2.6 SIBIRIEN II

Wir machen einen kurzen Zwischenstopp in Tomsk, denn wir wollen uns die alten, noch erhaltenen Holzhäuser der Stadt ansehen. Ich stehe ja auf russische Fensterrahmen und hoffe auf schöne Fotomotive. Erst sie geben dem Haus einen Charakter und eine Seele, wie ich finde. Manchmal wirken sie wie die Augen eines alten Menschen, die mal sehnüchtig, mal traurig, mal schläfrig, mal voller Stolz oder ganz verträumt und still auf die Straße blicken und das Geschehen draußen heimlich beobachten. Das können die Russen wirklich gut – wundervolle Holzhäuser mit Charakter bauen! Tomsk ist einer der nördlichsten Orte auf unserem Weg zum Baikalsee und, wie wir feststellen, eine sehr ordentliche Stadt. Ähnlich in Novosibirsk gibt es hier, neben aalglatten Straßen, richtige Fußwege, richtige Bordsteine und richtige Grünanlagen.

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Aber die stattlichen Holzhäuser sind stark vom Verfall gekennzeichnet. Ich vermute, dass durch Baupfusch und immer stärker auftauenden Boden die Fundamente der Häuser mehr und mehr absacken. Die Fassaden neigen sich somit in alle Richtungen. Fensterrahmen werden schief und krumm, das Holz bricht und verwittert. Sie haben ihren ganz eigenen morbiden Charme, aber so wunderschön erhaltene Holzrahmen, wie in Susdal, finde ich nicht mehr.

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Am 12. Mai haben wir Gewissheit: nur noch knapp 1400 Kilometer bis Irkutsk. Dann ist der Baikalsee nicht mehr weit! Der Verkehr nimmt seit Novosibirsk stetig ab. Manchmal sind wir sogar für ein paar Minuten die einzigen auf der Straße. Streckenweise werde auch ich mal zur Busfahrerin. Das ist ganz schön aufregend für jemanden, der seit 10 Jahren nur ein Dutzend Fahrten absolviert hat! Als Thomas wieder Fahrer ist, lotse ich uns nach Divnogorsk.

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Auf dem Weg nach Krasnojarsk: Immer raus mit dem Dreck, immer raus damit!

DIVNOGORSK

Südwestlich von Krasnojarsk wird hier der Jenissei aufgestaut und Energie aus Wasserkraft erzeugt. Das wollen wir uns auf dem Weg ansehen. Die Landschaft verändert sich nach Tausenden von Kilometern endlich. Statt ausgeräumten Feldern und Birkenwäldern fahren wir durch hügelige Berge und Täler mit finsteren Wäldern aus Fichten und Tannen – die endlose Taiga. IMG_3621_blogDie Bärlauch-Saison hat begonnen. Der wird jetzt nämlich am Straßenrand verkauft. Wir haben ja schon allerhand Verkaufsstände an dieser Straße quer durch Russland gesehen, an denen es nicht nur Ersatzreifen und Honig zu kaufen gibt, sondern auch Tarnklamotten, Schlauchboote, Angeln, Schaufeln, Eimer, Samoware, Plüschtiere, Fahrräder und Handtücher mit barbusigen Frauen. Doch die ausgestopften Bären und Wölfe an den hiesigen Ständen toppen das Warensortiment. Mit heruntergeklappter Kinnlade fahren wir daran vorbei. Stellt ihr Russen euch so was tatsächlich ins Wohnzimmer? Ich versuche mir so ein Wohnzimmer mit totem Bär oder Wolf darin vorzustellen. In einer Zimmerecke bedrohlich aufgestellt, Wächter des Heimes, sichtbar für jeden, der da rein kommt. Wenig einladend, muss ich zugeben. Eine Jagdtrophäe zu besitzen ohne der Jäger selbst zu sein, macht doch aber irgendwie keinen Sinn. doch was soll man sonst damit?

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Aussicht unseres Schlafplatzes: das Krasnojarsker Schiffshebewerk (rechts oben) nebst Staudamm

Am Staudamm von Divnogorsk befindet sich das größte Schiffshebewerk der Welt. Das erfahren wir, nachdem wir zufällig genau dort einen lauschigen Schlafplatz mit einer ausgezeichneten Internetverbindung gefunden haben.  Ich recherchiere im Internet. Das Hebewerk wurde in den 1982 offiziell in Betrieb genommen. Es kann Schiffe bis zu 1500 Tonnen heben. 1991 hatte die Anlage ihren Höhenpunkt mit 611 Schifftransporten im Jahr. Es dauert circa 90 Minuten bis ein Schiff vom Niveau des Stausees auf das Niveau des Flusses auf der anderen Seite transportiert werden kann. Die Flüsse Sibiriens haben jedoch eine geringe wirtschaftliche Bedeutung, weil sie zum größten Teil des Jahres zugefroren sind. Deshalb nahm der Frachtverkehr auf den Flüssen generell wieder ab. Der ganzjährige Betrieb der Anlage lohnte sich also nicht mehr. Heute wird sie vorrangig instandgehalten. Lediglich von September bis Oktober eines Jahres werden Schiffe mit wichtigen landwirtschaftlichen Gütern vom Süden in den Norden transportiert. Das Schiffshebewerk des Drei-Schluchten-Staudammes in China wird ihm jedoch bei Fertigstellung den Rang ablaufen.

Für uns heißt das also heute: kein Schauspiel. Wir sind zu früh dran.

STOLBY NATIONALPARK

Der nächste Tag fängt super an: Wir sind positiv! Schließlich haben wir bei der positiven Tankstelle getankt.

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Die „positive“ Tanke

Wenn das keine guten Aussichten für einen herrlichen Wandertag im Stolby Nationalpark sind! Der liegt ein paar wenige Kilometer südlich von Krasnojarsk und ist deshalb wohl Erholungsziel Nummer 1 der Bevölkerung hier. Auf einer breiten Straße wandern wir drei Kilometer stetig bergauf und kommen seit Tagen endlich mal wieder ins Schwitzen. Bevor wir überhaupt die Höhepunkte des Parks sehen, haben wir schon Hunger. Wir kaufen uns Kaffee. Ich bestelle einen “Stolbi Kaputschino”. Der Geschmack ist merkwürdig. Mir ist er irgendwie vertraut, kann ihn nur nicht zuordnen. Thomas muss probieren. Nach einer Weile geht ihm ein Licht auf: “Minze, das ist Minzgeschmack drin!” Jetzt weiß ich auch, wieso ich den Geschmack kenne: Kaffee trinken und den Kaugummi vergessen, vorher aus dem Mund zu nehmen. Genau DAS ist “Stolbi Kaputschino”.

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Wir bewundern die klobigen Felstürme, die vulkanischen Urspungs sein sollen. Thomas will um eine schöne Aussicht klettern, ich schaue mir das lieber aus sicherer Entfernung von unten an. Hier kommen viele Kletterer her. Natürlich sind Russen eher die “Freestyler” im Klettern und haben es nicht so mit Seilsicherungen. Es wird mit allen Vieren geklettert. Wir beobachten drei Leute auf einem Felsen, einer ist eine ältere Frau, die anderen beiden haben weiße Haare, einer von denen sogar einen grauen Vollbart. Da klettern doch nicht etwa 60-jährige hoch? Mein Gott, bin ich ein Schisshase. Ich fühl mich ganz klein. Ohne viel Kletterei finden wir trotzdem einen schönen Aussichtsposten. Toll!

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Wieder auf der Straße klappert es in meinem Fußraum in unterschiedlichen Tonlagen. Wir haben das ab und an mal gehört. Aber seit Omsk treten die Geräusche regelmäßig auf, eigentlich ununterbrochen. Ist es das Vorderrad? Ist was mit den Bremsbacken? Mit den FreilaufNnaben? Oder doch nur der lehmverkrustete Schmutzlappen hinterm Reifen? Thomas wird wahnsinnig bei der Fahrt. Ich muss ständig genau hinhören und Bericht erstatten. Im 4×4 Forum geben wir übers Internet Berichte ab, denn schlauer geworden sind wir bislang noch nicht. Am nächsten Morgen will sich Thomas die Bremsen und Naben ansehen. Die gebrauchten Spiralfedern, die in Omsk eingebaut (bei einer Werkstatt namens „Reaktor“) wurden, erfüllen ihren Dienst dagegen einwandfrei. Die Raupe fährt sich butterweich, wie Thomas jeden Tag begeistert zu sagen pflegt. Die dröhnenden Geräusche aus der Kardanwelle sind verschwunden, der Auspuff röhrt auch nicht mehr so stark und Schlaglöcher tun dem Gewissen jetzt nicht mehr ganz so weh. Und: wir sehen definitiv nicht mehr “zu schwer” aus für den künftigen Grenzposten! Das macht frohe Stimmung für ein Lagerfeuer am Fluss!

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Nichtsdestotrotz bleibt da das Klappern an der Beifahrerseite. Auf gute Ratschläge aus dem 4×4 Forum hin, will sich Thomas am nächsten Morgen die Bremsen ansehen. Doch mit dem, was wir sehen, können wir auch nicht so viel anfangen. Sieht erst mal ok aus, nichts kaputt, aber manche Manschette hat Spielraum an der Achse zum Reifen. Thomas fettet alles ein, ich mache Fotos, wo ich soll und während ich fahre, bereitet er die nächsten Fragen fürs Forum vor.

Der Arzt am Auto

Der Arzt am Auto

IRKUTSK

Vor Irkutsk verändert sich der finstere Wald ein letztes Mal in hügelige landwirtschaftliche Flächen, durchzogen von ein paar Birkenwäldern. Wer einmal richtig ausgeräumte Landschaft sehen möchte, bitte schön, hier, vor Irkutsk, ist sie. “Ich habe so die Schnauze voll von diesen Birkenwäldern!” ruft Thomas lachend. “Es kann doch nicht sein, das man durch ganz Russland fährt und es ändert sich nichts, gar nichts.” sagt er fassungslos. Ich hätte es auch nicht für möglich gehalten, aber es ist wirklich so.

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Ähnlich wie im Film “Und täglich grüßt das Murmeltier” erleben wir immer das gleiche, jeden Tag und merken kaum, dass wir bald 8000 Kilometer gefahren sind. Nachmittags erreichen wir Irkutsk. Endlich. Schnurstracks fahren wir zur Touristeninformation. Die ist für russische Verhältnisse erstklassig ausgestattet. Man spricht sogar Englisch!

Obst zu verkaufen!

Obst zu verkaufen!

Wir fragen nach der Post, weil wir Briefmarken kaufen wollen und wo es eine Stolóvaja – eine öffentlich Kantine – gibt. Leider wird uns nur ein günstiges Restaurant empfohlen. Also gehen wir selbst auf die Suche quer durch die Stadt. Irkutsk überrascht uns mit seinem Flair, das wir in keiner bisherigen russischen Stadt gefunden haben. Zu Lissabon oder Paris kein Vergleich, aber dennoch hat sie viel Charme. In der gefundenen Stolóvaja am Rande der Bummelmeile wählen wir Kartoffeleintopf, zwei Piroschoks, Kottletti in Zwiebelkruste mit Buchweizen, Schwein überbacken mit gekochtem Gemüse, süßen Pfirsichnektar und zwei Käseküchlein mit süßer Kondensmilch. Pappensatt kaufe ich an einem Vehikel mit Zapffass endlich Kwas. Wir haben uns schon lange gefragt, was das wohl für ein Gesöff sein mag. Mit einem Schluck löst sich das Rätsel: Malzbier.

Die Trauung in der Epiphany Cathedral

Die Trauung in der Epiphany Cathedral

Weil sich das Wetter verschlechtert und uns am Fluss Angara Staubwolken um die Nase peitschen, besichtigen wir die Kreuzigungskirche. Dort lassen wir uns von der Wärme, dem Weihrauchduft und der Gesänge der Priester einlullen. Weil uns das so gut gefällt, wollen wir uns noch zwei andere Kirchen am nächsten Morgen ansehen. In der Epiphany Cathedral platzen wir in eine Trauungszeremonie. Wir merken, dass das Brautpaar nicht so ganz mit den Ritualen der Kirche vertraut ist, denn der Priester muss die beiden ständig an die Hand nehmen und zeigen,  wohin sie sich drehen und wenden sollen. Zweimal dorthin, dann hier hin, rechtsrum, linksrum, nein, doch wieder rechts. Er wirkt leicht genervt. Am Ende schleichen wir uns davon zur nächsten Kirche, zu englisch: The Church of the Kazan Icon of Virgin Mary.

The Church of the Kazan Icon of Virgin Mary

The Church of the Kazan Icon of Virgin Mary

Nein, wir sind keine echten Kirchengänger, sondern weder noch. Gar nichts eigentlich. Ungläubige. Aber Kirchen, Klöster, Tempel, all diese Bauten in Städten finden wir immer besonders schön – vor allem in Russland. Deshalb sitzen wir meist sehr lange auf einer Bank im Kirchenschiff, starren zur Decke hinauf, zu den Turmfenstern und beobachten die hindurch schimmernden Sonnenstrahlen. Starren an Wände reich an Malereien, so filigran und realgetreu. Und blicken gen Altar, der in Gold schimmert, wie sonst alles andere, das nicht bemalt ist.

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Auch wenn Irkutsk von allen russischen Städten uns sehr gut gefallen hat, ruft uns Vater Baikal. Wir brechen am Nachmittag auf in eine andere Welt. Fern von russischen Großstädten und Schnellstraßen. Fern von ausgeräumten Landschaften und Birkenwäldern. Fern von allem, was wir bisher von Russland kennen.

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Azaleen blühen in der endlosen Taiga. Es ist wunderschön!

 

3 Kommentare

  1. Maren

    Hallo, Ihr Weltenbummler!
    Es ist schön zu wissen, dass es Euch gut geht und dass Ihr bisher ohne Pleiten, Pech und Pannen vorangekommen seid. Ural, Ob, Irkutsk usw. – für uns alles vertraute Worte aus dem Geografieunterricht. Baikalsee – der Inhalt mancher Träume und Ihr seht das nun alles! Und durch die Linse von Sarahs Kamera können wir daran teilhaben und „mitsehen“; das ist toll. Ich höre noch heute meinen Vater vom Baikal -den er nie selbst gesehen hat- schwärmen und ich sehe mich in seinen phantasischen Fotobänden blättern. BAIKAL – das hat was Magisches fast Mysthisches für mich! Genießt es und bringt schöne Fotos mit.
    Vor fast drei Wochen hat hier ein Tornado die kleine Stadt Bützow heftig verwüstet und hinterließ riesige Schäden. Das ist ja nicht gerade üblich in unserer Region und beschäftigt die Menschen noch sehr, nicht nur die direkt betroffenen.
    Wir haben gerade Pfingstmontagfrei und genießen das. Jetzt, gegen Mittag bessert sich auch das Wetter und die Sonne, die uns an den vergangenen Tagen mehr als verwöhnt hat, schaut hinter den Wolken hervor 🙂

    Euch weiterhin gute Reise
    Liebe Grüße von Maren & Wolf

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  2. Wolfgang

    Hallo Sarah, hallo Thomas,
    die beiden Luxe haben mich auf Euch und Euren Blog aufmerksam gemacht. Euer Blog gefällt mir super gut. Habe aber noch nicht alles gelesen. Richtig gut geschrieben und wunderbare Bilder.

    Wer wir sind? Na auch so zwei Verrückte wie Ihr. Schaut am besten mal in unseten Blog, da muss ich jetzt nicht alles doppelt schreiben. Wir folgen Euch sozusagen auf dem Fuße. Gestern kamen wir in Irkutsk an und wollen morgen weiter an den Baikal. Endlich! Darauf freuen wir uns schon lange.
    Danach ähneln sich unsere Routen. Mongolei, Altai, wieder Russland, Kasachstan, Kirgisien, Tadschikistan, Usbekistan.
    Wenn Ihr Lust und die Möglichkeit habt, können wir auch über Whatsapp schreiben. Können wir die Telefonnummern tauschen, ohne sie hier zu veröffentlichen?
    Wir würden uns über eine Antwort von Euch sehr freuen.
    Weiterhin gute Reise und ne schöne Zeit

    Jutta + Wolfgang

    Antworten
    1. Sarah und Thomas (Beitrag Autor)

      Hallo ihr zwei auch Verrückte, das ist ja lustig. Genießt den Baikal, es ist wunderschön dort. Leider war es zu unserer Zeit sehr trocken – ist auch gut, weil kein Regen – aber für die Natur schlecht. Wir sind bis in den Svyatoy Nos Nationalpark gekommen, den sie aber einen Tag später wegen Waldbrandgefahr geschlossen haben. Der Wärter ist auch sehr streng und leidenschaftlich bei der Sache. Doch jetzt wird alles schön grün dort und baden kann man auch, wenn man die Eier dazu hat 😉
      Mal sehen, wie wir das mit einem Treffen hinkriegen. wir sind ab morgen in Ulan Bator und bleiben dort ne Weile. Ein Freund kommt uns auch besuchen – fahren dann zu dritt weiter. Aber sicher langsamer als ihr in Russland. Da werdet ihr uns sicher einholen. Telefonnummer schicken wir euch!
      Viel Freude mit Vater Baikal!
      Sarah + Thomas

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