4.0 GRENZGESCHICHTEN

TSAGAANNUUR – TASHANTA oder MONGOLEI – RUSSLAND

Am 2. Juli, 11:30 Uhr stehen wir Schlange. Die erste des Tages. Vor uns warten noch 15 weitere Autos vor der ersten Schranke zum Grenzbereich. Es wird niemand durchgelassen, alle warten, meckern, drängeln und meckern lautstark wieder über die, die sich vordrängeln wollen. Es ist viel los heute, meint der Grenzbeamte an der Schranke, irgendein Markt in Kosch-Agatsch findet statt … Ja ja, nicht irgendein Markt, sondern DER Mongolenmarkt schlechthin soll am Wochenende in dem russischen Dorf stattfinden, auf dem auch Soni ihre Klamotten verkaufen will. Soni, die liebe Deutsch-Mongolisch-Lehrerin, die wir in Ölgiy kennengelernt haben, sitzt nun bei uns im Auto auf ihren zwei zum Zerreißen schweren Plastiktaschen voller bunter Sachen “Made in China” und übersetzt für uns, was die Beamten so erzählen. Endlich verstehen wir mal, worum es an einer Grenze geht. Das ist toll! Aber nicht nur das, Soni sorgt für exzellente Unterhaltung. Wir lernen einiges über Fleisch, Nomadenleben, ihren zukünftigen Job an der Privatschule von Ölgiy, wie viel ein selbstgebautes Haus kostet, wie man gute Jobs bekommt oder auch nicht, über Korruption und so weiter und so fort. Wir versuchen zu ergründen, wieso mongolischer Käse so trocken ist und unserer zartschmelzend, weshalb das westmongolische Fleisch am besten schmeckt und das Europäische dagegen wie “gewaschen” und wir erläutern ihr wie unser kleiner Backofen funktioniert, was ein Schrebergarten ist und teilen mit ihr die leckeren SimSim-Bonbons, von denen sie nicht glauben kann, dass wir so etwas leckeres in Ölgiy gekauft haben. Das Papier wird sofort aufgehoben und die Tasche gestopft.

Die erste Schlange an der Grenze Tsagaannuur

Die erste Schlange an der Grenze Tsagaannuur

Mit Soni machen die Gespräche so viel Spaß, dass die 3 Stunden, die wir immer noch vor der Grenze stehen, wie im Fluge vergehen. Inzwischen haben wir schon mal eine Steuer von 10000 Tugrik entrichtet, die hier jeder bezahlen muss. Es gibt sogar eine Quittung. Irgend so ein Abkommen zwischen den beiden Ländern, sagt die Frau Beamtin zu Soni. Außerdem haben wir uns bereits hinter den zweiten Schlagbaum einreihen dürfen. Jetzt ist aber erst einmal eine Stunde Mittagspause und die Grenze zu. Währenddessen sehen wir auch die Russen-Geländewagen-Gruppe vom Tolbo nuur wieder. Deren drittes Fahrzeug, ein UAZ, hängt am Abschleppseil. Wo die wohl gewesen sind?

Soni haben wir morgens 10:00 Uhr von ihrer Jurte abgeholt. Die Taschen waren schon gepackt, ein Schlafsack, ein kleiner Gaskocher und ein Beutel voller Essen (Fleisch natürlich) sollten auch mit. Hätte Thomas nichts gesagt, hätte sie nichts außer ihre wichtige Handtasche mit dem vielen Geld vergessen. Ich kenne das und Thomas kennt das von mir. Wir grinsten. Dann wollte das Töchterchen die Mama nicht losgehen lassen, musste vom Onkel brüllend und zappelnd fortgetragen werden, Mama versteckte sich kurz und spurtete ungesehen ins Auto. Dieses Prozedere scheint überall auf der Welt gleich zu sein. Bis zur Grenze waren es von Ölgiy knapp 100 Kilometer, leider nur die ersten 70 Kilometer Asphalt. Der krönende Abschluss wandelte sich dann noch einmal in echte mongolische Wellblechpiste, als würde die Mongolei wirklich nicht ohne Piste gehen, und immer vorbei an Jurten und sogar Kamelen. Ein stein fiel uns vom Herzen, als wir Ölgiy hinter uns ließen, denn viel zu lange sind wir dort geblieben.

Endlich, 15:00 Uhr wird das Tor zur Grenzabfertigung geöffnet, alle drängeln und schieben mal wieder, die Nerven liegen blank, das mongolische Chaos bricht aus. Thomas macht auch mit, er kennt da nix. Dann stehen wir im Abfertigungsgebäude, wo alle auf die zwei einzigen Passkontrollschalter in einem wirren Haufen zu laufen. Man steht dicht an dicht, um seine Position nicht zu verlieren. Der Fahrer muss zuerst den Pass reichen, dann die Beifahrer, also Soni und ich. Anschließend muss der Ausfuhrschein für das Fahrzeug an einem anderen Schalter links daneben abgestempelt werden, den wir bei der Einreise in die Mongolei bekommen haben. Soni übersetzt für uns sämtliche Schalterschilder und fragt die Mongolen, wo wir hin müssen und was wir ausfüllen sollen. Was für ein Service! Nach einer kurzen Durchleuchtung des Fahrzeugs dürfen wir weiter zur russischen Grenze fahren.

Wir mit Soni im Niemandsland und an der dritten Schlange. Die weißen Häuschen ganz hinten stehen in Russland.

Wir mit Soni im Niemandsland und an der dritten Schlange. Die weißen Häuschen ganz hinten stehen in Russland.

Es folgt ein längerer Streifen Niemandsland, etwa drei Kilometer bis zur dritten Schlange des Tages, diesmal vor einem der höchsten Vorgrenzposten der Russen auf einem Pass in 2481 Metern Höhe. Wir warten erneut zwei weitere Stunden hinter 15 Autos unter mongolischem Wolkenhimmel. Mein Gott, wie wir das vermissen werden! Diese erste Grenze zu Russland besteht aus einem sehr langen Zaun quer über alle Hügel. Vor dem Zaun steht der russische Grenzpfosten in rot-grünen Streifen und der mongolische in ausgeblichenem Rot-Blau. Hinter dem Zaun stehen zwei kleine, weiße Häuschen und zwei Grenzbeamte. Immer wenn die beiden sich auf das Tor zu bewegen, werden alle Menschen vor uns nervös, rennen hektisch zu ihren Autos, drängeln und schubsen mit ihren Fahrzeugen hin und her, in der Hoffnung, die Tore könnten gleich aufgehen. Aber nein, nur die entgegen kommende Spur wird frei gemacht. Ein einzelnes Fahrzeug passiert, während auf unserer Seite immer noch alle fünfzehn und mittlerweile fünf weitere Fahrzeuge hinter uns warten. Ist das öde. Wir probieren es mit Soni bei den Beamten mit “wieso-weshalb-warum” und ob wir nicht vor können, wir sind ja bloß Touristen und haben noch einen weiten Weg vor uns. “Nein”, sagt der Grenzrusse kopfschüttelnd, “momentan nur Russen. Keine Touristen, keine Mongolen, keine Geschäftsleute. Njet, Njet. Zu viel los heute.” Wir hoffen, dass Soni dabei keine Rolle spielt, schließlich ist sie ja geschäftlich unterwegs. Dann öffnet sich wieder das Tor der anderen Fahrspur, alle Mongolen fahren gleichzeitig los, wollen sich durch das eine, enge Tor durchdrängeln, schimpfen, wieso es heute nicht vorwärts geht, das darf doch wohl nicht wahr sein. Alle stehen jetzt so kreuz und quer, dass das eine Fahrzeug aus der entgegen kommenden Richtung nicht mehr durchkommt. Die Grenzbeamten schimpfen nun mit den Mongolen, die sich bitte wieder in einer Reihe einordnen sollen, damit das Fahrzeug durchfahren kann. Das geht aber nicht mehr, weil alle sich so dicht auf die Pelle gerückt sind, dass niemand auch nur einen Zentimeter vor oder zurückfahren könnte. Na, doch, vorfahren ginge ja, wenn die Russen sie endlich durchlassen würden. Und so geht das immer weiter. Ist das ein chaotischer Haufen. Ich schmunzele in mich hinein. So etwas käme im geordneten Deutschland nie vor. Als wie alle in geordneten Bahnen stehen, dürfen die Russen in unserer Schlange nun durchfahren, wir aber müssen noch eine Stunde warten. Dann endlich, ganz überraschend, winkt uns der Grenzbeamte zu, wir sollen losfahren, schnell, schnell, bevor sich das mongolische Chaos durchs Tor zwängen will. Kurz nach 18:00 Uhr sind wir auf dem Wege zur zweiten, aber richtigen Grenzabfertigung der russischen Seite. Wir werden die letzten Tages sein, aber von dem Glück wissen wir noch nichts.

Die letzten "Rolling Hills" im Niemandsland

Die letzten „Rolling Hills“ im Niemandsland

Ein weiterer Streifen Niemandsland folgt, 16 Kilometer durch schönste mongolische Hügel unter einem immer noch azurblauen Himmel mit wunderschönen Wolken. Wir erreichen die Abfertigung, die Pässe und der Fahrzeugschein werden kurz kontrolliert, dann dürfen wir einfahren. Jetzt sehen wir, mit was die Russen es hier heute den ganzen Tag zu tun hatten. Transporter und Minibusse überall, stapelweise Waren chinesischen Ursprungs vorm Scanner und der Waage, manches liegt kreuz und quer auf dem Boden verteilt und hinter der Abfertigung stehen Minibusse und Klein-LKWs in ähnlichem Durcheinander und warten auf ihre Passagiere oder Fahrer. Die Grenze ist bis auf den letzten Winkel “mongolisiert”, so nennt man das, wenn die Mongolen von etwas Überhand nehmen. Doch die Beamten nehmen es locker, soweit man das von den Russen behaupten kann.

Wir müssen alles ausladen, oder zumindest soweit, dass drei Beamte in alle unsere Kisten luschern können. Diesmal überkommt sie pure Neugierde, was wohl der grüne Metallkasten sein soll, was oben auf dem Dach so liegt – oh ein Solarpanel, meine Gitarre – “Open” – oh eine Gitarre – und streicht mit den Finger über den Saiten. Alle freuen sich, Goldzähne glitzern aus drei Richtungen, ich zeige an, dass ich nicht so gut spielen kann und denke mir, so ein Mist, ich müsste mal wirklich wieder üben. Macht nichts. Wir dürfen einpacken und zur Ausweiskontrolle, anschließend zur Zolldeklaration, alles schnell, schnell, bald ist Feierabend. Soni hingegen muss ihre Klamottentaschen wiegen und scannen lassen, denn sie darf nur 50 Kilo über die Grenze mitnehmen. DAS sind übrigens die 50 Kilo, um die es auch bei der europäischen Grenze ging. Doch damals hat die dicke Beamtin mit den pinkfarbenen Lippen etwas missverstanden. Es dauert sehr lange, bis Soni an der Reihe ist, es müssen noch jede Menge chinesische Dampfgarer gewogen werden. Nachdem unsere Pässe zügig abgestempelt wurden und wir die Registrierungskarten nur schluderig ausfüllen konnten – schnell, schnell – wartet Thomas schon am Häuschen der Zolldeklaration mit zehn anderen Mongolen, natürlich in mongolischer Stehweise, dicht an dicht im Atem des Hintermannes. Es gibt mehrere Zollhäuschen mit unterschiedlichen Eingängen, bei denen man es probieren könnte, doch alle sehen gleich aus: voll. Plötzlich braucht Soni für das Wiegen ihrer Taschen doch noch den Ausweis des Fahrers, ich spiele den Übermittler und renne zwischen beiden hin und her. Sie stellt alle ihre Taschen auf die Waage, 45 Kilo, aha, dann kommen noch drei Dampfgarer oben drauf von einem anderen Geschäftstüchtigen, der die sonst nicht hätte mitnehmen dürfen. Alles passt, weiter geht’s.

Vor dem Zollbüro

Vor dem Zollbüro

Während der Wartezeit registrieren wir, dass wir tatsächlich die letzten Tages waren, die über die Grenze gekommen sind. Was hatten wir für ein Glück gehabt, und wie viel Glück hatte Soni mit uns! Sie stünde jetzt wohl immer noch an der Grenze. Die Zolldeklaration wird wieder einmal zu einer harten Nuss. Diesmal ist es nicht das Ausfüllen des Formulars, denn es hängen überall Anweisungen herum, wie und wo was einzutragen ist. Außerdem haben wir das alte Formular zum Abschreiben auch dabei. Nein, die Wartezeit ist so zäh wie altes Hammelfleisch. Selbst die Mongolen sind genervt, denn es hat wohl noch nie so lange gedauert, wie heute, übersetzt Soni. “Das ist aber auch kompliziert hier, das wusste ich gar nicht, mein Gott. Bei den Chinesen geht es einfacher und schneller”, sagt sie immer wieder kopfschüttelnd. Da wir nicht wissen, dass wir hinter der Grenze zwei Stunden geschenkt bekommen, schlägt es jetzt 21:30 Uhr als wir endlich die Tür zum Zollbüro öffnen und eintreten können. Die winzige Beamtin nimmt all unsere Dokumente entgegen, schreibt von unserem ausgefüllten Dokument zwei neue ab, ändert noch ein paar Eintragungen und will dann unseren alten Zettel auch haben. Da ist nämlich der Aufkleber für die Fahrzeugeinfuhr drauf. Den scannt sie jetzt ein und in demselben Moment sind wir heilfroh, dass wir das Papier nicht weggeworfen haben! Trotz der späten Stunde macht sie Scherze über “Thomas Müller”, zeigt uns ihre mageren Deutschkenntnisse mit “1-2-3”, händigt anschließend alle Papiere aus und sagt “Welcome to Russia!” Es kann sich niemand vorstellen, außer ich, wie sehr sich Thomas darüber gefreut hat. Endlich hat er den Spruch gehört, von dem alle immer erzählt haben – Welcome to Russia. Bald ist Feierabend. Auf Wiedersehen. Alle lachen. Was für ein Tag!

Die Zipfelmütze mit viel zu vielen Mongolen drin

Die Zipfelmütze mit viel zu vielen Mongolen drin

Wir könnten nun losfahren, doch Soni hat ihre Kollegin getroffen, mit der sie zusammen auf dem Markt ihren Verkaufsstand hat. Ihr Fahrer hatte ein Problem mit seinem Visum. Er darf nicht über die Grenze, sie hat also keinen Fahrer mehr. Alle beratschlagen sich, fragen an allen Transportern, die noch in der Grenze stehen, ob noch was frei wäre. Ja, ein Minibus wäre noch, da geht noch was rein und rauf. Es wird umgepackt, wir warten, denn der Fahrer des Minibusses weiß, wo es hingeht und wir nicht. Hinter der Grenze muss der Minibusfahrer noch eine Autoversicherung kaufen, die Mongolen sind genervt und verstehen nicht, wieso der das nicht vorher organisieren kann. Nein, erklären wir Soni, die Versicherung muss er hier kaufen, speziell für Russland. Wieder was Neues gelernt. Endlich ist alles in Sack und Tüten, alle sind über die Grenze gekommen, es wird dunkel, 22:00 Uhr und 10 Stunden später. Wir fahren 70 Kilometer einer weißen Zipfelmütze hinterher bis nach Kosch-Agatsch. Als endlich Ruhe einkehrt, stelle ich fest: Vor lauter Hektik haben wir vergessen, unsere 500.000 Tugrik, die wir für die geplante Altaitour abgehoben haben, an der Grenze umzutauschen. Ach herrje, WAS sollen wir bloß damit machen???

 

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