4.2 BIYSK

In Gorno-Altaysk treffen wir uns mit Boris. Die Adresse seines Offroad-Shops hat Thomas mit Slava bereits im Navi festgelegt. Auf einem Hinterhof parken wir, Thomas ruft ihn an und, ja, ja, er weiß schon Bescheid. Er kleiner, stämmiger Russe mit Stiernacken kommt auf uns zu, stellt sich Thomas kurz vor, alles klar, wir fahren los, quer durch die kleine, saubere Stadt, zur Mechanikerbude seines Vertrauens.

Dort stehen schon ein paar große Geländewagen parat, die für Rallyefahrten vorbereitet werden. Hier sind wir also richtig. Zunächst wird alles in Englisch-Russisch besprochen, was repariert werden soll, viermal für alle Beteiligten übersetzt und mit Armen, Händen, Köpfen und Augen erklärt, dann geht es an die Arbeit. Das ausgeschlagene Gelenk an meinem Vorderrad wird gegen ein Duplikat ausgetauscht. IMG_4440_blogDann wird die hintere, mongolische Halterung des Auspuffs wieder angeschweißt, die sich nach einem Monat gelöst hat. Die Gerüchte über die mongolischen Fähigkeiten stimmen also doch und Thomas ist sich sicher: der Auspuff wird ein Evergreen auf der Reise bleiben. Thomas zeigt ihnen ein schon lange bekanntes Problem mit dem Anlasser, doch der kann hier nicht getauscht werden. Die Jungs arbeiten zügig. Thomas nutzt die Zeit, um nach der erhöhten Temperatur zu fragen, die wir seit circa zwei Wochen auf der Anzeige beobachten. Vermutlich ist die Kühlventilatorkupplung defekt, doch die ist wahrscheinlich erst in Ust Kamenogorsk erhältlich, so wie der Anlasser, also in Kasachstan. Kein Problem, meint Boris, er kenne da jemanden von einem Offroad-Club. Der könne weiterhelfen und ruft ihn gleich an. Der weiß nach wenigen Minuten auch Bescheid.Thomas ist ganz begeistert von den Fahrzeugen auf dem Hofgelände. Er hat mir, nachdem er Slava kennengelernt hat, gebeichtet, dass er unbedingt so eine Rallye in Russland sehen möchte. Ich frage also Boris, ob denn in der Gegend Rallyes stattfinden – oder Trophys, wie die Russen hier dazu sagen. “Oh ja”, sagt Boris stolz, “bei Biysk, gleich morgen.” Er sei der Organisator und morgen dabei. Das passt ja wie die Faust auf’s Auge! Er zeigt uns die Internetseite, auf der alle Informationen zu jedweder Trophy stehen, gibt uns die Koordinaten des Startpunktes und den Namen: ZONA 659, westlich von Biysk. Dort will Thomas außerdem alle Reifen untereinander tauschen und die Spur neu einstellen lassen. Takhi zieht ja ständig nach rechts. Das können wir bei den Jungs nicht machen lassen. Sie empfehlen uns eine Adresse in Biysk, die Stadt sei größer und moderner, die Werkstätten etwas professioneller ausgestattet. Wir bezahlen 1635 Rubel. Prima, es liegt alles auf unserem Weg nach Kasachstan.

Wir müssen bloß noch Wäsche waschen. Doch eine Wäscherei in dem kleinen Ort zu finden, ist gar nicht so einfach. Wir landen schließlich in einem Sportlerheim, die einzige Adresse für eine “Wäscherei”. Die Damen sind ganz aufgeregt und amüsieren sich über uns, dass wir hier Wäsche waschen wollen. Aber sich geht das. Lange vergessene Uhrzeitmonster erledigen die Arbeit. Doch Nostalgie ist teuer, so bezahlen 635 Rubel für zwei Wäschen und Trocknen.

Alte Urgetüme

Alte Urgetüme: zwei Waschmaschinen, Schleuder, Trockner

Dann sind wir startklar. Wir halten uns nicht länger in Gorno-Altaysk auf, sondern fahren sofort weiter nach Biysk. Dort lassen wir noch am selben Tag die Reifen tauschen und die Spur einstellen. Am Straßenrand gibt’s die ersten Kartoffeln und Himbeeren in Deutschlandfarben, ich kaufe frischen Joghurt im Supermarkt. Gartenfrüchte und Joghurt … mmmh, das gab es seit einer Ewigkeit nicht mehr! Doch Takhi zieht immer noch nach rechts. Der Heini in der Werkstatt versichert uns aber, dass der Computer immer stimmt und nie Fehler macht. Ja, ja … schon gut, denken wir und belassen es zunächst bei dem ungelösten Rätsel.

Koordinaten im Navi einzugeben, ist auch nicht so leicht. Wüssten wir es, wären wir natürlich gleich richtig zum Startpunkt der Trophy gefahren. So aber eiern wir bei abendlichem Gewitter und Regen etwa 30 Kilometer in die völlig entgegengesetzte Richtung und finden nur mit Mühe einen halbwegs geschützten Schlafplatz am Rande eines Dorfes. Morgens wecken uns die Samstagfrühangler. Den ganzen falschgefahrenen Weg fahren wir morgens wieder zurück, auch wenn wir uns auf dem richtigen Weg nach Kasachstan befinden. Egal, wir haben Zeit.

ZONA 659

Nachdem wir endlich herausgefunden haben, wie Koordinaten einzugeben sind, finden wir das Gelände auf Anhieb. Die Sonne scheint endlich wieder, doch die Piste ist vom gestrigen Regen schön matschig, um nicht zu sagen: genau richtig für eine Offroad-Trophy. In weiter Ferne erkennen wir ein paar Zelte des Nachtlagers  der Teilnehmer durchs Gestrüpp hervorschimmern, bald hören wir heiße Motoren aus dem Unterholz röhren. Der schlammverkrustete Gelände-Irgendwas-Wagen lässt nicht lange auf sich warten. Die Russen fahren voll auf. Unser Erwartungsspektrum wird voll erfüllt. Nichts für Weicheier. Die Bilder sprechen für sich.

Ich bekomme Bauchschmerzen beim Anblick zerfahrener Tümpel, Sümpfe und Feuchtwiesen. Junge Birken und Kiefern sind auch kein Hindernis, wir sind ja auf einer Offroad-Trophy. “ZONA 659”, heißt das Gelände hier, denke ich mir, wird schon ein ausgewiesener Offroadpark sein, ähnlich wie damals in Schweden. Es wäre nicht Russland, wenn es tatsächlich so wäre. Nein, einfach eine Brachfläche, könnte auch sensibel sein, vielleicht mit seltenen Tier- und Pflanzenarten … doch wer schert sich schon drum, das Land ist doch so groß und wer soll das ganze kontrollieren, erfahren wir später bei Wodka, Schnaps und Fischpastete. Sarah, entspanne dich. Es ist nicht dein Land.

Mittlerweile zerstochen von Trillionen Mücken und Bremsen entdecken wir Boris beim Filmen der aktuellen Ereignisse im Schlamm. Als ausländischer Gast darf ich mich in das größte und zerstörerische Monster des Tages schwingen. Meine Güte, das sind durchgeknallte Männer in ihren verrückten Kisten, denke ich dabei. Wir lernen Alex und Nina kennen, ein ungleiches Paar, diesmal nur Zuschauer. Alex ist wesentlich als Nina, Nina ist seine zweite Frau, sie spricht fließend Englisch, er fast nur Russisch. Sie finden es toll, dass wir da sind, endlich Touristen, die Zeit haben, und schenken uns eine große Flasche Honigbier, die sofort ihre Wirkung zeigt. Wir wollen den einen L300 verfolgen, der hier teilnimmt. “Kein Problem”, sagen Nina und Alex, “springt ins Auto, wir bringen euch hin.” Also schaukeln wir im Landcruiser über Stock und Stein zu Takhis stark beanspruchtem Bruder, während mir dünne Hefte aus einem Pappkarton mit dem Titel “Sekstur Kuba” auf die Knie rutschen. “Alex hat über seine Erlebnisse auf seiner Kubareise geschrieben, auf der er viele Frauen getroffen hat”, sagt Nina und verdreht dabei die Augen. Thomas und ich wechseln grinsend Blicke. Da steht gerade der kleine L300 in einem Tümpel und wird von seinen Pflegeeltern fotografiert. Die heutige Rallye: ein Ausflug für die ganze Familie, Vaddern fährt, Mutter und Tochter erledigen die Drecksarbeit.

Fertig ist, dessen Team fünfzig Punkte erreicht hat. Es gibt drei Kategorien – rot, grün, blau. Abends wird ausgewertet, am Sonntag erfolgt die Siegerehrung. Die ersten Teams haben es geschafft, die Mannschaften stehen bereits mit entblößtem Oberkörper im Partyzelt, die ersten Wodkaflaschen sind leer, es regnet in Strömen, ein Gewitter jagt das Nächste. Natürlich werden wir jetzt vollgequatscht, Gott sei Dank haben wir Nina, die dem Wortschwall lockerer Zungen nicht mehr hinterher kommt. Der Grundtenor ist dennoch äußerst positiv: alle freuen sich, uns zu sehen, sind sogar begeistert, dass wir uns trauen, hier zu sein, ob wir denn keine Angst hätten. “Nö, wieso?”, fragt Thomas und alle lachen. Auch wenn sie zunehmend betrunkener werden, sind sie doch alle schüchtern und schämen sich, kein Englisch sprechen zu können, erklärt Nina, die jedes Gequackel versteht. In der Ecke hocken zwei Kinder, vielleicht Bruder und Schwester. Deren junge Eltern schauen mahnend auf sie herab und reden genervt auf sie ein: “Ihr lernt doch Englisch in der Schule! Sagt doch mal endlich was! Wieso könnt ihr denn nichts sagen?” Schüchtern blicken sie zu Boden, ach herrje, das kenne ich von mir aus früheren Tagen.

Es gibt noch mehr Wodka und billigen Cognac, Gurken, Fleischwurst und Brot mit Fischpastete. Die Fahrerfrauen sind genervt, denn die Männer sollen lieber essen anstatt so viel auf leeren Magen zu trinken. Alles ist wie bei uns. Die Mucke wird anschließend auf gedreht, so dass wir den Gedanken streichen, über Nacht hier zu schlafen. Alex und Nina bringen uns schließlich zu dem See, dessen Koordinaten wir eingegeben hatten. Dort können wir in Ruhe schlafen und am Sonntag endgültig in Richtung Kasachstan aufbrechen.

13. Juli

Statt über die Großstadt Barnaul fahren wir die Abkürzung durch ländliche Idylle, 300 Kilometer mal durchzogen von russischen Holzhäuschen, mal in mongolischer Hügellandschaft. Die Straße wechselt zwischen Asphalt und Schotter, doch alles bleibt recht ordentlich und gut befahrbar. Es wird spürbar wärmer, gar sommerlich heiß. Unser Telefon nennt 31°C im Schatten, doch gefühlt sind es mehr. Wir campen an einem rauschenden Fluss und hoffen auf Abkühlung, doch zunächst müssen wir mit Horden von Mücken in der Dämmerung kämpfen. Die Nachtluft kühlt sich überraschend stark ab, sehr angenehm auf der klebrigen Haut. Am Morgen ergreifen wir die Flucht und entdecken für das Frühstück einen luftigen Platz auf einer Felsspitze direkt oberhalb des Flusses. Es ist sehr gut auszuhalten. Doch die Hitze macht uns träge, das kühlende Wasser verlockt uns zum Bleiben. Noch einen Tag in Russland, morgen dann endlich Kasachstan. Beim Blick auf die Wettervorhersage für Dienstag, 14. Juli, bekomme ich einen Schock: Ust Kamenogorsk, sonnig, 37°C im Schatten. Wie heiß mag es dann wohl im Auto sein?

1 Kommentar

  1. Elli's

    Also Sarah hatte offensichtlich auch Ihren Spass, nicht dass ihr noch die Rollen tauscht ….

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