3.1 ULANBATAAR

28. Mai 2015

Erst in der Dämmerung erreichen wir das Oasis Guesthouse in Ulanbataar. Die 360 Kilometer von dem Grenzdorf Altanbulag bis hierher haben sich in die Länge gezogen. Nichtsdestotrotz war die Straße besser als erwartet, der mongolische Himmel gigantisch und die Landschaft darunter ein Vorgeschmack auf das, was in den nächsten vier Wochen noch kommen mag. Zwei “Umleitungen” an Straßenbaustellen auf der einzigen Nord-Süd-Verbindung zwischen Russland und China machen uns mit der klassischen mongolischen Straße bekannt: die Abkürzung von A nach B ist eine staubige oder matschige braune Piste, die sich zu fünf oder sieben Spuren gleichzeitig aufgabelt, ohne das eine bestimmte Richtung erkennbar ist. Der Fahrer darf anhand des Straßenzustandes wählen und hoffen, dass die Richtung noch stimmt.IMG_3920_blog Aber Gott sei Dank führen, wie Julius Cäsar schon wusste, alle Straßen nach Rom und so fließen auch alle Pisten irgendwann  wieder in eine Richtung zusammen. Schlau der ist, der ein funktionstüchtiges Navi besitzt. Unseres machte ab Grenzübertritt die Biege. Es ließ sich nicht mehr aufladen und gab mir gerade noch so die Zeit, einen Blick auf das Straßennetz von Ulan Bataar zu werfen, um mittels meiner Vorstellungskraft uns den Weg zum Oasis Guesthouse zu lotsen.

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Knapp eine Woche werden wir hier verbringen. In Gänze nicht ganz freiwillig, denn in der mongolischen Haupt- und Großstadt erwarten wir zwei Dinge: unseren Freund Matze, der mit uns seinen vierwöchigen Urlaub verbringen möchte und unsere Luftbälge, auf die wir seit mehr als zwei Monaten warten. Ersterer trifft definitiv am 1. Juni ein, letztere wohl hoffentlich am 3. Juni. Die Spannung steigt bei uns von Tag zu Tag. Und während der Wartezeit soll und muss einiges am Auto repariert werden.

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Was für harte Männer: der Autoteilemarkt.

Dazu trifft sich Thomas mit Dawaa, einem Mongolen, der sich mit den L300s bestens auskennt, denn er hat schon drei davon besessen. Den Kontakt hat Thomas über mehrere Ecken im Internet und Zufälle bekommen. Dawaa spricht aber kaum Deutsch und nur wenig Englisch. Deshalb treffen wir uns mit Odmaa, auch eine Mongolin, die wir in Deutschland bei einem Mongolei-Vortrag von Frank Riedinger kennengelernt haben. Natürlich ist ist Franks Frau, spricht Deutsch und hilft uns beim Übersetzen. Zufällig ist sie in der Stadt, weil sie selbst nachhaltige Reisen durch die Mongolei anbietet (bei Interesse klickt hier: Odkha Travel) und im Juni ihre ersten Gäste des Jahres erwartet. Welch’ ungeheure Erleichterung das ist, solche netten Menschen kennen zu dürfen! Außerdem befindet sich neben dem Oasis eine Autowerkstatt eines fröhlichen Japaners, der natürlich öfter mal im Guesthouse vorbeischaut. So auch heute, denn bei Fahrzeugen von Überlandreisenden gibt es ja immer was zu tun. So bildet sich am Nachmittag des 29. Mai eine gesellige Runde um unser Auto, die prüft und diskutiert, was angesichts der mongolischen Straßen zu tun ist und was nicht. Dawaa macht einen erfahrenen und ehrlichen Eindruck auf uns und so entscheiden wir, dass Thomas mit Dawaa das repariert, was er reparieren kann. Den Rest soll der Japaner von nebenan erledigen. Gleich am nächsten Tag geht es los. Zunächst mit einem Einkaufsbummel auf dem Autoteile- und Schwarzmarkt der Stadt. Nein, es handelt sich nicht um einen richtigen Schwarzmarkt, der heißt nur so. Den Bummelnden erwarten etliche Verkaufsstände mit jeglichem Gedöns von der Plastiktasse über Klamotten, Taschen, Zelte, Möbel bis hin zum mongolischen Reiterequipment … sowie ALLES Erdenkliche an Autoteilen, gebraucht wie neu.

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Werkstattkurs mit Dawaa

Reparaturliste

  • Die zwei mittleren Blattfedern werden ausgetauscht und zusätzlich eine neue Lage eingebaut. Statt vier Lagen, haben wir jetzt fünf.
  • Die Blattfederhalterungen mit dem Gummidämpfer darin sind durch und werden somit ausgetauscht.
  • Die temporäre Lösung mit den Spiralfedern aus Omsk fällt weg. Dawaa hält angesichts der bevorstehenden Straßen nicht viel davon. Zu instabil. Zu provisorisch eingebaut.
  • Ein Ölwechsel wird durchgeführt.
  • Die Glühbirne des linken Blinkers wird ausgetauscht.
  • Die Ventildeckeldichtung wird erneuert.
  • Das Klappern und Klickern am rechten Vorderrad wird untersucht. Es scheint als seien die Radlager leicht defekt, was sich durch klickern bemerkbar macht, dennoch wird von einem Austausch abgeraten (das sieht auch der Japaner aus der Werkstatt so), da die Reifen kein Spiel haben. Wir behalten das im Auge. Alle Achsmanschetten sind gut gefettet, nichts ist undicht.
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Blattfedern werden getauscht. Mindestens ein interessierter Mongole guckt immer zu.

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Blattfederhalterung muss auch neu …

Ich bekomme am Ende des Tages einen sehr schmutzigen, aber umso zufriedeneren Thomas zurück. Das tut gut! Er freut sich, dass er so viel von Dawaa gelernt und der Tag ihm deshalb so viel an Erfahrung eingebracht hat.

Die gute Seele Odmaa hilft uns bei der Besorgung einer SIM-Karte und der Reparatur unseres Tablets in der Stadt. Sie nimmt sich für uns den restlichen Tag Zeit und fährt mit uns in die Innenstadt. Anderthalb Stunden Fahrt für drei Kilometer. Die Ulan Bataaren sind nicht zu beneiden mit ihrem Verkehr! Im “TEDY”, einem mongolischen Mediamarkt mitten im Zentrum, gibt es ein Zimmer im 5. Stock am Ende eines Ganges, in dem ein findiger Mongole sitzt, der uns das Ding vielleicht reparieren könnte. Leider haben diese Tablets von Motorola, Modell Xoom2, alle das gleiche Problem: Der Steckanschluss des Gerätes ist ein großes Sensibelchen und nuddelt so schnell aus, dass das Gerät nach 2 Monaten Dauerbenutzung unbrauchbar ist. Technik, die absolut nicht begeistert. Nachdem Odmaa und ich die SIM-Karte geholt haben, ist der Mongole fast fertig mit dem Auseinanderbauen, Löten und wieder Zusammenbauen. Der Ladetest mit unserem Kabel ist positiv: es lädt wieder! Hoffentlich halten die mongolischen Fähigkeiten länger, als sie ihnen nachgesagt werden. Doch auch wenn nicht, sind wir trotzdem froh, dass es in Asien diese Möglichkeit zur Reparatur gibt. Jetzt können wir das alte Gerät weiter nutzen, so lange es geht. In Deutschland hätten wir es wegwerfen können, weil sich eine Reparatur nicht lohnt. Welch Materialverschwendung das doch bei uns Zuhause immer ist …

1. Juni 2015

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Es ist Feiertag, die Straßen sind morgens fast leer. Wir brausen in 15 Minuten mit beinah grüner Welle zum 18 Kilometer entfernten Flughafen durch, um Matze 8:20 Uhr abzuholen. Er überhäuft uns mit Geschenken und lange erwarteten Dingen, als würden Weihnachten und unsere Geburtstage zusammenfallen:

  • die zweiten Pässe mit den Visen von Tadschikistan, Pakistan und Indien,
  • das teure Carnet de Passage, das wir für die Durchreise mit eigenem Fahrzeug durch Pakistan und Indien benötigen,
  • auf Wunsch Landkarten und einen Reiseführer dieser Länder,
  • drei Glühkerzen für die Standheizung
  • eine Packung Kaffee,
  • ein Parmesankäse
  • zwei Tuben Kaviarcreme mit Dillnote
  • eine Tüte Tabak und
  • eine Tafel Milka Schokolade
  • jetzt prangen auch Aufkleber von der Hansestadt Rostock auf unserem Auto – danke ihr lieben Eltern!

Ankunft, Zusammenkunft, Geschenke und eine gute Reise feiern wir gemeinsam mit Odmaa im Hot-Pot-Restaurant “The Bull”. Hot-Pot ist eine typisch asiatische Art gemeinsam zu Essen. Das kennen wir schon aus Vietnam. Doch statt eines großen “Pottes”, darf jeder sein eigenes Süppchen köcheln. Die steht bei jedem Gast auf einer eigenen kleinen Herdplatte auf dem Tisch. Die Suppe wird mit Erdnusspaste, Sojasoße, Koriander und Lauchzwiebel selbst nachgewürzt. Dazu wählt man alle Beilagen aus, die in der Suppe gekocht werden sollen. Wir entscheiden uns für Nudeln und Reis, eine große Gemüseplatte, feines Pferdebauchfleisch, Lammfilet und kleine Hackbällchen. Doch die Männer machen lange Gesichter: es wird kein Bier zum Abendbrot verkauft. Wie, kein Bier??? Am Ersten eines jeden Monats gilt Verkaufsverbot von jedwedem Alkohol. Ausgerechnet heute ist der 1. Juni. Doch das hervorragende Essen lässt die beiden die herbe Enttäuschung  schnell vergessen.

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3. Juni 2015

FotoHeute ist der Tag aller Tage: wir holen die lang ersehnten Luftbälge vom Cargo Terminal ab. Das dauert fast 5 Stunden, ohne Hin- und Rückfahrt, aber inklusive Mittagspause aller Bediensteten. Wir bewundern uns alle gegenseitig, dass wir hinterher noch so entspannt sind. Thomas “spricht” mit gefühlt 15 verschiedenen Personen. Zwei davon können ein paar Brocken Englisch, der Rest nicht. Er geht vom einen in das nächste Zimmer, wird in ein anderes geschickt und kommt in dem ersten wieder an, bevor er wieder in ein anderes, viertes Zimmer muss. Sind wir etwa im Haus, das Verrückte macht? “…Passierschein A38? … Den Passierschein A38 bekommen Sie an Schalter 1, linker Gang, letzte Tür rechts.“ … „Hier ist nicht Schalter 1.  Ich weiß auch nicht, wo der ist. Schauen Sie auf den Plan im 6. Stock.“ …Endlich am Schalter 1 heißt es: „Dafür benötigen Sie das rosa Formular. Das bekommen Sie am Schalter 2…”  Und alles auf Mongolisch. Wir nehmen’s mit einem Schmunzeln, denn auch die Mongolen, die etwas zu verzollen haben, hängen genauso lange rum wie wir. Nach fünf Stunden schließlich hält er das Paket in den Händen. “Bloß weg hier!”, meint Thomas.

Auf dem Rückweg halten wir am Zaisan Monument, eines der wenigen Attraktionen, die die kälteste Hauptstadt der Welt zu bieten hat. Es gedenkt den sowjetischen Soldaten, die im 2. Weltkrieg auf mongolischem Boden bei Khalkin Gol gefallen sind, als sie gegen die Japaner kämpften. Auch die Mongolen zogen mit ihren Pferden an der Seite der Russen gegen die Japaner in den Kampf und so gilt dieses Monument bei den Mongolen als Zeichen mongolisch-russischer Freundschaft. Die Mosaike im Inneren eines schwebenden Betonrings, der von einem unbekannten Soldaten gehalten wird, erzählen in sowjetischem Stil die Niederlage der Nazis und Japaner. IMG_3955_blog

612 Stufen führen zu dem Monument hinauf, von dem wir einen ausgedehnten Blick über die immer größer werdende Stadt haben, deren gesichtslose Hochhausviertel mit fantasievollen Namen wie „Diamond City“ sich wie Krebsgeschwüre in jedes noch so kleine und ehemals geschützte Tal ausbreiten.

DSC_6592_blogDie Tage im Oasis sind nun gezählt. Wir haben Hummeln im Hintern, wollen endlich raus aus der Stadt und rein in die mongolische Natur. Die Luftbälge werden irgendwann unterwegs eingebaut, meint Thomas. Am 28. Juni muss Matze von Ölgii zurück nach Ulan Bataar und anschließend weiter nach Deutschland fliegen. Etwa dreieinhalb Wochen oder circa 2000 Kilometer gen Westen liegen jetzt vor uns. Wenn alles gut geht, wollen wir auch in die mongolische Altai-Region. Je nach Zeit auch ohne Matze. Sicherheitshalber haben wir uns bei der Immigrationsbehörde vor Ort eine Verlängerung des Visums um 10 Tage erkauft. Das geht sehr zügig, wenn man ein Passfoto, eine Kopie des Passes samt Einreisestempel und eine schriftliche Begründung vorlegt. Binnen einer Stunde erhielten wir unsere Pässe mit neuem Stempel zurück.

Unseren Reiseplänen liegt seit langem nichts mehr im Wege. Wir freuen uns auf die nächsten 2000 Kilometer!

3 Kommentare

  1. Ellis

    Hallo ihr 3…..na das sind ja tolle Nachrichten. Aber nun solle das Auto laufen. Drücken die Daumen, dass alles möglichst lange hält. Sind gespannt auf einen Reisebericht
    Wir sind gerade in Südnorwegen unterwegs und Proben das Campen, aber nur für 2 Wochen.
    LG an Matze…..

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Bei einem auto Baujahr 1994 werden sicher noch ein paar Reparaturen auf uns warten. Schöne Grüße nach norwegen. Hattet ihr schon einen Lachs an der Angel?

      Antworten
      1. Ellis

        Nein nur auf der Theke. kein Glück gehabt. Norwegen ist ein tolles Land, waren bestimmt nicht zum letzten Mal da. Donnerstag sind wir wieder in Deutschland. aber so ist es – wir haben nur Urlaub ….

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