2.2 SUSDAL – KAZAN – URAL

Kazan war ein Wendepunkt. Ab da kam endlich der Frühling!

27. April 2015

Zuvor jedoch schossen mir beim Anblick der Straßen und der Plattenbauten von Kazan die Tränen in die Augen, denn dieses Grau war nach fast 14 Tagen unerträglich geworden. Das ist mir noch nie passiert! Es war kalt, es regnete, es stank nach Abgasen. Wieder so ein Tag mit grauer Soße. Wie können die Menschen all das ihr Leben lang so hinnehmen? So ertragen? Ich verstehe das einfach nicht. Gegen das Wetter und den langen Winter kann man schlecht etwas ausrichten, aber gegen graue Gebäude und Straßendreck schon, dachte ich. Ich fühlte mich genauso schmutzig wie die Stadt. Das stimmte auch, denn wir hatten 3 Tage nicht geduscht. Und es sah ganz nach einem verkorksten Tag in einer Stadt aus, an dem man nicht viel machen kann, als im Regen zu spazieren und dabei zu frieren. Ich fühlte mich also nicht nur schmutzig, sondern auch hundeelend und habe mich dann eben gehen lassen. Thomas bekam große Augen.

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Kul Sharif Moschee im Kremlin von Kazan

 

Wir parkten auf dem Parkplatz von Kazans Stadion am Millennium Platz am südlichen Ufer des Flusses Kazanka und gleich neben der historischen Innenstadt. Von dort hatten wir die Hauptattraktionen von Kazan sehr gut im Blick: den Kremlin, der als UNESCO Weltkulturerbe anerkannt ist, die Kul Sharif Moschee, die Mariä Verkündigung Kathedrale und der sehr alte Suyuyumbike Turm. Wenigstens hier können die unterschiedlichen Religionen friedlich auf engstem Raum beieinander sein. Das ermutigt doch, obwohl die Minarette die Zwiebeln der orthodox-katholischen Kathedrale um einige Meter überragen. Kazan ist außerdem das Zentrum der Region Tartastan, in der Muslime und Christen friedlich zusammen leben. Der Einfluss der Seidenstraße und der Austausch fremder Kulturen sind trotz Sowjetarchitektur etwas zu spüren.

Kathedrale der Verkündung und der Suyuyumbike Turm

Mariä Verkündigung Kathedrale und der Suyuyumbike Turm

Es hörte auf zu regnen und wir gingen los. Die historische Innenstadt wirkte für alles bisher Gesehene sehr aufgeräumt und gepflegt. In der breiten Shopping-Meile fanden wir den McDonalds, in kyrillischer Schrift geschrieben wie man spricht. Das liest sich dann so, als würde bei uns in Deutschland “Mäc Tschicken” oder “Kaputschieno” an der Tafel stehen. Wir wärmten uns mit Kaffee auf und beratschlagten, ob es für die Nacht doch ein Hotel sein darf und wenn ja, welches. Wir besichtigten den Kremlin, betraten unsere erste Moschee im Leben mit Plastiküberziehern für die Schuhe, während es draußen ganz leicht wärmer wurde. Oh Wunder! Von der Moschee darf man als historisch interessierter Tourist nicht viel erwarten, ist sie und der Platz davor erst 2005 fertiggestellt worden. Dennoch sehr hübsch. Dafür beeindruckte uns das Innenleben der Kathedrale mehr als jene in Susdal. Nicht nur, dass es mollig warm war, nein, leiser Chorgesang murmelte aus Lautsprechern und Kerzen erleuchteten die irrsinnig großen und intakten Wandmalereien. Fotos waren leider nicht erlaubt.

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Ja, es durfte doch nochmal ein Hotel sein: Hotel Milena mit sehr heißer Dusche und “liebevollem” Frühstück. Das Zimmer wurde sofort in Beschlag genommen – die Sachen explodierten aus den Rucksäcken. Die reinste Möhlbude war das, denn wir wollten Wäsche waschen. Beim Zusammenzählen der Kleidungsstücke stellten wir fest, dass die Hotelwäscherei genauso viel kosten solle, wie unser Zimmer. Machte aber nichts, Thomas machte eine Wäscherei in Kazan aus. 2 Ladungen, 2 Stunden, waschen, trocknen für 250 Rubel.

Adresse: Towarisheskaja Uliza, Nr. 27

Kazan ist der Wendepunkt von Winter zu Frühling.

Die Sonne scheint endlich. Wir spazieren kurz an der überdimensionierten Uferpromenade, auf der Bänke fehlen, dafür aber umso mehr Laternen stehen, und staunen über das Gebäude des Agrarministeriums, dessen Eingang von einem mächtigen Baum in Bronzeoptik geschmückt wird. Die Architektur gaukelt uns vor, es sei ein altes Gebäude. Nein, es ist nagelneu. Thomas kann das nicht glauben, ich aber sehe das.  Ich bin zwar nicht immer ein Fan aktueller Architektur, aber verarschen lassen möchte ich mich auch nicht. Mir ist der Stil nicht ganz geheuer, auch wenn es meinem Auge nach all den Plattenbauten aus Betonziegeln ohne Putz gefällt. Aber vielleicht geht es den Tartaren ja genauso. Müsste ich wählen und wäre unkreativ, was ich aus dem architektonischen Erbe meines eigenen Landes entwickeln könnte, wäre mir eine Kopie eines schönen klassischen Baustils auch lieber. Ganz genau darf man aber jetzt schon nicht mehr hinsehen. Lauter Risse und der Putz bröckelt schon ab, Treppenstufen sind schief. Wo soll das bloß enden?

Das Agrarministerium

Das Agrarministerium

Wir sehen einem einzelnen Bagger im Wasser zu, der das Flussbett mit einer Minischaufel ausgräbt – Schaufel rein ins Wasserloch, Boden hoch ziehen, meditativ nach links schwenken, und ab mit dem restlichen Boden, der noch nicht aus der Schaufel rausgeflossen ist, auf den Erdhügel. Dann meditativ nach rechts schwenken, Schaufel ins Wasser und wieder raus. Wir schauten dem eine ganze Weile zu. Dabei wurden auch wir seeehr träge. Ist das wirklich wahr? Dieser kleine Bagger gräbt hier den Schlamm raus für … was eigentlich? Einen Bootsanleger? Eine kleinen Hafen? Und wie lange macht der das schon in dieser Seelenruhe? Der Job ist jedenfalls für Jahre gesichert! Wir essen Mittag in der öffentlichen Kantine “Kulinaria” in der Uliza Bauman, ein sehr guter Tipp von anderen Reisenden. Grandiose, tartarische Speisen!

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Zwei Skeptiker auf der Laternenpromenade nebst langsamem Bagger

Wir lernen viel auf unserer Reise bis in das Uralgebirge:

  • Das Land ist nach langem Winter überall sumpfig.
  • Der Frühling kommt spät, aber plötzlich.
  • Die Mücken auch.
  • Die Straßen in der Stadt sind schlechter als außerhalb.
  • Straßen in Tartastan sind aber 1a (außer in der Stadt).
  • Tartarisches Essen ist auch 1a.
  • Viele Busse fahren mit Oberstromleitungen.
  • Große Autos haben immer Vorrang.
  • Fahrbahnmarkierungen sind selten.
  • Ikea, Media Markt, Obi und Globus gibt’s auch hier, bloß viel größer.
  • Chevrolet hat Lada gekauft, denn Lada Niva heißt jetzt Chevrolet Niva.
  • Russische Männer brauchen keinen Regenschirm, Frauen schon.
Jajaja! Der Frühling ist endlich da!

Jajaja! Der Frühling ist endlich da!

Wir finden einen schönen Stellplatz für die Nacht, 1-2 Kilometer neben der M5. Am nächsten Morgen ist der Frühling da! Zum ersten Mal haben wir keine Standheizung morgens laufen. Zum ersten Mal können wir draußen sitzen und frühstücken. Zum ersten Mal können wir unsere Pullover ausziehen. Und zum ersten Mal sitzen wir so richtig schön lange in der Sonne. Aaaaach, ist DAS herrlich! Jetzt sind wir glücklich!

Unsere zweite Polizeikontrolle folgt darauf bald. Bei der ersten sind wir einfach vorbeigefahren, denn in einer LKW-Kolonne rechts rausscheren war nicht möglich. Da hatte der Polizist Pech gehabt. Jetzt winkt uns einer an einer Dorfkreuzung raus. Der Adrenalinspiegel steigt. Was mag der bloß wollen? Ich reiche Thomas vorsorglich alle Papiere. Scheibe runter und er plappert los, auf Russisch natürlich. Thomas antwortet auf Deutsch, das er nichts versteht, zuckt mit den Schultern und schüttelt den Kopf. Thomas zeigt ihm die Autozulassung, dann seinen Reisepass. “Ah, Thomas.”, sagt der Polizist, als er Thomas’ Namen auf dem Visum gefunden hat und fragt wieder irgendwas. Erneutes Achselzucken von unserer Seite. “Nemjetzki” sage ich. Der Polzist fängt an zu grinsen, kichert und erzählt so weiter, als könne er wahrlich nicht verstehen, wieso zwei Vollidioten aus Deutschland nach Russland fahren und  dabei kein Wort Russisch sprechen können. Wie kann man bloß auf eine so bescheuerte Idee kommen? Er gibt uns die Papiere wieder, immer noch faselnd. Thomas grinst freundlich zurück: “Vielen Dank, ja danke, machen wir. Schönen Tag noch!” und weiter geht’s. Ich muss lachen. Der Adrenalinspiegel sinkt wieder. Puh.

Auf dem Weg in das Uralgebirge werden an allen Tankstellen nicht mehr nur Ersatzreifen verkauft, sondern zunehmend auch Honig. Die Region um Ufa soll eine Honigregion sein und der Honig soll sehr lecker schmecken. Wir nehmen uns vor, bei nächstbester Gelegenheit zuzugreifen. Außerdem haben wir noch tartarische Torte im Kühlschrank, die wollen wir gerne in der Sonne, an einem netten Fleckchen essen. Wir hoffen jedoch zunächst auf einen Supermarkt bei Ufa, denn unser Müsli geht aus. Statt der Autobahn, nehmen wir die Straße quer durch die Großstadt. Und da hatten wir den Salat. Eine verkorkste, anderthalb stündige Tour durch Ufa, ohne Supermarkt, ohne Kaffee und Kuchen und viel verlorene Zeit. Wieso ist es bloß schon so dunkel? Ist doch erst 19:00? Der Beleg für den Tank am nächsten Morgen beweist es: wir müssen satte 2 Stunden vorstellen!

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Die Landschaft wird jetzt zunehmend hügeliger und am Horizont können wir die ersten Ausläufer des Urals erkennen. Die Straßen werden außerdem wieder schlechter. LKWs quälen sich die Hügel hoch, eiern durch Schlaglöcher und überholen uns schließlich wieder bei der Abfahrt. Der Honigstand kommt. Wir kaufen ein Glas Honig für 350 Rubel. Vielleicht hätte ich handeln können, aber der Russe war so lustig, da hab ich’s gelassen. Er spricht Russisch mit mir, erklärt mir die verschiedenen Honigsorten – Wabe, cremig oder flüssig – und welcher Honig am besten schmeckt. Ich antworte auf Deutsch, nicke ab und zu und überlege. Ich mag ja lieber cremig, denn Flüssiger rutscht immer schnell vom federleichten Brot hier. Ich darf probieren und halte den Daumen hoch. Top! Der kleine Russe mit vielen Zahnlücken hat verstanden, dass wir aus Deutschland kommen. Er ruft sofort jemanden an, den er kennt und der auch Deutsch sprechen kann oder so ähnlich. Mit demjenigen soll ich jetzt sprechen, vielleicht sogar über Honig.  Die Person am anderen Ende konnte aber doch kein Deutsch oder wollte nicht, na jedenfalls entschlüsseln wir bald aus seinem Wortschwall “ECKERNFÖRDE”. Eckernförde? Seine Verwandten kommen aus Eckernförde. “Aaah, wir Hamburg”, sagen wir. Freudig klopft er uns auf die Schultern, als hätte er verstanden. Aber Deutsch sprechen kann er nicht, hat er mal in der Schule gehabt, auch Englisch und Französisch, aber es ist zu lange her. “Oh,” sagt Thomas, “bonjour, j ma pelle ….” Der Russe lacht. Wir bezahlen und halten das letzte Produkt Europas in der Hand.

Erste Blicke auf das Uralgebirge

Erste Blicke auf das Uralgebirge

1 Kommentar

  1. Kay

    Hallo Sarah,

    ich hatte bisher nicht gewagt es zu schreiben, aber nun muss es raus.

    Du hättest Dich nicht ein winziges Bisschen an dem warmen Frühlingsmorgen freuen können, wenn nicht vorher all das Grau und die Kälte gewesen wären.

    Sei nur froh das es nicht umgekehrt kam, wirst sehen es wird immer besser und schöner werden, eines Tages werdet Ihr in einem See baden.

    neidische Grüße von Kay

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