3.0 GRENZGESCHICHTEN

KYAKHTA – ALTANBULAG oder RUSSLAND – MONGOLEI

Die schöne Sonnenzeit am Baikal ist nun endgültig vorbei. Wir sind tatsächlich etwas traurig gewesen, als wir weiterziehen mussten. Der Grund: am 1. Juni erwarten wir unseren Freund und künftigen Reisebegleiter Matze in Ulan Bator (Mongolei) am Dschinggis Khan Flughafen. Mit ihm werden wir zu dritt durch die Mongolei fahren. Wir sind gespannt, wie das wohl werden mag!

Die Stadt Kyakhta wirkt für eine Grenzstadt untypisch freundlich und normal. Am 27. Mai erreichen wir den Ort in strömendem Regen. Unsere Pässe werden am Ortseingang an einer großen Kontrollstation geprüft. Spät abends wird es schwierig, einen geeigneten Schlafplatz zu finden, bei so viel Militär in der Stadt. Da kommt der Berg des örtlichen Friedhofs gerade recht. Russischen Friedhöfen konnten wir bislang nie etwas abgewinnen. Alle Gräber werden mit einem hellblauen Stabgitterzaun eingegrenzt. Das sieht dann so aus, als würde sich der Kreis vom Baby im Laufgitter zum Toten im Sterbegitter schließen. Grabsteine sind entweder aus Beton oder auch als Stabgitter mit einem roten, ausgeblichenen Stern darauf angefertigt. Selten gibt es kunstvolle Grabmale. Der Blumenschmuck ist ausschließlich künstlich und in grellen Farben, vor allem jetzt nach dem Winter. Vielleicht pflanzen sie ja im Sommer auch richtige Pflanzen? Für mich sind diese Friedhöfe mitunter das ungewöhnlichste, das ich in Russland gesehen habe, denn ich kann mit ihnen so gar nichts anfangen. Hier, am Friedhof von Kyakhta, dem Grenzfriedhof also, endet der erste Teil unserer Reise durch Russland.

Die Grenze befindet sich in Sichtweite ein paar wenige Meter außerhalb der Stadt. Vor uns stehen ein paar LKWs und wenige Autos mit mongolischen Kennzeichen. Wir werden durchgewunken, denn dort wo die Mongolen warten, sollen wir wohl nicht hin. Aber uns sagt auch keiner, wo wir genau hin sollen. Sparsam ist die Ausschilderung und auch an einem Grenzposten kann mich sich schon mal verirren. Wir stellen uns neben dem russischen Abfertigungsgebäude auf. Der Kontrolleur kommt zu uns, nachdem er drei mongolische PKWs unter die Lupe genommen hat und alle weiterfahren dürfen. Er merkt, dass wir kein Russisch verstehen und holt weibliche Unterstützung. Sie gucken zunächst ins Auto – alle Türen auf – dann muss Thomas mit der Kontrolleurin ins Gebäude, während ich am Auto warte. Dort trägt sie die Daten des Fahrzeugs in ihren Computer ein, bevor wir zum Grenzschalter dürfen zum Ausstempeln. An so einem grauen Grenzschalter im eisigen Regen fühlen wir uns wie Ausgesetzte. Auf einem bröckeligen Betonsockel stehend quetschen wir uns an den Schalter und reichen die Pässe und Fahrzeugpapiere durch, während sich hinter uns ein dicker LKW in Richtung Russland durchschiebt. Wir passen gerade so in die Lücke zwischen Schalter und Fahrzeug. Alles in Ordnung, die Pässe gibt’s zurück. Eine hübsche Kontrolleurin überprüft ein letztes Mal unsere Pässe, öffnet die Schranke und wir fahren durch zum mongolischen Abfertigungsgebäude.

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Abfertigung Mongolei: Heute nix los.

 

Zuerst werden in einem Schalterhäuschen hinter der russischen Schranke die Fahrzeugdaten aufgenommen. Der Mann dort ist sehr nett. Er händigt uns einen kleinen Zettel aus, auf dem wir unsere groben Fahrzeugdaten eintragen und 3 Stempel im Abfertigungsgebäude sammeln müssen. Anschließend passieren wir ein braunes Desinfektionsbad, das schon so trübe ist, dass wir uns fragen, was da noch desinfiziert werden soll. Viele Reisende müssen hier wohl eine Gebühr entrichten, wir aber fahren durch, als hätte uns niemand gesehen. Das Abfertigungsgebäude ist nicht zu übersehen. Wir fahren unter die überdachte Durchfahrt, parken und stellen fest: keiner da. Also kein weiteres Fahrzeug. Wir sind die einzigen. Doch Ruhe wird uns nicht gelassen, wir werden gleich zum richtigen Eingang des Abfertigungsgebäudes bestellt. Dort erhalten wir beim Schalter für „Immigration“ eine Registrierungskarte. Die füllen wir aus, geben sie ab und bekommen gleich einen Einreisestempel in den Pass. Auf die allerletzte Seite ganz unten links und ganz klein, als ob der Mongole zu faul war zum Blättern. Dann müssen wir zu den Damen, die die Einfuhr des Fahrzeugs und die Zolldeklaration durchführen. Vor uns stehen zwei LKW-Fahrer, die auch ihre Stempel sammeln müssen und wahrscheinlich etwas mehr zu verzollen haben als wir. Nach 20 Minuten wird Thomas ungeduldig. Er reicht den Papierzettel den beiden Damen schon mal durch. Die beordern eine andere junge Frau, die sich in der Zwischenzeit unser Auto ansehen soll. Die guckt, beinah schüchtern, überall und oberflächlich rein. Wir gehen zurück. Der erste Stempel sitzt. Die LKW-Fahrer sind immer noch da und jetzt auch ein paar andere Leute. Eine Reisegruppe mit Mongolen oder Koreanern schleust sich durch. Es wird voll in dem Gebäude. Dann bekommen wir die Zettel für die Zolldeklaration von der älteren Dame. Alles auf Russisch. Sie entschuldigt sich und erklärt uns mit ihrem bisschen Englisch, was Thomas wo eintragen soll: Nachname, Vorname, Geburtsdatum … Bei dem Abschnitt „Haben Sie was zu verzollen?“ müssen wir dreimal was ankreuzen. Sie tippt auf die Kästchen und sagt: „Here no … no … have you narcotics?“ Wir schütteln mit dem Kopf. “ … ok, no.“ Dann noch eine Unterschrift. Der zweite Stempel wird auf dem Papierzettel eingetragen. Mittlerweile stehen jetzt mehrere mongolische LKW-Fahrer um uns, die sich alle wie kleine Wieselchen vordrängeln. Unbeirrt füllt die jüngere von den beiden Damen die Einfuhrgenehmigung für unser Auto aus. Das ist das wichtigste Dokument neben den Einreisestempeln für die Mongolei! Diese Genehmigung müssen wir bei der Ausreise in Tsagaannuur wieder vorlegen, sonst gibt’s Ärger. Die junge Dame will sich unser Auto auch anschauen. Ok, alles nochmal aufmachen und erklären, was das alles ist. Sie blickt bloß oberflächlich bei uns rein. Ich frage mich, was die dabei wohl sehen und was sie eigentlich interessiert? Am Schalter zurück bekommen wir alle Dokumente, aber der dritte Stempel fehlt noch. Wo bekommen wir den, fragen wir die jüngere Dame. Sie überlegt, als wüsste sie es selbst nicht so ganz. Dabei machen die das doch nicht zum ersten Mal, denke ich. „Beim Immigrationschalter“, fällt es ihr dann ein. Da waren wir ja schon mit den Pässen. Der Beamte dort schaut uns wiederum verdutzt an, was wir bloß von ihm wollen – einen Stempel? „Das macht doch der und der.“, brubbelt er und ruft jemanden über seinen Glaskasten hinweg. Da schneit ein Mann mit Regenkutte herein, stoppt kurz vor uns, zieht einen kleinen Stempel aus seinem Mantel und drückt diesen fast im Vorbeigehen auf unseren Zettel. Als wäre der völlig nebensächlich. Gut. Insgesamt vier Stempel haben wir gesammelt, jetzt kann es losgehen.

Weil ich noch am Bankschalter im Abfertigungsgebäude unsere gehorteten Euros umtausche und wir nicht in Eile sind, kommt jetzt die dritte Kontrolleurin zu unserem Auto. Wir sollen nochmal unser Auto öffnen. Och nö, denken wir. Thomas zeigt ihr alle vier Stempel, die wir gesammelt haben. Dann winkt sie uns durch. Gott sei Dank, nicht noch einmal alles aufmachen und zeigen!

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Da hinten, bei den bunten Häusern, ist mongolischer Boden!

 

Die Pässe und Fahrzeugpapiere werden beim letzten Posten noch einmal kontrolliert. Dann wird die Schranke hochgelassen und wir sind drin. Ach nein, doch nicht. Wir müssen noch eine Autoversicherung am aber jetzt wirklich allerletzten Häuschen vor der Mongolei kaufen. Das muss jeder, der in die Mongolei möchte. Wir bezahlen 63.000 Tugrik. Das ist die mongolische Währung, alles andere wäre viel teurer gewesen. Leider ist in dem Häuschen der Strom komplett ausgefallen. So bekommen wir die Versicherung in Handschrift ausgestellt. So, danach aber, also jetzt, jetzt sind wir drin in der Mongolei. In Altanbulag.

Welcome to Mongolia!

Welcome to Mongolia!

P.S. Es gibt 100m vor dem Autoversicherungshäuschen noch ein Häuschen, in dem angeblich noch Steuern für irgendwas gezahlt werden sollen. Das haben wir (bewusst oder unbewusst, wir wissen es nicht) übersehen und uns hat man wohl auch übersehen.

2 Kommentare

  1. Mario

    Hallo ihr zwei. Hanjo und Stefan mit den Hiluxen sind auch seit dem 08.06. in der Mongolei. Sie wollen nun Richtung Altai und Wüste Gobi. Euch wünsch ich weiterhin eine schöne Fahrt. Gruß Mario

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Macht das, wir sind nun am Khövsgul Lake und fahren morgen weiter Richtung Ulangoom. Ausser uns gibts hier keine anderen Overlandern, also werden wir uns nicht verfehlen!

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