3.4 DIE NORDROUTE I

Bis auf den Schrebergartenweg, auf dem wir die Mongolei durchqueren, gibt es noch andere Dinge, die uns stets begleiten.

Beispielsweise die Höhe. Die Mongolei befindet sich auf dem zentralasiatischen Plateau, das seit Ewigkeiten durch relativ trockene Steppe gekennzeichnet ist. Die durchschnittliche Höhe liegt bei 1580 Metern. Mir war das, ehrlich gesagt, gar nicht so bewusst. Eines Tages wunderte ich mich in Ulanbataar, weshalb wir nach einer Stunde schon so braun waren. Wir sind der Sonne also näher.

Mongolen können kein Auto fahren. Ich möchte mich wirklich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen oder gar unhöflich sein, aber fahren ist wirklich nicht deren Stärke. Schön, dass es Ampeln gibt, beachten tut sie meistens auch keiner, selbst die Polizei nicht. An Vorfahrtsregeln trauen wir uns schon gar nicht zu denken, auch wenn es ein Hauptstraßenschild gibt. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. DAS ist die inoffizielle und praktizierte Regel. Gehupt wird, wenn man überholen will oder wenn der Vordermann zu lahmarschig ist. Das kommt sehr oft vor. Wir haben Odmaa gefragt, ob es überhaupt eine Führerscheinprüfung hier gibt. “Ja, natürlich.”, hat sie gesagt. “Aber man übt das Fahren nur auf einem Übungsplatz. Wo ist der Blinker, Vorwärts- und Rückwärtsfahren, Bremsen, Einparken … ” Uns ging ein Licht auf. Unter diesen Umständen könnten wir wahrscheinlich auch nicht besser den Stadtverkehr bewältigen.

Die Mongolei importiert sehr viele Lebensmittel (aus China), Maschinen und Sprit (aus Russland). Dafür werden Fleisch, Felle, Textilien (ganz groß: Cashmere-Wolle) exportiert. Das Minengeschäft soll wohl auch richtig brummen, vor allem Kohle und Kupfer. Da die Minen gut versteckt liegen, bekommen wir nur die riesigen Vieherden mit, die durchs Land ziehen und alles zu kacken. Eigentlich ist die Mongolei ein einziger Kackhaufen, denn so viel Mist auf einmal, haben wir noch nie gesehen. Keine Wiese, kein Fels ohne Tretmine. Ob das gut ist? Wir können uns vorstellen, dass die Beweidung langsam an seine Grenzen stößt. Vor allem dort, wo Schafe und Ziegen gegrast haben, erholt sich nur wenig. “Der Vernichtungstrupp kommt”, so nennen wir die Viecher, sobald wir sie sehen.

Staub ist und bleibt unser ständiger Begleiter. Den muss man mögen oder aushalten, sowohl im Auto als auch in der Nase. Popeln ist zwar nicht unsere Lieblingsbeschäftigung, wird sie auch nie sein, doch in einer Konversation ohne Finger in der Nase kommen wir nicht mehr aus.

Straße am See

Straße am See

KHÖVSGÖL NUUR

In Mörön frischen wir unsere Vorräte auf. Thomas will am See einen Kuchen backen – oho! – und ich ein Brot. Unseren Backofen wollen wir nämlich endlich ausprobieren. Die restlichen 100 Kilometer nach Hatgal, das Dorftor zum See sozusagen, sind bereits asphaltiert. Wir erreichen Spitzengeschwindigkeiten um 96 kmh! Der Posten vor Hatgal, wo normalerweise Eintritt für den Nationalpark verlangt wird, ist geschlossen. Wir rauschen vorbei. Im Dorf gibt es ein Visitor Center, das ebenfalls noch geschlossen ist. Zwei Frauen streichen den Holzzaun gerade neu.  Wohl die Ruhe vor dem Sturm. Auf der Suche nach Informationen und der Frage, ob wir nun das Ost- oder Westufer hochfahren sollen, parkt ein Mongole mit L300 neben uns. Nachdem er Takhi fotografiert hat, kommen wir ins Gespräch, denn er spricht etwas Englisch. Als wir uns gegenseitig versichern, dass wir alle wirklich tolle Autos besitzen, empfiehlt er uns das Ostufer. Schlechte Straße, dafür weniger touristisch. Wir probieren’s zwei Stunden lang, dann verneigen wir uns vor dieser äußerst schlechten Straße und dass der Mongole durchaus Recht hat, dann geben wir auf. Nur mit Geduld und unendlich viel Zeit kann man diese Straße gerne 30 Kilometer bis zur ersten Bucht fahren und noch weitere bis zu heißen Quellen. Aber da wir den ganzen Quark auch wieder zurück fahren müssten, ist uns das doch zu mühselig. Wir haben keinen Bock mehr zu fahren. DSC_6964_blogAlso doch das Westufer. Die Straße ist eine geradegeschobene Piste, schön breit und es geht voran. Die ersten Ger Camps kommen in Sichtweite, in denen Touristen in Jurten Urlaub machen können. Das ist wohl erst seit den letzten Jahren so. Wie Gras sprießen immer mehr aus den Löchern. Es wird gesägt und gehämmert, denn Holzhüttchen kommen auch noch dazu. Viel Platz zwischendurch ist nicht mehr, um sein Zelt aufzuschlagen. Wir haben uns etwas anderes vorgestellt. Wahrscheinlich müssten wir das Ufer noch weiter hochfahren, um allein zu sein, doch es ist schon 17:00 Uhr und wir haben Hunger. Auf einer großen Wiese, die für Zelte ausgewiesen ist, stellen wir uns hin. Genau in die Mitte, dass uns alle prima sehen können, die vorbeifahren, denn wir sind die einzigen. Und da bleiben wir jetzt zwei Tage.

DSC_7048_blogDer Khövsgöl nuur ist der größte Süßwassersee der Mongolei und wird auch “Kleiner Baikalsee” genannt. Er kommt einer “Omultonne” ebenso gleich, doch ist sein Wasser viel klarer und türkisblau. Wer weiß schon, wie weit wir da in den See blicken können, als wir staunend am Ufer stehen. Ich weiß nur, dass ich noch nie so weit in das Wasser eines Sees hineinschauen konnte, so klar ist es. Und so beeindruckt er uns für die nächsten Tage mit seiner Farbe und seinem kristallklaren Wasser. Matze freut sich auf ein Bad, ich finde frischen Thymian, Thomas kocht uns Abendbrot mit Lammfleisch und Kartoffeln. Der nächste Tag wird ein ganzer Schlemmertag: ich backe zuerst Thymianbrot. Anschließend bäckt Thomas den leckersten Kirschkuchen – es gab Sauerkirschen im Glas in Mörön!

Kirschkuchen

Kirschkuchen

Matze hilft Thomas, während ich Sport treibe. Dann kommt ein Motorrad mit zwei Mongolen vorbei. Einer hält einen Pappkarton unterm Arm. Er bietet geräucherten Fisch an. Davon nehmen wir gleich drei fürs Abendbrot. Als wir beim ersten Happen feststellen, dass der noch besser ist, als in Russland und zum selben Zeitpunkt das Motorad  wieder vorbeifährt, kaufen wir noch eine Ladung. Anschließend lodert ein Feuerchen. Eine Yakherde schlurft schüchtern vorbei. Wir lieben diese Viecher, diese Yaks! Von weitem hören wir sie grunzen, ohne das wir sie sehen. Und plötzlich schaukeln ein wuschelige, fransige Teppiche und Tischdecken gemütlich über die Wiese. Wenn sie uns sehen, schauen sie kurz auf und grunzen, als würden Sie sich den überlangen Pony aus den Augen pusten. Wie manche überhaupt etwas sehen können, ist mir ein Rätsel. Jedenfalls amüsieren wir uns köstlich über die Tiere.

Schauen öfter mal vorbei: Yaks

Schauen öfter mal vorbei: Yaks

Frühstück mit Ziegen

Frühstück mit Ziegen

Trotzdem sind wir neugierig, ein Stück weit nördlicher zu fahren. Bis zu den Khar Us, den heißen Quellen vor dem Jiglegiyn Pass, wollen wir fahren. Das sind ja nur 60 Kilometer, denken wir, das müsste in zwei Stunden zu schaffen sein. Doch wir schaffen es nicht. Die Straße bis dorthin wird nach den ersten 10 Kilometern wesentlich schlechter und verkümmert stellenweise zu einem Waldpfad mit matschigen, ausgewaschenen Kuhlen. Doch dort, wo es einen besonders schönen Kiesstrand gibt, halten wir und machen eine ausgedehnte Pause mit Brot, Tee, Steine ditschern und die Seele baumeln lassen. Die glasklare und stille Aussicht auf die Landschaft entschädigt für das Nichtweiterkommen. Die Mongolen dagegen knallen mit ihren Geländewagen, UAZ und sogar einem PKW durch diesen Brei. Wir sind zu weichbutterig, doch die Aussicht ist schöner. DSC_7042_blog

NACH WESTEN

Nach dem Khövsgöl nuur wollen wir gen Westen auf der Nordroute weiter reisen. Wie schnell das sein wird, können wir nicht abschätzen, auch wenn die spanischen Motorradfahrer, vom Oasis Guesthouse, bloß vier oder fünf Tage über diesen Weg nach Ulanbataar benötigt haben. Eines ist gewiss, mit Matze müssen wir am 27.6. am Flughafen in Ölgiy sein. Es gibt drei Seen, die uns verlocken können, etwas länger zu bleiben. Und es gibt einen Fluss, der zum Problem werden kann. Für all das wollen wir den Zeitrahmen möglichst flexibel halten.

Die Nordroute

Die Nordroute

Deshalb reisen wir nach drei Tagen schweren Herzens ab. Aber so ist das nun mal, wenn man einen Termin hat. Zurück in Mörön treffen wir vor dem bewährten Supermarkt auf eine französische Familie mit zwei Kindern. Sie sind mit zwei Tandems unterwegs, je ein Erwachsener vorne, ein Kind hinten. Alle müssen strampeln. Etwa 40 Tage haben sie von Ulanbataar bis nach Mörön gebraucht und sind fast dieselbe Strecke gefahren wir in zwei Wochen. Ihnen gilt unsere Bewunderung. Es zeigt mal wieder, dass mit Kindern auch die weitentfernten Abenteuer bestanden werden können. Etwas, das sich selten jemand in Deutschland vorstellen kann. Echt toll!

DSC_7069_blogDie Piste bis in das 750 Kilometer entfernte Ulaangom beginnt südlich von Mörön. Die ersten Kilometer sind zwar sehr buckelig, doch davon lassen wir uns nicht abschrecken. Der Rest bis Ulaangom ist nahezu perfektes Fahren. “Easy going” würde der Australier sagen. Es gibt keine Flussdurchquerungen, der Boden ist sandig, aber fest. Selbst die wenigen Pässe um die 1900 Höhenmeter sind ein Klacks. Landschaftlich ist die Strecke sehr abwechslungsreich, von den typisch grünen Hügeln über Flüsse und Bäche, schroffen Felsen und Bergen bis hin zur Dünenlandschaft. Besonders beeindruckend ist der Abschnitt Tsetserleg (das Dritte mittlerweile) – Bayantes – Tes. DSC_7096a_blog

In Tsetserleg suchen wir über eine halbe Stunde nach dem Wasserhaus. In diesen Pumpenhäusern befüllen wir nämlich häufig unsere Trinkwasserkanister, genauso wie die Mongolen. Man muss nur die Person finden, die einen leeren Kanister auf einem Wägelchen vor sich her schiebt und dieser folgen. Nicht aber der mit dem vollen Kanister. Dann dauert das länger, auch wenn der Ort so überschaubar ist, wie Tsetserleg. Und fragen wir die Mongolen nach Wasser, indem wir durstig auf unsere leeren Trinkflaschen zeigen, schicken uns alle zu dem selben Geschäft im Dorf, aber nicht zum Wasserhaus.

Das ersehnte Wasserhaus

Das ersehnte Wasserhaus

Die Tankstellen des Dorfs finden hingegen mit Leichtigkeit, auch wenn diese sich auf das Wesentliche beschränken. Es gibt eine oder zwei Zapfsäulen. Zwei bis drei verschiedene Spritsorten, die verfügbar sind. Eine Person bedient und bei der wird auch bezahlt. Punkt. Kein Dach, kein Geschäft, kein Klo. An einer Tankstelle wird eben nur auf einer Stelle getankt. Reicht ja auch.

Tanke in Tsetserleg

Tanke in Tsetserleg

Mehrere Fotostopps ziehen die paar Kilometer so in die Länge, dass die Männer mir ein Fotografierverbot auferlegen. Ich darf jetzt nur noch einmal pro Stunde ein Foto schießen. Doch bald merken die beiden, dass die Rechnung bei SO einer Landschaft nicht ganz aufgeht. Schon allein die Piste ist so kunstvoll, dass sie von einem japanischen Gärtner hätte stammen können, der mit seine Harke in stoischer Ruhe diese Spuren in die Landschaft harkt.IMG_4133a_blog

DSC_7152_blogHinter Tes ereilt uns ein Unwetter. Die Landschaft ist traumhaft, wie jeden Tag. Es fällt schwer, weiterzufahren. Wir campen in einem Hügelkessel, von dessen Grat wir in die Märchenlandschaft des Nordens blicken. Doch die Idylle trügt, denn abends sammeln sich fette Regenwolken über den weit entfernten Bergen und türmen sich zu Gewitterwolken auf. Aufgrund der Weite der Landschaft, können wir das sehr gut beobachten. Gegen 21:30 Uhr schleicht es sich von vorne an. Schwarz wie die Nacht, mit kräftigen Blitzen und einer Wand aus Regen. So richtig wohl ist uns nicht dabei, trotz der Erleichterung, dass es uns nur streifen wird. DSC_7190_blogHinter Tes beginnen die Böörög Deliyn els, eine langgestreckte, borstige Dünenlandschaft, die wir am Rande streifen. Ab Dzüüngovi durchqueren wir sie nach Norden, weil wir von Osten an den Uvs nuur heranfahren wollen. Der Abschnitt liegt nicht unmittelbar auf der Nordroute, sondern stellt für uns ein Abzweig in einer andere Landschaft dar, auf die wir einfach Lust haben. Takhi fühlt sich jedenfalls pudelwohl, denn der Sand entspannt doch die Beine nach etlichen Steinbrocken, Wellblech und Schlaglöchern.

50 km auf und durch die Böörög Deliyn els

50 km auf und durch die Böörög Deliyn els

Der Uvs nuur ist die größte Pfütze der Mongolei, wie Matze uns jeden Tag erklärt. Er ist fünfmal so salzig wie das Meer und bietet 200 verschiedenen Vogelarten Lebens-, Brut-, und Nahrungsraum. Weil hier so unterschiedliche Lebensräume (Salzwasser, Flüsse, Sanddünen, Nadelwälder, Bergregionen) auf engem Raum zusammentreffen, wurde dieses Gebiet zum UNESCO Biospären Reservat ausgerufen. Da wir aus zeitlichen Gründen nicht in die Gobiwüste gefahren sind, bekommen wir nun doch ein Stück Wüstenerlebnis und das so grün und abwechslungsreich.

Kurz vor dem Uvs nuur: hellgelbe Sanddüne am Horizont

Kurz vor dem Uvs nuur: hellgelbe Sanddüne am Horizont

Kurz vor dem Uvs nuur, an der Mündung des Naryin gol bringen hellgelbe Sanddünen den magischen Überraschungsmoment. Gerade die Sekunden, in denen wir etwas völlig Unerwartetes entdecken, sind die schönsten Momente. Anschließend suchen wir uns den Weg durch das matschige und brackige Delta des Flusses. So viel salzhaltigen Matsch am Unterboden haben wir nicht bedacht. In Ulaangom, der nächstgrößeren Stadt, wird deshalb eine Wäsche für Takhi fällig. Die auf der Karte gelb eingetragene Piste verläuft dicht am Ufer des Uvs nuur.

Der LKW ist stets Garantie für die richtig gewählte Hauptstraße

Der LKW ist stets Garantie für die richtig gewählte Hauptstraße

Wie sich später herausstellen wird, kommen wir am folgenen Tag dem Gewässer jedenfalls nicht mehr näher. Deshalb verlassen wir uns auf unser Bauchgefühl und bleiben am Ende der ersten Bucht stehen, genießen die salzhaltige Luft, die uns an Nord- und Ostsee erinnert, genießen die hohen Berge in weiter Ferne und die seltsame, panierte Jagdwurst auf unseren Tellern. IMG_4193_blog

 

1 Kommentar

  1. Elli's

    Hallo Sarah, bloß nicht klein kriegen lassen. Ohne Fotos, das geht ja gar nicht.
    Du beschreibst zwar alles sehr gut und auch poetisch
    aber die Bilder sind Klasse. Brauchst dich ja jetzt nur noch gegen Einen durchsetzen,
    Sag Bescheid, wenn er nicht spurt….
    Ach ja…und nächste Woche soll es Sommer in Deutschland werden….dann braucht Matze auch nicht mehr frieren, wenn er nach Hause fliegt.

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