5.1 UST KAMENOGORSK und so weiter

Ust Kamenogorsk oder doch Öskemen? Ich weiß nicht, welche Schreibweise nun die bessere für die Großstadt des Nordostens ist, denn beides ist auf den Landkarten, im Internet und an Straßenschildern im Gebrauch. So wird es uns noch mit vielen Stadtnamen der ehemaligen Sowjetländer gehen, die nach dem Zerfall der Sowjetunion schlagartig geändert wurden. Ust Kamenogorsk hieß die Stadt zu Sowjetzeiten, Öskemen soll sie heute offiziell heißen. Doch da gerade in dieser Ecke Kasachstans und eigentlich auch im ganzen Osten mehrheitlich Russen leben, sind die alten russischen Bezeichnungen bei der Bevölkerung in aller Munde. Wir dagegen mit unseren neumodischen Landkarten geraten ins Grübeln, welcher Stadtname auf dem Straßenschild zum Namen auf der Karte passen mag. Wenigstens sind die Städte in Kasachstan dünn gesät, so dass die Auswahl an Rätsellösungen sich auf Wenige begrenzt.

Wenn man als Backpacker unterwegs ist, lernt man die Einheimischen im Bus kennen; fährt man mit seinem eigenen Auto, lernt man die Automechaniker kennen. So oder so ähnlich hat es Christopher Many einmal gesagt, der acht Jahre lang mit einem Landrover um die Welt gefahren ist. Und jetzt sagen auch wir das. Wir rufen den Kontakt von Boris an, der bereits über unser Kommen Bescheid weiß. Sascha heißt er, der uns an der Station der Migrationspolizei in der Ulitza Kabanbay Batyr 152 abholt. Bevor ich mit Sascha fortfahre, sei die Geschichte mit der Migrationspolizei kurz erwähnt.

Hier schlafen wir vor Ust Kamnogorsk - mit lauem Wind und ohne Mücken

Hier schlafen wir vor Ust Kamnogorsk – mit lauem Wind und ohne Mücken


Bei der Migrationspolizei

Jeder Ausländer, der sich länger als fünf Tage in diesem wunderschönen Land aufhalten möchte, muss sich bei der Migrationspolizei registrieren lassen. So steht es ja auf jeder Homepage einer kasachischen Botschaft. So ein Büro  gibt es in Almaty, aber – und Gott sei Dank – auch in Ust Kamenogorsk. Dort fahren wir gleich als erstes hin, denn auch wenn wir den Aufenthalt in Kasachstan nicht so lange geplant haben, wissen wir ja nicht, was noch kommen wird. Beim Betreten des Büros stellen wir uns auf einige Verständigungsschwierigkeiten ein und auf etliche Fragen zum auszufüllenden Formular, das sicherlich auf Russisch gedruckt ist. Doch wir haben uns nicht darauf eingestellt, dass uns jemand mehrfach sagt, dass wir keine Registrierung benötigen. Da sind wir erst einmal platt. Wir fragen erneut und abermals erneut, die Frau am Schalter ist schon genervt. Das Anmeldebüro ist ohnehin schon gerammelt voll, denn auch die Russen, die Verwandte besuchen oder Urlaub machen, müssen sich auch registrieren. Doch es gibt keine gedruckten Formulare, sondern bloß eine Vorlage zum Abschreiben. Die Leute sitzen also hier so lange, weil sie ihre Angaben auf einem weißen Blattpapier notieren müssen, aber in genau der Ordnung wie auf dem Vordruck des eigentlich auszufüllenden Formulars. Was für ein Käse! Entsprechend genervt ist die Dame am Schalter. Und jetzt hat sie uns an der Backe, zwei nicht russisch sprechende Touristen, die nur Bahnhof verstehen, die sich registrieren lassen wollen, es aber wohl nicht brauchen. Die Frau ruft kurzentschlossen ihre Vorgesetzte an, die uns auf Englisch bestätigt: “Ihr braucht KEINE Registrierung, weil ihr Deutsche seid und ein TRANSITVISUM für 15 TAGE habt. Die Registrierung ist dafür nicht notwendig.” Wir fragen wieder und wieder und ob sie sich auch ganz sicher ist, denn wir haben schließlich anderes gehört und gelesen und wieso “weil wir Deutsche sind”?. Ob wir ihre Telefonnummer für den Notfall an der Grenze haben dürften, fragen wir sie. Ja, das geht. Mit diesem Notizzettel in der Hand und verwirrtem Kopf verlassen wir das Gebäude der Migrationspolizei. Ob das gut geht, wird sich an der Grenze zu Kirgistan noch zeigen.


Dann kommt Sascha mit seinem Toyota angebraust, kurze Vorstellungsrunde, Problembesprechung, alles klar, ihm hinterher zur Werkstatt. Die Jungs dort scheinen echte Schrauber zu sein, doch leider sind deren Werkstatttore nicht so hoch wie unser Dachaufbau. Sascha lotst uns zu einer zweiten, größeren Werkstatt, obwohl wir lieber dort geblieben wären. Wir hätten die Dachbox auch abnehmen können, doch bloß keine Umstände, es geht für die Ausländer auch bequemer. Wir sprechen zusammen mit Sascha und einem jungen Typen unseren Alters, was repariert bzw. kontrolliert werden soll: Anlasser, Ventilatorkupplung und eine Durchsicht. Wir verhandeln den Preis auf 19.000 Tenge, also knapp 100 Euro. In 15 Minuten können wir reinfahren. Das finde ich immer erstaunlich in diesen Ländern. Es mag ja alles sonst wie lange dauern, aber in den Werkstätten kommt man fast immer sofort dran. In Deutschland ein Unding.

Das aufgehängte Pferd

Das aufgehängte Pferd

Sascha muss erst einmal los, sein “Business” ruft. Als Takhi dann endlich in der Luft hängt, ist Warten angesagt. Thomas lernt den jungen Typen kennen, mit dem wir über die Reparaturen gesprochen hatten, der sich als der Chef des ganzen Ladens entpuppt. Oben in seinem Büro zeigt er uns Bilder von seiner Offroadkarre auf dem Computer und wo er am Wochenende so unterwegs ist: im Schlamm, im Wald, Hauptsache in der Wildnis und der Bock kommt mit Dreck verschmiert nach Hause zurück. Dann erscheint Sascha wieder. Es ist Mittagszeit, er will uns zum Essen einladen. Wir setzen uns in sein Auto, die aberwitzige Sause durch die Stadt geht los. Weil wir kein Russisch sprechen und er kaum Englisch, bestellt er Freunde an den Mittagstisch, die übersetzen. Irgendwo landen wir in einem etwas schickeren Restaurant, wir schlucken zunächst, denn wir wissen da noch nichts von unserer Einladung und wählen das landestypische “Pluff” und dazu einen Salat. Zum Nachtisch rasen wir zu einem Eiscafé, das seinem Freund gehört. Der verkauft dort russisches Eis der Marke “Pinguin”, weil die Kasachen Eis wohl nicht so gut hinbekommen. Wir haben freie Auswahl. Es schmeckt tatsächlich hervorragend. Wir lassen uns von seinen Freunden die wichtigsten Sehenswürdigkeiten auf der Strecke nach Almaty erklären und entscheiden, dass wir zu den Sibinsker Seen und zum Alaköl See fahren wollen. Es werden definitiv mehr als fünf Tage Aufenthalt in Kasachstan, das weiß ich jetzt schon. Wir nutzen die Gelegenheit und fragen ihn, ob wir irgendwo unser Tablet reparieren lassen können. Der Anschluss macht mal wieder Sorgen. Die Lötkunst des Mongolen in Ulanbataar hat zwar bis zum Ende der Mongolei irgendwie gehalten, hinter der Grenze dann nicht mehr. “Habt ihr sonst noch irgendwelche Probleme?”, fragt Sascha durch die nette Übersetzerin. “Nein, das war’s erstmal.” Wir setzen uns in Bewegung quer durch die Stadt zu einem Computerfutzi, natürlich wieder ein Laden mit Hinterhofcharakter, was aber nichts heißt in diesem Ländern. Hinterhofcharakter zeugt meist mehr von Professionalität als der aufgemotzte Laden an der Hauptstraße. Für Professionalität muss gezahlt werden, 8000 Tenge kostet das wieder aufladbare Tablet. Mehr als in der Mongolei, dafür mit neuer Steckbuchse und das binnen 20 Minuten. Wieder im Auto unterwegs klärt uns Sascha über die Überwachungskameras in der Stadt auf, wo sie überall installiert sind, wo Polizeikontrollen sind und wo man besonders aufpassen muss. Eigentlich überall. Geschwindigkeitsmesser an Laternen, Rote-Ampel-Blitzer an jeder Kreuzung, Polizeikontrollen an Fußgängerüberwegen … als können sich die Kasachen im Verkehr nicht benehmen. Da man ja nicht alles ständig im Überblick haben kann, hat Sascha  einen Radarwarner auf der Amatur eingebaut. Der Alarm schrillt fast pausenlos. Und da wo er nicht schrillt, gibt’s ‘nen ordentlichen Tritt auf’s Gaspedal, 200 Meter mit 80 Sachen, dann wieder nur 50kmh. Alarm, Alarm. Zwischendurch ruft die Werkstatt Sascha an, es dauert noch, Teile müssen besorgt werden, etc. pp.

Auf dem .... Monument mit dem durchgeknallten Sascha

Auf dem …. Monument mit dem durchgeknallten Sascha

Sascha bietet uns an, zu der hohen Aussichtskanzel der Stadt zu fahren, einem Hügel, der die gesamte Stadt überragt und auf dessen Spitze wohl eine der größten Nationalflaggen des Landes weht. Darunter ganz in Hollywood-Manier:  KAZAKHSTAN. Die Fahrt dorthin wird ziemlich rüttelig und schüttelig, denn wir haben keine Zeit, sein Business wartet, aber der Aussichtspunkt muss sein. Er prahlt mit seinem Toyota Landcruiser VX mit 4.7 Liter-Maschine, das merken wir, und kachelt mit uns den steilen Hügel mit gefühlten 30% Steigung zur Kanzel hinauf. Was für eine Knalltüte! Es hagelt ironische Witze über all die Delicas und L300s der Welt, nein, mit einem Landcruiser muss man fahren, Delicas machen doch nur Probleme. Aber eigentlich wissen wir es doch besser: es gibt hier wohl eher ein Straßenproblem, als ein Delica-Problem. Trotzdem bleibt die Stimmung in taumelnder Heiterkeit, wir rasen den Hügel wieder hinab, jetzt mit 110 kmh an entgegenkommenden Autos vorbei auf einer äußerst schmalen Straße. Jetzt schnalle ich mich doch vorsichtshalber an. Thomas tut mir leid, denn der sitzt vorne, und kneift halb die Augen zusammen. Dann noch schnell zur „City Mosque“ für ein Wir-sind-dagewesen-Foto, die 2003 errichtet wurde, dann in sein Geschäft, wo das Business ruft. Oder so ähnlich. Es gibt Kaffee, Waffeln und Schokolade inmitten von 4×4 Offroad Utensilien. Alles, was das Männerherz begehrt und fast alles aus Australien importiert, die Marke ARB ist hier ganz groß.

Bei der neuen Moschee der Stadt

Bei der neuen Moschee der Stadt

Gegen 17 Uhr meldet sich die Werkstatt, wir können Takhi abholen. Die Reparatur wird kurz erläutert, die ausgetauschten Teile gezeigt, die verhandelte Preis ist fast so geblieben. Es wurde Folgendes erledigt:

  • Das Relais vom Anlasser wurde ausgetauscht. Einen kompletten Anlasser gab es nicht und war den Startgeräuschen zufolge nicht notwendig
  • Gelenk am linken Vorderrad ersetzt – war ausgeschlagen
  • Kardanwellengelenk ausgetauscht, ebenfalls ausgeschlagen
  • Ventilator- bzw. Viskokupplung kontrolliert, Wiederein- und Ausbau, offensichtlich in Ordnung. Es hätte aber auch kein neues Teil in Ust Kamenogorsk gegeben, erst auf Bestellung in Almaty und mit fünf Tagen Wartezeit. Doch noch immer lässt sich der Lüfter per Zeitung anhalten. Irgendwas stimmt da nicht, ein neuer Punkt für die Almaty-Reparaturenliste
  • Spur eingestellt (erst am nächsten Tag, denn das scheinen die Mechaniker nie zu kontrollieren)
Tschüß Werkstatt

Wir und der Werkstatt-Chef

Es folgt die Anmerkung, dass die Gummipuffer für die Blattfedern wieder durch sind. Wir knirschen mit den Zähnen. Gebrauchte Teile halten eben doch nicht so lang, wie erhofft, denken wir grummelnd. Die Kupplung sei auch defekt, denn das Spiel des Pedals sei viel zu groß. Na, das lassen wir mal lieber und warten ab. Die Gummipuffer können wir erst in Almaty tauschen lassen, genau wie die Viskokupplung. Sascha hat schon seinen Kumpel in Almaty angerufen, der weiß Bescheid. Offroad-Leute müssen schließlich zusammen halten, meint er. Zum Abschluss noch ein Foto, dann leitet uns Sascha zu einem schönen Schlafplatz am Irtysch. Der Irtysch, ja, an diesem Fluss haben wir vor zwei Monaten einen Sonnenuntergang mit Roman in Omsk erlebt, jetzt mit Sascha in Ust Kamenogorsk. Die Flüsse des asiatischen Kontinents sind wahrhaftig riesig.

Und all das, die Reparaturen von Gorno bis Ust Kamenogorsk, die Leute, die wir kennen gelernt haben, wäre ohne die Begegnung mit Slava – damals bei Kosch-Agatsch – nicht möglich gewesen!

Sibinsker Seen

Bei heutigen 38°C im Schatten kommt uns nichts anderes in den Sinn, als zu einem See zu fahren. Gleich fünf reihen sich wie an einer Perlenkette etwa 80 Kilometer südlich von Ust Kamenogorsk aneinander. Vielleicht weht dort ein etwas kühleres Lüftchen bei über 40°C in der Sonne, denn Schatten gibt es in Kasachstan selten.

Denen ist es auch zu heiß

Einer der wenigen, heißbegehrten Schattenplätze in Kasachstan

Doch zunächst werden wir von der Polizeistation kurz hinter Ust Kamenogorsk aufgehalten. Hier kommt so gut wie keiner ungesehen vorbei. Der dicke Polizist will von Thomas alle Daten in seinem Karteibuch registrieren, also muss Thomas mit in sein Häuschen, ich darf in der brütenden Hitze warten. Wieder zurück kann Herr Polizist seiner Neugierde nicht widerstehen, einen Blick in den Wagen zu werfen. “Open please” heißt es, schaut in alle Ecken und lässt sich einiges von Thomas erklären. Der Daumen geht hoch, mal wieder topp gezimmert das Ganze. Jetzt erst begreifen wir das autoritäre Spielchen der Kontrollbeamten in Stadt und an Grenzen:  es ist pure Neugierde, die uns nötigt, immer wieder alles auszupacken. Herr Polizist ist zufrieden und ermahnt uns höflich, sich bloß anzuschnallen während der Fahrt, sonst gibt’s eine Strafe. Machen wir doch gerne. Dann dürfen wir weiterfahren. Der Abzweig nach Bozanbay übertrifft sogar die schlechtesten Straßenbauarbeiten, die wir bislang gesehen haben. Etwa 50 Kilometer hüpfen wir über diese Straße, die viel mehr eine “Strafe”, statt einer “Straße ist. Doch die Landschaft ist entschädigt.

Der Sibinsker Campingsee

Der Sibinsker Campingsee

Wir kommen den bizarren Felsformationen näher, in denen die Seen eingebettet liegen. Der erste und der letzte See dieser Fünf sind eingewachsen, der zweite See aus Richtung Bozanbay ist für ein Resort abgesperrt, der dritte ist umzingelt von einem ganzen Dorf aus Ferienhäuschen, eingezäunt von einem hohen Metallzaun. Der vierte muss der öffentliche Badesee sein, jedenfalls stehen Zelte und viele Autos an den freien Uferflächen. Hier suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen, fernab von der kasachischen Utz-Utz-Mucke, die übers Wasser dröhnt, aber nicht ganz so weit vom Zivilisationsmüll. Der ist leider in allen zentralasiatischen Ländern ein großes Thema, keine Stellfläche an einem See oder Fluss ohne ihn. Wir bleiben einen vollen Tag, genießen die Spiegelungen der Felsen im Wasser und die vielen bunten Schmetterlinge am Morgen. Zum ersten Mal sehe ich einen lebendigen Schwalbenschwanz und ein Fischotter schwimmt in unserer Minibucht vorbei. Das Wasser sorgt für etwas Abkühlung unterhalb der Gürtellinie, für den Rest genügt die Dusche mit 38°C warmem Wasser. So warmes Wasser habe ich mir am Baikal gewünscht, aber doch nicht jetzt! Die Lufttemperatur ist geradeso erträglich.

Die Gäste zum Abendmahl

Die Gäste zum Abendmahl

Abends gesellen sich Trillionen von Faltern zu uns, die gerne mit uns zusammen Abendbrot essen. Nachts hören wir Utz-Utz, Gejole und Gekreische vom anderen Ufer. Wir erinnern uns an die vielen Parties am Ostseestrand, wo es auch nie anders zuging. Parties werden eben fast überall gleich gefeiert. Das Wochenende naht, das spüren wir. Immer mehr Autos schleichen Freitagabend um den Campingsee herum auf der Suche nach einem schönen Platz. Morgens überrascht uns ein Angler im Neoprenanzug, der mit Harpune bewaffnet sich ans Fischen macht. Mit seinen Händen deutet er an, welch große Fische man hier fangen könne. “Also”, sage ich zu Thomas, “wenn hier jeder so beim Angeln schummelt, dann ist der See bald leer.”

Nach Almaty

Am 18. Juli fahren wir weiter nach Süden, der schwülen Hitze entgegen. Auf dem Weg zurück zur Hauptstraße blühen Steppensalbei, Malven und Schafgarbe in violett-rosa-weißen Farben. Es sieht herrlich aus! Hanf wächst direkt daneben, am Straßenrand als Nebenerscheinung. Ein ganz unerwartet schönes Kasachstan. DSC_7837_blogDie Hauptstraße Richtung Almaty wird zum längsten schlechten und auch langweiligsten Stück asphaltierter Straße, das wir je befahren haben. Wir fragen uns, was die Straßenbauer da bloß verbockt haben. Es sind nicht mal die Schlaglöcher, die uns Probleme bereiten. Die kann man ja umfahren. Es sind tausende von Wölbungen und Kuhlen von aufgeweichtem und zerfahrenem Asphalt, die das Wildpferd so richtig zum Springen und Hüpfen bringen.

Das Unkraut am Straßenrand

Das Unkraut am Straßenrand

In einem Dorf, das wir “das Apfeldorf” nennen, weil an der Straße die Äpfel eimerweise verkauft werden, gönnen wir uns Miniaprikosen, Stachelbeeren, Melone und Himbeermarmelade. Die alten, lieben Damen posieren fein für mein Foto.

Hier kaufen wir gerne

Hier kaufen wir gerne

Irgendwo hinter Ayaköz macht es plötzlich klong … klongklongklongklklong unter Thomas’ Sitz. Ein Blick hinter den Vorderreifen bringt Ernüchterung: Die Halterung des linken KONI-Stoßdämpfers hat sich verabschiedet. Natürlich mitten im Nirgendwo, kein Haus, kein Baum, kein Strauch, um im kühleren Schatten, das Dilemma begutachten zu können. Bis zur nächstgrößeren Stadt Taldiqorghan sind es noch knapp 500 Kilometer. Bis dorthin muss eine Notlösung her, die den Stoßdämpfer irgendwie in Position hält. Thomas versucht es zuerst mit einem Zurrgurt, der den Stoßdämpfer von allen Seiten stabil halten soll. Doch nach drei Kilometern stehen wir wieder in der Hitze, den Gurt nochmal zurechtziehend. Doch auch das nützt nichts, wieder drei Kilometer weiter, entfernt Thomas den Gurt wütend und stopft den Stoßdämpfer in das Loch des Querlenkers. Das muss jetzt halten, sagt er, was anderes geht nicht.

Wir schaffen es bis zum dichten Schilfgürtel des Sasiqköl, der salzige Bruder des Alaköl Sees, der ihm vorgelagert ist. Doch Letzteren schenken wir uns nun, der Stoßdämpfer hat Vorrang. Die Liste an Reparaturen wird also nicht kürzer, sondern immer länger. Der geplante Aufenthalt in Almaty wohl auch. Wir nehmen vorsichtshalber jetzt schon Kontakt zu Vladimir und Nikita auf, zwei duften Typen in Almaty, die bereits anderen Reisenden bei der Reparatur ihrer Karren geholfen haben. Herzlichen Dank, lieber Adrian, für diesen Kontakt! Die beiden wissen nun Bescheid, das wir mit einer langen Liste im Anmarsch sind. Oh je.

Mitten im kasachischen Nirgendwo

Mitten im kasachischen Nirgendwo – Hauptstraße Ust Kamenogorsk – Almaty

Immer noch mitten im Nirgendwo

Immer noch mitten im Nirgendwo

Taldiqorghan erreichen wir am späten Nachmittag des 19. Juli. Die 4000er des Jougghai Alataw jotasi schimmern in der dunstigen Ferne. Eine willkommene Abwechslung für das Auge, doch bei 38°C mit fatamorganagleicher Wirkung. In Taldiqorghan fahren wir kurzerhand in die Auffahrt einer “STO”, die möglichst hohe Tore für uns hat. Es ist Sonntag und zunächst scheint sie wie eine Selbsthilfewerkstatt, doch die Jungs samt Vater kümmern sich sofort um uns. Nachdem der Stoßdämpfer endlich aus seiner Zwangslage befreit ist, besteht die größte Schwierigkeit darin, einen Ersatz für die Halterung zu bekommen. Ersatzteile für Mitsubishi Delica sollten doch hier kein Problem sein, oder doch?

Wieder mal eine Werkstatt ... heute: in Taldiqorghan

Wieder mal eine Werkstatt … heute: in Taldiqorghan

Denkste, ausgerechnet in dieser Stadt, fährt niemand diese Autos. Nachdem wir sämtliche Autobasare in einem alten Audi mit mehr 1.000.000 Kilometer auf dem Tacho abgeklappert haben, ersteht dessen stolzer Besitzer und Automechaniker auf den letzten Drücker auf dem örtlichen Autoteilemarkt in Containern eine Halterung vom Wolga. Die überschüssigen Millimeter werden abgeschliffen, die Kerbungen für die Schrauben vergößert und mit einer Presse das Teil in den Stoßdämpfer gedrückt. Fertig. Die Wolgahalterung hält.  6000 Tenge, also 30 Euro für gute Arbeit. Weil es schon spät ist, schaffen wir es nicht mehr weit. Auf der Suche nach einem sauberen Fluss eiern wir durch ursprüngliche kasachische Landschaft und Dörfer, die uns mit ihrem Grün mächtig überraschen. Kasachstan ist doch nicht nur Steppe.

Sturm zieht auf

Sturm zieht auf

Doch ein Sturm zieht auf, wirbelt trockenen Staub durch die Luft und nirgends ein Stellplatz in Sicht. Wir fahren zurück bis kurz vor Taldiqorghan in die angrenzende Kleinstadt Balpiq Biy. Dort parken wir an dessen Fluss, der milchigtrüb aus den Bergen schießt. Nichts zum Baden, doch die leichte Kühle des Wassers macht die tropische Abendhitze erträglicher. Der Platz ist vermüllt, sogar ein Skelett eines Rinderschädels liegt herum, der sich in das nächstbeste Auto auf dem Weg nach Hause verkeilt. Die Kasachen und ihr Müll, eine Geschichte für sich.

Es nieselt nachts, doch die Temperaturen kühlen unmerklich ab. Wir brechen früh am Morgen des 20. Juli nach Almaty auf, um der großen Hitzewelle auf dem Highway zu entfliehen. Doch bereits gegen 11 Uhr bläst wieder ein heißer Fön aus der Steppe. Wir kleben schwitzend in den Sitzen. 80 Kilometer vor Almaty fahren wir durch Qapshagay, an dessen Stadtrand der Fluss Ile seit 30 Jahren gestaut wird. “Nichts wie hin da, vielleicht können wir uns abkühlen.” sagt Thomas. Der Strand liegt versteckt, hinter jeder Menge Casinos und östlich hinter der Stand. Der Strandzugang schlängelt sich über bewachsene Dünen, für manchen Strandzugang muss bezahlt werden (den Sauberen), für manchen nicht (den Schmutzigen). Der etwas Schmutzigere tut es für uns auch.

Abkühlung am Qapshaghay bögeni

Abkühlung am Qapshaghay bögeni

Das Wasser ist pipiwarm, es weht ein Hauch von kühl-er-er Brise, als Zufluchtsort vor der Nachmittagshitze gut zum Aushalten. Uns begrüßen kasachische Touristen, die in ihrem Urlaub von See zu See fahren. Heute Qabshaghay, übermorgen Alaköl, danach Balqash köli und so weiter. Der Pick-Up parkt stilecht im Wasser, auf der Ladefläche gibt’s ein Picknick mit baumelnden Füßen im Wasser. Anders könnte man wohl auch nicht Urlaub bei den Temperaturen in Kasachstan machen, nicht wahr?

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