5.0 GRENZGESCHICHTEN

MIKHALOVKA – SHAMANAIKHA oder RUSSLAND – KASACHSTAN

Es ist kaum zu fassen! Eine Stunde Grenzabfertigung und wir sind in Kasachstan. 11:30 Uhr Do Swidanja Russland, 12:30 Uhr Breviet Kasachstan. Ich komme nicht einmal dazu, vor lauter Langeweile zu fotografieren, so unkompliziert und schnell ging die Abfertigung. Was soll ich da noch schreiben? Keine haarsträubenden Probleme, keine grinsenden Goldzähne, kein unnötiges Auspacken, kein Hin-und Her-Gerenne zwischen irgendwelchen Zoll- und Kontrollhäuschen, keine elendig langen Warteschlangen, nicht mal eine Zolldeklaration haben wir ausgefüllt. Ich könnte sogar behaupten, die Wartezeit, die wir an der mongolisch-russischen Grenze von Tsagaannuur / Tashanta verbracht haben, holten wir hier wieder auf. Was ist das bloß für eine wunderbare Grenze?

Ich wählte für uns den kleinen Grenzübergang bei dem winzigen Dörfchen Mikhalovka auf russischer Seite, in Kasachstan wartet die Kleinstadt Shamanaikha. Aus vielen Reiseberichten wussten wir, dass dieser Grenzübergang für Ausländer ebenfalls geöffnet ist. Das ersparte uns den 300 Kilometer längeren Umweg über Barnaul und schenkte uns eine genüssliche Fahrt durch russische Dörfer und ländliche Idylle. Zmeinogorsk ist der letzte größere Ort vor der Grenze, wo wir auch das letzte – so glaubten wir – russische Bier kauften und wir den alten Babuschkas vor dem Supermarkt zwei Tüten Erdbeeren und Himbeeren abknöpften. Es war schweineheiß, das Thermometer stieg wahrscheinlich bereits am späten Vormittag auf 34°C – „wahrscheinlich“ deshalb, weil wir ja kein Thermometer haben. Die Wettervorhersage für Ust Camenogorsk, oder Öskemen, sagte sogar 38°C voraus … Sommer, du bist endlich da, doch mit etwas weniger Temperament ginge es doch auch. Schon jetzt sehnten wir uns nach den kühleren Temperaturen des Altai-Gebirges zurück. Ich fragte Thomas unterwegs, was er denn besser fände, die frische Bergluft bei 16°C oder die sommerliche Hitze auf dem platten Land bei jetzt 34°C. Natürlich weder noch, 25°C wäre das beste, meinte er. Doch wahrscheinlich würde es ein anderes Wetterereignis geben, über das wir uns beschweren könnten: Regen, Sturm oder ein komplett Wolken verhangener Himmel … Nein, wirklich, über das Wetter können Deutsche sich mehrmals täglich beschweren, doch wir lernten auch, dass andere Nationen nicht anders sind. Das Wetter ist DAS Thema für einen Smalltalk mit Einheimischen. Ob zu heiß oder zu kalt, man findet immer Zustimmung. Rundum perfektes Wetter gibt es nicht, oder anders gefragt, was wäre denn perfektes Wetter? Während einer Reise müssen wir uns darin üben, das Wetter (und nicht nur das) so zu nehmen, wie es kommt, die positiven Seiten erkennen und diese ausgiebig nutzen. Lagerfeuer bei Temperaturen unter 20°C, von See zu Fluss fahren bei über 30°C, bei Regen einen Film gucken oder einen Bericht schreiben, bei Sonne das Auto reparieren oder baden gehen.

Doch bei 38°C fällt es selbst mir schwer, nicht zu meckern. Ok, was heißt meckern, selbst das fällt schwer bei solchen Temperaturen. Sagen wir es mal so, Gefallen finden wir daran nicht, nicht mal Thomas, der ja sonst so der Warmduscher ist. Deshalb freuten wir uns, dass wir weder in Russland, noch an der kasachischen Grenze lange in der Sonne brutzeln mussten.

Versicherungskauf

Versicherungskauf

Etwa hundert Meter vor dem eigentlichen Grenzposten kauften wir eine neue Autoversicherung für Kasachstan. Unser grüner Lappen der deutschen Versicherung galt zwar noch in Russland, ab jetzt jedoch nicht mehr. Beizeiten werden wir Takhi in Deutschland abmelden, denn dieses Geld für die Versicherung können wir auch in die hiesigen investieren. Es ist nicht so, dass diese Autoversicherungen besonders gute Leistungen bieten würden, vor allem für ausländische Touristen, doch eine solche Versicherung ist Pflicht in Kasachstan und wird gerne bei Polizeikontrollen zur Ansicht verlangt. Thomas bezahlte umgerechnet 12 Euro an der kleinen Wellblechbude und erhielt als Gegenleistung einen rosa A4 großen “Lappen”. Anschließend rollten wir die hundert Meter zum Grenzposten. Ein Russe in Uniform begrüßte uns, zeigte, wo wir vorfahren und parken und dass wir zuerst zur Passkontrolle in das kleine, ja schon fast niedliche Kontrollhäuschen sollten. Dort stempelte ein junger Beamter mit modischer Woody-Allen-Brille unsere Pässe ab, sah die Fahrzeugpapiere durch, legte die Registrationskarten beiseite und nach 15 Minuten Warten war das Thema durch. Bedenken wegen versäumter Registrierungen im Altai verflüchtigten sich schlagartig. Es interessierte niemanden. Gott sei Dank standen wir vor den eintreffenden Reisenden aus dem Überlandbus am Schalter. Das hätte sonst länger gedauert. Danach gab es noch für russische Verhältnisse eine sehr oberflächliche Fahrzeugkontrolle, die Schranke ging hoch: “Do Swidanja!”, sagten wir zu den Russen, “Auf Wiedersehen!”, riefen uns die Russen hinterher.

Wir fuhren etwa einen oder zwei Kilometer aufmerksam über die gelb-grünen Grenzhügel, die den russischen natürlich in nichts nachstanden. Die gleiche trockenheiße Demse dampfte von den Gräsern hoch, dass uns der Atem wegblieb. Kurz vor der eigentlichen Grenze ragte deutlich ein haushoher, in den Nationalfarben gestrichener Pfeiler empor mit der Aufschrift “KAZAKHSTAN” empor, der türkis-gelbe Phallus der nationalen Grenzlinie. Das fotografierten wir unter den prüfenden Blicken der Grenzposten oberhalb der anderen Straßenseite. Bloß schnell weiter. Vor der kasachischen Grenzabfertigung standen zwei Autos vor uns. An der Mauer, die das Areal umgrenzt, hing eine “Gebrauchsanweisung” für die notwendigen Formalitäten, die hier abzuarbeiten wären. Sehr fortschrittlich und international bebildert, geschrieben jedoch nur Russisch. Macht nichts, es ist ganz einfach. 1. Zum Wachthäuschen am Schlagbaum mit allen Papieren gehen und sich anmelden. Der Wärter reicht einen kleinen Notizzettel mit Personenzahl und einem Teil der Autokennzeichennummer. Bei uns: “300”. Dabei die Migrationskarte auf dem Weg zurück zum Auto nicht vergessen mitzunehmen. Wenn man Glück hat, sagt der Wächter bereits hier “Welcome to Kazakhstan!”, obwohl man noch nicht ganz drin ist. 2. Warten, bis der Schlagbaum hoch geht, dann durchfahren. 3. In Halle 2 zur Passkontrolle gehen und diesen Abstempeln lassen. Wir werden Kasachstan innerhalb des visumsfreien Zeitraums von 15 Tagen durchfahren. Wir erhielten bloß einen Stempel in den Pass und einen auf die Migrationskarten, das war’s. Nein, nicht ganz, unsere vielen Visen der früheren Reisen in den Pässen gaben dem Kontrolleur Anlass zum minutenlangen Blättern: “Oh, Cambodia … Hmm, Thailand … Aah, Indonesia … dwa?!” Wir haben nicht mal die Hälfte von dem verstanden, worüber er mit uns und mit sich sprach. Hauptsache, alles ist in Ordnung für beide Seiten. Thomas wartete bereits hinter der Kontrolle auf einer Bank auf mich. Als der nette Herr Kontrolleur fertig mit dem Blättern in meinem Pass war und ich gehen durfte, rief er zu Thomas: “Hey, Thomas, dawai, dawai.” Los, los, ihr könnt gehen.

Auf der Gebrauchsanleitung stand, dass man anschließend in Gebäude 3/4 und 4/5 gehen muss. Vermutlich werden dort Zolldeklarationen geschrieben und abgestempelt. Doch die Gebäude waren noch im Bau oder lange noch nicht fertig, was auch immer das heißen mag hier im Niemandsland. Wir wurden direkt weiter zur Fahrzeugkontrolle geschickt, zu Gebäude 6 oder 7, die Nummer weiß ich nicht mehr so genau, es ist jedenfalls der einzig riesige Dachunterstand auf dem Gelände wie an jeder Grenze auch. Die drei Jungs und Mädels in Uniform, die vielleicht sogar jünger waren als wir, baten sehr höflich und lächelnd, das Auto aufzumachen, schauten vornehmlich nur hinten rein und waren anschließend sehr begeistert über Kühlbox, Geschirr und Wasserkanister. “Ok, you can go!” hieß es nach wenigen Minuten, ja fast Sekunden. “Ja? Echt? Das war’s schon???” Ich schaute Thomas ungläubig beim Einsteigen ins Auto an. Am letzten Wachthäuschen müssen noch einmal die Papiere gezeigt werden und der kleine Notizzettel mit den Nummern abgegeben werden. Ende gut, alles gut. Herzlichen Dank für die schnelle Abwicklung!

So, und ab jetzt sind es nicht mehr 34°C, sondern 36°C, während der Fahrt stets mit heißem Fön von vorne … und kein Ende in Sicht.

Welcome to Kazakhstan!

Welcome to Kazakhstan!

4 Kommentare

  1. Andreas der motorang

    Hallo Sarah, Thomas hat völlig recht 😀 – 25° sind perfekt. Aber immer perfekt wird auch langweilig …
    Schön dass es auch solche Grenzen gibt! Braucht man in dieser Gegend ein Carnet de Passage, oder ist das erst später ein Thema?

    Liebe Grüße
    Andreas

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Moin Andreas,
      Nein das carnet brauchen wir erst in pakistan. Alle anderen stan-regionen sind deshalb sehr einfach zu bereisen, wenn man die richtige grenze erwischt! Genaueres findest du hier: https://www.adac.de/reise_freizeit/ratgeber_reisen/fahrzeug_reisen/carnet_de_passage/default.aspx?tabid=tab2
      Der adac ist allerdings nicht sehr entgegenkommend, in anbetracht dessen, dass man eine menge geld bezahlt und hinterlegen muss. Das carnet an sich ist simpel aufgebaut, die regularien und zollformalitäten leider nicht. Ich hatte viele telefonate führen müssen um einen gesamteindruck zu erhalten. Wenn du also das carnet vermeiden kannst- lass es!
      Am Nachmittag des Grenzübergangs wurde es dann noch wärmer mit heißen 38grad im schatten – das wasser war mir allerdings immernoch zu kalt :-). Gut, das wir eine solardusche haben, schön warm!
      Schönen gruß
      Thomas

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  2. Aaron

    Ihr armen… Soooo warm! In Hamburg regnet es seit Tagen monsunartig und wir müssen uns hier mit 13-16°C (IM JULI!!!) rumschlagen… Weiterhin gute und sichere Fahrt!

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Ein guter Freund von mir nannte das mal Luxusprobleme. Jetzt haben wir hier wieder Hamburgwedder. So schnell kanns gehen 🙂

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