten sich die Wohnungspreise, doch die Einnahmen reichen immer noch aus, um den Enkeln ein Studium zu finanzieren. Es kommt mir vor wie der Wohnungsmarkt in Hamburg und das hätte ich schon gar nicht hier in Kasachstan erwartet. Welcher normale Kasache kann so eine Wohnung bezahlen?

Dieses Kriegsdenkmal sehen wir erst nach den Reparaturen

Dieses Kriegsdenkmal sehen wir erst nach den Reparaturen

Mit Vladimir haben wir zuvor einen Treffpunkt vereinbart, von dem er uns abholen kann. Er braust mit einem seltsamen Gefährt heran, das wie ein Roller aussieht, aber keiner ist. Vorne Motorrad, der Rest Roller . Schön hässlich hat er es umgebaut, sagt er grinsend, damit er sein Fahrzeug nicht ständig anschließen muss, wenn er in ein Geschäft geht. Das erinnert mich an mein altes,  lila Fahrrad, mit dem ich in Hamburg immer zur Arbeit geradelt bin. Das mochte auch keiner, nicht mal unangeschlossen. Wir fahren ihm kurzerhand auf sein Grundstück hinterher. Das Viertel aus Einfamilienhäusern, in dem er wohnt ist wunderbar grün, kleine Straßen, viele Gärten voller Früchte und Gemüse hinter hohen Wellblechzäunen, die wir nicht sehen, aber riechen können. Er öffnet für uns sein riesiges Blechtor und wir rollen hinab in den Werkstatthof, auf dem wir unverhofft vier volle Tage verbringen werden. Wir kommen gleich zur Sache, denn Thomas hat eine lange Liste geschrieben, die Hälfte mit sehr wichtigen Dingen, die andere Hälfte soll “nur” kontrolliert werden. Vladimir ist ein sehr ehrlicher Typ und sagt gleich in gebrochenem Russisch-Englisch, dass er mehr an Motorrädern geschraubt hat als an Autos. Das ist eher Nikitas Part, doch der wird wohl erst in drei oder vier Tagen wieder Zuhause sein. Wir können es aber trotzdem probieren. Beim Blick auf Thomas’ Liste scheint es nichts zu geben, was für ihn unmöglich wäre. Doch besser wäre, wenn wir 3-5 Tage für all das einplanen können. Das entspräche einer vollen Woche in Almaty, länger als wir dachten. Wir rechnen durch, wann wir Kasachstan wieder verlassen müssen, denn 15 Tage sind keine lange Zeit. Die Hälfte haben wir bereits hinter uns, acht Tage verbleiben noch. Heute ist Montagabend, Dienstag fangen wir an, Freitag wären wir ungefähr fertig. Das sollte passen. Wir vereinbaren zusammen einen groben Plan, was zuerst, was eher später gemacht werden soll und dass wir gemeinsam morgen früh alle Teile besorgen.

Ein verrückter Hund

Der verrückte Hund wartet schon auf uns

 

Zwei Hunde zappeln und jaulen seit geraumer Zeit auf der Veranda, dass sie doch bitte endlich losgebunden werden möchten, um zu erschnüffeln, wer da in ihr Revier eingedrungen ist. Ob er sie freilassen könne, fragt Vladimir verlegen. Aber natürlich. Binnen zwei Sekunden tanzen und springen zwei verrückte Vierbeiner unsere  zwei Beine hoch, schlabbernd und hechelnd, Küsschen hier und Küsschen da, stets in guter Hoffnung, das irgendwas Essbares von den Fremden abfällt. Das wird ebenfalls vier Tage lang so andauern, denn die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt, auch bei Hunden! Die Nacht auf dem Hof bleibt tropisch warm bei 23°C. Wir schlafen zum ersten Mal mit offener Heckklappe und das erstaunlich gut.

... und immer wartet mindestens ein Hund am Auto ...

… und immer noch warten sie …

Gegen 9:00 Uhr am Dienstagmorgen fahren wir los in die Großstadt, das Mitsubishi-Geschäft öffnet erst gegen 10:00 Uhr. Es herrschen viel Verkehr, Gehupe und Gedränge und viel Smog, der wie eine gelbe Dunstglocke bereits am Morgen über der Stadt hängt. Bei 36°C fällt das Atmen schwer. Die Berge, an die sich die Stadt schmiegt erkenne ich erst am dritten Tag. Der Mitsubishi-Laden ist teuer, nicht nur Vladimir schluckt bei den Preisen, der für uns dort alles bestellt, auch wir schlucken. Doch die Preise der Originalteile nehmen sich nichts zu den deutschen. Vladimir glaubt, dass das nicht mit rechten Dingen zu geht, wir hätten bei “dem Lügner” wohl noch einen oben drauf bezahlt, weil wir Touristen sind. Aber nun ja, es ist eben so, wie es ist.  Dass manche Teile wie die Viskokupplung auch noch falsch herausgegeben werden und die er dann für uns wieder umtauschen muss, scheint Vladimir in seiner Haltung den Geschäftsleuten gegenüber nur zu bestätigen. Anschließend fahren wir noch zu seinem Ölhandel erster Wahl, denn dort gibt’s Motoröl und Kühlflüssigkeit aus der Tonne zu günstigen Preisen.

Folgende Reparaturen werden durchgeführt:

  • Viskokupplung austauschen
  • Auspuff rundum erneuern
  • Halterungen der Blattfedern austauschen
  • Dichtung der hinteren Kardanwelle zum Differenzial erneuern
  • Ölwechsel
  • Wechsel der Kühlflüssigkeit
  • Kühlschlauchdichtung zum Motorblock erneuert
  • Kupplung testen
  • der Stoßdämpfer mit Wolgahalterung bliebt drin, es gibt für alle keinen Anlass, die zu tauschen, denn eigentlich funktionieren sie ja
Mal wieder die Halterung der Blattfedern tauschen

Mal wieder die Halterung der Blattfedern tauschen

Ich kann derweil nicht viel tun, außer Berichte schreiben oder ganz interessiert daneben stehen und schlaue Ratschläge geben, die Thomas auf die Palme bringen. Wenn mich wirklich niemand braucht, streife ich durch Vladimirs großen Garten, von dem wir behaupten, er sei groß, doch er widerspricht, nein, er sei sehr klein für kasachische Verhältnisse. Also, ich streife durch den großen Garten und bewundere die vielen Gemüse- und Obstsorten, die hier in wilder Manier wachsen. Die Köstlichkeiten des Gartens zeigt mir Anatoli, Vladimirs Vater, dessen große Nase mich an die meines verstorbenen Opas erinnert.

Tomaten, Gurken, Auberginen, Zucchinis, Erdbeeren, Himbeeren und sogar Weintrauben. All das wächst unter Aprikosen-, Apfel- und Walnussbäumen. Mittendrin gackern Hühner in einem kleinen Gehege. An einem kleinen Baum zeigt er mir stolz die erste Birne des Jahres. Natürlich blühen auch ein paar Blumen, doch ich merke, es ist fast ein reiner Nutzgarten für den Eigenbedarf. Ein wilder Nutzgarten noch dazu, denn Unkräuter sprießen auf dem sonst so nackten Erdboden, es gibt keinen grünen Rasen, keine ordentlich geharkten Beete, das Gemüse, Obst und Blumen dürfen wachsen, wie sie mögen und verblühtes bleibt einfach stehen. DSC_7901_blogAuf das Wesentliche kommt es an, das ist klar: der Garten soll die Familie durch das Jahr bringen. Vladimir ist der Meinung, dass das Obst und Gemüse aus dem Supermarkt ungesund sei. Für den Winter werden Gemüse und Obst eingekocht und in einem kühlen Keller unter der Garage gelagert. Wenn im Winter beispielsweise Tomaten aufgebraucht sind, dann kauft er auch keine Neuen im Supermarkt. Nur Brot und Milch werden dazu gekauft, alles andere wird aus dem Garten gegessen. Wir beide finden das klasse. Für uns wäre es das nächste Großprojekt, sollten wir mal wieder in Deutschland sein. Habe ich den Schrebergarten meiner Großeltern zu Jugendzeiten nicht so richtig zu schätzen gewusst, heute weiß ich es! DSC_8020_blog

Nachmittags schaut Vladimirs Kumpel Andrej vorbei, der seinen schicken Landy abholen will, der blitzeblank oben in der Auffahrt parkt. Andrej bietet uns sofort an, bei ihm zu übernachten und schmiert uns Honig mit einer heißen Dusche, elektrischer Waschmaschine und einem richtigen Bett um den Mund. Er würde uns jeden Tag wieder herbringen. Das ist Luxus, den wir nach einigem Zögern nicht ausschlagen können. Was für eine Gastfreundschaft! Andrej spricht fließend Englisch und dient zudem ab sofort als Übersetzer. Jetzt können wir uns mit Vladimir richtig unterhalten und ihn über seinen Garten ausfragen. Als wir am zweiten Tag zu Kohleintopf am Mittagstisch in der Küche sitzen, muss uns Vladimir erklären, wie das mit der Toilette im Garten funktioniert und wie er zu Geld kommt, wenn er nur hier und da mal arbeitet. Wir lachen alle, als er fragt, ob wir nicht Spione vom KGB wären. So viel komische Fragen. Er ist zufrieden mit dem, was er hat und braucht nicht mehr. Könnten wir auch dieses Leben leben?

Ein so gut wie neuer Auspuff dank Vladimirs Schweißerhände

Ein so gut wie neuer Auspuff dank Vladimirs Schweißerhände

Andrej will für uns Zuhause etwas traditionelles kochen. Wir kaufen ein, er bestellt die Freunde her, die das können: einen Arzt mit seiner uighurischen Frau samt Tochter. Es gibt Pluff, das wirklich landestypische Gericht aus Bratreis mit Möhren und Lammfleisch und Salatbeilage mit viel Zwiebeln und Knoblauch. Es schmeckt wahnsinnig lecker! Der Abend wird lang, und je länger der Abend, um so mehr wird über Militär, Krieg, Hitler und Stalin, also über all das, worauf die Russen so stolz sind, gesprochen. Es ist Andrejs Lieblingsthema, bei dem wir absolut nicht mithalten können. Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr sich die Russen mit dem Weltkrieg auseinander setzen. Hat es was mit dem Ausgang der Geschichte zu tun? Gewinner schwelgen in der Geschichte, die Verlierer wollen lieber nichts davon hören? Ich merke lediglich, wie wenig uns dieses Thema interessiert, wie wenig wir darüber zu sagen wissen und wie wenig wir uns deshalb eine diskutable Meinung darüber gebildet haben, außer der gängigen Haltung, dass Krieg nicht und in keiner Weise erstrebenswert und gerechtfertigt ist. Während die Russen dabei viel mehr von der eigenen Verteidigung gegen einen Feind sprechen, sehen wir eher das Unheil, das alle am Ende trifft. Ich wünschte, wir könnten uns über andere, weniger komplizierte Dinge zu dieser Stunde unterhalten. Doch dafür ist es zu spät. Ist das immer so? Irgendwie muss er das gespürt haben, jedenfalls haut er von Vladimirs Hof am Donnerstag einfach so ab, ohne sich von uns zu verabschieden. Schade, wir hätten ihm gerne für seine Hilfe in irgendeiner Form gedankt.

Gewürzstand auf dem Green Market

Gewürzstand auf dem Green Market

Freitagvormittag ist es dann soweit. Wir sind fertig mit den Reparaturen, die Männer haben ihr Bestes in der elenden Mittagshitze der vergangenen Tage gegeben. Was hätten wir bloß ohne sie getan! Wir glauben, Vladimir ist auch froh, wenn er uns endlich von seinem Hof hat! Zum Dank für den vereinbarten Preis seiner Leistungen fährt Nikita uns zu einem Printshop, wo wir endlich Flaggen als Aufkleber drucken lassen, die wir an das Auto kleben können. Darauf haben wir schon lange gewartet! Mit Nikitas Hilfe geht anschließend auch mein lang ersehnter Wunsch Erfüllung: ich kaufe ein Fernglas! Vögel kann ich damit zwar immer noch nicht bestimmen, aber zumindest besser sehen kann ich sie.

Die Fleischtresen auf dem Green Market

Die Fleischtresen auf dem Green Market

Wehmütig und mit vielen Wünschen verlassen wir nach einer fünf Tagen Vladimirs zu Hause, das schon fast zu unserem geworden ist. Als wir schon auf dem Weg zum Issik See sind, der unweit von Almaty entfernt in den Bergen liegt, entschließen wir uns, nach Almaty zurückzufahren. Wir haben ja gar nichts von der Stadt gesehen, keine Kirche, keinen Markt. Also zurück in die schwüle Stadt, hinein ins Verkehrschaos und unverhofft die Polizei im Nacken. Bisher hatten wir keine Probleme mit denen, doch diesmal sitzen wir am kürzeren Hebel. Wir haben in einer Einbahnstraße gewendet und sind in falscher Richtung aus dieser herausgefahren. Als wir das bemerken, ist es zu spät. Drei Polizisten reden im herannahenden Gewitter auf uns ein und wir: “nix verstehen”. Sie versuchen uns über Google Translator die “Einwegstraße” zu erklären, wir glauben kein Wort. Dann soll Thomas im Polizeiauto mitkommen, zur Einbahnstraße fahren und sich das Schild zeigen lassen. Als er wieder zurück ist, drohen die Polizisten mit temporärem Führerscheinentzug, den sie schon in der Hand halten, und mit 50.000 Tenge Bußgeld. “No!” ruft Thomas entgeistert und versucht zu verhandeln. Ich schaue schon mal vorsorglich in die Geldbörse und sage, dass wir so viel nicht haben, sondern nur 8000 Tenge. Ich reiche Thomas alles Geld, zur Bank können wir ja immer noch. Offenbar reicht denen diese mickrige Summe. Wir können fahren, diesmal in der richtigen Richtung. Zur Zenkhov Kathedrale im Panvilov Park und seinem riesigen Kriegsdenkmal und zum Green Market fahren wir dann erst am nächsten Tag.

Zankhov Kathedrale

Zenkhov Kathedrale

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