2.3 URALGEBIRGE

Ich wollte schon immer mal das Uralgebirge sehen. In der Schule hatte ich zum ersten Mal im Geographieunterricht davon gehört: die Kontinentalgrenze zwischen Europa und Asien. Auch der Name klang für mich sehr faszinierend: “Ural” wie “urig” oder “Urgestein”. Der Ural gilt außerdem als Pendant der Blue Mountains in Australien. Und plötzlich stehe ich mit Thomas mitten im Ural staunend vor einem zugefrorenen See bei 20°C in der Sonne und beobachte die Menschen beim Eisfischen am 30. April 2015. Das ist irre! Realitätsfern geradezu. Zugefrorener See im April, wer’s glaubt! Aber ja doch! Da hocken Menschen auf dem Eis vor kleinen Löchern und angeln. Bis die Sonne untergeht. Wir sind aus dem Staunen nicht mehr herausgekommen.

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30. April 2015 Zyuratkul Nationalpark

Wir befinden uns im Zyuratkul Nationalpark, einem von zwei Nationalparks im Ural, die auf unserem Weg nach Irkutsk liegen. Eine willkommene, und landschaftlich schöne Abwechslung zur grauen Einöde der Städte. Für Leute vom platten Land, wie wir es sind, haben Berge jeglicher Höhe sowieso etwas Besonderes. Voller Faszination betrachten wir die mit Schnee bedeckten Gipfel der Eintausender. Sie müssten ca. 1300 – 1400 m hoch sein. Hier hat die Schneeschmelze gerade erst begonnen. Das Wasser läuft in Rinnsalen die Schotterpiste hinunter, die wir hochfahren. Die Luft ist warm und dennoch meterhoher Schnee überall. In dem gleichnamigen Dorf mit gleichnamigem See soll es einen Zeltplatz geben. Da wollen wir hin und malen uns schon ein herrliches Lagerfeuer aus. Wir müssen durch eine tiefe Schlammeinfahrt, die die eine Asphaltstraße von der anderen zum Zeltplatz trennt. Doch erst nach drei Stunden überlegen, Abendbrot und nach Sonnenuntergang trauen wir uns. Aber nur, weil jemand eine dritte Spur aufgemacht hat. Ohne den Luftbälgen und mit den platten Blattfedern hinten ist Thomas das Risiko eines Blattfederbruchs zu hoch. Danach sieht die Raupe schlammverkrustet aus.

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Der Zeltplatz hat zwar “auf”, weil er nämlich immer offen ist, aber wir kommen nicht rauf. Die Einfahrt zur Wiese ist eingeschneit. Kein Lagerfeuer heute. Wir dürfen aber auf dem Parkplatz eines Ferienparks stehen, der gerade renoviert wird. 70 Rubel kostet das, obwohl wir schon für den Zeltplatz bezahlt haben. Der Parkplatz gehört eben nicht dazu. Egal. Auch hier amüsieren sich die zwei Jungs, die die Anlage bewachen, köstlich über unsere mageren Sprachkenntnisse. Uns vier eint aber, dass wir “Guten Tag” und “Auf Wiedersehen in beiden Sprachen sprechen können. Der Ferienpark ist durch den harten Winter stark verkommen. Bis auf eine Holzkirche mit goldener Zwiebel ist in der Dämmerung nichts zu erkennen. Zum Verständnis holt uns einer der beiden Russen in seine Holzhütte. Hui, ist das schön warm hier drin. Gleich rechts neben der Tür befindet sich der Heizofen mit Feuerholz, der auch als Herd dient. Von der Tür geradezu befindet sich das Bett der beiden, eine große Liegefläche für zwei. Das war’s. Über der breiten Liegefläche hängt ein riesiges Poster an der Wand. Kitova Pristan. Ein Werbeplakat des Parks, wie er wohl einmal ausgesehen hat: eine romantische Ferienmärchenlandschaft aus Holz, mit schicken Hütten und Bootsanleger, sogar ein Piratenschiff ist dabei! Das soll wohl wieder aufgebaut werden. Oh man, denken wir, alles ist ja noch ganz schön weit davon entfernt.

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Der Ausblick auf den See Zyuratkul, den wir vom Parkplatz aus haben, ist traumhaft schön. Mit den alten Ruderbooten auf der matschigen Wiese, dem zugefrorenen See und dem Halbmond am dunstig lilablau gefärbten Himmel hatte es was von tiefstem Winter. Gegen 5:00 Uhr morgens weckt uns das Auf- und Zuschlagen von Autotüren. Etwas wird über den schottrigen Boden geschliffen. Stimmen. Zwei Stunden später ist der Parkplatz dicht. Alle sind mit Eisbohrer und Schlitten beim Eisangeln. Es ist Feiertag so wie bei uns. Da kommen schon die nächsten und wollen rauf auf den Parkplatz. Nix da, der ist voll, sagt unser Parkplatzrusse. Alle meckern, dass sie jetzt so weit hinten parken und so lange bis zum See laufen müssen. Das ist also auch wie bei uns. Dann sprechen wir mit einem älteren Mann, vielleicht der Vater von dem Parkplatzrussen, dass wir bald abhauen wollen. Als er den Wasserschlauch aus dem Heck unseres Autos hervorstehen sieht, kommt er neugierig zu uns und will wissen, wie das Wasser da hinten rauskommt. Anerkennend nickend begutachtet er unseren Innenausbau. Der Daumen geht hoch – Top! Und so hoch ist der! Auch top! Abwertend zeigt er dabei auf das normale Fahrzeug neben uns. Zu tief, alles Mist. Danke, das baut auf! Wenn da nicht das Problem mit den Blattfedern wäre, denken wir zähneknirschend.

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Wir wollen eine kleine Wanderung im Schnee unternehmen und auf den nächstgelegenen Berg steigen. Das gehört zum Aufenthalt im Nationalpark für uns einfach dazu. Hin und Zurück sollen es 10km sein und circa 5 Stunden soll man einplanen.  Wir können den Namen des Bergs nicht entziffern, aber er ist in Sichtweite des Dorfes am See Zyuratkul. Vor Bär Mischka wird auf einer anderen Tafel ebenfalls gewarnt und geraten, wie wir uns zu verhalten haben, sollten wir einem begegnen. Leider können wir nichts verstehen und bleiben unwissend.

Anweisung für den Fall der Fälle

Anweisung für den Fall der Fälle

Wir stapfen los, und das meine ich wirklich so. Wir stapfen durch knöcheltiefen Schnee, der eigentlich bis zum Oberschenkel reicht, wenn wir vom ausgetretenen Weg abkommen. Es ist für eine Wanderung bereits recht spät, circa 10:30 Uhr. Wir sind trotz vieler Besucher des Parks allein unterwegs. Im Schnee sehen wir unglaublich viele Tierspuren. Thomas kann nur an den Bären denken, der gleich um den nächsten Baum pirschen könnte. Uns beiden wird mulmig, obwohl kein Grund besteht. Wir sehen viele Hasenspuren. Dann Pfoten. Könnte ein Hund, könnte aber auch ein Fuchs, oder gar ein Luchs sein. Die gibt es hier auch. Dann kommt großes Wild. Die Spuren sind mächtig, in weitem Abstand, und sehr staksig. Etwa ein Elch???

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Die Sonne brennt bei 20°C  im Gesicht, sogar unterm Kinn werden wir jetzt braun. Wir schaffen es aber nicht bis auf den Gipfel. Ein Geröllfeld liegt vor uns, das mit gefrorenem und wieder tauendem Schnee bedeckt ist. Unter der Schneedecke hören wir das Schmelzwasser gurgeln. Den Pfad können wir jetzt nicht mehr erkennen. Mir ist das zu heikel. Ich möchte lieber eine Pause machen, den halb verdeckten Ausblick auf den See genießen und unsere Kreation aus Nudeln mit Tomaten-Thunfisch-Knoblauchstücken verdrücken. Zögernd willigt Thomas ein. Auf dem Rückweg begegnen wir den ersten Wanderern auf dieser Strecke. Dann einer Gruppe singender, junger Leute. So geht das immer weiter, von voll ausgestatteten Wanderern in bester Funktionskleidung bis hin zu T-Shirt-kurze-Hose-Schlabberlook. Und wir fürchteten uns vor einem Bären! So sind die Großstadtleute.

Aussicht auf den Zyuratkulsee nebst Dorf

Aussicht auf den Zyuratkulsee nebst Dorf

01. Mai 2015 Taganay Nationalpark

Wir fahren in den knapp 80km entfernten Taganay Nationalpark. In Zlatoust kaufen wir im Spar-Markt noch schnell Essen ein. Es gibt halben Hahn zum Abendbrot. Das hat sich Thomas schon lange gewünscht.

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Der Parkplatz ist brechend voll, denn der Park ist sehr populär. Hier erleben wir, wie Russen wandern gehen.  Nicht für einen kleinen Tagesmarsch, sondern so richtig mehrere Tage. Beeindruckt von dem schweren Gepäck, das sich starke, wild aussehende Männer in Tarnklamotten auf den Rücken schnallen und in der Dämmerung losmarschieren, gehen wir zum Nationalparkhäuschen, um uns für eine Nacht anzumelden und den Jungs zu verklickern, dass wir im Auto schlafen wollen. Eine junge Russin hilft uns beim Übersetzen unserer Wünsche. Sie spricht gut Englisch. Wir dürfen uns neben dem Nationalparkhaus aufstellen. 120 Rubel. Dafür gibt’s sogar ein leckeres Plumpsklo, auf das alle hier gehen müssen. Die junge Russin (ich habe ihren Namen vergessen, ich Dussel) kommt am nächsten Morgen zu uns und fragt, ob wir heißes Wasser benötigen. Das ist wirklich sehr nett, aber nein, brauchen wir nicht. Haben sogar schon heißen Tee gehabt. Sie staunt über den Kocher. Wir fragen, ob und wo wir hier wandern können, denn Karten gibt es hier nicht. Sie bietet uns an, sich ihr und ihren 5 Freunden anzuschließen und ein Stück mitzuwandern. Natürlich wollen auch sie mehrere Tage im Nationalpark verbringen. Doch alle machen sich Sorgen, ob wir den Weg auch wieder zurückfinden. Macht nichts, wir kommen trotzdem mit. Bewegung tut gut. Wir bekommen von einem der Freunde Zeckenspray in die Hand gedrückt, mit Fingerzeig auf die Knöchel. Alle anderen geben sich die volle Dröhnung über den ganzen Korpus. Wir gehen los. Es wird matschig. Der Schnee ist hier schon weiter getaut, als im Zyratkul, aber nachts auch wieder gefroren. Eine einzige Rutschpartie wird das, und das auch noch bergab. Wir quatschen mit unserer Russin und gehen den anderen zu langsam. Die 6 Freunde kommen alle aus Kurgan, leben und arbeiten aber nun in Ekaterinburg, Chelyabinsk oder Kurgan. Sobald mal länger frei ist, treffen sie sich zu solchen Ausflügen. Das finden wir toll. Nach einer Weile geben wir auf, denn wir merken, die Jungs und Mädels wollen schneller vorankommen. Sie verraten uns einen schönen Aussichtspunkt auf den „Black Rock“. Dorthin können wir mit dem Auto fahren, 15 Minuten vom Nationalparkeingang entfernt. Das machen wir!

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Thomas schaut in Richtung der eurasischen Grenze

 

Wir lernen auf dem Rückweg, dass die Tarnklamotte bei Männern stinknormal ist. Bei uns in Deutschland würde man “Prollo” denken, hier ist alles normal. Jeder Mann trägt camouflage, sobald er im Wald ist, angelt oder draußen mit sonst was aktiv ist. Richtig derbes Zeug, für den Kampf allzeit bereit. Meist tragen die Männer auch den schweren, mächtigen Wanderrucksack, während die Dame, sofern sie denn dabei ist, frisch aus dem Ei gepellt und luftig durch den Wald stolziert. Die Geschlechterrollen kommen selbst im Wald voll zur Geltung!

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