2.7 REGION BAIKAL

Die Straße von Irkutsk führt direkt zum Baikalsee. Etwa 80 Kilometer und wir sind da, in Burjatien, dem Land am Baikal. Die Menschen hier haben viel mit den Mongolen gemeinsam, besonders ihr Aussehen und ihre Traditionen. Tibetischer Buddhismus ist vielerorts verbreitet. Und auch Ovoos – heilige Orte, die einem Naturgeist gewidmet sind und Glück bringen sollen – werden wir finden, die tief in der Religion der Mongolen verankert sind. 

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Regenschauer huschen am Abend über schneebedeckte Berge und einen großen, grauen See. Wolken sind wild durchkämmt vom Wind, der aus unserer Richtung weht. Die Landschaft hat sich mit einem Schlag dramatisch verändert. Glauben können wir es noch nicht, nach so vielen Kilometern. Doch der großzügige Blick auf die ersten großen Berge des Khamar Daban und über den Baikalsee sind Balsam für die Seele. Knapp eine Woche liegt nun vor uns, die wir am tiefsten und größten Süßwassersee der Welt verbringen wollen. Er ist die blaue Perle Sibiriens, sagenumwoben und vielerorts besungen, voller Mythen und voller Wasser – mehr als in der Ostsee.

Eine Stimme im Bauch flüsterte einmal eines Tages zu mir: “Fahre an das Ostufer des Baikalsees. Fahre bis zu den Bergen der Heiligen Nase und wenn du kannst, dann fahre weiter gen Osten in das wunderschöne Bargusin-Tal, wo Dschinggis Khans Mutter den Legenden nach geboren sein soll.” Man soll seinem Bauchgefühl immer trauen. So machen wir das, habe ich damals zu Thomas gesagt, der lieber an das Westufer wollte, dort wo die geheimnisvolle Insel Olkhon liegt. Als er den Wetterbericht für beide Regionen in Irkutsk prüfte, stimmte er meinem Vorschlag zu. Das Wetter im Osten wird besser, meinte er.

NACH ULAN-UDE

Die ersten kleinen Städte, die sich wie eine Perlenkette am südlichen Ufer des Baikals aneinander reihen, ziehen auf dem Weg nach Ulan-Ude an uns vorbei: Slyudyanka und Baikalsk, Vudrino, Thanoy und Babuschkin. Hier halten die Züge, mit denen dieser Teil des Baikals von Irkutsk nach Ulan-Ude umfahren werden kann. Von vielen Reisenden wird er als einer der schönsten Abschnitte der Transibirischen Eisenbahn beschrieben. Doch wir halten nicht. Unser Interesse gilt einem Schlafplatz ohne Stadt. Überraschend wenig Aussicht bietet die Straße auf den See. Sie windet sich die Füße der Berge hinauf und hinab. Manchmal ist sie so schmal, dass wir auf entgegenkommende LKWs aufpassen müssen.

Passiert schon mal ...

Passiert schon mal …

Einer liegt gerade vor uns im Straßengraben. Wir finden einen Platz in der Nähe des Dörfchens Murino. Direkt am See. Kieselstrand. Kiefern. Steife Brise. Sonnenuntergang. Es könnte fast die Darßer Halbinsel an der Ostsee sein, wäre da nicht das bergige Westufer am Horizont. Wir wollen Lagerfeuer machen, sammeln angespültes Holz. Aber der nächste Schauer folgt schon. Die Sonne zaubert danach ein Farbenspiel von hellgraublau bis dunkelviolett in die Wolken. Die Kiefern leuchten lindgrün. Die hellgrauen Steine blenden unsere Augen. Ein schöner Anfang am Baikal.

 

Strand bei Murino

Strand bei Murino

Wir fahren am nächsten Morgen direkt nach Ulan-Ude weiter. In der Nähe von Babuschkin kauft Thomas einen getrockneten Fisch am Straßenstand bei einer alten Frau mit grünem Kopftuch. An fast jedem kleinen Dorf steht hier jemand an der Straße und verkauft Fisch. Der Omul ist DER Fisch des Baikals. Was der Hering für die Ostsee, ist der Omul für den Baikal. Er sieht auch fast so ähnlich aus. Den gibt es vorwiegend getrocknet oder geräuchert. Der, den Thomas in der Hand hält, soll 20 Rubel kosten. Leider hat sie keinen Omul, aber der ist auch gut, meint sie.

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Thomas hat nicht genug Kleingeld, kann ihr nur 10 Rubel dafür geben. “Na gut”, sagt sie, “dann eben 10.” Dann finde ich im Auto noch ein Paar Fünf-Rubel-Münzen und drücke sie ihr in die Hand. Sie freut sich und lachend wünscht sie uns was, was auch immer, aber auf jeden Fall muss es was Gutes sein, denn das Wetter bessert sich von da an jeden Tag. Wir machen eine Pause am Kloster von Posolskoje.

Bei Posolskoje

Bei Posolskoje

Es liegt am Mündungsdelta des Flusses Selenga, der aus den westlichen Bergen der Mongolei entspringt, sich durch die nördlichen Regionen windet und über Ulan-Ude in den Baikalsee fließt. Er ist der größte Zustrom des Baikals. Rinder grasen auf den umliegenden, trockenen Wiesen. Wir suchen Windschutz hinter einem trockengelegten Boot auf einer sandigen Landzunge mit Blick auf das weiße Kloster mit blauen Turmspitzen. Der Fisch schmeckt Thomas nicht, zu ungewohnt sind der Anblick und die gummiartige Konsistenz. Ich esse auf, was geht, denn mitleidig schauen mich seine toten Augen an. Den Rest bekommen die Möwen. Wir kommen spät an in Ulan-Ude. Am Ortseingang werden wir polizeilich kontrolliert. Als der Polizist merkt, dass wir kein Russisch verstehen und Deutsche sind, ruft er grinsend: “Ich heiße Alex!” und winkt uns durch. Durch den Stau in der Stadt finden wir geradeso Zeit für das übliche Programm: Wäscherei (ul. Gagarina 45), Supermarkt, Tanke. Erst auf dem Rückweg wollen wir uns die Stadt ansehen. Es wird später Abend. Statt nordöstlich über die Passstraße zum Baikalsee zu fahren, nehmen wir die Straße zurück nach Ilinka, westlich von Ulan-Ude. Zur Abwechslung wollen wir morgens die Fähre über den Selenga nehmen. Wir schlafen also am Fluss, mitten auf einer Flussinsel und umzingelt von Pferden und Uferseeschwalben.

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Alle warten auf die Fähre

Es gibt zwei Fähren über den Selenga. Eine in Tataurovo und die zweite in Ilinka. Wir müssen jetzt nachsehen, welche überhaupt fährt, denn der Wasserstand des Flusses ist sehr niedrig. Die Trockenheit in dieser Gegend überrascht uns, hatten wir doch auf der ganzen Reise das Gefühl, dass es in regelmäßigen Abständen regnet. Aber wohl nicht genug am Baikal.  Die Fähre bei Ilinka hat Betrieb. Es ist ein röhrendes, kleines graues Boot, das schwere Stahlplatten auf Pontons neben sich her schiebt. Gerade kommt der russische Automobilclub von der anderen Uferseite heran: UAZ-LKW, UAZ-Bus, asiatischer Kleintransporter und ein Lada.

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Der Automobilclub Russlands

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Das russische Pumpwerk

Auf der anderen Seite führt eine Schotterpiste durch ursprüngliche Dörfer mit Holzhäuschen. Alle haben jetzt frisches Holz zum Heizen oder Bauen bekommen. Vor allem die hohen Zäune werden jetzt erneuert. Wir sammeln auf einer Wiese alte Holzlatten und Scheite ein und füllen unsere Wasserkanister plus den Wassersack an einem Pumpenhaus auf. Die Konstruktion der Pumpe sieht sehr abenteuerlich aus, aber es kommt Wasser raus, das ist die Hauptsache. Anschließend treffen wir auf die eigentliche Hauptstraße zum Baikalsee. Sie führt uns über Hügel, dicht von Taiga bewachsen, die noch im Winterschlaf steckt. Wieder einmal haben wir den Frühling überholt. Hinter den Wäldern versteckt sich der immer blaue Baikal vor uns. Nach 180 Kilometern ist Gremyachinsk der erste Ort direkt am See. Die Luft ist kühl und klar, doch die Sonne scheint und wärmt etwas. Zwischen Gremyachinsk und Turka schimmert der Baikal hinter den Bäumen hervor und ruft uns. Wir sind aufgeregt, wann wir denn endlich an den See kommen und DEN Platz finden, an dem wir bleiben wollen. Doch plötzlich stehen wir vor einer schwierigen Entscheidung: es reihen sich jetzt hunderte herrliche Plätze aneinander, unter Bäumen, auf einer Wiese, mit Strand oder Kiesel, hochgelegen oder eben zum Wasser, schattig oder sonnig. Einer schöner als der andere. Welchen bloß nehmen?  Eine große Wiese ohne Zivilisationsmüll, hoch oben an einem Steilufer, sagt uns zu.

Hier bleiben wir zwei Tage. Thomas geht Holz sammeln, ich wasche mich in unserem neuen Badeparadies zwischen Heck und aufgespannter Plane. Die Sonne erwärmt herrlich den windgeschützten Raum, so dass ich nackt nicht frieren muss.  Als Thomas Kiefernäste anschleppt, lukt plötzlich eine Hundeschnauze neugierig hinter der Plane hervor. “Huch! Wen hast du denn da im Schlepptau?”, rufe ich überrascht und verdecke meine intimen Stellen, als ob der Hund was damit anzufangen weiß.

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Im Badeparadies

Thomas hat ihn gar nicht hinterher kommen hören. Aber der denkt bloß ans Essen und weiß schon, dass es bald ein Lagerfeuer geben wird. Die Russen kochen nämlich nur über dem Feuer, wenn sie campen. Noch immer nackt in meiner Waschschüssel hockend beäuge ich misstrauisch den wuscheligen Schäferhundmischling, der mich mit seinen munteren Knopfaugen anguckt und sich von Thomas nicht so leicht verjagen lässt. Was der bloß denkt? Wir müssen alle drei ein herrliches Bild abgegeben haben.

DSC_6194_blogDie Berge am Horizont sehen fremdartig aus, als kämen sie aus einem fernen, fernen Land. Weit weg von unserer Heimat. Das ist der erste Moment, in dem wir uns der langen, großen Reise bewusst sind. Kristallklar ist jetzt die Luft. Kein Lüftchen regt sich. Der Baikal ist so blau wie der Himmel und der Himmel so blau wie der Baikal. Atmosphärisch und leise wabert die Luft über dem stillen Wasser. Als würden die Berge im Dunst eintauchen und wieder aufsteigen, verschwinden und zurückkehren. Wir hören ihn nicht, aber wir sehen wie Vater Baikal atmet. Ein und aus.

Der Baikal … Schon allein der Name fasziniert. Sinnbild vieler russischer Sagen und Legenden, Phantasie und Mystik. Eine Geschichte, die ich besonders mag, geht so:

BAIKAL – HYMNE

Herrliches Meer, o heil’iger Baikal,
Herrliches Schiff, gleich einer Omultonne.
He, Bargusin, blas die Wogen noch mal,
Bald ist das rettende Ufer gewonnen.
Klirrende Ketten hab lang ich verflucht,
vorsichtig bin durchs Gebirg‘ ich geschlichen.
Ein alter Gefährt verhalf mir zur Flucht;
Schließlich bin so ich ins Freie entwichen.
Schilka und Nertschinsk stehen wohl noch da,
Keiner der Wachposten hat mich gefangen,
Kein Raubtier im Dickicht kam mir zu nah,
Des Schützen Kugel ist vorbeigegangen.
Bin dann gewandert bei Tag und bei Nacht,
In Städte mied ich mit Vorsicht zu geh’n.
Die Bauersfrauen haben Brot mir gebracht,
Burschen oft auch den Tabak zum Dreh’n.
Herrliches Merr, o heili’ger Baikal!
Das löchrige Hemd ward zum Segeln am Mast.
He, Bargusin, blas die Wogen noch mal!
Der nahende Sturm gewährt keine Rast.

von Dimitrij Davidov

Die kommenden Tage am Baikalsee werden der Hymne fast entsprechen. Aber das wissen wir noch nicht.

SVYATOY NOS NATIONALPARK

Wir fahren weiter nördlich nach Ust-Bargusin, vorbei an traumhaft rauen Buchten und wilden Stränden. Das Winterkleid aus Eisschollen liegt angeschwemmt an der Küste meterhoch. Doch es sind bloß die letzten, weißbraunen Reste eines langen sibirischen Winters. DSC_6257_blog

Ust-Bargusin nennt Thomas das Holzdorf, denn offenbar hat hier jeder irgendwas mit Holz zu tun. Holz transportieren, sägen, hacken, häckseln, verbrennen, bauen und so weiter. Holz wird in großen Mengen aus den Wäldern geholt. Jeden tag sehen wir großen Lastwagen voller dicker Holzstämme vorbeifahren. Ob der Einschlag legal oder illegal ist, wissen wir nicht. Aber wie ich auf der interessanten Internetseite www.bww.irk.ru lese, gibt es zu viel davon. Möglicherweise einer der Gründe, weshalb es weniger regnet und Flüsse wie auch der See immer weniger Wasser tragen. In dem Dorf wehen uns Staubwolken in die Augen. DSC_6300_blogDie alte, rostige Fähre fährt schon lange nicht mehr. Der Fluss Bargusin hat zu niedrigen Wasserstand, das ist gewiss. Wir fahren über die neue Brücke zur Svyatoy Nos – der Heiligen Nase. Ihre Berge, die optisch von 0 auf mehr als 1800 Meter aus dem Baikal  empor schießen, erzeugen zwei großartige Buchten. Entlang der südlichen “Barguzinskiy zaliv” führt eine wellblechartige Piste tief in den Nationalpark, die in der nordöstlichen Bucht “Chivyrkuyskiy zaliv” endet. Genau dort wollen wir hin.

Für den Nationalpark muss Eintritt bezahlt werden. Wir gehen in das Wärterhäuschen, das ein großer Bauwagen ist. Wir sprechen kein Russisch und verstehen nur Bahnhof, als er mit dem Kopf schüttelt. Klar ist, wir kommen nicht rein. Dann fährt ein großer Geländewagen mit Touristen und einer Reiseleiterin vor. Sie spricht mit dem Wärter und darf natürlich weiter fahren. Als wir enttäuscht  den Rückweg antreten wollen, hält sie uns auf und erklärt in fließendem Englisch, dass aufgrund der Waldbrandgefahr, nur Besucher mit Genehmigung reingelassen werden. Die bekommen wir von der Nationalparkverwaltung in Ust-Bargusin, aber sie weiß nicht, ob das möglich ist. Aber falls es nicht klappt, können wir ja auch einfach den Seitenweg nehmen, meint sie, hier gleich links. Der führt auch zum Strand. Vielleicht sind da ein paar Fischer, aber im Grunde sieht es so aus, wie im Nationalpark. Ok. Wir probieren es selbst in Ust-Bargusin.

Auf der Suche in Ust-Bargusin

Auf der Suche in Ust-Bargusin

Die Nationalparkverwaltung, die auch “Visitor Center” heißt, finden wir nur mit Mühe am Ende der Leninstraße. Das Schild ist so klein, dass es gut zu übersehen ist. Leider ist geschlossen. Keine Chance für eine Genehmigung. Also doch der Seitenweg. Wachsam schauen wir nach vorne und in die Rückspiegel, ob uns niemand verfolgt. Könnte ja der Wärter vom Eingang kommen. Unser Navi zeigt uns den Seitenweg an, sogar mit einer Verbindung zur Hauptdurchfahrt im Nationalpark! Verdutzt schauen wir uns an. Ob das richtig ist? Vielleicht sind wir jetzt doch im Nationalpark, ohne es zu wollen-sollen? Wer weiß, irgendwer wird schon kommen, wenn es ihm nicht passt.

Wir folgen den Reifenspuren am Strand und übersehen dabei den Abzweig nach rechts auf einen festen Weg.

Ups

Ups

Im selben Moment bleiben wir im Sand stecken. Auch das noch. Jetzt kommen die Sandbleche und Schaufel zum Einsatz. Wir buddeln. Klappt wie geschnitten Brot. Nach 5 Minuten sind wir draußen. Thomas ist’s peinlich. Der Grund: Er hat seine Freilaufnabe nicht zugeschaltet, meine aber schon. Ouh, wir rollen mit den Augen. Ich sage: “Kann ja mal passieren nach 5 Jahren Abstinenz im Offroadbetrieb.”

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Bargusinskiy Bucht

Der erkämpfte Strandplatz ist grandios. Die Heilige Nase baut sich vor unseren Nasen hoch auf. Im Sand und unter Kiefern bereiten das Lagerfeuer vor und schnippeln Gemüse für die Nudeln. Es ist ein Ort, wie wir ihn uns an der Ostsee immer wünschten. Leise und neblig flimmert die Luft über dem Wasser. Berge tauchen ein und tauchen wieder auf. Wir sehen Brachvögel, Kraniche, große Greifvögel, viele Hasen und wilde Hunde. Mehrere Fischer mit ihren Lada Nivas, UAZes und Landcruisern passieren unseren Platz bis in den späten Abend. Einer hält an und fragt Thomas, ob er schon was geangelt hätte. Nee, sagt er, er hat keine Angel und außerdem verstehe er ihn nicht. “Ah”, ruft der Fischer, “ihr sprecht Deutsch.” Kann er auch ein bisschen. Seine Frau ist Deutsche. Ach so, guck mal einer an. Dann bläst er sein Schlauchboot auf und rudert in die Nacht auf den See.

Inkognito fahren wir in den Nationalpark, denn wir sind neugierige Leute. Wir wollen unbedingt wissen, wie es dort aussieht und ob wir nicht doch eine Nacht länger bleiben können. Aber Thomas ist sich unsicher. Der Nationalparkwächter ist ihm nicht geheuer und wer weiß, welche Strafe uns brummt, wenn wir hier ohne Genehmigung erwischt werden. Wir folgen unserem Bauchgefühl und beschließen, nur bis nach Monakhovo zu fahren, dann wollen wir umkehren und nach Bargusin weiter. Die Buckelpiste zu diesem kleinen Ort empfängt uns mit großen spitzen Steinen, ausgedehnten Bodenwellen und breiten Schlaglöchern. Hier müssen alle durch, die in den einsamen Fischerdörfern Katun und Kurbulik wohnen. Mein Gott, ist das eine schlechte Straße! Unsere Raupe zittert und rumpelt.

Das Gemälde einer Landschaft

Das Gemälde einer Landschaft

Die Landschaft und die unzähligen Naturcampingplätze entschädigen jedoch. Wir stellen uns jede Menge Russen im Sommer hier vor. Wie sie alle wie Robinson Crusoe ihre Zelte aufschlagen, baden und angeln gehen und den Fisch überm Feuer grillen. Dieser grandiose Ausblick auf die Berge der Svyatoy Nos sind schon einmalig, finden wir. Sattes Kieferngrün vor einer dunkel-lila Bergwand mit Schneekuppe, alles auf hellgelbem Pudersand mit Steinbrocken angerichtet. Darüber ein milchig blauer Himmel von Federwolken durchsetzt. Es ist warm. Ein Traum von einem Gemälde!

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Chivyrkuyskiy Bucht

Auf dem Rückweg wollen wir uns über den Seitenweg aus dem Nationalpark hinausschleichen. Aber nichts da. Am Strand stehen wir vor einer Mauer aus Sand, die der daneben stehende Bagger gerade aufgetürmt hat. “Oh nein, die schließen den Nationalpark! Wir müssen durchs Haupttor raus!”, denken wir beide gleichzeitig. Der Wärter kann sich an uns bestimmt noch sehr gut erinnern und sicher auch, dass wir keine Genehmigung haben. So ein Mist! Wir schlucken und fahren den Weg zurück zum Haupteingang, während unsere Gedanken kreisen, was wir ihm wie erklären sollen. Der Wächter grinst schon wohlwissend: “Wie gedenkt ihr jetzt hier rauszukommen? Das gibt eine saftige Strafe!”. Kleinlaut stehen wir jetzt neben ihm in seinem Wärterhaus. Mit strengem Blick und erhobener Stimme macht er uns klar, dass das so nicht geht. Thomas erhebt seine Stimme ebenfalls und erzählt von der Frau, der Reiseleiterin im Landcruiser, die uns gestern gesagt hat, was wir tun sollen, wenn das Visitor Center in Ust-Bargusin geschlossen ist – nämlich den Seitenweg fahren. Und dass der Wärter das ja wohl mit eigenen Augen gesehen hat. “You saw it, you saw it”, ruft Thomas bestimmt und macht diesen energischen Fingerzeig zu den Augen hin. Und ich sage ganz laut, “Beach, just beach!” und zeige in die Himmelsrichtung, wo der Strand liegt. Das geht so eine Weile. Nachdem ihm die Geschichte mit der Frau einleuchtet, die uns da etwas erzählt hat, was sie nicht sollte, verdreht er die Augen und schüttelt den Kopf. Als würde er denken: FRAUEN. WAS SOLL MAN DA BLOß MACHEN. Bezahlen müssen wir trotzdem für die Nacht. 100 Rubel pro Person. Wenn es weiter nichts ist. Wir willigen ein. Er stellt uns die ersehnte Genehmigung für die bereits vergangene Nacht aus, wünscht uns dann noch was, und wir fahren davon.

BARGUSIN TAL

Ein typischer Dorflafen mit Wachtposten

Ein typischer Dorflafen mit Wachtposten

Die holprige Asphaltstraße endet östlich von Ust-Barguzin und mündet in eine staubige Wellblechpiste, die sich in nordöstlicher Richtung nach Bargusin durch tiefe, dunkle Taiga schlängelt. Der Fluss Bargusin, der dem 230 Kilometer langen Tal und dem Dorf an dessen südwestlichem Ende den Namen gibt, zeigt sich ab und an durch die kerzengeraden Baumstämme des Nadelwaldes. Hier fahren alle lang, die ins Tal und darüber hinaus wollen: LKWS, Transporter, Busse, Schulbusse, PKWs und wir. Das Klappern am Vorderrad meldet sich zurück. Klong-klong-klong-klklklong-klklooong. Was soll’s. Es ist jetzt nicht zu ändern.

Abend bei Bargusin

Abend bei Bargusin

Es ist später Abend, als wir in Bargusin eintreffen. Langanhaltender Regen lässt bereits länger auf sich warten, das spüren wir. Staubwolken und Rauchschwaden hängen in der Luft. Flüsse und Wälder dürsten nach Wasser. Doch der Wetterbericht sagt nur Sonne und Wärme für die kommenden Tage voraus. Nachdem wir die Wasserpumpe im Ort gefunden und alles aufgetankt haben, schlagen wir unser Nachtlager am Fluss, ganz in der Nähe des Dorfes, auf. Seitdem wir hier in dieser Gegend sind, bereuen wir es zutiefst, kein Russisch sprechen zu können. Da sind wir beide einer Meinung. Wir haben so viele Fragen an die Leute hier, aber alles bleibt unausgesprochen. Mit dem Internet behelfen wir uns manchmal, aber es ist doch nicht dasselbe wie ein kurzer Schwatz mit den Leuten. Ich frage mich, wieso ich bloß mit 13 Jahren Tierärztin werden wollte und daraufhin in der Schule Latein als zweite Fremdsprache gewählt habe. So kann ich nicht mal irgendwas anderes sprechen. Hätte ich nicht ahnen können, dass ich einmal nach Russland fahren werde und mich mit einem alten Mann über das Dorfleben in Burjatien unterhalten möchte? Und wieso wollte Thomas im Russisch-Unterricht in der Schule nicht aufpassen? Jetzt wird uns das beiden zum Verhängnis. Russisch zu sprechen hätte unseren Weg durch Russland enorm bereichert. So aber bleiben wir stille Beobachter und vermögen nur ganz, ganz wenig in das Land und seine Leute einzutauchen.

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Sandsturm im Tal

 

Den Sandsturm, der durch das Barguzin-Tal fegt, bemerken wir erst, als wir mittendrin stehen. Der windgeschützte Standort am Fluss verriet uns am Morgen nichts davon. Er verschluckt alles, was ihm im Wege steht: die Sonne, den Himmel, die Erde, den Horizont, die Pflanzen, die Tiere, die Dörfer Ugo, Dushelan, Suvo und uns. Staub rieselt in Wolken durch die Lüftung. Wir haben Zweifel, ob überhaupt Luftfilter dahinter sind. Es knirscht zwischen den Zähnen. Alles ist eine erstaunlich braune Soße. Ob sich die Fahrt heute lohnt? Vor uns ragt unerwartet das “Sächsische Schloss” empor, bizarre Felsformationen inmitten runder brauner Hügel, die gar nicht ins Bild passen wollen.

Suvo und das Sächsische Schloss

Suvo und das Sächsische Schloss

Der Wind bleibt für Stunden garstig. Mit zusammengekniffenen Augen können wir die spitzen Gipfel Barguzin-Gebirges westlich hinter Suvo erahnen. Bei klarer Sicht muss der Anblick gewaltig sein! Eine atemberaubende Kulisse, vor dem das Dorf liegt. Der Gründer muss damals ein Auge dafür gehabt haben. Im alten Suvo erinnern nur der nagelneue, knallorange Minimarkt, ein paar wenige Autos, Motoräder und Strommasten an die Gegenwart. Russische Idylle wie vor hunderten von Jahren. Hier finden wir sicher einen der ursprünglichsten Orte Russlands.

Die westlichen Gipfel des Bargusin-Tals

Die westlichen Gipfel des Bargusin-Tals

Weiter nördlich treffen wir auf einen “Ovoo”, den ersten auf unserer Reise. Das ist ein heiliger Ort, dessen Geist Wünsche erfüllen kann, wenn der Wünschende genug opfert. Die meisten machen das wohl mit Wodka, denn es liegt ein Berg aus Wodkaflaschen daneben. Wir legen stattdessen Geld auf den Bullenstein – der das heilige Objekt ist – denn wir haben keinen Wodka, umkreisen ihn dreimal und wünschen uns was. Vielleicht reicht das für besseres Wetter.

Bänder am Ovoo

Bänder am Ovoo

Die Sicht auf die Gipfelkette klärt sich bereits langsam. Doch quer durch das 35 Kilometer breite Tal, durch das der Bargusin feinverästelt mäandriert, bleibt es sehr stürmisch. Hohes, gelbes Steppengras, große Findlinge und Rinderherden in scheinbar endloser Weite prägen das Bild. Wie großartig diese Landschaft ist! Doch derartige Trockenheit haben wir nicht erwartet. Es macht uns Sorgen, denn wir können uns nicht vorstellen, dass so eine Dürreperiode im Mai normal ist. Wie wird sich das Klima auf die Rinderherden auswirken? Was werden die Menschen tun, die von ihnen leben? Wieviel Wasser mag der Fluss in Zukunft tragen und in den Baikal spülen? Am Abend legt sich der Sturm als wäre nichts gewesen. DSC_6497a_blog

Zurück in Barguzin macht Thomas mir am folgenden, klaren Morgen ein Angebot: Wir fahren heute Vormittag noch einmal ins Tal bis zu dem Dorf Suvo. Um die schönen Berge und das Tal zu sehen, wie es wirklich ist. Darüber freue ich mich sehr. IMG_3861_panoEr hat auch schon den Ausblick für den Abend im Kopf: Würstchen, Stockbrot und Kieselstrand am Baikalsee. Den Wind hat er  jedoch nicht auf dem Schirm gehabt, der jetzt seinen Schabernack mit uns am Lagerfeuer treibt. Von allen Seiten wirbelt die Asche umher.  Nur unter Tränen lassen sich Stockbrot und Würstchen grillen, als würden wir die unglaubliche Aussicht vom Strand auf alle drei Gipfelketten des Baikal-Gebirges, der Svyatoi Nos und des Bargusin-Gebirges beweinen, so schön ist sie. Alle sind sie stille Begleiter der letzten Tage gewesen.DSC_6526_blog

Zu schwer fällt uns der Abschied vom Baikal. Wir können nicht anders, wir müssen noch eine Nacht bleiben. In Turka kaufen wir Brot, Butter und Bier – alles, was wir zum Leben brauchen. Den absoluten Traumplatz finden wir wenige Kilometer südlich von Turka. Zum ersten Mal purzeln wir vom Auto auf einen goldenen Sandstrand. Das Wasser schimmert türkisfarben und ist glasklar, fast spiegelglatt. Keine Menschenseele ist weit und breit. Ich komme auf die verrückte Idee zu baden. Einmal im Baikalsee baden! Das muss doch drin sein.

Der Traumstrand

Der Traumstrand

Das Wasser ist eisig kalt. Ich muss mich vorher warm machen, während sich Thomas in unserem Badeparadies wäscht. Deshalb mache ich Sport: Kniebeuge, Ausfallschritt, Trizeps, Bizeps, etwas Schulter. Das habe ich jetzt öfter schon gemacht und tut nach dem langen Fahren gut. Schnell ziehe ich meine Klamotten aus und husche über den Strand ans Wasser. Ein natürliches Planschbecken hat sich dort gebildet, in das ich mit den Füßen zuerst hineinstürze. Die väterliche Wärme bleibt aus, denn Vater Baikal empfängt mich mit Eiseskälte. Gott sei Dank ist das bei meinem Vater nicht so.

Arschkalt!

Arschkalt!

Stoßweise muss ich ausatmen, als hätte ich Wehen, es ist so bitterkalt. Ich kann nicht anders, ich muss … ich muss … oooohohohoo, ich muss … einmal untertauchen, einmal, warte … 1-2-3 … kurz … nur den Oberkörper, sooohoho … und schnell wieder raus. Ohohoo, ist das kalt! Wir bereiten ein letztes Lagerfeuer, bevor es nach Ulan-Ude geht. Drei streunende Hunde beobachten uns brav aus sicherer Entfernung. Leider haben wir keinen Happen übrig und irgendwann trotten sie davon. Wir erleben einen einsamen, glamourösen Sonnenuntergang. So wie wir es uns gewünscht haben. Danke, Vater Baikal. Wenn auch eisig, schön bist du!

Baikalglamour

Baikalglamour

In Ulan-Ude treffen wir uns mit Maxim, einem Opernsänger des ansässigen Opernhauses. Er erwartet uns am größten Leninkopf der Welt, der Mittelpunkt der Innenstadt. Wenn auch in jeder russischen Stadt mindestens eine Leninstatue in einer Leninstraße auftaucht, diesen habe ich geschafft, zu fotografieren. Der 30-jährige Burjate ist Opernsänger mit Leidenschaft. DSC_6550_blogVor drei Jahren hat er sogar in Rostock an der Hochschule für Musik und Theater gesungen. Er träumt davon, in Europa, am liebsten in Deutschland, Fuß zu fassen. Die dortige Kreativität beflügelt ihn mehr, als in Russland. Er zeigt uns seine Stadt, während wir ihm Löcher in den Bauch fragen dürfen. Wie sich für einen Sänger gehört, lädt er uns zu einem Gesangswettbewerb in das Opernhaus ein. Für den Moment ist es interessant, aber wir beide wissen schon, warum wir nicht in die Oper gehen. Zu langatmig.

Gesangswettbewerb im Opernhaus von Ulan-Ude

Gesangswettbewerb im Opernhaus von Ulan-Ude

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Wir und der große Maxim

Draußen tingeln wir durch die Stadt und am Fluss entlang. Was für ihn der größte Unterschied zwischen Russland und Deutschland sei, fragt Thomas. “Ordnung”, sagt er sofort. “In Deutschland gibt es Straßen mit geordneten Fahrbahnen. Es gibt Fahrradwege und Fußwege. Und hier? Seht doch nur das Durcheinander. Alle fahren überall und alles ist kaputt.” Da müssen wir ihm recht geben. Wir spazieren entlang des Flusses und fragen ihn über den niedrigen Wasserstand des Selenga. Es scheint, als würde er das erst jetzt bewusst wahrnehmen. In seiner Kindheit sei der Fluss mächtig gewesen, aber jetzt nicht mehr. Nachdem wir gemeinsam einkaufen waren, nimmt er uns mit zu sich nach Hause. Dort warten bereits seine Mutter Ina und seine Schwester Anja, mit denen er zusammen lebt. Mit einem großen, warmen Lächeln werden wir empfangen. Mutti hat gekocht. Es gibt Nudeln mit Fleischbällchen, Paprikasalat, Eier, Brot und Kuchen. Für einen Opernsänger dreht sich natürlich alles um Musik und so verbringen wir den vorletzten Abend Russland in seiner Küche und hören Lieder von Heino, Udo Jürgens und den Comedian Harmonists. Das Lernen von Schmutzwörtern in beiden Sprachen gehört pflichtgemäß dazu. Doch mit seinem Wissen über Goethe und andere deutsche Dichter können wir nicht mithalten. Das ist schon seltsam, hier am anderen Ende des Kontinents. Etwas unausgeschlafen, aber frisch geduscht, verabschieden wir uns von ihm und seiner Mutter. Der Knoblauch vom leckeren Tomatensalat liegt uns noch im Mund, als wir aus Ulan-Ude in Richtung Kyakhta fahren, der letzten Stadt in Russland.

Ivolginskiy Datsan südlich von Ulan-Ude

Ivolginskiy Datsan südlich von Ulan-Ude

Die ersten buddhistischen Tempel wie der Ivolginskiy Datsan circa 30 Kilometer südlich von Ulan-Ude dienen als Pause auf dem Weg dorthin. Wir nehmen ein russisches Paar ein kleines Stück mit, die per Anhalter um die Welt reisen. In Novosibirsk sind sie vor zwei Wochen gestartet. Jetzt haben wir alle ein gemeinsames Ziel: die Mongolei.

Letzte Übernachtung in Russland: am Friedhof von Kyakhta. Ehrlich, ich konnte russischen Friedhöfen nie etwas abgewinnen.

Letzte Übernachtung in Russland: am Friedhof von Kyakhta. Ehrlich, ich konnte russischen Friedhöfen nie etwas abgewinnen.

5 Kommentare

  1. Kay

    Hallo Ihr Beiden,

    ein riesiges Danke, fürs Mitnehmen. Ich bin völlig gebannt, begeistert und einfach wortlos.

    Dank und liebe Grüße von Kay

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  2. Elli´s

    Super Klasse…. da hat sich das Warten ja gelohnt. Das ist ja schon ein halbes Buch und die Erwartungshaltung
    steigert sich von Mal zu Mal. Haben schon Lieblingsbilder, tolle Fotos !
    Könnt sicher sei: Wir reisen Alle mit !

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  3. Kathi

    Tashi delek aus dem tibetischen Yading!

    Endlich seit ihr da 🙂
    So ein leckeres Essen mit Fleischbällchen und Paprikasalat wäre auch was für uns, als Abwechslung zu Momos, Nudelsuppe und Kungpao-Chicken.
    Die bunten Fahnen kommen uns bekannt vor! Ihr kommt näher! 🙂
    Viel Spaß in der Mongolei und liebe Grüße an Matze
    Sven und Kathi

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  4. Dirk

    Moin ihr beiden,

    wow…..das liest sich wie daneben sitzen und mitfahren….und macht gaaaaaanz dolle Fernweh!!!!! Danke für die schönen Berichte!!!! 🙂
    Gute Fahrt weiterhin!!!
    LG Dirk

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    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Dabei ist alles 🙂
      Schöne Grüße zurück an unseren ‚Benziner‘ Freund

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